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K. Occhi: Boschi e mercanti (Carolin Wirtz)

Francia-Recensio 2008/4 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Katia Occhi, Boschi e mercanti. Traffici di legname tra la contea di Tirolo e la Repubblica di Venezia (secoli XVI–XVII), Bologna (Società editrice il Mulino) 2006, 275 S., ISBN 88-15-10110-1, EUR 20,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Carolin Wirtz, Bonn

Die vorliegende Studie entstand als Dissertation im Fachbereich Europäische Sozialgeschichte an der Universität Mailand.

Die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zwischen der Grafschaft Tirol und der Republik Venedig sind wichtige Elemente der Geschichte Mitteleuropas in der Frühen Neuzeit. Die beiden Territorien führten seit dem Mittelalter einen regen diplomatischen Austausch, und eine der für die Republik Venedig wichtigsten Verbindungen zu den Handelszentren nördlich der Alpen, die Brennerstraße, verlief auf einer langen Strecke durch das seit 1363 habsburgische Tirol.

Neben Getreide war Holz für die Venezianer das wichtigste Massengut, das sie vom Festland bezogen. Holz war die bedeutendste Energiequelle der damaligen Zeit. Es war sowohl zum Heizen, als auch – in Form von Holzkohle – als Brennmaterial für verschiedenste Gewerbezweige, wie Metallverarbeitung oder Glasproduktion, unbedingt notwendig.

Die staatliche Schiffswerft, das Arsenal, verbrauchte ebenfalls große Mengen an Holz für den Bau von Kriegs- und Handelsschiffen.

Auch der Städtebau in Venedig war auf Holzimporte angewiesen, denn noch im 16. und 17. Jh. gab es eine größere Anzahl Holzbauten in der Stadt, und fast alle großen steinernen Gebäude mussten auf einer speziellen Konstruktion, zu der massive Holzbalken gehörten, im weichen Untergrund der Laguneninseln gesichert werden.

Die Autorin wertet eine große Anzahl an unveröffentlichten Quellen aus, die sowohl von den für den Handel zuständigen Behörden in Tirol, als auch aus den venezianischen Notariatsakten stammen. Daneben zieht sie Quellen aus vielen regionalen und lokalen Archiven in diesen ehemaligen Territorien heran.

Mit Akribie schildert sie nicht nur Organisation und Struktur des Holzhandels, sondern auch die speziellen rechtlichen und ökonomischen Bedingungen der Holzbewirtschaftung in den einzelnen kleinen Gemeinden. Dazu kommen detaillierte Schilderungen der Entwicklung verschiedener Arten des Holztransportes, etwa mittels Flößen, und der daran beteiligten Berufsstände, sowie der Transportwege und Zölle.

Dabei wird dem Leser eine Fülle an Namen kleinster Orte und technischer Details präsentiert, die aus den zahlreichen Quellenfunden der Autorin resultieren. In dieser Masse wirken die topographischen und technischen Angaben auf den mit den lokalen Begebenheiten weniger vertrauten Leser eher verwirrend. Auch die wohlmeinend beigefügten Karten (etwa auf S. 49 oder S. 167) sind nicht sehr hilfreich, da sie zu klein ausgefallen und durch schlechten Druck fast unleserlich sind. Es wäre hilfreicher gewesen, sich auf wenige und dafür besonders charakteristische Beispiele zu beschränken, wie es bei der Untersuchung des sozialen Aufstiegs der Familie Carrara von Niederhaus, der unmittelbar mit dem Holzhandel verknüpft war, geschieht. Mitglieder dieser Familie hatten Funktionen in der habsburgischen Verwaltung inne, und trieben gleichzeitig Handel in der Republik Venedig. Den in diesem Spannungsfeld erfolgten sozialen Aufstieg dieser Familie schildert die Autorin anschaulich.

Zu einem sozial und wirtschaftlich so vielschichtigen Thema wie dem Holzschmuggel wäre es für eine an einer sozialhistorischen Fakultät entstandene Arbeit interessanter gewesen, Gründe für dieses Phänomen zu finden, als ausschließlich Tabellen zu erstellen, wer wieviel Holz schmuggelte, zumal in vorhergehenden Kapiteln bereits detailliert einzelne Berufs- und Bevölkerungsgruppen der betreffenden Landschaft beschrieben wurden, und man aus deren Lebensbedingungen sicherlich einiges zu der Problematik hätte ableiten können.

Der Verweis der Autorin auf das Fehlen von »privaten« Quellen rechtfertigt diesen Verzicht nicht, zumal es durchaus wissenschaftlich legitim ist, auf Grund der durch Quellenstudien gewonnenen Kenntnisse über eine Situation Vermutungen anzustellen, solange man diese deutlich kennzeichnet und von den durch Nachweise gesicherten Befunden absetzt. Hier schafft es die Autorin nicht, sich von einem reinen Referieren der Quellen zu lösen und diese nicht nur numerisch auszuwerten.

Die Tatsache, dass die Arbeit auf einer breiten Basis bislang unveröffentlichter Quellen steht, ist ein großes Verdienst, aber sie macht auch ein methodisches Problem sichtbar.

Hervorzuheben ist der große organisatorische und zeitliche Aufwand, der notwendig ist, um diese Quellenfülle aus den unterschiedlichsten Archiven zu gewinnen. Neben den großen Staatsarchiven konsultierte die Autorin auch Bistumsarchive und sogar Pfarr- und Kommunalarchive. Die Aufnahme der Quellen geschah mit großer Akribie, wie die zahlreichen Zitate belegen.

