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H. Kamen, Imagining Spain (Markus Reinbold)

Francia-Recensio 2009/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Henry Kamen, Imagining Spain. Historical Myth and National Identity, New Haven, London (Yale University Press) 2008, XIV–240 S., ISBN 978-0-300-12641-9, USD 38,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Markus Reinbold, Mainz

»Einer der außergewöhnlichsten Aspekte des spanischen 16. Jahrhunderts ist, dass viele Spanier noch immer in ihm leben. Sie haben es sozusagen nie verlassen« (S. IX) – so der provokante Auftakt des Bandes. Henry Kamen, der britische Experte für die Geschichte Spaniens in der Frühen Neuzeit, ist ein Meister der Zuspitzung. Er lehrte in Großbritannien, Spanien und in den USA. Bereits in seiner Biografie »Philip of Spain« (1997) und in »The Spanish Inquisition – A Historical Revision« (1998) räumte er mit tatsächlichen oder vermeintlichen Legenden auf. 2003 führte seine Studie »Empire. How Spain Became a World Power« zu einer Kontroverse mit führenden spanischen Historikern, die ihm übelnahmen, dass er das Bild der spanischen Conquista als umfassend geplante Staatsaktion selbstloser Eroberer im Auftrag der Krone revidierte. Betagte Mitglieder der ehrwürdigen Real Academia de la Historia attackierten Kamen daraufhin und beklagten das Unglück, »dass Ausländer unsere Geschichte für uns schreiben« (Luis Suárez Fernández). Nun verhält es sich freilich so, dass es ausländischer Historiker bedurfte, um nicht wenige Kapitel der spanischen Geschichte auf wissenschaftlichem Niveau zu bearbeiten. Ein Grund dafür dürfte der Befund in Kamens jüngstem Werk sein, in dem sich der Autor dem Geschichtsbild der Spanier und dessen Folgen für die Identitätsbildung zuwendet. Kamen wagt die These, die behelfsmäßige Identität der Spanier basiere auf dem mythenbehafteten Bild, das man vom Spanien des 16. Jahrhunderts seit langem konserviert habe.

Nach einer kurzen Einleitung, der ein Diktum von Ortega y Gasset von 1921 vorangestellt ist, wonach das Bild, das seine Landsleute von ihrer Vergangenheit haben, recht bizarr sei und die Weiterentwicklung der Gesellschaft verhindere, folgen sieben Hauptkapitel. Jedes von ihnen behandelt eine Facette des von Kamen diagnostizierten Mythengebildes: den Mythos von Spanien als historischer Nation, als gescheiterter Monarchie, als einer Bastion des Christentums, als eines Weltreiches, als Brutstätte der Inquisition, als Ausgangspunkt einer Weltsprache sowie als Land, das sich seit dem 17. Jahrhundert in stetigem Abstieg befinde. Das Nachwort unter dem Titel »Myth and the Erosion of Identity in Spain« endet mit einer düsteren Prophezeiung: »Mythenbildung zur spanischen Geschichte der Frühen Neuzeit wird andauern; denn sie ist eine direkte Folge des Versagens, keine homogene nationale Identität und keine kohärente kollektive Erinnerungskultur zustande gebracht zu haben« (S. 210).

In Spaniens Öffentlichkeit hat sich Kamen damit neuerlich Kritik eingehandelt. Diese scheint indes seine These zu bestätigen, der zufolge der Mythos vom Spanien unter Karl V. und Philipp II. über alle politischen Grenzen hinweg noch heute verteidigt wird. In Ermangelung einer gemeinsamen Vorstellung von dem, was man unter historisch gewachsener nationaler Identität verstehen könnte, bleibe der einzige gemeinsame Bezugspunkt die Geschichte des vermeintlich glorreichen 16. Jahrhunderts. Dieser Mythos werde mit Vehemenz von Links wie Rechts verteidigt. So zerrissen die Spanier in Fragen der Abtreibung, der Homo-Ehe oder des gewünschten Einflusses der Kirche generell sind – die Essentials Weltreich, Weltsprache, Katholizismus, Inquisition und andauernder Niedergang der internationalen Stellung Spaniens, als konstitutiv für das 16. Jahrhundert verstanden, stehen nicht zur Diskussion. Wenn doch, so reagiert selbst die linksliberale Tageszeitung »El País« gereizt, wie Kamen genüsslich feststellt (S. 206f.). Man erinnert sich an den Beginn im »Herz der Finsternis« von Joseph Conrad, wo es – auf das britische Empire gemünzt – im Angesicht der Themse heißt: »Wir schauten auf den ehrwürdigen Strom nicht im lebhaften Rot eines flüchtigen Tages, der kommt und für immer verschwindet, sondern im erhabenen Licht beständiger Erinnerungen«, um »den Geist einer großen Vergangenheit zu beschwören«.

Kamen kommt freilich nicht umhin, eine Entkrampfung des heutigen demokratischen Spanien im Umgang mit der Vergangenheit zu konzedieren. Daher setzt der Rezensent hinter die dunkle Prognose Kamens ein Fragezeichen und verleiht seiner Zuversicht Ausdruck, dass eine Generation junger spanischer Historiker auch das spanische 16. Jahrhundert mit dem Blick des leisen Zweifels betrachtet, statt reflexartig ein museales Geschichtsbild zu verteidigen. Dennoch: Es handelt sich um ein sehr mutiges Buch, mit dem sich Kamen erneut in den Ring der Geschichtsdebatte in Spanien begibt und seine Lieblingsrolle als agent provocateur spielt.



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PSJ Metadata
Markus Reinbold
H. Kamen, Imagining Spain (Markus Reinbold)
CC-BY-NC-ND 3.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Spanien
Kultur- und Mentalitätsgeschichte
19. Jh.
4055964-6 4041282-9
Spanien (4055964-6), Nationalbewusstsein (4041282-9)
PDF document Kamen_Reinbold.doc.pdf — PDF document, 95 KB
H. Kamen, Imagining Spain (Markus Reinbold)
In: Francia-Recensio 2009/2 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2009-2/FN/Kamen_Reinbold
Veröffentlicht am: 11.09.2009 10:30
Zugriff vom: 27.01.2020 00:36
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