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    B. Meier, Friedrich Wilhelm II., König von Preußen (1744–1797) (Jörg Ulbert)

    Francia-Recensio 2009/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Brigitte Meier, Friedrich Wilhelm II., König von Preußen (1744–1797). Ein Leben zwischen Rokoko und Revolution, Regensburg (Friedrich Pustet) 2007, ISBN 978-3-7917-2083-8, EUR 29,90.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Jörg Ulbert, Lorient

    »Wenn aber nach meinem Tod mein Herr Neffe in seiner Schlaffheit einschlummert, sorglos in den Tag hineinlebt, wenn er verschwenderisch, wie er ist, das Staatsvermögen verschleudert und nicht alle seine Fähigkeiten seiner Seele aufleben lässt, so wird Herr Joseph – ich sehe es voraus – ihn über den Löffel barbieren, und binnen dreißig Jahren wird weder von Preußen noch vom Haus Brandenburg mehr die Rede sein« 1 . Friedrichs II. Weissagung diente Generationen von Historikern als Blaupause für die Interpretation der Regierungszeit seines Nachfolgers. So galten die elf Jahre (1786 bis 1797), in denen Friedrich Wilhelm II. als vierter preußischer König regierte, als Abgesang auf jenen Staat, den seine beiden Vorgänger maßgeblich geprägt hatten. Neben der bereits von seinem Onkel bemängelten Verschwendungssucht, Antriebslosigkeit und Unbedarftheit wurde ihm von zeitgenössischen wie von späteren Kritikern zur Last gelegt, leichtlebig, genusssüchtig, beeinflussbar und alles in allem zur Regierung unfähig gewesen zu sein.

    Erklärtes Ziel des Buchs von Brigitte Meier ist es, eben dieses Urteil zu revidieren. Bei ihrem Versuch der Ehrenrettung geht sie an die systematische Widerlegung jener Kritikpunkte, die ihr ungerechtfertigt erscheinen und versucht eine Erklärung für die tatsächlichen Schwächen des Königs zu finden. Bei deren Ausdeutung legt Meier ein besonderes Augenmerk auf Kindheit und Ausbildung Friedrich Wilhelms. Denn hier sieht sie die Gründe für seine Versäumnisse. Als Leitfaden ihrer Analyse dient Meier Pierre Bourdieus Kapitaltheorie (S. 10f., 151). Friedrich Wilhelm sei als Kind und vor allem nachdem er Ende 1758 offiziell zum Thronfolger ernannt worden war, nicht ausreichend mit »Bildungs-« und »Sozial-« und »Kulturkapital« ausgestattet worden (S. 54). Die Schuld daran trage Friedrich II. Der habe den Neffen nicht systematisch genug an die Regierungsgeschäfte herangeführt (S. 53, 75f.), habe ihm Bildungsreisen außerhalb Preußens untersagt (S. 53f.) und ihn stattdessen an die kulturell sterile Garnisonsstadt Potsdam gekettet (S. 84–87). Das symbolische Kapital des Nachfolgers sei von Friedrich sogar »zielstrebig zerstört« worden (S. 54), indem er den Neffen bei jeder Gelegenheit als faul, träge und dumm, ja als »Auswurf der Familie« (S. 98) diffamierte. Um sein eigenes Ansehen zu mehren, habe der mit »dem Fassadenbau seines Nachruhms« (S. 205) beschäftigte Friedrich II. »das geistige Format« des Neffen bewusst eingeschränkt (S. 151) und sich letztlich gewünscht, einen unfähigen Nachfolger zu haben (S. 98).

    Während sich Meier im ersten Teil ihrer Arbeit bemüht, Erklärungen für die Defizite Friedrich Wilhelms II. zu finden, sucht sie im zweiten, die gegen seine Regierung vorgebrachte Kritik zu entkräften. An erster Stelle steht dabei traditionell der Vorwurf, den 1786 vorgefundenen Staatsschatz verprasst zu haben. Unbestritten ist, dass aus den 54 Millionen Talern, die Friedrich II. seinem Nachfolger hinterließ, 1797 48 Millionen Taler Schulden geworden waren. Doch dieses finanzielle Desaster sei nicht, wie immer behauptet, auf die Verschleuderung der königlichen Domäne (S. 269), betrügerische Bereicherungen im Umfeld des Königs (S. 274) oder ein Übermaß an Ausgaben für seine Geliebten und seine Prunkbauten (S. 104f.) zurückzuführen. Der Grund für die desolate Finanzlage beim Tode Friedrich Wilhelms II. müsse vielmehr einzig und allein bei den Kosten der unter ihm geführten Kriege gesucht werden (S. 252, 275). Zudem habe sich der König bis zuletzt redlich darum bemüht, »die aufgelaufenen Schulden zu tilgen und wieder Rücklagen zu bilden« (S. 252).

