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T. Massinger: Herrschaft und Landeshoheit im fränkisch-schwäbischen »territorium inclausum«

discussions 10 (2015)

Teresa Massinger

Herrschaft und Landeshoheit im fränkisch-schwäbischen »territorium inclausum«.

Ein diskursanalytischer-praxeologischer Ansatz

Abstract

Das Projekt »Altlandkreis Dinkelsbühl – Herrschaft im Konflikt (zugleich ein Beitrag zum Historischen Atlas von Bayern)« untersucht in einem thematischen Schwerpunkt das bisher noch nicht erschöpfend erforschte Problem der Landeshoheit im schwäbisch-fränkischen territorium inclausum. Unter methodischer Verwendung der Diskursanalyse und eines praxeologischen Ansatzes werden die Herrschaftskonflikte seit Ende des 15. Jahrhunderts bis zum Jahre 1792 einbezogen. Dadurch sollen die Verfassungswirklichkeit sowie die Verwaltungs- und Herrschaftspraxis im territorium mixtum, die durch zahlreiche Konflikte und Kompetenzstreitigkeiten gekennzeichnet waren, genauer beschrieben werden. Darüber hinaus soll festgestellt werden, wie die zeitgenössischen Vorstellungen von Landeshoheit ausgeprägt waren und welchen Einfluss sie auf die Praxis nahmen.

Résumé

Le projet »Altlandkreis Dinkelsbühl – Pouvoirs en conflit (contribution à l’atlas historique de Bavière)« traite de manière thématique du problème de la » supériorité territoriale « ( Landeshoheit ) dans le territorium inclausum souabe et franconien. Jusqu’à aujourd’hui, ce sujet n’a pas été étudié en profondeur dans l’historiographie. Ces conflits de pouvoir sont examinés, entre la fin du XV e siècle et 1792, en utilisant les méthodes praxéologiques et de l’analyse des discours. Par ce biais, nous pouvons présenter avec précision la réalité de l’»organisation juridique« ( Verfassungswirklichkeit ) ainsi que les pratiques du pouvoir et de l’administration dans le territorium mixtum, toutes deux marquées par de nombreux conflits de compétences. Nous voyons par ailleurs comment se caractérisent les représentations contemporaines de la supériorité territoriale et l’influence qu’elles ont sur la pratique.

Einleitung: Herrschaftskonflikte

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1746 drang der ansbachische Amtmann von Wassertrüdingen im oettingischen Markt Aufkirchen ein, besetzte das Amtshaus und nahm den Oberamtmann gefangen. Dies war der vorläufige Höhepunkt im jahrhundertealten Streit zwischen den Ämtern, deren Hochgerichtsbezirke sich in weiten Teilen überschnitten. Kurz darauf schlossen das Fürstentum Oettingen-Spielberg und das Markgraftum Brandenburg-Ansbach einen Interimsrezess, um den Konflikt beizulegen. Von da an wurde ein neuer Weg in der Herrschaftsausübung beschritten, der bei umliegenden Reichsständen gar Verwunderung auslöste. Über vierzig Jahre später fragte das württembergische Oberamt Weiltingen bei der Reichsstadt Dinkelsbühl an, ob sie wisse, was es mit dem Vertrag für eine Bewandtnis hätte. Der Magistrat antwortete ebenso ratlos: Der Inhalt wäre ihnen nicht bekannt, »man darf aber immer mit Grund voraussetzen, daß es eine blos auf Anmaßung und Übermacht nicht auf Gesetze und Recht gestützte […] Vergleichung seye, welche den dritten und benachbarten Ständen und ihren Gerechtsamen durchaus unpräjudicirlich seyn muss« 1 .

