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    C.-L.-M. de Coskaer, Mémoires ou »Réflexions sur moi-même, et sur les différentes circonstances où je me suis trouvé dans ma vie« (Susanne Krepold)

    Francia-Recensio 2009/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Charles-Louis-Marie de Coskaer, Comte de La Vieuville, Mémoires ou »Réflexions sur moi-même, et sur les différentes circonstances où je me suis trouvé dans ma vie« & »Lettres à Mme … sur mon voyage en Hollande«. »Pensées libres sur différents sujets«, édition établie et annotée par Catherine Hémon-Fabre et Pierre-Eugène Leroy. Préface de Marc Fumaroli, Paris (Honoré Champion) 2007, 352 S. (Bibliothèque des correspondances, mémoires et journaux, 34), ISBN 978-2-7453-1517-5, EUR 65,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Susanne Krepold, Eichstätt

    Catherine Hémon-Fabre und Pierre-Eugène Leroy, maîtres de conférences am Collège de France, machen mit der Erstedition der Memoiren von Charles-Louis-Marie de Coskaer, Comte de La Vieuville ein Zeitzeugnis der Forschung zugänglich, das für den Historiker wie den Literaturwissenschaftler von Interesse ist. Die beiden erfahrenen Herausgeber legen einen sorgfältig konzipierten, leserfreundlichen Band vor. So sind die Texte von La Vieuville durch die im besten Sinne einfühlsame historische und literaturgeschichtliche Einführung (S. 23–53) der Herausgeber in ihren Kontexten situiert. Die geistreiche »Préface« von Marc Fumaroli, ein einleitender Essay mit dem Titel »Un tombeau littéraire ›à l’antique‹ au XVIII e siècle. Les ›Mémoires‹ de La Vieuville« (S. 9–21), lohnt schon für sich allein die Lektüre. Fumaroli situiert La Vieuvilles Memoiren in der Gattungstradition, ermisst den Einfluss antiker Literatur und vermittelt nicht zuletzt schon einen Eindruck von der odeur dieses Lebensrückblicks, ja dieses Lebens: »Avoir la mémoire de l’odeur, c’est le propre d’une existence vivace dont tous les sens sont restés amoureusement en éveil, vainqueurs de la mort, fidèles à la chair du monde dont elle a fait l’expérience avant de la ressusciter« (S. 10). Zusätzliche Materialien wie ein Stammbau der Familie La Vieuville (S. 54), der die genealogischen Zusammenhänge (S. 27–37) veranschaulicht, und Photographien des Manuskripts (S. 55–57) ergänzen die einführenden Texte. Als sehr hilfreich erweist sich die ausführliche Annotation des Textes. Auch eine kurze Bibliographie (S. 335) und ein Register (S. 339–347) fehlen nicht.

    Welche Schwierigkeiten vor der Herausgabe eines solchen Textes der littérature clandestine zu bewältigen sein können, zeigt schon die Tatsache, dass der Name des Autors auf dem Manuskript nicht zu lesen war. Nur durch einen Glücksfall – die Herausgeber erzählen dieses kleine philologische Abenteuer (S. 25–27) – konnte er erschlossen werden.

    Charles-Louis-Marie de Coskaer, Comte de La Vieuville war das jüngste Kind einer altadeligen Familie. Der Familientradition entsprechend standen die Eltern René-François und Marie-Louise de La Chaussée d’Eu in Diensten der Krone, so dass über sie u.a. die Memoiren von Saint-Simon Auskunft geben – La Vieuvilles Mutter war etwa dame d’atours der comtesse de Berry, während Mme de Saint-Simon deren dame d’honneur war. An Saint-Simon erinnert auch La Vieuvilles lebendige Sprache. La Vieuville beginnt seine Memoiren in seinem 55. Lebensjahr zu schreiben und zwar – wie man nach deren Lektüre weiß – aus der selbstbewussten Haltung eines Mannes, der sich nach einem bewegten Leben aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und in einer späten Ehe auch privates Glück gefunden hat. Dennoch kein verklärender Blick zurück, vielmehr ist diese Lebensgeschichte weit entfernt von den Topoi der Autobiographik. Als Kind von seiner Mutter nicht geliebt, ja ungerecht behandelt, erhält Charles auch keine standesgemäße Erziehung. Schon im Prolog klagt er über diese Nachlässigkeit seiner Eltern, sieht hierin aber gerade die Wurzeln seiner geistigen Souveränität. Eigenständigkeit und unabhängiges Urteil kennzeichnen denn auch den Lebensbericht und die Reflexionen, die ihn immer wieder durchbrechen. So streift der Leser, dem Verlauf des Lebens entsprechend, unterschiedliche Felder, erfährt ausführlich vom Leben im Malteserorden, von Reisen zu Land und zu Wasser nach Malta und Holland, von Feldzügen gegen die Türken, von den philosophisch-theologischen Diskussionen eines freigeistigen Zirkels, und nicht zuletzt die bisweilen ungewöhnlichen Gedanken eines Angehörigen der noblesse d’epée über den Law-Skandal und die ihm folgende Finanzkrise, über den Jansenismus, aber auch über den (eingeschränkten) Nutzen von Reisen, über Ehe und Familie, über Erziehung und Freundschaft. Da La Vieuvilles Familie in höchsten Kreisen verkehrt, werden die Namen oft verschwiegen, so dass erst die Anmerkungen der Herausgeber manche Dunkelheit erhellen, die der Diskretion geschuldet war. La Vieuville durchläuft, von seinem Onkel, Jean l’Évangéliste de La Vieuville, gefördert, die militärische Karriere, wird Musketier und Malteserritter. Als er 1714 einer citation des Großmeisters folgt, wechselt der Schauplatz vom königlichen Hof und von Nordfrankreich, wo sich La Vieuvilles Regiment befindet, nach Malta und zum vom Orden geprägten Leben. Zurück in Paris erhält er auf Vermittlung seiner Schwester Marie-Madeleine, Mme de Parabère, der Mätresse des Regenten, einen Posten in der gendarmerie royale und steigt bis zum lieutenant des gendarmes bourguignons auf. Als genauer Beobachter des politischen und gesellschaftlichen Geschehens – bei aller Abneigung gegen das Hofleben – beschreibt er ausführlich Laws System und seine Folgen (S. 140–151).

