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    P. von Moos: Entre histoire et littérature (Carmen Cardelle de Hartmann)

    Francia-Recensio 2008/1 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Peter von Moos, Entre histoire et littérature. Communication et culture au Moyen Âge , Florenz (SISMEL – Edizioni del Galluzzo) 2005, XVIII–712 S. (Millennio medieavale, 58), ISBN 88-8450-146-6, EUR 98,00

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Carmen Cardelle de Hartmann, Wifling

    Wer die Veröffentlichungen des Mediävisten P. von Moos über die Jahre verfolgte, hatte Gelegenheit, die Erscheinung seiner versammelten Aufsätze herbeizuwünschen. Der Verf. zeichnet sich nämlich durch ein konsequent weitergeführtes Nachdenken über einige miteinander verbundene Bereiche der westlichen Kultur aus, weshalb seine Schriften in Dialog miteinander treten und sich gegenseitig ergänzen. Nun wird dieser Wunsch erfüllt: Die deutschsprachigen Aufsätze erscheinen in einer dreibändigen Edition und die restlichen (ein englischer, drei italienische und fünfzehn französische) in der hier besprochenen Sammlung. Diese bietet einen Überblick über die Forschung des Autors, der durch die Aufnahme zweier deutscher Aufsätze in französischer Übersetzung, »L’ ars arengandi italienne du XIII e siècle. Une école de la communication« und »›Public‹« et ›privé‹« au cours de l’histoire et chez les historiens« vervollständigt wird. Die Sammlung wird durch zwei neue Arbeiten abgerundet. In »Lucain au Moyen Âge« zieht der Verfasser das Resümee einer dreißigjährigen Beschäftigung mit der Lukan-Rezeption im Mittelalter, wobei er zum Teil eigene frühere Positionen revidiert. Im Mittelpunkt steht die Lektüre und Interpretation des Epikers bei mittelalterlichen Autoren, insbesondere bei Otto von Freising, Abaelard, Johannes von Salisbury und Walther von Châtillon. »Dialogue et monologue. Pour une anthropologie historique et philosophique de l’interaction« (S. 327–342) bietet grundsätzliche Überlegungen über die menschliche Kommunikation und weist auf Wege und Möglichkeiten künftiger transdisziplinärer Forschung auf diesem Gebiet hin.

    Da eine Kommentierung aller Aufsätze den Rahmen dieser Rezension sprengen würde, werden hier lediglich die thematischen Schwerpunkte, durch die die Sammlung strukturiert ist, und die Titel der einzelnen Arbeiten erwähnt. Im Abschnitt »Abélard avec et sans Héloïse« werden Abaelard und Heloisa im zeitgenössischen Kontext und in der Rezeption durch spätere Leser und der modernen Forschung betrachtet (»Le silence d’Héloïse et les idéologies modernes«). »Les Collationes d’Abélard et la ›question juive‹ au XII e siècle« interpretiert dieses Werk vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung mit dem Judentum, wobei sich Anknüpfungspunkte zu den Aufsätzen über Dialog und menschliche Kommunikation ergeben. Unter »L’ exemplum « finden sich drei Aufsätze über Begriff und Verwendung des Exempels im Mittelalter: »The Use of Exempla in the Policraticus of John of Salisbury«, »Sulla retorica dell’ exemplum nel Medioevo« und »L’ exemplum et les exempla des prêcheurs«. Der nächste Abschnitt »Rhétorique, dialogue et communication« beschäftigt sich mit verschiedenen Fragen über die menschliche Kommunikation. »La retorica medievale come teoria dell’argomentazione ed estetica letteraria« erörtert die Rolle der Rhetorik im wissenschaftlichen Diskurs des Mittelalters und ihre Funktion als Schule der Argumentation in verschiedenen Lebensbereichen. Der Dialog wird als allgemeiner Wesenszug der menschlichen Kommunikation (im bereits erwähnten »Dialogue et monologue«) und als literarische Form (in der bisher besten Darstellung des Dialogs im Mittelalter: »Le dialogue latin au Moyen Âge: l’exemple d’Évrard d’Ypres«) behandelt. Der aus dem Deutschen übersetzte Aufsatz, »L’ ars arengandi italienne du XIII e siècle« geht auf die Wechselbeziehungen zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit ein. Sieben Aufsätze, die die Spannungen zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen Gemeinsinn und Gewissen behandeln, sind unter der Überschrift »Individu et société – Public et privé« versammelt: »Identité personnelle et identification avant la modernité. Corrélation entre hétéronomie sociale et autodéfinition de l’individu«, das oben genannte »›Public‹ et ›privé‹, »Le ›bien commun‹ et la ›loi de la conscience‹ ( lex privata ) à la fin du Moyen Âge«, »Introduction à une histoire de l’ endoxon «, »Le sens commun au Moyen Âge: sixième sens et sens social. Aspects épistémologiques, ecclésiologiques et eschatologiques«, » Occulta cordis . Contrôle de soi et confession au Moyen Âge« und »Les solitudes de Pétrarque. Liberté intellectuelle et activisme urbain dans la crise du XIV e siècle«. Unter der Überschrift »Les études médiévales: hier et aujourd’hui« finden sich schließlich »Muratori et les origines du médiévisme«, über Muratoris Sicht des Mittelalters, und »I ›Tribunali della coscienza‹: riflessioni di un medievista«, eine Überlegung über Wandel und Kontinuität zwischen Mittelalter und Moderne, die durch die Lektüre der gleichnamigen Monographie Adriano Prosperis angeregt wurde.

