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    R. d’Aguilers, Histoire des Francs qui prirent Jérusalem (Gesine Klintworth)

    Francia-Recensio 2009/1 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Raymond d’Aguilers, Histoire des Francs qui prirent Jérusalem. Chronique de la première croisade (1095–1099), traduite du latin par François Guizot, Rennes (Les Perséides) 2006, 184 S. (Aux sources de l’Histoire, 5), ISBN 978.2-915596-18-2, EUR 16,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Gesine Klintworth, Düsseldorf

    2006 erschien im Verlag Les Perséides die französische Übersetzung einer Chronik des ersten Kreuzzugs: der von Raymond d’Aguilers verfassten Historia Francorum qui ceperunt Iherusalem . Dabei handelt es sich um eine überarbeitete Neuauflage der bereits 1824 publizierten Übersetzung von François Guizot (1787–1874). Der Band umfasst 184 Seiten und enthält neben dem rein französischen Text eine zweiseitige Notiz (S. 7f.) über den Chronisten sowie über die Entstehung und den Quellenwert des Kreuzzugsberichtes. Erst im Anschluss daran erfährt der Leser, dass Guizots Übersetzung bereits 1824 in den »Mémoires sur l’histoire de France« (Band XXI, S. 227–397) – gemeint ist die 30-bändige »Collection des mémoires relatifs à l’histoire de France« – veröffentlicht wurde. Leider fehlen an dieser Stelle weitere Angaben zu François Guizot, obwohl bekanntlich jede Übersetzung zugleich eine Interpretation darstellt, der Person des Übersetzers also ebenfalls eine gewisse Bedeutung zukommt.

    Dieses Versäumnis ist umso erstaunlicher, als François Guizot ein bedeutender Historiker und Politiker Frankreichs des 19. Jhs. war. Seine politische Karriere begann mit der Restauration, als 1814 der Sturz des Kaiserreichs Platz für neues Personal in der Regierung schuf. Während der Julimonarchie bekleidete er verschiedene Ministerämter, zuletzt das des französischen Außenministers (1840–1848). Guizots Laufbahn als Historiker nahm bereits im napoleonischen Kaiserreich ihren Anfang: Schon 1812 erhielt er im Alter von 24 Jahren den Lehrstuhl für Neuere Geschichte an der Sorbonne, beschränkte sich in seinen Studien aber keineswegs auf diesen Zeitraum. Die breit gefächerte Arbeitsweise zeigte sich auch in seinen Vorlesungen über die Zivilisation Frankreichs und Europas, in denen er einen Überblick von der Antike bis zur Moderne bot und dabei die gesellschaftlichen Strukturen und ihre Entwicklung in den Vordergrund rückte. Er legte zudem großen Wert auf Quellenarbeit und maß der Erläuterung und Interpretation von Fakten einen größeren Stellenwert bei als ihrer narrativen Wiedergabe. François Guizot ist daher zu den Begründern einer damals neuen Schule der Geschichtswissenschaft in Frankreich zu zählen 1 .

    Bedingt durch häufige Wechsel innerhalb der Regierung Frankreichs im 19. Jh., musste sich Guizot jedoch nicht nur wiederholt aus der Politik zurückziehen, er verlor 1822 auch vorübergehend die Lehrerlaubnis an der Sorbonne, die erst sechs Jahre später wieder erteilt wurde. In dieser Zeit entstanden verschiedene historische Werke, unter anderem die »Collection des mémoires relatifs à l’histoire de France«, ein Gemeinschaftswerk mit anderen Gelehrten, in dem seine Übersetzung der Kreuzzugschronik von Raymond d’Aguilers unter dem Titel »Histoire des Francs qui ont pris Jérusalem« erstmals veröffentlicht wurde.

    Seiner Übersetzung stellte Guizot 1824 eine Notiz voran (Collection, Band XXI, S. 223–226), die bis auf den letzten Abschnitt Wort für Wort von den Herausgebern der Neuauflage von 2006 übernommen wurde. Darin präsentierte er Raymond d’Aguilers als Augenzeugen, der persönlich am ersten Kreuzzug teilgenommen und seinen Bericht unter Zusammenarbeit mit dem Ritter Pons von Balazun vor Ort verfasst hatte. Da Aguilers im Gefolge des provençalischen Heeres mitgezogen war, stehen die Kreuzfahrer aus dem Süden Frankreichs und aus der Provence im Mittelpunkt seiner Chronik. Während Guizot den Wert der Quelle als detailfreudigen und lebendigen Augenzeugenbericht pries, konstatiert man heute auch die Schwächen des Textes, die etwa in der einseitigen Fixierung auf den provençalischen Teil des Heeres zu sehen sind, vor allem aber in der Fiktion, die Aguilers ähnlich wie viele seiner Zeitgenossen mit dem Tatsachenbericht vermischte. Darauf hinzuweisen wurde in der Ausgabe von 2006 trotz verschiedener Änderungen zum Ende der Notiz versäumt. Statt der abschließenden Bezugnahme Guizots auf die – zum Zeitpunkt seines Wirkens einzige existierende – Textedition von Bongars findet sich 2006 beispielsweise die einfache Mahnung, den Text mit der nötigen historischen Distanz zu lesen. Dieser Eingriff in Guizots Notiz ist nicht kenntlich gemacht worden. Daran anschließend werden in einem zusätzlichen Abschnitt neben dem Zeitpunkt der Veröffentlichung von Guizots Übersetzung die Texteditionen von Bongars (ohne Jahresangabe) und des »Recueil des historiens des croisades, Historiens Occidentaux«, Band III, aus dem Jahre 1866 genannt.