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Das Beispiel gibt einen Eindruck davon, wie schwer es für das territorium inclausum ist, Herrschaft zu fassen. Das Dissertationsprojekt 2 , das sich als Beitrag zum Historischen Atlas von Bayern versteht, versucht deswegen, sich einer zentralen Kategorie von Herrschaft anzunähern: dem Problem der Landeshoheit in Franken und Schwaben. Das Untersuchungsgebiet, der Altlandkreis Dinkelsbühl, bietet sich hierfür an, denn es ist nicht historisch gewachsen, sondern ein Konstrukt des 19. Jahrhunderts und bildet einen illustrativen Querschnitt für das frühneuzeitliche territorium inclausum. Das Gebiet war zum Teil im schwäbischen, zum Teil im fränkischen Reichskreis inkorporiert. Am Ende des Alten Reiches gab es hier eine Vielzahl von Herrschaftsträgern, so dass man von einer stark ausdifferenzierten, inhomogenen Herrschaftsstruktur sprechen kann. Hierzu sind das Markgraftum Brandenburg-Ansbach, das Fürstentum Oettingen-Spielberg und das Oberamt Weiltingen als württembergische Exklave und die Reichsstadt Dinkelsbühl zu nennen. Außerdem übten u.a. noch das Hochstift Eichstätt, der Deutsche Orden und die Reichsritterschaft Herrschaftsrechte aus. Die Ausübung der Herrschaftsrechte war, wie es das Eingangsbeispiel illustriert, nicht eindeutig geklärt, sondern häufig umstritten. Zu den am meisten umkämpften gehörten die Hochgerichtsbarkeit, die Dorf- und Gemeindeherrschaft und der Kirchweihschutz.

Landeshoheit als Kategorie frühneuzeitlicher Staatlichkeit: neuere Forschungsperspektiven

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Bei der Frage nach der Entwicklung von Herrschaft und Staatlichkeit müssen diese Konflikte einbezogen werden. Eine Geschichte der Entwicklung von Staatlichkeit ist somit auch eine Geschichte der Herrschaftskonflikte. Die Untersuchung zum zentralen Aspekt der frühneuzeitlichen Staatlichkeit, der Landeshoheit, knüpft direkt daran an. Bei diesem Begriff handelt es sich um eine Kategorie, die sowohl in der allgemeinen Verfassungsgeschichte, als auch in der Landesgeschichte und Atlasforschung bereits vielfach behandelt wurde. Für das territorium inclausum Frankens und Schwabens birgt sie jedoch einige Probleme. Eine abschließende Klärung, was unter dem Begriff in diesem Raum nun genau gemeint ist, konnte in der Forschung bislang nicht erreicht werden. Vielmehr betonten die landesgeschichtlichen Forschungsansätze einen Widerspruch zwischen verfassungsrechtlicher Theorie und Praxis. Dieser Widerspruch leitet sich einerseits aus der Kategorie der ausgeformten Territorialstaatlichkeit als Zielpunkt der Entwicklung ab, wie sie die Verfassungsgeschichte voraussetzt 3 , und andererseits aus der zunehmenden Ausdifferenzierung in der Beschreibung von verfassungsrechtlicher Praxis durch die Landesgeschichte 4 . Somit existiert immer noch ein Forschungsdesiderat über den genauen Inhalt und die Beschaffenheit von Landeshoheit in Franken und Schwaben.

Methodik

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Deswegen unternimmt es das Dissertationsprojekt, über die Methode der Diskursanalyse und mit einem handlungsorientierten Ansatz an einem anderen Punkt anzusetzen, um die Debatte ein Stück weiterzuführen und zu ergänzen: Erstens wird nach den zeitgenössischen Vorstellungen von Landeshoheit und zweitens nach der Manifestierung von Herrschaft in der Praxis gefragt. Neben den Diskursen stehen somit vor allem der Faktor Konflikt sowie die akteurszentrierte Perspektive im Mittelpunkt der Untersuchung, die sich neben den Quellen der Verwaltung vor allem auf Jurisdiktionsakten stützt. Nach ersten Untersuchungen lassen sich folgende Beobachtungen über Akteure, Praktiken und Wissen wiedergeben.