    Ein Bericht über eine Reise in die Niederlande gibt Gelegenheit zu Beobachtungen und Reflexionen über die christlichen Glaubensrichtungen. La Vieuville nimmt an einer Quäker-Versammlung teil, besucht calvinistische Kirchen und verurteilt die Konflikte zwischen Jesuiten und Jansenisten, die doch nur Verunsicherung gebracht hätten (S. 186–188). Als Teilnehmer am Polnischen Thronfolgekrieg schreibt er über die Macht des Kardinals Fleury. Bei einer fälligen Beförderung übergangen zieht er sich schließlich vom Militär zurück – »donné assez au préjugé« (S. 223).

    Mit Louis-Robert de Bréhan, comte de Plélo und seiner Frau verbindet ihn eine tiefe Freundschaft und eine Mittwochsgesellschaft, die philosophische Lektüren pflegt und auch den Kontakt zu Étienne Guillaume, Priester und Verfasser eines zwischen Atheismus und Deismus schwankenden Traktats, herstellt. Als dieser freigeistige Freundeskreis denunziert wird, gerät auch La Vieuville in Gefahr. Seinen Memoiren vertraut er, auch ein Leser des später vor allem durch Voltaires Vermittlung bekannten curé Meslier, gleichwohl die Früchte dieser Lektüren an. Das Leben mit Plélo und dessen Frau findet ein Ende, als Plélo als Botschafter nach Kopenhagen berufen wird und bald darauf bei der Belagerung von Danzig zu Tode kommt. La Vieuville bringt dieser Verlust dazu, sein Leben neu zu ordnen. Er nimmt seine Nichte Anne-Geneviève d’Arrest 1745 zur Frau. Mit der Heirat verlässt er nach dreißig Jahren des Zusammenlebens das Haus seiner Schwester. Als diese ihm kurz darauf durch finanzielle Forderungen in Erbsachen Schwierigkeiten bereitet, trifft ihn das tief. Seine Ehe ist trotz des großen Altersunterschieds glücklich. Dass die Verbindung kinderlos bleibt, ist für La Vieuville ein weiterer Anlass zu Reflexionen über jene préjugés , jene gesellschaftlichen Erwartungen, denen er stets feind war. »Assis à l’écart sur la surface de notre globe« (S. 265) schließt er seine Memoiren, wie er sie begonnen hatte, mit einem Horaz-Zitat: »Celui-là seul est constamment heureux, Il ne dépend que de lui-même« (ibid.). Neben den Memoiren sind La Vieuvilles Briefe über seine Reise in die Niederlande ediert, die als Material für die entsprechenden Passagen in den Memoiren gedient haben, sowie ein Brief – vielmehr ein langes Gelegenheitsgedicht – von Plélo an La Vieuville, welcher aus Dänemark rückblickend auf die gemeinsam verbrachten Lebensabschnitte die Zeit in Paris um die Perspektive des Freundes ergänzt (S. 321–334). Das erzählte Leben der Memoiren findet eine Entsprechung in der reflexiv zugespitzten Form des Aphorismus. Mehr als eine der Bemerkungen über Moral, Religion und Gesellschaft, die in der kleinen Aphorismensammlung »Pensées libres sur divers sujets« (S. 303–320) zusammengefasst sind, liest sich wie ein Kondensat der in den Memoiren narrativ gestalteten Lebenserfahrung.

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    PSJ Metadata
    Susanne Krepold
    C.-L.-M. de Coskaer, Mémoires ou »Réflexions sur moi-même, et sur les différentes circonstances où je me suis trouvé dans ma vie« (Susanne Krepold)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Europa
    Familiengeschichte, Genealogie, Biographien
    18. Jh.
    4015701-5
    Europa (4015701-5)
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    C.-L.-M. de Coskaer, Mémoires ou »Réflexions sur moi-même, et sur les différentes circonstances où je me suis trouvé dans ma vie« (Susanne Krepold)
    In: Francia-Recensio 2009/1 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2009-1/FN/De-Coskaer_Krepold
    Veröffentlicht am: 09.04.2009 14:35
    Zugriff vom: 03.08.2020 19:33
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