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    A companion to Jean Gerson. Ed. by Brian Patrick McGuire (Jürgen Miethke)

    Francia-Recensio 2008/4 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    A companion to Jean Gerson. Ed. by Brian Patrick McGuire, Leiden (Brill) 2006, XXVI–431 S. (Brill’s Companions to the Christian Tradition, 3), ISBN 978-90-04-15009-6, EUR 95,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Jürgen Miethke (Heidelberg)

    Die im Zeitalter der Massenuniversität immer beliebter werdenden »Einführungen« oder »Companions« (was ja gedruckt eher einen »Begleiter« bei den ersten Schritten auf unbekanntem Gelände meint), Bücher also, die für Anfänger und fortgeschrittene Studenten das Basiswissen über ein mehr oder minder umgrenztes Fachgebiet bereitstellen, werden nach den guten Verkaufserfolgen in der jüngsten Zeit von verschiedenen Verlagen in ganzen Buchreihen auf den Markt gebracht, so etwa in Tübingen vom Verlag Mohr Siebeck, in Cambridge oder Oxford von den University Presses, so auch von dem niederländischen Verlag Brill. In aller Regel gewinnt man einen für das entsprechende Gebiet möglichst international ausgewiesenen Herausgeber, der um sich wiederum Spezialisten für einzelne Aspekte schart, die nach seiner Entscheidung in Teilschritten vorangehen, welche dann der Leser mitmachen soll. Im vorliegenden Fall hat der dänische Mediaevist McGuire (der in Roskilde und Kopenhagen lehrt) nach zahlreichen Vorstudien erst 2005 eine ausführliche Monographie zu Leben und Werk Johannes Gersons in den USA bei der Pennsylvania State University Press vorgelegt: »Jean Gerson and the Last Mediaeval Reformation« (vgl. Francia-Recensio MA 2008/1). Ein Jahr später bereits legte er einen umfangreichen »Companion« vor, in dem er selber die biographisch-chronologische Einleitung liefert (»In search of Jean Gerson: Chronology of his life and works«, S. 1–39), um dann den Stab weiter zu reichen an Daniel B. Hobbins (Ohio State University): »Gerson on lay devotion«, S. 41–78). Gilbert Ouy (CNRS), der sich seit Jahrzehnten auf paläographischer Basis und in der erstaunlich erfolgreichen Suche nach Autographen weithin ausstrahlend mit dem französischen Frühhumanismus und dabei auch mit Gerson und seiner Handschriftenüberlieferung beschäftigt hat, schließt sich mit einem intensiven Forschungsbericht über ein halbes Jahrhundert eigener und fremder philologisch-historischer Forschungen zu dieser ganzen Gruppe von Gelehrten und Humanisten an, innerhalb derer Gerson mit Vorsicht und Takt vorgestellt wird (»Discovering Gerson the humanist: Fifty years of Serendipity«, S. 79–132). Ausgehend von einem Bericht über seine jahrzehntelange Suche nach eigenhändigen Zeugnissen Gersons, wird der Leser stets mit der individuellen, der persönlichen Situation Gersons und seiner Freunde konfrontiert. Zu den (S. 90ff.) besprochenen Gerson-Mss. aus der englischen Gefangenschaft der Kapetingerprinzen hat Ouy inzwischen ein eigenes Buch veröffentlicht (»La librairie des frères captifs. Les manuscrits de Charles d’Orléans et d’Angoulême«, Turnhout 2007). Dass in seinem Rückblick auf die eigenen Wege der Forschung die nationalfranzösische und katholische Perspektive im Vordergrund bleibt, ist kein Einwand gegen den anrührenden Essay, der den Wert paläographischer Handschriftenforschung erneut evident macht. David Zachariah Flanagin (St. Mary’s College of California) verfolgt die exegetischen Schriften Gersons (»Making sense of it all: Gerson’s biblical theology«, S. 133–177). Francis Oakley (Williams College, Massachusetts), Grand Old Man der Konziliarismusforschung, der sich einst mit einer heute noch bekannten Dissertation zu Gersons Lehrer Pierre d’Ailly seine Sporen verdiente, führt in die variationsreichen, ja schwankenden konziliaren Überlegungen und in Gersons konservative Ekklesiologie ein, die in enger Verbindung zu seinen Reformvorstellungen stand (»Gerson as conciliarist«, S. 179–204); wieweit freilich der von Oakley sogenannte »Marsiglian myth« (S. 180) im Hinblick auf Marsilius von Padua als dem typischen Konziliaristen die Forschung ernstlich behindert hat, darüber müsste wohl eine eigene Debatte geführt werden: nicht dass Gerson in die Nachfolge des Marsilius gestellt werden sollte, aber Marsilius’ Wirkung auf die Zeitgenossen Gersons war nach der Auffassung des Rezensenten kein von der modernen Forschung konstruiertes Missverständnis und gewiss kein »Myth«, Brian Tierney zum Trotz! Man braucht freilich nicht so weit zu gehen, von einem »unterirdischen« marsilianischen Traditionsstrom zu sprechen (wie etwa Cary J. Nederman, A Heretic Hiding in Plain Sight: The Secret History of Marsoiliglio of Padua’s Defensor Pacis in the Thought of Nicole Oresme, in: Heresy in Tansition, Transforming Ideas of Heresy in Medieval and Early Modern Europe, ed. Ian  Hunte, John Christian Laursen, C. J. Nederman, Aldershot 2005, S. 71–88), gewisse auch von Marsilius vertretene Ansichten waren aber weit verbreitet im Spätmittelalter. Jeffrey Fisher (Bethany College, West Virginia) will ein »neues Profil« des Theologen der Mystik in steter Auseinandersetzung mit der klassischen Studie von André Combes entwickeln (»Gerson’s mystical theology: A new profile of its evolution«, S. 205–248). Nancy McLoughlin (Univ. of California, Santa Barbara) geht den Positionen des Predigers Gerson in dem zu seiner Zeit immer noch aktuellen Streit zwischen Säkularklerus und Mendikanten nach, ohne die Vorgeschichte allzu präzise in den Blick zu nehmen (»Gerson as preacher in the conflict between mendicants and secular priests«, S. 249–291). Natürlich darf heute auch die gender-Problematik nicht fehlen: Wendy Love Anderson (Saint Louis University, Louisiana) stellt die Haltung Gersons zum weiblichen Geschlecht vor (»Gerson’s stance on Women«, S. 293–317): »Gerson’s relative egalitarianism in terms of gender references seems to be in keeping with the tendencies exhibited in his sermons« (S. 300). Renate Blumenfeld-Kosinski (University of Pittsburgh) wendet sich den französischsprachigen Schriften Gersons zu, wenn sie Gersons umstrittene Stellung in der Debatte um den »Roman de la Rose« des Jean de Meun analysiert (»Jean Gerson and the debate on the ›Romance of the Rose‹«, S. 317–356). – Zum guten Schluss beschäftigt sich Yelena Mazour-Matusevich (University of Alaska in Fairbanks) mit Gersons Vermächtnis (»Gerson’s Legacy«, S. 357–399). Sie holt dabei weit aus, behandelt in Vogelschau deutsche, niederländische, französische und spanische Autoren des 15. bis zum Beginn des 19. Jhs., die sich auf Gerson bezogen haben, und gelangt schließlich bis zum Hrsg. des Companions, mit dessen Satz sie das Buch beschließt (S. 399): »In rediscovering Gerson, we find ourselves«.

