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J.-P. Besse, C. Pennetier: Juin 40 (Klaus-Jürgen Müller)

Francia-Recensio 2008/3 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Jean-Pierre Besse, Claude Pennetier, Juin 40. La négociation secrète, Paris (Les Éditions de l’Atelier) 2006, 208 S., ISBN 978-7082-3866-4, EUR 14,90.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Klaus-Jürgen Müller , Hamburg

Am 20. Juni 1940, knapp eine Woche nach der deutschen Besetzung von Paris, verhaftete die französische Polizei Denise Ginollin, eine kommunistische Aktivistin, und Maurice Tréand, den Kaderchef des PCF. Das geschah noch im Rahmen der Repressionsmaßnahmen gegen die seit dem Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939 verbotene und seither in den Untergrund gegangene PCF. Die Verhaftete trug ein Dokumentenbündel bei sich, das Notizen mit zentralen Argumenten enthielt, die gewisse kommunistische Repräsentanten bei ihren Verhandlungen mit den deutschen Besatzungsbehörden über eine mögliches Wiedererscheinen der Parteizeitung »Humanité« zugrunde legten. Das Dokument, überschrieben »Déclaration d’intention du 20 juin«, war seither in Pariser Archiven verschwunden. Nun wurde es durch puren Zufall von zwei Spezialisten der Geschichte der französischen Arbeiterbewegung bei ihren Archivstudien wiederentdeckt. Die Verfasser druckten es in vorliegender Publikation vollständig ab. Es ist fraglos ein Schlüsseldokument, denn es wirft neues Licht auf Hintergründe und Zielrichtung der lange Zeit umstrittenen Kontakte von Repräsentanten des PCF, namentlich Jacques Duclos und Maurice Tréand, der wohl auch die »Déclaration« redigiert hatte, mit dem deutschen Besatzungs-Botschafter Otto Abetz.

Aufschlussreich ist die aus den Notizen hervorgehende Argumentation gegenüber den Vertretern der deutschen Besatzungsmacht: In dem Text wird unter ausdrücklichem Hinweis auf die Tatsache, dass die deutschen Behörden im besetzten Dänemark, Norwegen und Belgien das Erscheinen kommunistischer Zeitungen erlaubt hätten, eine entsprechende Zulassung für Frankreich verlangt. Es wird hervorgehoben, dass »der Jude Mandel« (Innenminister im Kabinett Reynaud) die Kommunisten verfolgt habe, da diese im Geiste des Hitler-Stalin-Paktes die französischen Kriegsanstrengungen sabotiert hätten. Indem die französischen Kommunisten die »Diktatur des Juden Mandel« und der »Verteidiger der Interessen des englischen Kapitals« bekämpften, hätten sie nicht nur der Sowjetunion geholfen sondern indirekt auch Deutschland. Eine Wiederzulassung der »Humanité« würde zudem dazu beitragen, den französischen Massen angesichts der schrecklichen Ereignisse das Leben zu erleichtern »avec votre collaboration si vous voulez«. Das würde den sozialen Frieden im besetzten Frankreich garantieren.

Die Verfasser des Buches zeichnen nicht nur minutiös die Auffindung des Dokumentes nach, sie behandeln auch ausführlich die Debatte, die nach dem Krieg über diese Episode einer anfänglichen Kollaboration der Kommunisten mit den Deutschen, bevor die Partei ab Juni 1941 sich zur Résistance überging, entbrannte. Sie schildern den Wandel der offiziellen Haltung des PCF, die angesichts der Anschuldigungen von Seiten ihrer politischen Gegner zunächst den Tatbestand leugnete, 1949 jedoch eine Untersuchungskommission einsetze, auf Grund deren streng geheim gehaltenen »Rapport« die Leitung des PCF jene Verhandlungen mit Abetz verdammten: dieser politische Kurs sei ein »schwerer Irrtum« gewesen. Auch dieses Dokument, die Umstände und die Ergebnisse dieser PCF-internen Untersuchung analysieren die Verfasser. Im Gegensatz zu Duclos wurde Tréand auf Grund dieses Rapport in der Parteihistoriographie fortan als der einzige Verantwortliche angesehen und entsprechend behandelt.

