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W. Pohl, P. Erhard (Hg.): Die Langobarden (Martin Graf)

Francia-Recensio 2008/1 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Walter Pohl, Peter Erhard (Hg.), Die Langobarden. Herrschaft und Identität, Wien (Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften) 2005, 648 S., ISBN 3-7001-3400-2, EUR 59,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Martin Hannes Graf, Zürich

Der in jeder Hinsicht gewichtige Band vereinigt in fünf Abteilungen 26 Beiträge zur archäologischen, geschichtswissenschaftlichen und linguistischen Langobardistik, die die Ergebnisse eines internationalen Symposions vom November 2001 in Wien wiedergeben. Im Einführungsteil bieten Jörg Jarnut (»Zum Stand der Langobardenforschung«, S. 11–19) aus historischer und Volker Bierbrauer (»Archäologie der Langobarden in Italien: ethnische Interpretation und Stand der Forschung«, S. 21–66) aus archäologischer Sicht einen Überblick über den jeweiligen Forschungsstand; Wolfgang Haubrichs (»Amalgamierung und Identität – Langobardische Personennamen in Mythos und Herrschaft«, S. 67–99) ist inhaltlich bereits näher am Tagungsthema, gewährt jedoch ebenso eine nützliche Übersicht über den Stand der sprachwissenschaftlichen Langobardistik. Allen drei Beiträgen gemeinsam ist, daß sie nach einer Phase eher geringen Interesses der Forschung an den Langobarden eine optimistischere Zukunftsperspektive anbieten und dank zahlreicher Impulse seitens junger Forscher sowie neuer Methoden und Forschungsschwerpunkte ein Erwachen aus dem »Winterschlaf« (Haubrichs, S. 67) in Aussicht stellen. Bemerkenswert an Bierbrauers Beitrag ist insbesondere dessen vehementes und methodisch gerechtfertigtes Eintreten für das ethnische Interpretationsmodell. Der reich illustrierte Beitrag gewährt im zweiten Teil einen ausführlichen Überblick über die sehr intensiven Forschungsaktivitäten. Wolfgang Haubrichs’ souveräner und thematisch weitgespannter Aufsatz widmet sich neben dem bereits angesprochenen Forschungsstand der Frage nach lebendigen Sprachtraditionen im langobardischen Italien und ihrer Dauer sowie zentral der »Instrumentalisierung langobardischer Personennamen in Mythos und Herrschaft«. Gegenstand der Untersuchung sind vor allem die Namenreihen der Origo Gentis Langobardorum und des Prologs des Edictus Rothari . Die onomastischen Strukturen der (früh-)langobardischen Namenüberlieferung lassen vermuten, daß für die Konstruktion langobardischer herrschaftlicher Vergangenheit »in den ersten Namen […] Fragmente verschiedener Ursprungsmythen, primordialer gesta […] und Hausüberlieferungen großer Adelsgeschlechter stecken, die erst im sechsten und siebten Jahrhundert amalgamiert wurden […]« (S. 94). Vorbildlich wird dies im Anhang über das genus Harodos exemplifiziert.