    Ersichtlich spannt das Buch sich programmatisch weit aus (ein zuverlässiges Register, S. 381–387, erleichtert die Orientierung und eine rasche Konsultation), jedoch, wie könnte es anders sein, deckt es seine Zwecke selbstverständlich nicht qualitativ gleichmäßig; es blieben auch einige Lücken: die Rolle Gersons an der Universität Paris kommt nur sporadisch hier und da zur Sprache (vgl. Register 426a zu »Paris«); auf Gersons Konstanzer Stellungnahmen gegen die schrillen Thesen des deutschen Dominikaners Johannes Falkenberg weist der Hrsg., 27, nur knapp und eher irreführend hin. Gleichwohl wird man dem Companion eine wichtige Funktion als Wegweiser zu historischen Arbeitsfeldern im 15. Jh. zutrauen. Ob freilich die Preisgestaltung für Studenten hinreichend attraktiv sein kann, ist – jedenfalls für deutsche Verhältnisse – eher zu bezweifeln.

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    PSJ Metadata
    Jürgen Miethke
    A companion to Jean Gerson. Ed. by Brian Patrick McGuire (Jürgen Miethke)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Spätes Mittelalter (1350-1500)
    PDF document Gerson_Miethke.doc.pdf — PDF document, 90 KB
    A companion to Jean Gerson. Ed. by Brian Patrick McGuire (Jürgen Miethke)
    In: Francia-Recensio 2008/4 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2008-4/MA/Gerson_Miethke
    Veröffentlicht am: 25.03.2009 12:45
    Zugriff vom: 28.10.2020 09:27
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