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    P. MacCaughan: La justice à Manosque au XIIIe siècle (Thomas Gergen)

    Francia-Recensio 2008/1 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Patricia MacCaughan, La justice à Manosque au XIII e siècle. Évolution et représentation, Paris (Honoré Champion) 2005, 355 S. (Revue histoire et archives. Hors-série, 5), ISBN 2-7453-1291-X, EUR 37,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Thomas Gergen, Saarbrücken

    Der Gerichtsaktenbestand der Herrschaft von Manosque, heute aufbewahrt im Archiv des Départements Bouches-du-Rhône, Serie 56 H (Ordre de Malte), Register 944–948 sowie 950–973, ist von außergewöhnlicher Wichtigkeit. Schon dadurch, daß die ersten Akten bis ins Jahr 1240 zurückreichen, stellt er für Frankreich gewissermaßen ein Unikat dar. Forscher wie R. Lavoie, A. Courtemanche, J. Shatzmiller oder bereits im 19. Jh. Abbé Féraud und D. Arbaud hatten bereits sozial- und mentalitätsgeschichtlich diese sprudelnden Quellen ausgewertet. Was fehlte, war die rechtsgeschichtliche Analyse; dieses Ziel erreicht die Autorin voll und ganz mit ihrem Buch, das auf einer im Mai 2001 vor der Universität Laval in Québec verteidigten Dissertation beruht. Anhand der Strafprozesse in Manosque, einer Stadt mittlerer Größe im Tal der Durance, einem Nebenfluß der Rhône in der Haute Provence, kann P. MacCaughan der lange vertretenen These entgegentreten, daß das gelehrte Strafprozeßrecht im Laufe des 13. Jhs. nur von der kirchlichen Gerichtsbarkeit übernommen worden sei, weswegen man auch von einem »romano-kanonistischen« Prozeß sprach. Manosque und andere Städte der Provence stehen aber dafür, daß die Stadtgewohnheitsrechte ( coutumes ) und Statuten ebenso gelehrtes römisches Prozeßrecht rezipierten. Feststellbar ist, daß die Richter des 13. und 14. Jhs. immer mehr die Offizialmaxime, die eine Variante der utilitas publica des römischen Rechts darstellte, beherzigten und daß seit den letzten Jahrzehnten des 13. Jhs. das Inquisitionsprinzip immer öfter angewandt wurde, und zwar auch für Rechtsbrüche minderen Schweregrades. Das Modell der Privatklage, d. h. die Akkusation durch das Opfer, welches zunächst das Regelmodell gebildet hatte, verschwand zusehends. Die Auswertung der Akten von Manosque bieten für die Beschreibung des Übergangs vom Akkusations- zum Inquisitionsprozeß, sei er nun durch den Offizial oder durch eine Privatanzeige ausgelöst, die maßgebliche Quellenstütze (S. 40–41). Wies der Richter beim Akkusationsprozeß noch auf die Opposition der Parteien mit controversia vertebatur hin, kündigte er das inquisitorische Modell im Urteil persönlich an: Ego, [Name des Richters] judex Hospitalis visa inquisitione […] (S. 237).