Wissen

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Das Wissen über Herrschaft spiegelt sich in den Diskursen der Zeitgenossen des 17. und 18. Jahrhunderts wider. Der Begriff der Landeshoheit wurde häufig thematisiert und kontrovers diskutiert. Es gab also eine zeitgenössische Vorstellung, oder besser gesagt, Vorstellungen einer Idee von Landeshoheit. Es existierte ein frühneuzeitliches Konstrukt, das auch im fränkisch-schwäbischen Raum auf die Herrschaftsverhältnisse angewendet wurde und das Einfluss auf die Herrschaftspraxis nahm. Folgende drei Aspekte sind dabei feststellbar:

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Erstens : Es kann eine Entwicklung nachvollzogen werden. Ab dem 17. Jahrhundert gab es eine vage Vorstellung von Landeshoheit, die zunächst für Brandenburg-Ansbach und Oettingen an Bedeutung gewann und dann von anderen Herrschaftsträgern, vor allem Weiltingen und Dinkelsbühl aufgegriffen wurde (für die kleineren Herrschaftsträger scheint der Begriff uninteressant gewesen zu sein). Der Begriff Landeshoheit taucht zunächst vor allem in Jurisdiktionsakten auf, bis er dann vereinzelt in Ämterbeschreibungen vorkommt und im 18. Jahrhundert regelmäßig benutzt wurde. Im 17. Jahrhundert wurden beispielsweise von Ansbach vor allem noch die hohe Gerichtsbarkeit und die Vogtei in den Fokus gestellt. Später war es dann die Landeshoheit, die im Zentrum stand.

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Zweitens : Die Landeshoheit ist vor allem als Kampf- oder Streitbegriff fassbar, der bei Konflikten vehement an Bedeutung gewann. Landeshoheit wurde hier zum abstrakten Schlagwort und, um den von Lothar Schilling geprägten Begriff zu benutzen 5 , zum herrschaftlichen Idealkonzept, das man versuchte, sich gegenseitig abzusprechen. Dies wird einerseits in einem schon länger schwelenden Streit zwischen Brandenburg-Ansbach, Oettingen-Spielberg und Dinkelsbühl deutlich, der ab 1755 durch das Verfassen dreier Deduktionen seinen Höhepunkt erreichte und bei dem der Begriff Landeshoheit sehr propagandistisch belegt war 6 . Andererseits zeigt sich dies deutlich bei den Auseinandersetzungen um Hochgerichtsrechte in und um Weiltingen, das bis 1617 reichsritterschaftlich war, dann aber an das Herzogtum Württemberg fiel. Spätestens seit Anfang des 16. Jahrhunderts war das Hochgericht in diesem Gebiet zwischen Oettingen und Brandenburg-Ansbach strittig; dies änderte sich auch nicht durch die Blutbannverleihung für die von Knöringen 1554. Oettingen leitete schon im 16. Jahrhundert seinen Anspruch aus dem Landgericht ab, das ihm beim Verkauf der Burg Weiltingen 1360 vorbehalten geblieben wäre. Dieses Legitimationsargument blieb bis zum Ende des Alten Reiches unverändert; mit dem Unterschied, dass ab dem 17. Jahrhundert der Begriff Landeshoheit oder superioritas territorialis, die argumentativ mit dem Landgericht verbunden wurde, in den Vordergrund der Argumentationen trat 7 . Brandenburg-Ansbach leitete seine Ansprüche aus dem beim Kauf der Burg Truhendingen erworbenen Hochgericht über Weiltingen ab. Auch hier ist festzustellen, dass Landeshoheit seit dem 17. Jahrhundert auch synonym für Hochgericht benutzt wurde. Sowohl Brandenburg-Ansbach als auch Oettingen nutzten den Begriff, um die Ansprüche Weiltingens zurückzudrängen.

