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F.W. Kagan, The End of the Old Order (Guido Braun)

Francia-Recensio 2009/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Frederick W. Kagan, The End of the Old Order. Napoleon and Europe, 1801–1805, Cambridge (Da Capo Press) 2006, XXVI–774 S. (Napoleon and Europe, 1), ISBN 0-306-81137-5, USD 40,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Guido Braun, Bonn

Der Beginn des 21. Jahrhunderts steht im Zeichen einer Reihe napoleonischer Jubiläen. Es jährten sich zum zweihundertsten Mal die Kaiserkrönung Napoleons vom 2. Dezember 1804 und sein Sieg über die Dritte Koalition bei Austerlitz vom 2. Dezember 1805, um nur zwei Beispiele zu nennen. Die Napoleonforschung begleitet diese Serie von bicentenaires mit zahlreichen wissenschaftlichen Projekten und Veröffentlichungen. Dazu zählen zwei herausragende, mehrbändige Gesamtdarstellungen der napoleonischen Epoche: Zum einen legte Thierry Lentz in den Jahren 2002–2007 die ersten drei Bände seiner vierbändigen »Nouvelle histoire du Premier Empire« vor. Nach einer politischen Geschichte von Aufstieg (1804–1810) und Niedergang (1810–1814) des Ersten Kaiserreiches in den Bänden I und II bietet der dritte Band eine strukturgeschichtliche Darstellung von Verfassung, Gesellschaft und Wirtschaft, in der, obwohl Staat und Herrschaft im Mittelpunkt der Betrachtung stehen, unter anderem auch alltags- und kunstgeschichtliche Aspekte thematisiert werden (insofern muss die von Teilen der deutschen Forschung im Hinblick auf die ersten beiden Bände gestellte kritische Frage, ob es sich hier wirklich um eine »neue« Geschichte des Kaiserreiches handele, nach dem Erscheinen des dritten Bandes für das Gesamtwerk sicherlich anders beantwortet werden). Band IV zu den Cent-Jours steht noch aus. Mit seinen 2123 Seiten geben die ersten drei Bände jedoch schon heute einen hervorragenden Überblick über das Kaiserreich vor der Episode der Hundert Tage. Zum anderen unternimmt der amerikanische Militärhistoriker Frederick W. Kagan nun eine ähnlich ambitionierte Gesamtdarstellung des Zeitalters der Napoleonischen Kriege, die ebenfalls auf vier Bände angelegt ist. Der hier anzuzeigende Band I behandelt das Ende der alten europäischen Staatenordnung (»The End of the Old Order«) in den Jahren 1801–1805. Das Gesamtwerk, das der Geschichte der napoleonischen Kriege von 1801–1815 gewidmet ist, soll künftig mit den Bänden II (»Birth of an Empire, 1806–1808«), III (»Clash of Empires, 1809–1812«) und IV (»The Grand Coalition, 1813–1815«) fortgesetzt werden. Kagan setzt anders als Lentz schon drei Jahre vor der Kaiserkrönung, in der Zeit der Friedensschlüsse von Lunéville, Paris und Amiens, ein. Im Mittelpunkt seines ersten Bandes stehen jedoch die Bildung der Dritten Koalition sowie die Vorgeschichte und Geschichte des Dritten Koalitionskrieges, an dessen Ende Napoleon bei Austerlitz einen durchschlagenden Sieg erringen und in die Friedensschlüsse von Schönbrunn und Preßburg ummünzen konnte. Die Geschichte dieser Dritten Koalition und der anschließenden Friedensschlüsse umfasst über vier Fünftel der Darstellung. Mit 774 Seiten ist dieses Werk den einzelnen Bänden Lentz’ umfangmäßig ebenbürtig. Die inhaltlichen Unterschiede zwischen beiden Darstellungen sind jedoch erheblich, denn obwohl Lentz, ebenso wie Kagan, in den chronologisch angelegten Teilen seines Œuvres die politische Geschichte mit der Kriegsgeschichte verbindet, stehen bei ihm eindeutig Erstere im Vordergrund, während Kagan die napoleonischen Kriege aus der Perspektive des Militärhistorikers darstellt. Kagan zählte bislang nicht zu den ausgewiesenen Napoleon-Forschern. Er beschäftigte