Der zweite Teil des Bandes ist der Archäologie der Langobarden an der Donau gewidmet. Er setzt ein mit dem knapp hundertseitigen, vorzüglichen Beitrag von Jaroslav Tejral über die »Unterscheidung des vorlangobardischen und elbgermanisch-langobardischen Nachlasses« (S. 103–200). Der Autor kommt zu dem Ergebnis, daß die norddanubischen Gebiete zwischen 450 und 510 stark von donauländisch-ostgermanischem Fundgut geprägt sind (»gemischte Völkergruppen aus dem breiteren donauländischen Bereich, wahrscheinlich Personen und Adelsfamilien ostgermanischer Herkunft, die in enger Abhängigkeit zum hunnischen Machtzentrum des Attilareiches standen «, S. 168), während in den darauffolgenden Jahren und Jahrzehnten in neu angelegten Nekropolen elbgermanisch-thüringisch geprägtes Fundgut zutage tritt. Mit guten Argumenten lassen sich die archäologischen Hinterlassenschaften demnach mit den Schriftquellen zur langobardischen Frühgeschichte zur Deckung bringen, wonach es sich bei den Gebieten Rugiland bzw. Feld um die der Donau nähergelegenen Gebiete des nördlichen Niederösterreich handeln muß. Das in der relativen Chronologie sehr kurze Nebeneinander der beiden Fundgruppen in demselben Raum deutet Tejral als das auch schriftschriftlich überlieferte kurze Nebeneinander von Herulern (»bzw. von anderen Völkersplittern verschiedener Abstammung, die zum herulischen Stammesverband gehörten«, S. 172) und Langobarden. Tejral folgert, daß die norddanubischen Bevölkerungsgruppen elbgermanischer Provenienz denjenigen der späteren pannonischen entsprechen müssen und daß es in verschiedenerlei Hinsicht eindeutige norddanubisch-pannonische Verbindungen gegeben haben muß. Falko Daim, Mathias Mehofer und Bendeguz Tobias nehmen im folgenden Beitrag die »langobardischen Schmiedegräber aus Poysdorf und Brno« (S. 201–224) unter die Lupe, stellen ihre Methoden vor und präsentieren erste Ergebnisse. Sie versprechen »eine kulturhistorische Interpretation, die auch demonstrieren soll, wie weit die archäologische Forschung in geistesgeschichtliche Räume ausgreift« (S. 202). Mit der vorgeführten naturwissenschaftlichen Auswertung der überraschenden Funde dokumentieren die Autoren, zu welchen Ergebnissen die moderne Archäologie interdisziplinärer Ausrichtung zu kommen vermag. Gezeigt wird, mit welch verblüffender Kunstfertigkeit und mit welch erstaunlichen metallurgischen Kenntnissen langobardische Schmiede des 6. Jhs. ihr Handwerk betrieben. Anregend formuliert Frauke Stein im Beitrag »Der Helm von Steinebrunn – ein ostgotisches Ehrengeschenk?« (S. 225–246) ein sehr hypothetisches Szenario, wonach der wertvolle, einem östlichen Bereich entstammende Helm von Steinebrunn bei Eisenstadt als Ehrengeschenk des Witigis an einen langobardischen Großen übergeben worden sein könnte (nach Prokop, De bello Gothico II, 22). In einer nützlichen Übersicht berichtet Péter Tomka über die »Langobardenforschung in Nordwestungarn« (S. 247–264), die mit dem frühen Tod von István Bóna einen ihrer wichtigsten Vertreter verloren hat. »Langobardische Präsenz im Südostalpenraum im Lichte neuerer Forschungen« ist das Thema von Slavko Ciglenečki (S. 265–280), der anhand zahlreicher Einzel- und Kleinfunde ein erstaunliches Bild der langobardischen Präsenz insbesondere in Höhenbefestigungen Pannoniens nachzeichnet, anhand der Kartierung der Funde die umstrittene Pólis Norikón mit dem äußersten Teil Südnorikums identifizieren kann und zudem den Einwanderungsweg der Langobarden nach Italien rekonstruiert, der südlich von Emona auf dem kürzesten Weg von Siscia nach Aquileia verlaufen sein soll und sich erst im Vipava-Tal wieder mit der Itinerarstraße vereinigte (S. 273ff.) – ganz entgegen der alten und tradierten Ansicht, der Weg sei über den Hrušica-Paß ( Ad Pirum ) verlaufen. Orsolya Heinrich-Tamaska entwickelt in ihrem Beitrag »Deutung und Bedeutung von Salins Tierstil II zwischen Langobardia und Avaria « (S. 281–299) eine Reihe von methodischen Überlegungen zu den Analyse- und Deutungsverfahren des durch die Verschmelzung von mediterraner Flechtbandornamentik und Tierstil I entstandenen Tierstils II, wobei es sich als besonders schwierig erweist, Deutungsmuster für Gebiete zu entwerfen, in denen eine Diskrepanz zwischen einheimischen und mitgebrachten kulturellen Elementen besteht. Irene Barbiera untersucht unter dem Titel »Sixth Century Cemetaries in Hungary and Italy: A Comparative Approach« (S. 301–320) langobardische Gräberfelder als Gesamtanlagen und kommt zu dem Schluß, daß die italienischen Friedhöfe eher nach familiären Gruppen organisiert sind, die pannonischen hingegen nach dem Senioritätsprinzip. Die Autorin formuliert die These, daß das städtische Umfeld von Cividale zu dieser erstaunlichen Neuausrichtung des sozialen Gefüges im Niederschlag der Friedhofsorganisation geführt habe. Johannes-Wolfgang Neugebauer behandelt auf den S. 321–331 die »Langobarden im 6. Jahrhundert im unteren Traisental. Die Gräberelder von Pottenbrunn (Landeshauptstadt St. Pölten) und Oberndorf in der Ebene (Stadtgemeinde Herzogenburg)« und beschließt mit seinem Beitrag die archäologische Sektion des Bandes, zu der abschließend angemerkt werden kann, daß sie das im Beitrag von Volker Bierbrauer problematisierte (und verteidigte) ethnische Interpretationsmodell an keiner Stelle in Frage stellt.