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Drittens : Es existierten und konkurrierten unterschiedliche Vorstellungen von Landeshoheit nebeneinander; das heißt für das Herrschaftskonzept Brandenburg-Ansbachs hieß Landeshoheit etwas anderes als für Württemberg, Dinkelsbühl oder Oettingen-Spielberg. Dinkelsbühl leitete die Landeshoheit 1755 aus den Bestimmungen des IPO über die Reichsstandschaft ab 8 und legitimierte diese mit kaiserlichen Privilegien. Außerhalb der genannten Konflikte scheint der Begriff jedoch kaum eine Rolle gespielt zu haben. Für das württembergische Amt setzte sich der Begriff der Landeshoheit aus anderen Faktoren zusammen: Während im 17. Jahrhundert noch die ansbach-oettingische Gleichsetzung mit dem Hoch- oder Landgericht geteilt wurde 9 , grenzte man sich später davon ab und setzt diesem »terminum zu besserer begründung [der] anmaßlichen malefizischen Obrigkeit« 10 entgegen, dass Weiltingen außer der hohen Obrigkeit alle anderen hohen Jura ausübe und vor allem als »significanteste[n] Actus Superioritatis Territorialis« 11 die Huldigungspflicht der Untertanen innehabe.

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Der Diskurs um die Landeshoheit hatte wichtige Bedeutung für die frühneuzeitliche Staatlichkeit in diesem Raum. Dennoch kann der Begriff nicht einfach auf die Herrschaftspraxis übertragen werden, da die Aufsplitterung und Überschneidung von Herrschaftsrechten dem entgegenläuft. Es lassen sich für das Untersuchungsgebiet jedoch zwei zentrale Herrschaftskategorien beobachten: Einerseits waren Hochgerichtsbarkeit und Vogtei offenbar für alle Herrschaftsträger wesentlich. Dennoch ist Landeshoheit andererseits nicht einfach mit diesem Herrschaftsrecht gleichzusetzen. Die Ämterbeschreibungen, sowie die unzähligen Kompetenzstreitigkeiten weisen darauf hin, dass die Verteidigung der einzelnen Herrschaftsrechte viel mehr von Bedeutung war, als der vage Begriff der Landeshoheit. Dessen Bedeutung darf deswegen für die Verfassungswirklichkeit nicht überbetont werden, um Anachronismen zu vermeiden. Es muss folglich zwischen einer Verfassungswirklichkeit, die auf teils vertraglich geregelten, teils umstrittenen Herrschaftsrechten basierte und einem Konstrukt, nämlich demIdealkonzept der Landeshoheit differenziert werden.

Praktiken

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Bei den staatlichen Praktiken ist zwischen friedlichen und gewaltsamen zu unterscheiden. Zu ersteren gehörte die Kommunikation zwischen den institutionellen Ebenen innerhalb einer Herrschaft sowie zwischen Ämtern, Vertretern und Hofräten verschiedener Herrschaftsträger, wozu vor allem Anfragen und Protestationen zu zählen sind. Kommuniziert wurde meist dann, wenn eine Rechtsverletzung stattfand. Weiterhin sind die Konferenzen zwischen den Herrschaftsträgern zu nennen. Aufgrund ihrer großen Häufigkeit und der in Konsequenz daraus nicht abnehmenden Zahl an Konflikten lässt sich jedoch ableiten, dass diese in der Regel wenig erfolgreich waren. Die dabei häufig geschlossenen bilateralen Verträge und Rezesse konnten die Herrschaftskonflikte also nur bedingt regeln. So wurde oftmals auch der Weg vor die Reichsgerichte nicht gescheut. Eine Ausnahme davon bildet der eingangs genannte Interimsrezess von 1746, der die Konflikte über die Hochgerichtsbarkeit im umstrittenen Gebiet der Oberämter Wassertrüdingen und Aufkirchen regelte, die für die gesamte Frühe Neuzeit belegt sind und auch in zahlreichen vorhergehenden Konferenzen nicht gelöst werden konnten. Mit dem Rezess wurde ein neuer Weg eingeschlagen: Es wurde beschlossen, die Hochgerichtsrechte weitgehend gemeinschaftlich auszuüben. Es gab zwar danach noch weiterhin Kompetenzstreitigkeiten, die gemeinsame Vorgehensweise ebnete jedoch neue Wege in der Herrschaftsausübung. So arbeiteten die beiden Herrschaftsträger auch darüber hinaus zusammen, um Ansprüche gegen kleinere Herrschaftsträger in anderen Bereichen auszuweiten: so beim Handel und Gewerbe oder in Zollsachen. Die konfliktträchtige Herrschaftssituation forcierte also zum Suchen neuer Lösungen.

