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M. Cointet: De Gaulle et Giraud (Klaus-Jürgen Müller)

Francia-Recensio 2008/4 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine

Michèle Cointet, De Gaulle et Giraud. L’affrontement 1942–1944, Paris (Perrin) 2005, 549 S., ISBN 2-262-02023-X, EUR 23,50.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Klaus-Jürgen Müller, Hamburg

Am 8. November 1942 landeten anglo-amerikanische Truppen in Nordafrika, das von bislang Vichy-treuen Autoritäten dominiert wurde. Um den Widerstand der französischen Truppen auszuschalten, entschlossen sich die tonangebenden Amerikaner, ein Abkommen mit dem zufällig in Algier anwesenden Admiral Darlan, dem nach Marschall Pétain zweithöchsten Repräsentanten des Vichy-Regimes, zu schließen. Dieses in den USA heftig kritisierte Arrangement endete am Weihnachtstag 1942 mit der Ermordung des Admirals. Daraufhin setzten die Amerikaner auf den Armee-General Henri Giraud. Er war nicht wie Darlan mit der Hypothek belastet, an führender Stelle des Vichy-Regimes gestanden zu haben. Vielmehr war dieser schon im Ersten Weltkrieg hoch dekorierte Offizier, der 1940 als Oberbefehlshaber der französischen 5. Armee in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten war, durch seinen im Zusammenspiel mit dem französischen Geheimdienst erfolgten abenteuerlichen Ausbruch aus dem Generalslager Schloss Königsstein gleichsam zum Symbol ungebrochenen soldatischen Widerstandswillen gegen den deutschen Okkupanten geworden. Das Prestige dieses Fünf-Sterne-Generals in der französischen Armee war erheblich größer als dasjenige des Brigadegenerals de Gaulle, der, damals kaum bekannt, 1940 von London aus die Fortsetzung des Kampfes gegen das bis dahin siegreiche Hitler-Deutschland proklamiert hatte. Außerdem hatte de Gaulle bis 1942 auch nur wenige Teile des französischen Kolonialreiches auf seine Seite gebracht. Giraud aber konnte sich auf die von General Weygand und anderen hohen Militärs für die zukünftige Befreiung des Mutterlandes ausgebildete Nordafrika-Armee stützen. Sie war weit größer als die kleine Streitmacht des »Freien Frankreichs« de Gaulles. Die Amerikaner sorgten nicht nur dafür, dass de Gaulle nichts von der Operation Torch, der Landung in Nordafrika, erfuhr; mehr noch: sie hinderten de Gaulle Monate lang daran, London zu verlassen und sich nach Algier zu begeben. De Gaulle aber gab nicht auf. Damit begann eine scharfe Rivalität der beiden Generäle um die führende Rolle bei der Befreiung des Mutterlandes. Der zeitweilig überaus erbitterte Machtkampf zwischen diesen in ihrem Patriotismus ebenbürtigen, ansonsten aber höchst verschiedenartigen Männern dauerte mehr als achtzehn Monate. Der Nur-Militär Giraud, alsbald geschmückt mit dem Ruhm der Befreiung von Tunis und Korsika, setzte ganz auf das Gewicht der Armee, die von den USA modern ausgerüstet unter seinem Befehl kämpfte. De Gaulle hingegen verfügte mit machiavellistischem Geschick und ohne allzu große Skrupel über das gesamte Repertoire klassischer Machtpolitik; am Ende gelang es ihm, den ihm an entschlossenem Machtwillen weit unterlegenen Rivalen politisch auszuschalten.

