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    H. Kugeler, Christian Sepp, Georg Wolf (Hg.), Internationale Beziehungen in der Frühen Neuzeit (Guido Braun)

    Francia-Recensio 2009/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Heidrun Kugeler, Christian Sepp, Georg Wolf (Hg.), Internationale Beziehungen in der Frühen Neuzeit. Ansätze und Perspektiven, Münster (LIT) 2006, 279 S. (Wirklichkeit und Wahrnehmung in der Frühen Neuzeit, 3), ISBN 3-8258-7583-0, EUR 19,90 .

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Guido Braun, Bonn

    Die Geschichte der internationalen Beziehungen ist seit den 1990er Jahren erneut in den Mittelpunkt des Interesses der Forschung gerückt. Diese Entwicklung, an der die Frühneuzeitforschung gestaltend beteiligt ist, lässt sich jedoch nicht als Renaissance der traditionellen Diplomatiegeschichte beschreiben. Sie ist, nicht zuletzt durch das kulturalistische Paradigma, vielmehr mit einer thematischen Neuausrichtung und der Ausarbeitung neuer Fragestellungen verbunden, die ihrerseits wiederum »alte« Fragen der politischen Geschichte in neuem Licht erscheinen lassen, wenn es beispielsweise um die Handlungsmöglichkeiten und Entscheidungsprozesse von Außenpolitik unter frühmodernen Kommunikationsbedingungen geht. Insofern ist es durchaus zutreffend, dass sich hier (dem Titel eines jüngeren Handbuches entsprechend) eine »Nouvelle histoire des relations internationales« konstituiert hat. Doch sollten über dieser deutlichen Zäsur keineswegs die Elemente der Kontinuität übersehen werden, zu denen die Herausgeber des zu besprechenden Bandes aus Sicht der deutschen Geschichtswissenschaft die großen Akteneditionen, allen voran die »Acta Pacis Westphalicae«, zählen oder das Werk führender Frühneuzeithistoriker wie Heinz Duchhardt, welche die internationale politikgeschichtliche Dimension als konstitutiven Bestandteil der Geschichtsschreibung nie aus dem Blick verloren haben (Einführung, S. 12f.). In diesem Fahrwasser bewegt sich der allein von Nachwuchswissenschaftlern geschriebene und herausgegebene Sammelband, der »Ansätze und Perspektiven« dieser neuen Forschungsrichtung aufzuzeigen verspricht, ohne dabei die »klassischen« Fragen der Außenpolitik zu vernachlässigen – und dieses Versprechen auch einlöst. Die Beiträge, denen eine kundige und perspektivenreiche forschungsgeschichtliche Einleitung der drei Herausgeber zu den Inhalten und der Methodik der Geschichte der internationalen Beziehungen in der Frühen Neuzeit vorangestellt ist, beruhen auf Dissertationsprojekten, die in München, hauptsächlich in einem durch Winfried Schulze geförderten Arbeitskreis zur »Internationalen Politik in der Frühen Neuzeit«, begonnen und diskutiert wurden. Alle Vorhaben waren zur Zeit der Niederschrift der Beiträge abgeschlossen oder standen kurz vor dem Abschluss, sodass dem Leser hier keineswegs nur ein Werkstattbericht mit Hypothesen, sondern fundierte und überzeugende Forschungsergebnisse präsentiert werden. Den Herausgebern gelingt es, in ihrer Einleitung die gemeinsamen wissenschaftstheoretischen Grundlagen und Fragestellungen herauszuarbeiten, durch die die einzelnen, mit sehr unterschiedlichen Themenfeldern befassten Beiträge verbunden sind. Ein in den meisten Aufsätzen thematisiertes Grundproblem liegt in den Interdependenzen von diplomatischer Praxis und politischer Theorie. Die Themen des Bandes umfassen chronologisch die gesamte Frühe Neuzeit (mit einem Schwerpunkt im 16. und frühen 17. Jahrhundert) und geografisch neben dem Reich West- und Südeuropa sowie in einem Fall die außereuropäische Welt. Die acht Beiträge widmen sich im Einzelnen unter anderem der Genese des neuzeitlichen Konzepts von Neutralität anhand der Analyse italienischer discorsi in der Politikberatung und der außenpolitischen Praxis zwischen 1450 und 1600 (Cornel Zwierlein), den deutsch-englischen Beziehungen im 16. Jahrhundert (Christian Sepp), der Theorie der Diplomatie im Jahrhundert nach dem Westfälischen Frieden anhand der zeitgenössischen Diplomatenspiegel (Heidrun Kugeler) sowie den britisch-chinesischen Beziehungen am Ende der Frühen Neuzeit zwischen Handel und (allmählich institutionalisierter) Diplomatie (Ulrike Hillemann). Die übrigen vier Beiträge stellen die Reichsterritorien Kurpfalz, Pfalz-Neuburg und Bayern in