Die dritte Abteilung des Bandes, die der geschichtswissenschaftlichen Seite des Tagungsthemas gewidmet ist, »Langobardische Herrschaft und langobardische Identitäten in Italien« und im Gesamtrahmen aufgrund einiger etwas blasser Beiträge leicht abfällt, wird eröffnet mit dem Aufsatz von Stefanie Dick » Langobardi per annos decem regem non habentes, sub ducibus fuerunt. Formen und Entwicklung der Herrschaftsorganisation bei den Langobarden. Eine Skizze« (S. 335–343). Die Autorin schildert zunächst ihre auch anderswo geäußerten Gedanken zur Entwicklung des germanischen Königtums als »Produkt des römisch-germanischen Akkulturationsprozesses« (S. 335), überträgt dann ihre Erkenntnisse auf die Langobarden und gelangt zu der Überzeugung, daß in der italienischen Phase die kleinräumige Herrschaftsorganisation der im weiteren Sinne gentilen Struktur des Königtums langfristig gewichen sei – vornehmlich aus Gründen der Praktikabilität bzw. des Bewußtseins einer existenziellen Notwendigkeit des Königtums in großen Teilen des Adels. Unter dem Titel »How territorial was Lombard Law?« (S. 345–360) fragt Nick Everett nach dem Geltungsbereich und der Geltungsdauer des langobardischen Territorialprinzips im Rechtswesen und kommt zu dem vorsichtig formulierten Schluß, daß erst ab den 780er Jahren das wohl fränkisch importierte Personalitätsprinzip zum Tragen gekommen sei. Ross Balzaretti betont in seinem quellenbasierten, jedoch letztlich nur bedingt aufschlußreichen und der Gender-Diskussion gewidmeten Beitrag »Masculine Authority and State Identity in Liutprandic Italy« (S. 361–382), daß »gender identity was a vital part of the organization of Lombard Italy at all social levels and helped to encourage ideological cohesion in a relatively rudimentary political system« (S. 382). Panagiotis Antonopoulos (»King Cunincpert and the Archangel Michael«, S. 383–386) geht dem mehrfach behandelten Problem der unter König Cunincpert erfolgten Prägung einer Münze mit dem Erzengel Michael auf der Rückseite nach. Er kombiniert dieses unerwartete Sujet mit der geglückten Flucht von Cunincperts Vater, König Perctarit, und zweier seiner Diener (nach einem Anschlagsversuch seitens Grimuald), von denen Onulf Asyl in einer Kirche des Erzengels Michael gesucht und gefunden habe. Cunincperts Prägung sollte Dankbarkeit für die Rettung seines Vaters Perctarit und seiner treuen Diener ausdrücken. Der Mitherausgeber des Bandes Peter Erhart präsentiert in einer materialreichen, übersichtlichen Gesamtschau Dokumente zum monastischen Leben im Langobardenreich (» Gens eadem reperat omnia septa gregis . Mönchtum unter den langobardischen Königen«, S. 387–408) – wobei man sich allerdings bisweilen nach dem spezifischen Erkenntnisinteresse des Autors fragt. Letzteres ist im Beitrag von Herbert Zielinski (»Elemente der Stabilität im Dukat Benevent in vorfränkischer Zeit«, S. 409–428) etwas klarer ausformuliert, kommt doch der Autor abschließend zu einem neuen Bild bezüglich der Bedeutung des Dukats, insofern er aufgrund fränkischer Theoriebildung in Urkundenfälschungen des 10. und 11. Jhs. der genuin beneventanisch-langobardischen Herzogsdynastie (bes. Romuald II. und Gisulf II.) größeres Gewicht beimißt als den späteren Großabteien Montecassino und San Vincenzo al Volturno und ihrer Überlieferung. Evaneglos Chrysos schließlich (»Zum Landesnamen Langobardia «, S. 429–435) untersucht den Geltungsbereich des im frühen 9. Jh. erstmals erscheinenden Landesnamens Langobardia vor dem Hintergrund der fränkisch-byzantinischen Auseinandersetzungen von 786/87 und der politischen Zukunft Benevents (mit einem lesenswerten Exkurs zur Deutung der Formel magna - minor bei Ländernamen S. 432ff.).