Michèle Cointet, ausgewiesen durch zahlreiche Arbeiten zur Geschichte Frankreichs im Zweiten Weltkrieg, untersucht in detaillierter Analyse die einzelnen Etappen dieser dramatischen Auseinandersetzung vor dem Hintergrund der militärischen und politischen Entwicklung. Dabei konnte sie sich, neben der Auswertung neuester Forschungsergebnisse, auf erst seit kurzem zugängliches Archivmaterial, darunter die persönlichen Papiere de Gaulles, stützen. Sie bringt wichtige Korrekturen an de Gaulles Memoiren an, zeigt deren aufschlussreiche Lücken auf. Sie kratzt erheblich am gaullistischen Mythos der »France Libre«, nach dem de Gaulle seit Juni 1940 unbeirrt als alleiniger legitimer Vertreter der Republik zu einem ununterbrochenen Marsch zur Befreiung des besetzten Frankreichs aufgebrochen sei, der ihn folgerichtig bis zu jenem historischen Triumphzug am 26. August 1944 auf den Champs-Élysées geführt habe. 1943 war das keineswegs selbstverständlich. Vielmehr war de Gaulle alles andere als unangefochten. Er hat keineswegs die Entwicklung dominiert. Der General, ohnmächtig angesichts der amerikanischen Politik, schwankte längere Zeit zwischen depressiver Stimmung und intransigenter Haltung. Unter den Anhängern de Gaulles in London brachen heftige interne Divergenzen auf über die angemessene Strategie, mit der man der für das gaullistische Lager existenzgefährdenden Situation begegnen sollte.

Die Verfasserin behandelt eingehend die berufliche und persönliche Entwicklung der beiden Rivalen. De Gaulle, intellektuell aktiv und politisch früh interessiert, durch vielfache Kontakte mit dem diplomatischen und politischen Milieu des Paris der Zwischenkriegszeit vertraut, war in dieser Hinsicht Giraud weit überlegen, den Cointet als eine Art vor-demokratischen unpolitischen Kriegertypus des 19. Jhs. charakterisiert. In der entscheidenden Phase des Machtkampfes zwischen den beiden Rivalen spielten, wie Cointet eingehend darstellt, neben weniger bekannten Akteuren prominente Persönlichkeiten wie Macmillan, Murphy und Monnet eine wichtige Rolle. Vor allem Jean Monnet hat als »tuteur d’un Giraud démocrate« den General davor bewahrt, bei den Amerikanern als potentieller Militärdiktator diskriminiert zu werden Ihm war es wesentlich zu verdanken, dass Giraud Anfang 1943 sogar zeitweilig als »maître du jeu« in Nordafrika erscheinen konnte. Hätte dieser mehr Machtinstinkt gehabt, dann hätte er, gestützt auf die Nordafrika – Armee und das Wohlwollen Washingtons, die Chance gehabt, in Algier eine von den Alliierten anerkannte Regierung des befreiten Frankreichs zu bilden. Politiker wie Herriot, und Queuille, Männer wie Monnet, Frenay und General Juin wären dabei an seine Seite getreten. De Gaulle hingegen, seit längerem von den Amerikanern mit tiefem Misstrauen betrachtet, lief Gefahr, vollständig aus dem Spiel geworfen zu werden. In dieser Situation spielte nun der Fünf-Sterne-General Catroux, ehemals vom Kolonialminister George Mandel eingesetzter Gouverneur in Indochina und France-Libre-Anhänger der ersten Stunde, eine Schlüsselrolle. Er agierte als uneigennütziger inoffizieller Botschafter de Gaulles in London wie Washington. Wäre Catroux auf das Angebot Churchills und Roosevelts eingegangen, nunmehr ihn als Repräsentanten Frankreichs an der Seite der Alliierten einzusetzen, wäre de Gaulle nie nach Algier und am Ende nie an die Macht gelangt. De Gaulle musste noch einen schweren, mit Hindernissen und Fallgruben bestückten Weg gehen, ehe er sich in Nordafrika als Führer Frankreichs im Kampf um die Befreiung des Landes etablieren konnte. Catroux half ihm dabei in entscheidendem Maße.