Es ist zweifellos ein Glück, aber auch gleichzeitig eine Schwierigkeit, dass aus dem gewählten Zeitraum eine so große Menge an Quellen erhalten ist. Für eine historische Analyse stellt sich damit das Problem der Auswahl der Quellen, und eine solche ist dringend erforderlich, denn historische Forschung kann sich nicht nur auf ein reines Präsentieren von Quelleninhalten beschränken. (Anders wäre es bei einer Quellenedition, die jedoch eine andere Methodik verlangt und anderen Zwecken dient.)

Die ganze Fülle des gesammelten Materials zu nutzen ist verlockend und sicherlich gut zur Erstellung von wirtschaftshistorischen Statistiken, die dadurch auf einem breiten Fundament stehen. Die Autorin hat auch eine Reihe davon zu unterschiedlichen Themen erstellt und in einem Anhang präsentiert. Die von einer Dissertation zu erwartende tiefergehende Quellenanalyse, sowie eine Einordnung der Quellentexte in einen größeren, europäischen wirtschaftshistorischen Zusammenhang ist dabei in weiten Teilen der Arbeit aber zu kurz gekommen.

Die Autorin betreibt fast reine Mikrogeschichte. Das hat sicherlich seinen Reiz, besonders für die mit den lokalen Gegebenheiten vertrauten Leser. Die wissenschaftliche Herausforderung, das durch derart aufwändige Archivstudien gewonnene, höchst detailreiche Material, in einen größeren historischen Zusammenhang zu stellen, wurde nicht angenommen.

Die nähere Betrachtung einiger Details zum Holzhandel wäre in diesem Sinne interessant gewesen. Auf Anstiege des Holzpreises, die auf allgemeinere wirtschaftliche Veränderungen hindeuten könnten, wird kaum eingegangen, sondern es werden nur einige vage Vermutungen dazu angestellt. So wird in diesem Zusammenhang Venedig als Kapital- und Handelsplatz nur mit wenigen schematischen Sätzen abgehandelt.

Wichtig wäre es etwa gewesen, festzustellen, ob sich bedeutende politische und militärische Ereignisse auch in den Zahlen des Holzhandels widerspiegeln. Beispiele dafür wären die zahlreichen Konflikte zur See zwischen der Republik Venedig und dem Osmanischen Reich in der zweiten Hälfte des 16. Jhs., für die das Arsenal viele Kriegsschiffe bauen musste.

Auch die berühmte Seeschlacht bei Lepanto (1571) mit ihrem großen Verlust an venezianischen Schiffen fällt mitten in den untersuchten Zeitraum.

Dass das Arsenal Holz aus den behandelten Territorien bezog, erwähnt die Autorin mehrfach.

Auch die größere Holzmenge die zum Wiederaufbau des Dogenpalastes nach dem Brand von 1574 benötigt wurde, hätte sich in den untersuchten Zahlen niederschlagen können, oder falls dies nicht der Fall gewesen wäre, hätte man der Frage nachgehen können, weswegen das benötigte Holz von anderer Stelle bezogen wurde.

Die von der Autorin konstatierten Veränderungen in den Strukturen des Holzhandels werden nicht im Rahmen der allgemeinen Veränderungen im Handel vom 16. zum 17. Jh. betrachtet, was beispielsweise im Transportwesen ablesbar gewesen wäre.

Die Rolle, die der Holzhandel in der Wirtschaft der in den Alpen gelegenen Ortschaften spielte, wird ebenso kursorisch behandelt, wie seine Bedeutung im überregionalen Handel, die jedoch so groß gewesen sein muss, dass sogar von offizieller, diplomatischer Seite über den Bau eines Verbindungskanals zwischen den Flüssen Eisack und Etsch nachgedacht wurde.

Die Behandlung von Quellenzitaten erfolgt inkonsequent. Sie erscheinen teilweise ohne direkten Nachweis mitten im Text (S. 118f.), oder sie wären in ihrer Länge besser in den Fußnoten oder in einem Anhang untergebracht worden (S. 129f.).

Wünschenswert wäre es auch, wenn im Anhang, neben den zahlreichen Tabellen, einige exemplarische Quellen ediert worden wären. Dies wäre für weitere Forschungen zu verwandten Themenkreisen nützlicher gewesen, als allein die Signaturen in den Fußnoten zu zitieren, zumal im Anhang unverständlicherweise auf eine Auflistung der verwendeten unedierten Quellenbestände verzichtet wurde.

Hervorzuheben bleibt der große Einsatz der Autorin bei der Beschaffung des Quellenmaterials. Es wird hier eine Fülle von neuen Informationen geboten, die sich jedoch dem Leser nur mit Schwierigkeiten erschließen.

Durch die unzureichende Analyse der Quellen, die zumeist nur referiert werden, und die kaum erfolgte Einordnung der Ergebnisse in einen größeren europäischen Zusammenhang kommt diese Studie leider nicht über den Stand einer reinen Fleißarbeit hinaus.

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PSJ Metadata
Carolin Wirtz
K. Occhi: Boschi e mercanti (Carolin Wirtz)
CC-BY-NC-ND 3.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Italien
Wirtschaftsgeschichte
18. Jh.
4060207-2 4062501-1 4160518-4
1500-1700
Tirol (4060207-2), Venedig (4062501-1), Holzhandel (4160518-4)
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K. Occhi: Boschi e mercanti (Carolin Wirtz)
In: Francia-Recensio 2008/4 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2008-4/FN/occhi_wirtz
Veröffentlicht am: 26.10.2008 23:45
Zugriff vom: 22.02.2020 18:29
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