Die vierte Abteilung des Bandes ist den Bereichen »langobardische Sprache und lateinische Kultur« gewidmet. Robert Nedoma (»Der altisländische Odinsname Langbarðr : ›Langbart‹ und die Langobarden«, S. 439–444) kommt nach gründlichen überlieferungsgeschichtlichen Überlegungen zum Schluß, daß das Odinsheiti Langbarðr kaum als Überbleibsel aus einem alten Mythos gewertet werden kann und somit auch in keinem Zusammenhang mit dem langobardischen Namengebungsmythos der Origo und der Historia Langobardorum steht. Piergiuseppe Scardiglis »Abhandlung« (S. 465) »Von langobardischen Königen und Herzögen: Möglichkeiten und Grenzen der namenkundlichen Betrachtungsweise« (S. 445–475) ist ein wunderliches Gemisch von originellen Gedankensplittern und assoziativen Deutungskapriolen, mit Vorsicht zu benutzen, jedoch auch mit einigen bedenkenswerten Ansätzen. Maria Vòllono (»Methodik und Probleme bei der Erforschung des Langobardischen am Beispiel einiger juristischer Fachbegriffe: mundoald , launegild , sculdhais «, S. 477–502) führt vor, wie »die Bedeutungserschließung langobardischer Appellativa sowie ihre Einordnung in den historischen und sprachgeschichtlichen Kontext« (S. 477) vorgenommen werden sollte, indem sie nicht nur ein linguistisch einwandfreies Analyseverfahren anwendet, sondern auch einen souveränen Umgang mit der Materialbasis beweist. Claudia Villa und Francesco Lo Monaco (»Cultura e scrittura nell’Italia longobarda«, S. 503–523) zeichnen ein anschauliches Bild des langobardischen Italien im Hinblick auf intellektuelle, institutionelle Organisationsformen und Hinterlassenschaften, auf kodikologische langobardische Spezifika und allgemein das Schrift- und Buchwesen. Nurmehr marginal die Langobardistik im engeren Sinne betrifft der Beitrag von Flavia De Rubeis, »Scritture epigrafiche e scritture librarie in Italia meridionale« (S. 525–531), in dem aufgrund neuer Inschriftenfunde eine Aktualisierung und Verfeinerung der von E. A. Lowe begründeten Chronologie der Beneventana versucht wird. Kurt Smolak (»Literarische Kultur in langobardischen Rhythmen«, S. 533–545) bespricht eine Reihe lateinischer Versepitaphien, die in langobardischer Zeit in Italien entstanden sind und läßt ihnen eine moderne, gerechte Würdigung angedeihen. Den Textteil beschließen zwei zusammenfassende Beiträge (Paolo Delogu, »Conclusion: The Lombards – power and identity«, S. 549–553; Walter Pohl, »Geschichte und Identität im Langobardenreich«, S. 555–566), die insbesondere die geschichtswissenschaftlichen Aspekte der Thematik noch einmal Revue passieren lassen. Ein Abkürzungs-, Quellen- und Literaturverzeichnis sowie ein Register sind äußerst erfreuliche Hilfen zur schnellen Erschließung des Bandes, der eine insgesamt hervorragende, repräsentative Aufarbeitung der modernen Langobardenforschung darstellt und ihr für das 21. Jh. hoffentlich viele Impulse zu geben vermag.

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Mittelalter
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W. Pohl, P. Erhard (Hg.): Die Langobarden (Martin Graf)
In: Francia-Recensio 2008/1 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
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Veröffentlicht am: 26.10.2008 23:37
Zugriff vom: 17.09.2019 16:58
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