    Zum Schluß sei die Arbeitsweise des Verf.s kurz charakterisiert. Die zentralen Begriffe seines Studienobjekts werden zuerst problematisiert. Von Moos zeigt die Unterschiede in der modernen wissenschaftlichen Verwendung von Begriffen, deren Bedeutung nur scheinbar klar definiert ist: »Dialog«, »Exemplum«, »Öffentlichkeit«, »publik«, »privat«. Dies läßt sich auf unterschiedliche (fach- und sprachgebundene) Traditionen zurückführen, die der Verf. bis zu ihren Ursprüngen verfolgt. Dadurch ergibt sich eine Verknüpfung zwischen systematischer und historischer Beschreibung, die auch in seiner Diskussion der mittelalterlichen Begrifflichkeit zum Tragen kommt: Wo eine oberflächliche Betrachtung Einheit wahrzunehmen glaubt, herrscht in Wirklichkeit Vielfalt; die mittelalterlichen Diskurse verlaufen parallel oder im Widerspruch zueinander, kreuzen sich oder fließen zusammen und sind einer permanenten Veränderung unterworfen. Ein weiterer, wichtiger Aspekt seiner Arbeit betrifft die gegenseitige Beeinflussung zwischen kritischem Leser und seinem Studienobjekt: Mittelalterliche Intellektuelle verraten in ihrer Interpretation der Klassiker ihre eigene Sichtweise, aber auch moderne Wissenschaftler lassen in einer Lektüre, die Objektivität beansprucht, ihren ideologischen Standpunkt erkennen. Von Moos führt uns das schwierige Metier des Kulturhistorikers vor Augen: Er muß mit multivalenten Begriffen eine komplexe und fließende Wirklichkeit beschreiben und dabei immer wieder die eigene Position durchleuchten und kritisch hinterfragen. Bei diesem Unternehmen kann nur die genaue Auseinandersetzung mit zeitgenössischen und historischen Positionen sowie mit den eigenen Ansichten vor der Beliebigkeit bewahren. Es ist deshalb eine kluge Ergänzung zum selbstkritischen Denken des Autors, daß sein wissenschaftlicher Werdegang in einer »Introduction« (S. IX–XVIII) skizziert wird: Es ist keine nostalgische Erinnerung und keine Abrechnung, sondern ein Versuch zu erklären, warum sein Denken bestimmte Bahnen einschlug.

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    PSJ Metadata
    Carmen Cardelle de Hartmann
    P. von Moos: Entre histoire et littérature (Carmen Cardelle de Hartmann)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühes Mittelalter (600-1050), Hohes Mittelalter (1050-1350), Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Europa
    Lateinische Literatur
    Mittelalter
    4015701-5 4039691-5 106713574 4165964-8 4035964-5 4294535-5
    500-1500
    Europa (4015701-5), Mittellatein (4039691-5), Moos, Peter von (106713574), Kulturaustausch (4165964-8), Literatur (4035964-5), Schriftliche Kommunikation (4294535-5)
    PDF document 02_Moos_Cardelle-de-Hartmann.doc.pdf — PDF document, 329 KB
    P. von Moos: Entre histoire et littérature (Carmen Cardelle de Hartmann)
    In: Francia-Recensio 2008/1 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2008-1/MA/moos_cardelle
    Veröffentlicht am: 26.10.2008 23:40
    Zugriff vom: 27.01.2020 01:14
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