sich in seinen Publikationen seit dem Ende der 1990er Jahre mit der Militärgeschichte des zaristischen Russland, den Militärreformen Zar Nikolaus’ I. als Ursprung der modernen russischen Armee, der Militärgeschichte der Sowjetunion sowie mit den Transformationen der amerikanischen Militärpolitik insbesondere seit dem ersten Golfkrieg. Diese Erfahrungen aus der Beschäftigung mit der russischen Militärgeschichte kommen Kagans Darstellung der napoleonischen Kriege nun sehr zugute, denn er zeigt sich mit den russischen Verhältnissen und den einschlägigen Quellen sowie der russischen Geschichtsschreibung sehr gut vertraut. Dies führt zum Teil zur Korrektur älterer Darstellungen, welche die russischen Quellen und die russische Literatur nicht adäquat verarbeiteten. Zwar mangelt es nicht an aktuellen englischsprachigen Gesamtdarstellungen zum Zeitalter der Napoleonischen Kriege. Es wären unter anderem David Gates’ »The Napoleonic Wars, 1803–1815« (1997), Gregory Fremont-Barnes’ und Todd Fishers »The Napoleonic Wars: The Rise and Fall of an Empire« (2004) sowie vor allem Owen Connellys »The Wars of the French Revolution and Napoleon, 1792–1815« (2006) zu nennen. Dabei handelt es sich jedoch um wesentlich knappere Überblicksdarstellungen. Für die von Kagan behandelten Themen war daher bislang oftmals der Rückgriff auf die detaillierteren militärgeschichtlichen Werke des 19. Jahrhunderts erforderlich. Sein Buch ist mit dem vom Verfasser angestrebten und im ersten Band eingelösten Anspruch auf Präzision auf seinem Gebiet derzeit einzigartig (diese Genauigkeit manifestiert sich nicht zuletzt im zweigeteilten Fußnotenapparat mit sachlichen Ergänzungen in Anmerkungen am Seitenende und reinen Quellen- und Literaturbelegen in einem Anmerkungsanhang im Anschluss an die Darstellung). Dennoch sind auch dessen Grenzen offensichtlich: Kagan verbindet eine diplomatische Geschichte der Haupt- und Staatsaktionen mit der Darstellung der napoleonischen Kriege aus der Sicht der Herrscher, ihrer Minister und ihrer Generäle. Wenig berücksichtigt wird von ihm die Perspektive der einfachen Soldaten, der Kriegserfahrungen für die Armee und die Zivilbevölkerung, ebenso wenig der Aspekt der Erinnerungsgeschichte. Kagan bezieht auch die gesellschaftlichen und kulturellen Umbrüche sowie die herrschaftliche Durchdringung eroberter oder mit dem Empire indirekt verbundener Territorien kaum ein. Seine Geschichtskonzeption orientiert sich explizit an Clausewitz. Das mag für ein rein militärgeschichtliches Werk ausreichend sein. Bei einem Buch, das auch die politische Geschichte einbezieht, reicht dieses methodische Rüstzeug, angesichts der gerade in den letzten Jahrzehnten erreichten Erweiterung um neue Zugänge und Fragestellungen, gleichwohl nicht mehr aus. Kleinere Ungenauigkeiten sind in einem solch umfangreichen Werk kaum zu vermeiden, und in diesem Fall sind sie äußerst selten (nicht richtig ist zum Beispiel die Formulierung S. 2f., der zufolge das Heilige Römische Reich im 18. Jahrhundert sich ausschließlich auf deutsche Lande erstreckt habe, sodass etwa Böhmen und Reichsitalien herausfallen; ferner verstarb 1740 Karl VI., nicht Karl V., ibid.; des Weiteren gab es 1792 noch keinen Kaiser von Österreich, und Franz II. führte als dessen Kaiser später den Namen Franz I., S. 5). Die Stärke Kagans liegt eindeutig auf militärgeschichtlichem Gebiet, und hier bezieht er auch den aktuellen militärwissenschaftlichen Forschungsstand ein. Seine Darstellung beeindruckt durch ihren Faktenreichtum, nicht zuletzt aber auch durch ihren sachlichen Duktus, der umso mehr zu würdigen ist, als Napoleon auch heute noch vielfach polarisiert, auf der einen Seite der »Mythos des Retters« weiterhin seine Schatten wirft und auf der anderen gerade die angelsächsische Forschung mit unpassenden Vergleichen etwa zu Hitler das Verständnis der napoleonischen Herrschaft teilweise eher erschwert denn fördert. In dieser Hinsicht ist es sehr begrüßenswert, dass Kagan durch seine sehr quellennahe und sachliche Argumentation solche unpassenden Vergleiche, überspitzte Thesen und Mythen zur napoleonischen Herrschaft widerlegt bzw. dekonstruiert. Eines seiner Hauptanliegen besteht darin nachzuweisen, dass die alliierten Armeen des »Ancien Régime« sich gegenüber Napoleon nicht strukturell im Nachteil befanden, sondern dass sie nach ihrer anfänglichen Unterlegenheit ihren Sieg 1813 im Wesentlichen den in militärische Macht umgesetzten politischen Verbesserungen verdankten (»political improvement […] translat[ed] into military power«, S. XXIV), ohne dass sich diese Armeen 1813 von den zwischen 1805 und 1807 ins Feld geführten hinsichtlich ihrer Organisationsstruktur grundsätzlich unterschieden hätten, sondern nur marginal verbessert worden seien. Ferner relativiert Kagan grundsätzlich die Verschiedenartigkeit der Kriegführung seit der Französischen Revolution und in den »dynastic wars« des Ancien Régime (S. 222). Nicht zuletzt in Dürnstein erblickt Kagan eine »battle that undermines the traditional image of Kutuzov [des russischen Generals] and the Russian and Austrian armies« (S. 481), welche der Beweglichkeit der französischen Truppen taktisch keineswegs unterlegen gewesen seien. Zudem sei – entgegen der herkömmlichen Kritik am Ancien Régime – eine Offizierskarriere in der österreichischen Armee mitnichten nur von hoher Geburt abhängig und die »promotion based on merit« nicht ausschließlich auf die französische Armee beschränkt gewesen (S. 505 Anm.*). Man kann sein Buch mit Fug und Recht als einen beachtlichen Beitrag zur Grundlagenforschung über den militärischen Verlauf der napoleonischen Kriege werten, deren Darstellung zum Teil auf ungedruckten österreichischen und französischen Akten beruht und durch größtenteils vom Autor selbst beigebrachte Karten illustriert wird. Eindrucksvoll belegt es den bedeutenden Einfluss der Kommunikationsprobleme auf die Kriegführung um 1805 (auch auf französischer Seite). Trotz Kagans Ansatz einer integrativen Kriegs- und Diplomatiegeschichte wird man für die politischen Zusammenhänge und Entwicklungen jedoch eher zu Lentz (oder anderen Autoren) greifen. Es bleibt auch abzuwarten, ob die weitere militärgeschichtliche Forschung der revisionistischen Tendenz dieses Buches, das die typologischen Unterschiede zwischen den Armeen Napoleons und des Ancien Régime – gerade im Umkreis von Austerlitz als »invalid […] interpretation« des französischen Sieges (S. 622) – sehr zu nivellieren sucht, in allen Punkten folgen wird. Angesichts seiner Alleinstellungsmerkmale ist jedoch zu hoffen, dass die folgenden Bände dieses monumentalen Werkes in erfreulich kurzen Abständen folgen können wie bei der »Nouvelle histoire du Premier Empire«.



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Guido Braun
F.W. Kagan, The End of the Old Order (Guido Braun)
CC-BY-NC-ND 3.0
Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
Europa
Militär- und Kriegsgeschichte
18. Jh.
118586416 4015701-5
Napoléon III., Frankreich, Kaiser (118586416), Europa (4015701-5)
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F.W. Kagan, The End of the Old Order (Guido Braun)
In: Francia-Recensio 2009/2 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2009-2/FN/Kagan_Braun
Veröffentlicht am: 11.09.2009 10:30
Zugriff vom: 07.08.2020 14:07
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