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Daneben kam der symbolischen Demonstration von Herrschaftsansprüchen wichtige Bedeutung zu. Gegenüber den Untertanen, aber auch zur Abwehr von Ansprüchen anderer Ämter nutzte man die offizielle Augenscheinnahme und Grenzbesichtigung, bei der auch Vertreter der angrenzenden Ämter oder kaiserliche Kommissare geladen waren. Hierbei wurde das jeweilige Wissen um Herrschaft in die Praxis überführt und öffentlich fixiert, um eigene Ansprüche zu visualisieren. Auch der Kirchweihschutz, als ein für die Untertanen äußerst repräsentatives Mittel der Herrschaftsausübung, gehörte deswegen zu den stark umstrittenen Rechten im Herrschaftsgebiet.

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Als gewaltsame Praktiken sind im Zusammenhang mit der Strafjustiz Einfälle, Gefangennahmen, Pfändungen und doppelte Abstrafungen der Untertanen zu nennen. Aus Sicht der Untertanen brachte die unklare Herrschaftslage somit eine engmaschige und dennoch rechtlich unsichere Situation hervor. Zu den Praktiken der Gewaltausübung sind noch die Truppenaufzüge zu zählen, die auch als symbolische Drohgebärden zu verstehen sind; denn zu größeren Kampfeshandlungen kam es bei den Konflikten nicht.

Akteure

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Ein Akteur staatlichen Handelns ist einerseits das Personal der Institutionen. Dabei ist zu differenzieren zwischen der Regierungsebene (den Hofräten) und der unteren Verwaltungsebene (den Ämtern). Die Kommunikation war strikt hierarchisch angelegt, das heißt die Ämter agierten fast nur auf Befehl der Hofräte, berichteten diesen regelmäßig und sicherten Vorgehensweisen durch Anweisungen ab. Die Ämter waren somit in ihrer Aktionsfähigkeit eingeschränkt: Zum Beispiel wurde die Exklave Weiltingen vom weit entfernten Regierungsrat in Stuttgart trotz oft eindringlicher Bitten in seiner Handlungsfähigkeit gelähmt und durfte meist nur mit wirkungslosen Protestationen auf gewaltsame Eingriffe reagieren.
Darüber hinaus sind die Untertanen und Bauern zu nennen. Ihre Einflussnahme war zwar gering; es bestand aber die Möglichkeit, Handeln mit Suppliken zu beeinflussen. Dass dies auch mit Erfolg gekrönt sein konnte, zeigt das Freidorf Obermögersheim, das unter dem Schutz von Brandenburg-Ansbach und Oettingen-Spielberg stand und die Bittschrift häufig nutzte: Versuchte eine der Schutzmächte, Ansprüche gegenüber dem Freidorf auszuweiten, wurde die jeweils andere um Beistand angerufen 12 . So gelang es dem Dorf, seine relativ weitreichenden Freiheiten bis zum Ende des Alten Reiches zu bewahren.

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Die Entwicklung von Staatlichkeit in diesem fränkisch-schwäbischen Grenzgebiet war durch Konflikte gekennzeichnet, die ein Austarieren von Herrschaft zur Folge hatten. Die verschiedenen Bereiche der Staatlichkeit beeinflussten sich dabei gegenseitig und gingen ineinander über. Zudem forcierten die Konflikte die Archivierung von Wissen: Dadurch sind Rezesse, Verträge und Urkunden, die in einer eindeutigen Rechtssituation vielleicht nicht als sicherungswert erachtet worden wären, in einer Vielzahl überliefert.

