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    H. Miard-Delacroix, R. Hudemann (Hg.): Wandel und Integration (Reiner Marcowitz)

    Francia-Recensio 2008/1 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine

    Wandel und Integration. Deutsch-französische Annäherungen der fünfziger Jahre/Mutations et intégration. Les rapprochements franco-allemands dans les années cinquante, hg. von Hélène Miard-Delacroix und Rainer Hudemann, München (Oldenbourg) 2005, 463 S., ISBN 3-486-57802-2, EUR 39,80.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Reiner Marcowitz, Metz

    In der Forschung zur Geschichte der Bundesrepublik Deutschland besteht heute weitgehend Konsens, dass bereits die 1950er Jahre eine Phase tief greifenden gesellschaftlichen Wandels gewesen sind – kulturell, politisch und wirtschaftlich. Sie und die 1960er Jahre werden mittlerweile als die entscheidende Formationsphase der Bundesrepublik angesehen, die, ausgelöst durch transnationale Einflüsse, den eigentlichen Bruch mit der Vergangenheit brachten. Dementsprechend ist sie wahlweise als »Liberalisierung« (Ulrich Herbert), als »Umkehr« (Konrad Jarausch) oder auch als »Verwestlichung« (Anselm Doering-Manteuffel) bezeichnet worden. Der Reiz des vorliegenden Sammelbandes liegt darin, dieses bisher überwiegend germanozentrische Interpretament gleichermaßen auf Westdeutschland und Frankreich in den 1950er Jahren anzuwenden. Ausgangspunkt bildete eine internationale Tagung in Paris aus Anlass des 50. Jahrestages der Pariser Verträge vom Oktober 1954, die sich bemühte, »die wichtige, wenngleich recht gut bekannte diplomatische Geschichte der Pariser Verträge in ihrem politisch-strukturellen Zusammenhang […] mit neueren sozial-, wirtschafts- und kulturgeschichtlichen Forschungstendenzen« (S. 13) zu kombinieren.

    Zunächst wird das tatsächlich schon breit erforschte diplomatische Geschehen und dessen internationaler Kontext noch einmal von ausgewiesenen Spezialisten (Georges-Henri Soutou, Geneviève Maelstaf, Ulrich Lappenküper, Beatrice Heuser, Bernard Poloni, Sylvie Guillaume, Armin Heinen, Jean-Paul Cahn) in verschiedenen Beiträgen kundig resümiert, doch dient es eher als Aufhänger für die dann folgenden Untersuchungen sozioökonomischer (Christoph Buchheim, André Steiner, Hartmut Kaelble, Klaus-Jürgen Müller, Alfred Wahl) und soziokultureller (Hans-Jürgen Lüsebrink, Corine Defrance, Emmanuelle Picard, Christophe Charle, Andreas Fickers, Thomas Raithel, Sylvain Schirmann) Konvergenzen wie Wandlungsprozesse in der Bundesrepublik Deutschland und Frankreich sowie in den bilateralen Beziehungen beider Länder. Schließlich wird das Ganze noch eingebettet in die umfassendere Fragestellung nach ähnlichen oder unterschiedlichen Wegen beider Länder »nach Westen« (Jean-François Sirinelli, Thomas Lindenberger, Michel Hubert, Andreas Wirsching, Dietmar Hüser). Somit wird der Schlüsselbegriff des »rapprochement« im (west)deutsch-französischen Verhältnis der 1950er Jahre in allen seinen Dimensionen untersucht und gleichzeitig die Pluralität unterschiedlicher »Annäherungen« und »Angleichungen« herausgearbeitet.

    Damit führt der Sammelband ins Zentrum laufender Forschungsdiskussionen über die Benennung jenes eingangs geschilderten gesellschaftlichen und politischen Wandels, der eben – so ein wesentliches Ergebnis der Beiträge – beileibe nicht nur auf Westdeutschland beschränkt blieb. Momentan sind drei Konzepte auf dem Wissenschaftsmarkt: »Amerikanisierung«, »Westernisierung« und – neuerdings – »Europäisierung«. Für alle drei lassen sich gute Argumente und ebenso gute dagegen finden: »Amerikanisierung« erfasst eine unleugbare Übernahme von Elementen amerikanischen Gesellschaftslebens, Wirtschaftsgebarens und amerikanischer Populärkultur in größeren Teilen West- und Mitteleuropas bereits in der Zwischenkriegszeit und erst recht nach 1945. Allerdings war der Begriff zumindest zeitweise auch ein stark aufgeladener ideologischer Kampfbegriff, was seiner Verwendung als wertneutralem wissenschaftlichem Terminus im Wege steht. Auch kann er missverständlich sein, weil er zumindest vordergründig eine einseitige Übernahme suggeriert, wo es sich – wie bei jeder Akkulturation – um einen Prozess aktiver Verarbeitung handelt. Dieser Gefahr entgeht das Konzept der »Westernisierung«, denn seine Prämisse ist, dass der Kulturtransfer zwischen Westeuropa und den USA keine Einbahnstraße, sondern ein durchaus wechselseitiger Prozess war und ist. Allerdings stellt sich hier die Frage: Was ist der »Westen«? In den bisher vorliegenden empirischen Arbeiten handelt es sich um die westeuropäisch-transatlantische Welt und dementsprechend konzentrieren sie sich auf das amerikanisch-westdeutsche Verhältnis. Die spannende Frage lautet, inwiefern ein solcher Ansatz komparatistisch nutzbar ist: Kann auch der »Westen«, z. B. Frankreich, »verwestlicht« werden? Überdies wird bisher noch kaum untersucht, inwieweit Europa, die (west-) europäische Einigung und ein entsprechendes Bewusstsein als Bezugspunkte im Prozess der »Westernisierung« eine eigenständige Rolle gespielt haben.

    Hierbei kann dem Historiker ein Blick über die eigenen Fachgrenzen nutzen: Andere Disziplinen – vor allem die Politik-, die Rechts- und die Wirtschaftswissenschaft sowie die Soziologie – beschäftigen sich schon seit Jahren mit »Europäisierungs«-Prozessen, also Wechselwirkungen zwischen nationaler und supranationaler Ebene und damit auch der Frage, inwiefern die (west-)europäische Integration nach dem Zweiten Weltkrieg sowohl die ökonomischen als auch die mentalen und sozialen Strukturen in den beteiligten Staaten verändert haben. Ergänzend zu den bisher vorliegenden, stärker gegenwartsorientierten und generalisierenden, Arbeiten bliebe für die Geschichtswissenschaft die notwendige Aufgabe, die fraglichen Veränderungen stärker zu »historisieren«, d. h. ihre historisch gewachsene Prozesshaftigkeit zu verdeutlichen.

    Der vorliegende Sammelband bemüht sich durchaus um einen solchen breiten Zugriff und zeigt dabei gleichzeitig, dass die genannten Konzepte »Amerikanisierung«, »Westernisierung« und »Europäisierung« – zumindest für spätere Jahrzehnte wäre auch noch das Phänomen der »Globalisierung« in den Blick zu nehmen – nicht unverbunden nebeneinander stehen dürfen, sondern sich sinnvoll ergänzen müssen. Die Frage nach der spezifischen Art von Integration und Transfer – im europäischen, transatlantischen und ggf. auch im globalen Kontext – muss ebenso national wie sektoral und zeitlich differenziert werden. Folglich sollten auch die entsprechenden Forschungskonzepte kombiniert und nicht voneinander separiert werden. Dabei müssen ebenfalls die die bisher vorherrschenden Barrieren zwischen politikgeschichtlichen Untersuchungen, sozialhistorischen Studien und kultur- bzw. mentalitätsgeschichtlichen Arbeiten fallen. Tatsächlich sollten Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur als kommunizierende Röhren, also als interdependent, verstanden werden. Schließlich dürfen die unterschiedlichen Transnationalisierungsprozesse keineswegs teleologisch dargestellt werden; vielmehr sollten ihre vielfältigen Ambivalenzen, Begrenzungen und Brüche berücksichtigt werden. Hier ist für die Geschichtswissenschaft in den kommenden Jahren noch ein fruchtbares Forschungsfeld zu bestellen. Für die 1950er Jahre liefert der vorliegende Sammelband bereits eine erste Ernte.

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    PSJ Metadata
    Reiner Marcowitz
    H. Miard-Delacroix, R. Hudemann (Hg.): Wandel und Integration (Reiner Marcowitz)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein, Frankreich und Monaco
    Politikgeschichte
    1940 - 1949, 1950 - 1959, 1960 - 1969
    4018145-5 4011889-7 4003846-4 4284503-8
    1949-1963
    Frankreich (4018145-5), Deutschland Bundesrepublik (4011889-7), Außenpolitik (4003846-4), Völkerverständigung (4284503-8)
    PDF document 24_Miard-Delacroix_Marcowitz.doc.pdf — PDF document, 94 KB
    H. Miard-Delacroix, R. Hudemann (Hg.): Wandel und Integration (Reiner Marcowitz)
    In: Francia-Recensio 2008/1 | 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2008-1/ZG/Miard-Delacroix_Marcowitz
    Veröffentlicht am: 26.10.2008 23:40
    Zugriff vom: 20.01.2020 16:41
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