    Letztere stand Guizot noch nicht zur Verfügung, er griff bei seiner Übersetzung vermutlich auf die Vorlage von Bongars zurück. Diese 1611 publizierte Edition basierte allerdings auf zwei Manuskripten, die heute verschollen sind, in der Edition des »Recueil des historiens des croisades« aber ebenso aufgegriffen wurden wie verschiedene andere Versionen der Kreuzzugschronik. Trotz seiner Vorliebe für quellennahes Arbeiten verzichtete Guizot bei der Veröffentlichung seiner Übersetzung auf Anmerkungen, die über die vorangestellte Notiz hinausgehen würden. Daher erfährt der Leser weder etwas über die verwendeten Manuskripte, noch finden sich textkritische Bemerkungen. Auch die Ausgabe von 2006 verfügt über keinen entsprechenden Anmerkungsapparat. Dagegen wurden verschiedentlich Änderungen an Guizots Text vorgenommen, ohne diese zu kennzeichnen oder auch nur den Bearbeiter zu erwähnen. Dies betrifft nicht nur den letzten Abschnitt der Notiz, auch der Text der Übersetzung stimmt nicht vollkommen mit Guizots Version von 1824 überein. In den meisten Fällen handelt es sich um Vereinfachungen, sei es dass die Orthographie an die heutige Sprache angepasst wurde, sei es dass zum Teil veraltete oder komplizierte Wendungen verständlicher formuliert wurden. Damit entfernt sich die Ausgabe von 2006 im Vergleich zu Guizots Fassung vom lateinischen Text, andererseits erleichtert sie dem heutigen Leser das Textverständnis.

    Für wissenschaftliche Zwecke besser geeignet ist zweifellos die 1968 erschienene englische Übersetzung von John Hugh und Laurita L. Hill 2 . Anders als Guizot im Jahre 1824 und seine Editoren von 2006 geben die Hills nicht nur Hinweise auf Aguilers Anleihen aus anderen Chroniken und aus der Bibel, sie liefern auch genauere Angaben zur Manuskriptvorlage ihrer Übersetzung. Im Gegensatz zu den Texteditionen von 1611 und 1866 wie auch zu Guizots französischer Version von 1824 beschränkt sich die Hillsche Übersetzung zudem auf ein ausgewähltes Manuskript aus dem 12. Jh., statt eine Kompilation verschiedener Versionen zu verwenden, und entspricht damit stärker den heutigen Maßstäben für Texteditionen.

    Dennoch bleibt Guizots Übersetzung die einzige französischsprachige Fassung der Historia Francorum qui ceperunt Iherusalem . So kommt dem Verlag Les Perséides trotz fehlender kritischer Anmerkungen – ob nun zur Textvorlage, zu Verfasser und Bearbeiter oder zu den Änderungen gegenüber 1824 – das Verdienst zu, die bislang nur als Teil der »Collection des Mémoires relatifs à l’histoire de France« erhältliche Übersetzung durch die Herauslösung aus dieser Sammlung und die Anpassung des Textes an den heutigen Sprachgebrauch einem breiteren französischsprachigen Publikum zugänglich gemacht zu haben.

    1 Zur Bewertung Guizots als Historiker vgl. Douglas Johnson, Guizot. Aspects of French History 1787–1874, London, Toronto 1963, der diesem Thema ein ganzes Kapitel widmet (S. 320–276). Vgl. außerdem G. P. Gooch, Geschichte und Geschichtsschreiber im 19. Jahrhundert, Frankfurt a. M. 1964, S. 205–212; Gabriel de Broglie, Guizot, Paris 1990; Charles-Olivier Carbonell, Guizot, in: Lucian Boia (Hg.), Great Historians of the Modern Age. An International Dictionary, New York u. a. 1991, S. 242f.

    2 John Hugh, Laurita L. Hill, Raymond d’Aguilers, Historia Francorum qui ceperunt Iherusalem, Philadelphia 1968 (Memoirs of the American Philosophical Society, 71). Die Edition des lateinischen Textes von John Hugh und Laurita L. Hill erschien 1969 unter dem Titel »Le ›Liber‹ de Raymond d’Aguilers«, in der Reihe der »Documents relatives à l’histoire des croisades« der Académie des inscriptions et des belles-lettres. Manuskriptvorlage der Übersetzung wie der Edition war ms. latin 14378 der BNF.

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    PSJ Metadata
    Gesine Klintworth
    R. d’Aguilers, Histoire des Francs qui prirent Jérusalem (Gesine Klintworth)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Hohes Mittelalter (1050-1350)
    Kirchen- und Religionsgeschichte, Politikgeschichte
    6. - 12. Jh.
    124208800 4020517-4 4073803-6 4135952-5
    1096-1099
    Raimund IV., Toulouse, Graf (124208800), Geschichte (4020517-4), Kreuzzug 1096-1099 (4073803-6), Quelle (4135952-5)
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    R. d’Aguilers, Histoire des Francs qui prirent Jérusalem (Gesine Klintworth)
    In: Francia-Recensio 2009/1 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2009-1/MA/Guizot_Klintworth
    Veröffentlicht am: 08.04.2009 18:20
    Zugriff vom: 06.06.2020 20:25
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