    Der Aufbau der hier besprochenen Arbeit ist klassisch: Nach einem ersten Kapitel mit der Beschreibung der Entwicklung der Herrschaft in Manosque und der benutzten Quellen durchleuchtet die Autorin die prozeßrechtlichen Leitlinien. Nach der Prozeßeröffnung (2. Kap.) beschreibt sie die Möglichkeiten des Angeklagten, sich zu verteidigen (3. Kap.). Dabei ist auffällig, daß die Richter des öfteren zu einer Verfahrenseinstellung ( non valet ) kamen, sofern ihnen die Beweisdecke zu dünn war. Kam es indes zu einem abschließenden Urteil (4. Kap.), so waren die Richter am Zug, eine angemessene Strafe im Hinblick auf die Schwere des Delikts auszutarieren. In diesem Zusammenhang kann die Verf. darlegen, daß die Ausweitung der richterlichen Kompetenzen nicht automatisch zu einer verstärkten Anwendung bzw. zu Strafschärfungen führen mußte. Manosque war nicht nur dank seiner Handelskontakte wirtschaftlich an führender Stelle, sondern ebenfalls intellektuell, denn seit dem frühen 13. Jh. sind sowohl in der gesamten Provence als auch in Manosque (1247 und 1249 sowie 1299–1300) studia bezeugt, an denen man weltliches wie kirchliches Recht erlernen konnte. Unterdessen stellt P. MacCaughan erst für die Zeit ab 1310/20 fest, daß die juristische Argumentation und die Bezugnahme auf die Rechtsquellen an Bedeutung gewannen. Erwähnungswürdig ist in diesem Zusammenhang noch, daß die Beleidigung im einschlägigen Untersuchungszeitraum immer stärker den Charakter eines öffentlichen Deliktes erhielt und die Bevölkerung diesem Delikt kontinuierlich mehr Bedeutung zumaß, mit der Folge, daß die Beleidigung dem privaten Bereich vollständig entnommen und sogar im 14. Jh. nicht mehr nur als sozial schädliches Vergehen, sondern auch als Vergehen unmittelbar gegen Gott qualifiziert wurde. Dabei ging das Gericht auch der Frage nach, ob bei der Begehung der Tat dämonische Einflüsse mitspielten, die den Delinquenten sich gegen die von Gott gegebene harmonische Ordnung aufbäumen ließen. Eine weitere Konsequenz des Inquisitionsprozesses bildeten nicht zuletzt Zuträgerei und Denunziation. Die Verf. deckt des weiteren eine hohe Sensibilisierung für die Gewährleistungen prozeßrechtlicher Errungenschaften auf; so konnte das Gericht einen nicht vorschriftsmäßig Geladenen nicht ohne weiteres verurteilen. Eine Strafe bei Nichterscheinen konnte lediglich nach einem öffentlichen Ausschreien, das sich regelmäßig in den Quellen findet, erfolgen. Bei den Beweismitteln war das Geständnis neben den Zeugenaussagen das Wertvollste. Für die Erwiderung der Anklage und die Vorbereitung der Verteidigung bildete sich eine Zehn-Tages-Frist heraus (S. 125 und 284–286). Der gelehrte Prozeß spielte bei der Verteidigung eine wichtige Rolle, zu deren Ausübung natürlich auch der Berufsstand der Anwälte einen essentiellen Beitrag geleistet haben dürfte.

    Bereits seit 1240 schälte sich ein fester und stets wiederholter Urteilsaufbau heraus, bei dem der Richter die führende Rolle spielte. Die Entscheidung wurde durch die angewendeten Beweismittel begründet, wobei die Namen der Beteiligten und die einschlägigen Delikte bezeichnet wurden. Im Falle einer Geldstrafe nannte das Urteil die Zahlungsfrist gleich mit; seit 1260 pendelte sich hierfür eine Regelfrist von 10 Tagen ein.

    P. MacCaughan hat mit ihrer Untersuchung der Strafregister von Manosque der Jahre 1240 bis 1320 nicht nur eine Einzelstudie für die Provence geliefert, sondern trägt damit insbesondere zu einer besseren Definition der Justiz und ihrer Verwaltung im 13. und 14. Jh. bei. Formalisierung des Prozesses war nicht allein Sache der kirchlichen, sondern gleichfalls der weltlichen Gerichtsbarkeit. In Manosque verstand man es, den Tatbestand eines Deliktes sauber zu umschreiben und in der Strafzumessung abzuwägen und bei der Geldstrafe mildernde Umstände, wie die Armut des Angeklagten, seine Unerfahrenheit oder die reumütige Einräumung seiner Tat, angemessen und verhältnismäßig zu berücksichtigen. Strafschärfung beruhte im allgemeinen auf Wiederholungstaten. Die Bewertung des Gewissens und die Analyse der Motivation (subjektiver Tatbestand) verdankt die Gerichtsbarkeit theologischen bzw. kirchlichen Einflüssen. Prozeßökonomisch wirkte sich außerdem die Seltenheit von Berufungen aus; für das Jahr 1291 ist ein solcher Berufungsprozeß für Manosque das erste Mal bezeugt. Schließlich bleibt noch zu erwähnen, daß die Autorin eine überzeugende Arbeit vorgelegt hat, die die durchgehende Romanität des Rechts der Provence im Mittelalter beweist.

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    PSJ Metadata
    Thomas Gergen
    P. MacCaughan: La justice à Manosque au XIIIe siècle (Thomas Gergen)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frankreich und Monaco
    Rechtsgeschichte, Siedlungs-, Stadt- und Ortsgeschichte
    13. Jh., 14. Jh.
    4114976-2 4073136-4
    1240-1320
    Manosque (4114976-2), Justiz (4073136-4)
    PDF document 53_MacCaughan_Gergen.doc.pdf — PDF document, 102 KB
    P. MacCaughan: La justice à Manosque au XIIIe siècle (Thomas Gergen)
    In: Francia-Recensio 2008/1 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2008-1/MA/MacCaughan_Gergen
    Veröffentlicht am: 26.10.2008 23:37
    Zugriff vom: 20.01.2020 16:35
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