Autorin

Teresa Massinger
Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns
teresa.massinger@gda.bayern.de



1 Hauptstaatsarchiv Stuttgart (= HStAS) A 226 Bü 221. Reskript vom 29.3.1784.

2 Die Projektvorstellung ist am Ende des zweiten Jahres der Dissertationsbearbeitung entstanden. Im Dezember 2014 wurde die Promotionsschrift an der Katholischen Universität Eichstätt verteidigt

3 Siehe u.a.: Dietmar Willoweit, Rechtsgrundlagen der Territorialgewalt, Köln, Wien 1975 ; Wolfgang Sellert, Landeshoheit, in: Adalbert Erker (Hg.), Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte, Bd. II, Berlin 1978, S. 1388–1394: Landeshoheit entspreche den im Westfälischen Frieden verbrieften ius territorii et superioritas , das mit territorialstaatlicher Unabhängigkeit verbunden sei.

4 Vgl. die Atlasbände von Hanns Hubert Hofmann, der die Diskussion stark prägte und in dessen Folge v.a. die Dorf- und Gemeindeherrschaft als wichtigstes Element der Landeshoheit betrachtet wurde. Robert Schuh entwickelte diese Thesen weiter: Bei der Landeshoheit im territorium inclausum handele es sich um ein »vertraglich geregeltes Herrschaftsgemenge«: d ers ., Das vertraglich geregelte Herrschaftsgemenge, in: Jahrbuch für fränkische Landesforschung 55 (1995), S. 137 170 .

5 Lothar Schilling, Vom Nutzen und Nachteil eines Mythos, in: ders. (Hg.), Absolutismus, ein unersetzliches Forschungskonzept? Eine deutsch-französische Bilanz, München 2008 (Pariser Historische Studien, 79), S. 13–31.

6 Andreas Busch, Vertheidigte Territorial- und Jurisdictionsgerechtsame der Kayserlichen Freyen Reichsstadt Dinckelsbühl […], o.O. 1755; Oetting. Replik Dinkelsbühl contra Oettingen 1755/1766, o.O. 1766, und Georg Christian Oeder, Gründliche Beleuchtung, Der im Jahr 1755 herausgekommenen sogenannten Vertheitigten Territorial- und Jurisdiction-Gerechtsamen […], o.O. 1771.

7 Vgl. hierzu die ungezählten Prozesse mit Brandenburg-Ansbach und Oettingen: HstAS A 442 Bü 19, 22, 39, 65, 67, 68, 69, 116; A 226 Bü 35, 36, 71, 86, 167, 201, 221 und 230.

8 Andreas Busch, Vertheidigte Territorial- und Jurisdictionsgerechtsame (wie Anm. 6).

9 Gutachten des Regierungsrats Dr. Wilhelm Daser von 1620, das in vielen Prozessen und Konferenzen als Verhandlungsgrundlage dient: u.a. HStAS A 226 Bü 35.

10 Gutachten des Regierungsrates Renz von 1741; ebenfalls in Konflikten und Konferenzen als Argumentationshilfe hinzugezogen: HStAS A 442 Bü 167. Ähnlich in einem Bericht 1777 (HStAS A 442 Bü 67) Landeshoheit bestehe v.a. aus: jus homagii, circa sacra, collectandi, detractus, sequelae, quartirae .

11 HStAS A 442 Bü 167.

12 Staatsarchiv Augsburg, Grafschaft Oettingen-Spielberg, Oberamt Spielberg, Akten Nr. 13, 15, 16, 18, 36 und 38.

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T. Massinger: Herrschaft und Landeshoheit im fränkisch-schwäbischen »territorium inclausum«
In: Der Staat: Akteure, Praktiken, Wissen (16.–19. Jahrhundert). Sommeruniversität des DHIP, der Universität Paris 1 und der Universität zu Köln, 11.–13. Juni 2012/ L’État: acteurs, pratiques, savoirs (XVIe–XIXe siècle). Université d’été de l’Institut historique allemand en coopération avec l’université Paris 1 et l’université de Cologne, 11–13 juin 2012, hg. von/ dir. par Christine Lebeau (discussions, 10)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/discussions/10-2015/massinger_herrschaft
Veröffentlicht am: 24.04.2015 14:36
Zugriff vom: 20.10.2020 22:46
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