Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

    R.L. Friedman; Ch. Schabel (eds.): Francis of Marchia – Theologian and Philosopher (Jürgen Miethke)

    Francia-Recensio 2008/4 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Francis of Marchia – Theologian and Philosopher. A Franciscan at the University of Paris in the Early Fourteenth Century. Ed. by Russel L. Friedman and Chris Schabel, Leiden (Brill) 2006, VIII–204 S., ISBN 978-90-04-15640-1, EUR 60,00 [= Vivarium 44/1 (2006), ISSN 0042-7543, Online ISSN: 1568-5349].

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Jürgen Miethke, Heidelberg

    Seit einigen Jahren publiziert die niederländische Zeitschrift für mittelalterliche Philosophie »Vivarium« in unregelmäßigen Abständen Sonderhefte zu speziellen Themen unter der Herausgeberschaft von »Gasteditoren«. Das erste Heft des Jahrgangs 2006, das dem italienischen Franziskaner Franciscus Rubeus de Marchia gewidmet ist, wurde auch selbständig unter dem Titel des Sammelheftes auf den Markt gebracht (wobei nur auf dem exakt dem Farbdesign der Zeitschrift entsprechenden Rückumschlag der Hinweis auf »Vivarium« zu finden ist). Die Sammlung von Arbeiten, herausgegeben von zwei um das Thema bereits mehrfach verdienten US-amerikanischen Scholastikforschern (Russell L. Friedman und Chris Schabel, beide in Iowa promoviert, inzwischen in Leuven bzw. in Nikosia tätig), gilt einem Pariser Theologen aus Appignano (einem Ort in der Nähe von Ascoli Piceno in den Marken), der in den letzten Jahrzehnten öfter die Aufmerksamkeit der Forschung auf sich gezogen hat (insbesondere immer wieder in der Franziskanerzeitschrift der Marken »Picenum Seraphicum«) und dem in seiner Heimatregion auch bereits zwei eigene Kongresse gewidmet worden sind (die hier in der umfangreichen auf Vollständigkeit zielenden Personalbibliographie S. 15–20 verzeichnet sind unter »Priori 2002« bzw. »Priori and Balena 2004«; ein 3. Kongress ist angekündigt und wird wohl weitere Nachfolger haben). Seiner Herkunft wegen führt der Theologe in historischen Untersuchungen einen vielfältig changierenden Namen, erscheint bald als Franciscus (Rubeus) von Ascoli / bzw. von Esculo, bald als Francesco della Marca da Pignano, bald als Franz[iskus] von Marchia, o. ä. Gegen 1290 geboren (und damit derselben Generation wie etwa Marsilius von Padua oder Wilhelm von Ockham angehörend) hat er um 1319/1320 in Paris seine Sentenzenvorlesung absolviert, wurde ebendort (um 1320) zum Magister der Theologie promoviert, übernahm dann bald (gegen 1324) die Aufgaben eines Lektors am Franziskanerstudium in Avignon, wo er sozusagen unter den Augen der Kurie und des Papstes zu arbeiten hatte. Franziskus amtierte schließlich als Provinzialminister der Mark Ancona offiziell von 1327 bis 1329 (bis er zusammen mit dem Ordensgeneral Michael von Cesena auf Druck des Papstes Johannes XXII. seines Amtes enthoben wurde). Gleichwohl konnte er seine Tätigkeit als Ordensprovinzial bis ca. 1332 fortsetzen.

    Wie seit Duhem und insbesondere Anneliese Maier bekannt geworden ist, hat der Franziskanertheologe in seiner Sentenzenvorlesung seine intellektuelle Selbständigkeit und theoretische Begabung bewiesen, da er einen eigenwilligen und weiterführenden Schritt von der aristotelischen Theorie der gewaltsamen (Projektil-)Bewegung weg gewagt hat hin zu dem Konzept einer dem Projektil eingeprägten virtus derelicta, die auf die moderne Physik der Trägheit und Gravitation hinführt. Dieser theoriegeschichtlich wichtigen und nachhaltig wirksamen Leistung des jungen Mannes in der naturphilosophischen Ideenentwicklung gelten drei der hier versammelten Arbeiten. Mark Thakkar (Balliol College Oxford) untersucht »Francis of Marchia on the Heavens« (S. 21–40), um zu zeigen, dass entgegen bisher verbreiteten Annahmen die materielle Identität von Himmel und Erde, von himmlischer und sublunarer Welt für unseren Theologen nur in einem deutlich eingeschränkten Sinn Gültigkeit hatte, nämlich nur für die »erste Materie« gilt, d. h. praktisch für ihre Potentialität und nicht für aktuelle Beschaffenheit. Insofern können die physikalischen Gesetze in beiden Fällen gleich sein, aber auch verschieden. Von der physikalischen Einheit des gesamten Kosmos und der in ihm gültigen Gesetze ist der spekulative italienische Theologe also doch noch ein gewaltiges Stück entfernt. Der Mitherausgeber Chris Schabel: »Francis of Marchia’s ›Virtus derelicta‹ ande the Context of Its Development« (S. 41–80) liefert nicht nur eine genaue Begriffsuntersuchung im gesamten Diskussionsfeld der Sentenzenkommentare der Zeit, er legt auch eine kritische Edition der Langform (Redaktion B) von Marchias Principium zu IV Sent. nach sämtlichen (4) Hss. vor (S. 40–80) und gibt damit künftigen Erörterungen eine sicherere Basis, als sie die Transkription eines Ms. durch A. Maier (und ihre Nachfolger) liefern konnte. Fabio Zanin (Bassano del Grappa und Padua) versucht sodann, die spätmittelalterliche Begriffsentwicklung von Franz von Marchia bis Johannes Buridan genauer in den Blick zu nehmen: »Francis of Marchia, ›Virtus derelicta‹ and Modifications of the Basic Principles of Aristotelian Physics« (S. 81–95) und zeichnet minuziös die Windungen der Gedankengänge im 14. Jh. nach.