Die besagten Verhandlungen mit der deutschen Botschaft zogen sich immerhin bis Ende August 1940 hin. Die Verf. erhellen eingehend die Hintergründe und Zusammenhänge, die zu den Kontakten mit den Deutschen führten. Die Leitung des PCF war zerstreut: Thorez, der Generalsekretär der Partei, war in Moskau, Duclos, die Nummer Zwei der Partei, und Marty, der Vertreter der Kommunistischen Internationale (IC) bei dem PCF, waren nach Brüssel ausgewichen. Die beiden kamen am 15. Juni nach Paris zurück, am selben Tag, an dem auch Abetz dort eintraf. Erste Kontakte ergaben sich ab 17. Juni durch einen Mittelsmann, einen kommunistischen Rechtsanwalt. Abetz sorgte dafür, dass die zwei erwähnten Verhafteten am 20. wieder freigelassen wurden.

Die kommunistischen Repräsentanten durften sich zunächst durch ein Telegramm Dimitrovs aus der Moskauer Zentrale der IC bestätigt fühlen: man solle alles tun, um ihre Presseorgane erscheinen zu lassen, dabei aber jedes Anzeichen einer Solidarität mit der Besatzungsmacht oder eine Billigung der feindlichen Invasion vermeiden. Abetz’s Zielsetzung bei den Kontakten war es wiederum, eine möglichst große Uneinigkeit unter den Franzosen zu fördern. Die Initiative der kommunistischen Vertreter kam aus seiner Perspektive dieser Absicht entgegen. Nach einem mehrere Wochen dauernden Entscheidungsprozess hat Moskau Ende Juli 1940 jedoch in einem von Dimitrov und Thorez unterzeichneten Telegramm die Weisung erteilt, die Verhandlungen abzubrechen: Man müsse den Machenschaften des Okkupanten misstrauen; wohl sei es richtig gewesen, Demarchen zur legalen Herausgabe der Presse zu unternehmen, aber die Verhandlungen mit Abetz seien ein Fehler gewesen, da sie die Partei zu kompromittieren geeignet seien. Der Mittelsmann, der bis Anfang September die Kontakte noch fortsetzte, wurde als »Feindagent« aus der Partei ausgeschlossen.

Die seit dem deutschen Überfall auf die UdSSR vom Juni 1941 begonnenen Résistance-Aktivitäten der PCF-Mitglieder und der Blutzoll, den sie dabei zu entrichten hatten, erlaubte es der Partei, die besagten Kollaborationsbemühungen vom Sommer 1940 zunächst mit Schweigen zu überdecken. In diesem Zusammenhang gelingt den Verfassern der Nachweis, dass der in einer angeblichen illegalen Ausgabe der »Humanité« abgedruckte »Appel du 10 juillet« 1940 eine von der Partei 1950 vorgenommene Fälschung ist, ein Versuch des PCF, die besagte Episode zu vernebeln.

Das schmale Büchlein, das auch ein 16-seitiges »Cahier iconograhique« enthält und mit einer umfassenden Chronologie sowie einer umfangreichen Spezialbibliographie abschließt, ist eine wichtige, neue Erkenntnisse bietende und quellenmäßig wohlfundierte Analyse einer aufschlussreichen Episode aus der Geschichte des PCF in der ersten Kriegshälfte.

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Klaus-Jürgen Müller
J.-P. Besse, C. Pennetier: Juin 40 (Klaus-Jürgen Müller)
CC-BY-NC-ND 3.0
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J.-P. Besse, C. Pennetier: Juin 40 (Klaus-Jürgen Müller)
In: Francia-Recensio 2008/3 | 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2008-3/ZG/Besse_Mueller
Veröffentlicht am: 26.10.2008 23:58
Zugriff vom: 27.01.2020 00:42
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