Die Zwangsheirat auf der Konferenz von Casablanca, wo die beiden westalliierten Staatsmänner die rivalisierenden Generäle zu einer öffentlichkeitswirksamen Versöhnungsgeste veranlassten, hielt nicht lange vor. Giraud, von dem antigaullistischen Dauerverschwörer Lemagre-Dubreuil beraten, unterbreitete den Amerikaner ein Memorandum (»le mémorandum d’Anfa«), in dem er sich als einziger Garant der Interessen Frankreichs bezeichnete und das Präsident Roosevelt sich mit seiner Unterschrift zu eigen machte. Seine Anwendung hätte – wie Cointet schreibt – das Ende der gaullistischen »France combattante« bedeutet. Da die Briten nicht beteiligt waren, hat Churchill, von dem über den amerikanischen Alleingang empörten Außenminister Eden gedrängt, de Gaulle gerettet, indem er bei den Amerikanern Veränderungen durchsetzte, welche den politischen Kerngehalt des Dokumentes neutralisierte. In einer Zwischenphase wurden beide Generäle als Co-Präsidenten eines französischen Befreiungskomitees eingesetzt. Der Machtkampf ging aber weiter. Entscheidend wurde letztlich, dass – während Giraud, »un grand guerrier. mais un piètre politique«, in Tunesien militärische Erfolge errang – de Gaulle zwei Trumpfkarten auszuspielen vermochte: einmal schlossen sich ihm einige Teile der Nordafrika-Armee an, was Girauds militärisches Prestige minderte, und zum anderen gelang es, die Résistance-Gruppen im besetzten Mutterland durch Jean Moulin im CNR zu einen und auf de Gaulles Seite zu ziehen: »un joker contre Giraud«. Wieder spielten dabei eine Reihe von Persönlichkeiten, vor allem André Philip und Jacques Soustelle, aber auch René Massigli und Couve de Murville, eine wichtige, in de Gaulles Memoiren heruntergespielte Rolle. Überzeugend vermag die Verfasserin ihre These darzulegen, dass de Gaulle, seit 1940 vergeblich bemüht, sich der ihm von den Briten auferlegten Beschränkungen zu entledigen, erst in den schweren Herausforderungen des Jahres 1943 zu einem Staatsmann geworden sei. Damals habe er allmählich gelernt, seine reiche politische Begabung zu entwickeln, seine Fehler zu korrigieren, und mit Geduld, Raffinement, auch mit Bedenkenlosigkeit den Rivalen aus dem Spiel zu werfen und sich am Ende zum alleinigen Vertreter Frankreichs gegen gefährliche Widerstände der Amerikaner, aber auch von Teilen der neuen französischen Armee zu etablieren. De Gaulle musste den Streitkräften, von denen die Armee, zuvor auf Pétain fixiert, eindeutig Giraud bevorzugte, während die Marine immer noch Darlan als ihrem Schöpfer anhing, den Primat der Politik aufzwingen. Endgültig gelang ihm dies nach Cointet erst viel später mit der Niederschlagung des Putsches vom April 1961 während des Algerienkrieges. Die bitteren Erfahrungen, die General de Gaulle 1942–1943 mit den Amerikanern gemacht hatte, die ihn zunächst ignorierten, dann aus Nordafrika fernzuhalten trachteten, die auf Darlan und dann auf Giraud setzten, die obendrein nicht verhehlten, dass sie das französische Kolonialreich aufzulösen sich bemühten, hatte langfristige Folgen: Aus diesen Erfahrungen resultierten – so der übergreifende Schlussakkord der Verfasserin – seit de Gaulles Wiederkehr an die Macht 1958 nicht nur sein unnachgiebiger Antiamerikanismus, sondern auch sein »philosoviétisme«, seine Algerienpolitik und seine Politik der Unabhängigkeit innerhalb der westlichen Allianz.

Michèle Cointet hat ein quellenmäßig wohlfundiertes, in vielfacher Weise unsere Kenntnis erweiterndes, sehr intelligentes und zudem elegant geschriebenes Werk vorgelegt, an dem man fortan nicht vorübergehen kann, wenn man sich mit diesem Teil der politischen Geschichte des Zweiten Weltkrieges befasst.

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PSJ Metadata
Klaus-Jürgen Müller
M. Cointet: De Gaulle et Giraud (Klaus-Jürgen Müller)
CC-BY-NC-ND 3.0
Zeitgeschichte (1918-1945)
Frankreich und Monaco
Militär- und Kriegsgeschichte, Politikgeschichte
1940 - 1949
4042482-0 118537849 118855441 4079167-1
1942-1944
Nordafrika (4042482-0), Gaulle, Charles de (118537849), Giraud, Henri (118855441), Weltkrieg 1939-1945 (4079167-1)
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M. Cointet: De Gaulle et Giraud (Klaus-Jürgen Müller)
In: Francia-Recensio 2008/4 | 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
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Veröffentlicht am: 26.10.2008 23:40
Zugriff vom: 20.01.2020 16:49
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