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    Ph. Lécrivain sj: Paris au temps d'Ignace de Loyola (1528-1535) (Josef Johannes Schmid)

    Francia-Recensio 2008/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Philippe Lécrivain SJ, Paris au temps d’Ignace de Loyola (1528–1535), Paris (Éditions facultés jésuites de Paris) 2006, 181 S., 40 Abb., ISBN 2-84847-009-7, EUR 30,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Josef J. Schmid, Mainz

    Die Idee ist originell und an das berühmte – natürlich apokryphe – Ei des Columbus denkend fragt sich der erstaunte Leser, warum sie nicht schon längst literarisch verwirklicht worden war: die Geschichte einer Stadt während des Aufenthalts einer berühmten Persönlichkeit nachzuzeichnen. Während der einschlägige Buchmarkt diesbezüglich für größere Zeitabschnitte (»Das Florenz zur Zeit der Medici …«, »Rom zur Zeit der Renaissancepäpste …« oder auch »Versailles zur Zeit des Sonnenkönigs …«) gut bedient ist, scheinen präzisere Analysen eines deutlicher umrissenen Zeitrahmens beziehungsweise einer exakten Konfrontation Individuum – historisches Umfeld eher selten.

    Um so mehr ist es zu begrüßen, dass Philippe Lécrivain, Professor für Geschichte des Christentums (also nicht der Kirchen geschichte) an der theologischen Fakultät der Jesuiten in Paris, es nun unternommen hat, der Geschichte der Seinestadt während des entscheidenden Aufenthalts seines Ordensgründers in den Jahren 1528 bis 1535 nachzugehen – Jahre, welchen infolge des politischen und religiös-konfessionellen Umbruchs entscheidende Bedeutung zukam. Für die rein architektonische Komponente spricht Christian Beutler in seiner klassischen Darstellung zu Recht davon, die Rückkehr König Franz’ I. (also zeitgleich mit Ignatius‘ Ankunft an der Seine) aus der spanischen Gefangenschaft habe mit dem Beginn des Louvreneubaus, der Errichtung des Hôtel de Ville und schließlich der stilbildenden und -prägenden Kirche Saint Eustache »die aus Italien eingeführten Stilformen der Renaissance … begierig aufgegriffen und in einem langsamen, über die Jahrhunderte dauernden Umwandlungsprozess dem eigenen französischen Wesen angepasst. Mit ihnen wurde das Fundament zu dem klassischen Paris gelegt, das bis ins 19. Jh. lebendig bleiben sollte« 1 .

    Dies alles spielt, wenn überhaupt, für Lécrivain eine untergeordnete Rolle. Zwar wird in den Eingangskapiteln summarisch auf derartige Tendenzen allgemeinen Interesses hingewiesen (etwa auf die interessante stilistische Vielfalt der Zeit um 1535, die zeitgleich Saint Eustache und den Lettner von Saint Etienne du Mont hervorbrachte, S. 28), das Hauptaugenmerk aber liegt eindeutig auf jenen Monumenten, Entwicklungen und Vorgängen, bei denen der Autor eine unmittelbare Verknüpfung zum Leben seines Protagonisten annehmen kann. Demgemäß und im Einklang mit den Interessenschwerpunkten des Autors sind dies das soziale Klima der Stadt (kurz aber mit guten Beispielen, S. 31–46), das religiös geistige Leben zwischen katholischer Reform und révolution évangélique der Calvinisten (S. 43–60), vor allem aber das persönliche Umfeld Loyolas, darunter eine gelungene Schilderung des Universitätsalltages zu Beginn des 16. Jhs. (S. 61–77), schließlich die Auseinandersetzungen in Paris hinsichtlich des Eindringens der lutherisch-protestantischen Lehre, wobei die verwandte Überschrift »tentation protestante« durchaus ambivalent gedeutet werden kann (S. 79–108).

    Der zweite Teil des Bandes ist ausschließlich dem Aufenthalt des Heiligen und seiner ersten Gefährten gewidmet, wobei man wenig wirklich Neues entdecken, Altbekanntes hingegen oft in stringenter, überzeugender Aufarbeitung finden wird.