den Mittelpunkt: Ruth Kohlndorfer-Fries analysiert die Rolle des kurpfälzischen Rates Wolfgang Zündelin im Rahmen einer »›konfessionelle[n]‹ Nachrichtenpolitik« (S. 102f., 118) im späteren 16. Jahrhundert, Eric-Oliver Mader die am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges erfolgte Konversion Wolfgang Wilhelms von Pfalz-Neuburg im Spannungsfeld von politischer Theorie und praktischer Politik sowie von Konfession und der hier ganz offensichtlich im Vordergrund stehenden Staatsräson, Georg Wolf das Gesandtschaftszeremoniell in der Außenpolitik sowohl der Kurpfalz als auch Bayerns um 1600 und schließlich Volker Laube die organisatorischen Rahmenbedingungen der frühneuzeitlichen Außenpolitik anhand eines Spionagefalls aus den 1730er Jahren, der die bayerische Gesandtschaft in Wien betraf. Es sind also durchaus engere sachliche Bezugspunkte zwischen einigen Beiträgen (gerade bei den Aufsätzen, die sich Pfalz und Bayern widmen, oder bei denen, welche die politische Kommunikation und die transnationalen Netzwerke von Diplomaten und Gelehrten untersuchen) zu konstatieren, die eine andere Struktur als die von den Herausgebern gewählte Orientierung an der Chronologie hätten nahelegen können. Da die vorliegende Anordnung beim ersten Durchblättern des Inhaltsverzeichnisses durchaus den Eindruck einer gewissen Disparität vermitteln könnte, soll nachdrücklich betont werden, dass es sich um eine durchaus sinnvolle Zusammenstellung von Beiträgen handelt, die gemeinsame Fragestellungen, Ansätze und Perspektiven auf unterschiedliche Themenfelder anwenden. Gerade darin liegt auch der (über die Publikation der einzelnen Dissertationen, in deren Kontext die vorliegenden Beiträge entstanden sind, hinaus) dauerhafte Wert des Sammelbandes. Einen möglichen Leitfaden bei der Lektüre dieses Bandes stellt das Verhältnis zwischen der praktischen Politik und Diplomatie auf der einen und den strukturellen Rahmenbedingungen sowie den theoretischen Voraussetzungen politischen und diplomatischen Handelns auf der anderen Seite dar. Deutlich wird an der Vergleichsstudie zu China, in welch hohem Maße es sich um ein europäisches System der internationalen Beziehungen (eine »›Kulturgemeinschaft‹ mit gemeinsamen Praktiken und Normen der Außenpolitik«, wie einleitend bemerkt wird [S. 27]) handelte, dessen Grundlagen und Handlungsnormen, wie zum Beispiel das Prinzip der völkerrechtlichen Gleichberechtigung der souveränen Mächte, im Fernen Osten auch am Ende der Frühen Neuzeit teilweise nicht akzeptiert wurden. Insgesamt ist die Ausgewogenheit hervorzuheben, mit der die Beiträge neue Themenfelder wie Perzeption, Kommunikation und Kulturtransfer mit der Untersuchung vielfach von der älteren Forschung keineswegs befriedigend beantworteter Fragen der Politik- und Diplomatiegeschichte verbinden und dadurch zugleich unsere Kenntnis über einzelne wichtige politische Ereignisse (wie die pfalz-neuburgische Konversion von 1614) als auch über strukturelle Funktionsweisen internationaler Beziehungen in der Frühen Neuzeit erweitern. Gerade in letzterer Hinsicht ist die Lektüre des Buches auch den jenseits der chronologischen Grenzen der Frühneuzeit tätigen Forschern zu empfehlen, weil die vorgelegten Beiträge durchaus epochenübergreifende Perspektiven, etwa hinsichtlich des Verhältnisses von Mentalität und politischer Entscheidungsfindung, zu eröffnen vermögen.

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    PSJ Metadata
    Guido Braun
    H. Kugeler, Christian Sepp, Georg Wolf (Hg.), Internationale Beziehungen in der Frühen Neuzeit (Guido Braun)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789), Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Europa
    Politikgeschichte
    16. Jh.
    4015701-5 4003846-4 4012402-2 4072885-7
    1450-1650
    Europa (4015701-5), Außenpolitik (4003846-4), Diplomatie (4012402-2), Internationale Politik (4072885-7)
    PDF document Kugeler_Braun.doc.pdf — PDF document, 96 KB
    H. Kugeler, Christian Sepp, Georg Wolf (Hg.), Internationale Beziehungen in der Frühen Neuzeit (Guido Braun)
    In: Francia-Recensio 2009/2 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2009-2/FN/Kugeler_Braun
    Veröffentlicht am: 11.09.2009 10:35
    Zugriff vom: 29.03.2020 17:40
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