    Ein weiterer Abschnitt wendet sich der begriffsgeschichtlichen Analyse von Problemen der Metaphysik und praktischen Philosophie zu. Fabrizio Amerini (Parma) »›Utrum inhaerentia sit de essentia accidentis?‹ Francis of Marchia and the Debate on the Nature of Accidents« (S. 96–143, mit einem Textanhang S. 144–150) stellt dar, wie die theologische Spekulation über Akzidentien in Beziehung auf Gott und insbesondere auf die Erklärung der Eucharistie schon Duns Scotus zu einer Erweiterung der theoretischen Perspektiven geführt hatte, an die Franz von Marchia in eigner Weise anknüpfte. Andrea A. Robiglio [Freiburg i. B.]: »How Is Strength of the Will Possible? Concerning Francis of Marchia and the Act of Will« (S. 151–183) schließt sich dagegen an das gegenwärtig von Philosophen viel diskutierte ethische Problem der Willensschwäche (Akrasie) an. Franz von Marchia hat auch diese Frage selbständig und eigenwillig gegen die aristotelischen Vorgaben behandelt.

    In Avignon hat er sich dann auf der Seite seiner Ordensführung am sogenannten »Theoretischen Armutstreit« aktiv beteiligt, der den Minoritenorden (spätestens seit 1322) unter dem ebenfalls in Paris ausgebildeten Theologiemagister und Ordensgeneral Michael von Cesena mit den strengen Forderungen und Auflagen des Papstes Johannes XXII. in heftige Konflikte brachte. Franz von Marchia hat sich seit dem Ende des zweiten Jahrzehnts des 14. Jhs. eifrig (wenn auch durch im einzelnen schwer identifizierbare Beiträge) an dem allein schon seiner Quantität nach beachtlichen Ausstoß an Streitschriften, Memoranden, Appellationen und Schriftsätzen im Rahmen der ganzen Gruppe von hochrangigen gelehrten Ordensbrüdern beteiligt. Neben Michael von Cesena, dem Juristen Bonagratia von Bergamo und dem Theologen Wilhelm von Ockham steht seine Unterschrift unter den Appellationen und großen Schriftsätzen der Gruppe in dieser ersten Zeit. Folgerichtig wurde er aus dem Orden der Minderbrüder (mitsamt der gesamten Dissidentengruppe) ausgeschlossen, geriet dann aber um 1340 in Italien in die Gewalt der avignonesischen Kirche, widerrief seine »Irrtümer« und wurde in Avignon wieder in den Orden der papsttreuen Ordensmehrheit aufgenommen. Welche Pressionen, welche Erfahrungen hinter diesen dürren Daten stehen, ist gänzlich unbekannt. Auch weiß man nicht, wann, wo und unter welchen Umständen Franz von Marchia gestorben ist. Die umfangreiche Schrift (»Improbacio contra libellum domini Johannis«), mit der er (1329) in eigenem Namen eine polemische Widerlegung der päpstlichen Lehrepistel »Quia vir reprobus« (von 1329) vorlegte, die die große Pisaner Appellation der Franziskaner verurteilt hatte, hat der ersten selbständigen politischen Schrift Wilhelms von Ockham (dem »Opus Nonaginta Dierum«) unverkennbar zum Vorbild gedient und hat Ockham in Einzelargumenten manch wörtlich oder sinngemäß übernommene Anregung geliefert. Hier wird nun von Roberto Lambertini [Macerata]: »Francis of Marchia and William of Ockham: Fragments from a Dialogue« (S. 184–204) in einer eleganten Untersuchung auf der Höhe der neuesten Forschungen (an denen L. selber einen gewichtigen Anteil hat) das Verhältnis beider Franziskaner zueinander hell beleuchtet. Damit gewinnt auch die politische Theorie Wilhelms von Ockham eine erhebliche Aufhellung.

    Insgesamt wird man den Herausgebern für diesen gelungenen Sammelband dankbar sein, bringt er doch an der Forschungsfront Licht in undeutliche Verhältnisse der geistesgeschichtlichen Entwicklung in der ersten Hälfte des 14. Jhs. und erhellt so den Weg eines mittelalterlichen Denkers »der zweiten Reihe« (aber doch bedeutender Kraft) in schwierigen Zeiten durch genaue von kritischer Präsentation und Lektüre komplexer Texte begleitete Untersuchungen.

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

    PSJ Metadata
    Jürgen Miethke
    R.L. Friedman; Ch. Schabel (eds.): Francis of Marchia – Theologian and Philosopher (Jürgen Miethke)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Hohes Mittelalter (1050-1350)
    Ideen- und Geistesgeschichte, Philosophie
    14. Jh.
    4039677-0 1008636-5 4045791-6 4059758-1
    500-1600
    Mitteleuropa (4039677-0), Franziskaner (1008636-5), Philosophie (4045791-6), Theologie (4059758-1)
    PDF document Friedmann_Miethke.doc.pdf — PDF document, 94 KB
    R.L. Friedman; Ch. Schabel (eds.): Francis of Marchia – Theologian and Philosopher (Jürgen Miethke)
    In: Francia-Recensio 2008/4 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2008-4/MA/friedman_miethke
    Veröffentlicht am: 06.02.2009 19:30
    Zugriff vom: 28.09.2020 11:22
    abgelegt unter: