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St. Wharton: Screening Reality (Elisabeth Bokelmann)

Francia-Recensio 2008/1 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine

Steve Wharton, Screening Reality. French Documentary Film during the German Occupation, Oxford, Berlin, Bern (Peter Lang) 2006, 252 S. (Modern French Identities, 25), ISBN 3-03910-0661-1, CHF 70,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Elisabeth Bokelmann, Essen

Das vorliegende Buch des an der Universität Bath lehrenden Autors entstand aus einer Dissertation der 1980er Jahre. Wharton geht eingangs auf den Entwicklungsschub ein, den das Filmschaffen und insbesondere der Dokumentarfilm im Frankreich des Vichy-Regimes verzeichneten und setzt diesen Tatbestand in Beziehung zu dem Motto »E clade resurrectio« (aus der Niederlage zur Auferstehung). Nach dem desaströsen Ende der Dritten Republik nämlich und nach der militärischen Niederlage schien eine staatlich-gesellschaftliche Erneuerung nur unter veränderten politischen Vorzeichen möglich, unter einer »Neuen Ordnung« also, deren sinnstiftende Prämissen und orientierende Regeln der Bevölkerung vermittelt werden mussten. Dazu bot sich in besonderer Weise ein Medium an, dem von Seiten des Publikums Glaubwürdigkeit und Faktizität attestiert wurde, eben der Dokumentarfilm. Der Förderung und Verbreitung dieser Sparte des Kunstschaffens widmete denn auch das Regime des Marschalls Pétain breite Aufmerksamkeit, was sich in der Subventionierung genehmer Produktionen wie auch in der Zensierung und im Verbot missliebiger Streifen ausprägte.

Die Untersuchung Whartons stellt sich die Frage, ob und inwieweit der Dokumentarfilm im Frankreich des Vichy-Regimes instrumentalisiert wurde; handelte es sich um Propaganda oder um an der Doktrin Vichys ausgerichtete »geschönte Realität«, also um »Screening Reality«? Der Leser erfährt, dass einerseits die Themen der Filme in Einklang mit der herrschenden Doktrin Vichys standen, also mit der Rückbesinnung auf das historische und kulturelle Erbe der Vergangenheit, wie auch mit dem Ziel, den Aufbruchsgeist und die individuelle Leistungsbereitschaft zu stimulieren. Die Person des Marschalls Pétain stand im Zentrum vieler Streifen, die Bedeutung der Rolle der Frau in ihrer Beschränkung auf ihre Aufgaben in Heim und Familie wurde cineastisch breit ausgeleuchtet, die Thematik der Kriegsgefangenen vielfach ins Bewusstsein gerückt. Wohlverhalten der Filmschaffenden erzwangen die Methoden der Selektion: die Bereitstellung öffentlicher Foren, die Teilnahme an publikumswirksamen Preisverteilungen und Programmen und am Congrès du film documentaire, vor allem die Zensur, auch unter dem Zugriff der deutschen Besatzungsbehörden.

Leider vermisst der Leser die Ausleuchtung des kulturellen und sozialen Kontexts, wodurch die Darstellung an Tiefenschärfe hätte gewinnen könnte; der detailliert ausgeführte Inhalt zahlreicher Filme kompensiert nicht den Mangel an logisch-stringenter Durchführung. Auch gelingt es nicht, zu der Einschätzung des bekannten französischen Film-Experten Jean Mitry nachvollziehbar Stellung zu beziehen, sei es bestätigend oder widerlegend. Dieser hatte in seinem Buch »La sémiologie en question« (Paris, Éditions du Cerf, 1987) die propagandistische Ausrichtung des französischen Dokumentarfilms relativiert, als er schrieb: »If Vichy cinema more or less reflected petainist ideology, it avoided direct propaganda as much as possible« (S. 203).

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PSJ Metadata
Elisabeth Bokelmann
St. Wharton: Screening Reality (Elisabeth Bokelmann)
CC-BY-NC-ND 3.0
4018145-5 4188214-3 4012653-5 4006020-2
1940-1944
Frankreich (4018145-5), Vichy-Regime (4188214-3), Dokumentarfilm (4012653-5), Besetzung (4006020-2)
PDF document 16_Wharton_Bokelmann.doc.pdf — PDF document, 80 KB
St. Wharton: Screening Reality (Elisabeth Bokelmann)
In: Francia-Recensio 2008/1 | 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2008-1/ZG/Wharton_Bokelmann
Veröffentlicht am: 26.10.2008 23:40
Zugriff vom: 25.02.2020 04:27
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