    Zu den Stärken des Werkes gehört ohne Zweifel die Fähigkeit des Verfassers, die geistig-geistlichen Spannungen der Zeit (darunter auch etwa den innerkirchlichen Konflikt zwischen classiques und modernes ) über die konfessionellen Grenzen hinweg dem Leser eindringlich, klar und in verständlicher Sprache vor Augen zu führen. Ebenso nimmt die Gestalt des in einem Formungsprozess befindlichen Ignatius gerade vor diesem Zeithintergrund konkrete, greifbare Formen an. Schließlich ist es keine einfache Aufgabe, in einem nur 180 Seiten umfassenden Bändchen so diverse Inhalte, wie urbane Stadtentwicklung, die Metaphysik des Hl. Thomas von Aquin und die Bedeutung unterirdischer Kirchenanlagen für die Entwicklung religiöser Gemeinschaften zu vereinen. Dies ist Philippe Lécrivain ohne Zweifel gelungen.

    Diskutierbar ist hingegen der Titel des Buches, hier wäre eventuell »Saint Ignace à Paris (1528–1535)« angebrachter und dem tatsächlichen Inhalt entsprechender gewesen. Die eigentliche Stadtgeschichte, die der aktuelle Titel beim Leser unweigerlich evoziert, tritt auf weite Strecken stark in den Hintergrund; hierfür sei nach wie vor auf Babelons Standardwerk 2 verwiesen, welches in der Bibliographie (S. 177f.) auch genannt wird. Ansonsten wirkt diese, ebenso wie die vorausgehende tabellarische Chronologie (S. 174–176) übrigens, doch stark eklektisch. Es bleibt unklar, warum zahlreiche in den Anmerkungen wiederholt zitierte Literatur hier nicht mehr genannt wird.

    Sehr schön ist hingegen der Satz des Buches geraten, dessen Gliederung in abgesetzte Zitate, übersichtliche Tabellen und erläuternde Zwischenüberschriften Lektüre und Verständnis erleichtern. Die Bildauswahl ist sehr gelungen, die Überschneidung von Alt (Stiche, Karten) und Neu (Photos, Rekonstruktionen, Planskizzen) mitunter genial. Es gelingt, tatsächlich etwas von Geist und Leben einer vergangenen Epoche einzufangen.

    Insgesamt also eine durchaus empfehlenswerte kleine Studie, deren fokusartiger Ansatz dem Interessierten Gewinn und Lesevergnügen bereiten dürfte und der man daher – trotz des doch beachtlichen Preises … – eine weite Verbreitung auch in fachfremden Kreisen wünscht.

    1 Christian Beutler, Paris und Versailles, in: Reclams Kunstführer Frankreich 1, Stuttgart 1970, S. 17.

    2 Jean-Pierre Babelon, Paris au XVI e siècle, Paris 1986.

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    PSJ Metadata
    Josef Johannes Schmid
    Ph. Lécrivain sj: Paris au temps d'Ignace de Loyola (1528-1535) (Josef Johannes Schmid)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frankreich und Monaco
    Kirchen- und Religionsgeschichte, Siedlungs-, Stadt- und Ortsgeschichte
    16. Jh.
    4044660-8 4018145-5 118555359 4059758-1 4030027-4 4047538-4 80092-2
    1528-1535
    Paris (4044660-8), Frankreich (4018145-5), Ignacio de Loyola (118555359), Theologie (4059758-1), Katholizismus (4030027-4), Protestantismus (4047538-4), Jesuiten (80092-2)
    PDF document 12_Lecrivain_Schmid.doc.pdf — PDF document, 105 KB
    Ph. Lécrivain sj: Paris au temps d'Ignace de Loyola (1528-1535) (Josef Johannes Schmid)
    In: Francia-Recensio 2008/1 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2008-1/FN/Lecrivain_Schmid
    Veröffentlicht am: 26.10.2008 23:36
    Zugriff vom: 22.05.2019 17:38
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