    Ähnlich wie »die Gerüchteküche die Misswirtschaft […] und deren finanzielle Folgen erheblich« aufbauschte (S. 275), so dichtete sie dem König auch an, willenloses Instrument seiner Mätressen und einiger esoterischer Sektierer gewesen zu sein. Beide Vorwürfe verweist Meier ins Reich der Legende. So habe keine aus der langen Reihe von Ehe- oder Nebenfrauen, auch nicht die in diesem Zusammenhang immer wieder genannte Wilhelmine Encke, darauf hingearbeitet, über ihren königlichen Liebhaber politischen Einfluss auszuüben. Denn »Friedrich Wilhelm lehnte politisierende Frauen in seinem Umfeld ab« (S. 207). Gleiches gilt auch für die Geheimbündler um Friedrich Wilhelm II. Zwar wurde der König bereits 1781 Mitglied der Rosenkreuzer (S. 69, 204). Auch machte er zwei seiner Ordensbrüder, Johann Christoph von Wöllner und Hans Rudolph von Bischoffwerder, zu seinen wichtigsten Beratern. Doch an einen Versuch der zielstrebigen Umsetzung der Ordenslehren innerhalb der preußischen Regierung mag Meier – im Gegensatz etwa zu Horst Möller 2 – nicht glauben (S. 208). Denn schon ein Jahr nach dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms hatte die Loge mangels Interesse ihrer Mitglieder ein »Silanum«, d. h. den Stillstand ihrer Arbeit verfügt (S. 207). Ebenso wenig wie seine Geliebten konnte Wöllner den König wie eine Marionette bewegen (S. 182).

    Im gleichen Zuge und als zusätzliches Argument für den beschränkten Einfluss der erklärtermaßen aufklärungsfeindlichen Rosenkreuzer verwirft Meier das landläufige Bild von Friedrich Wilhelm als Gegenaufklärer. Sie untermauert dies mit Hinweisen auf Friedrich Wilhelms Bemühungen um die Berufsausbildung seiner Untertanen (S. 229) und die Bestellung eines aufklärungsnahen Hauslehrers für den Kronprinzen (S. 261). Erst ab Mitte der 1790er Jahre, unter dem Eindruck der Auswirkungen der Französischen Revolution, distanzierte er sich immer weiter von der Vorstellungswelt der Aufklärung (S. 190).

    Vehement stemmt sich Meier auch gegen den Vorwurf, Friedrich Wilhelm habe es versäumt, Preußen mittels längst überfälliger Reformen den Weg ins 19. Jahrhundert zu ebnen. Der König habe die Notwendigkeit von Reformen durchaus erkannt, scheiterte bei ihrer Durchführung jedoch an einer renitenten Bürokratie (S. 251) und an Geldmangel (S. 125) und an seiner mangelhaften kameralistischen Ausbildung (S. 132, 187). Letztlich fehlte es ihm angesichts seiner gesundheitlichen Probleme auch an der nötigen Kraft zur Durchsetzung seiner Reformbemühungen (S. 250).

    So sollten dem Leser nach knapp 280 Seiten Text eigentlich keine Zweifel mehr am Verdienstreichtum und am »Gestaltungswillen dieses zu unrecht geschmähten Königs« (S. 236) bleiben. Und in vielen Punkten gelingt es Brigitte Meier auch zu überzeugen, so etwa, was die Widerlegung des Vorwurfs der Mätressenwirtschaft und die Würdigung der Bildungs- und Kulturpolitik Friedrich Wilhelms betrifft. Das ist nicht zuletzt auf die Quellennähe der Arbeit zurückzuführen. Denn im Gegensatz zu anderen Friedrich-Wilhelm-Biografen der jüngeren Zeit, die sich fast ausschließlich auf veröffentlichtes Material stützten 3 , hat Meier ausführliche Archivarbeit geleistet. Sehr überzeugend sind deshalb auch jene Passagen, in denen die preußische Wirtschaftspolitik erläutert wird. Hier kann die Autorin auf frühere Quellenstudien zurückgreifen 4 .

    Doch andere Stellen in Meiers Argumentation sind weniger bestechend. Unbefriedigend bleibt nicht nur die ohne weitere Analyse gelieferte Erklärung, der Staatshaushalt sei aufgrund von Kriegsführung aus den Fugen geraten. Neben ihrer unsicheren sprachlichen Gestaltung krankt die Arbeit vor allem an ihrem schwarz-weiß-malerischen Aufbau. Im Zentrum ersteht so ein weitgehend fehlerloser Friedrich Wilhelm II., bei dessen Beschreibung an Adjektiven nicht gespart wird. Bereits als Kind sei Friedrich Wilhelm von wachem Verstand (S. 37), als Monarch dann hoch motiviert und vielseitig interessiert (S. 98), als Mensch sympathisch (S. 47), liebenswürdig und attraktiv (S. 49), menschenfreundlich (S. 52), aufrecht (S. 279), gebildet und ein gläubiger Christ (S. 121) gewesen. Meier ist dermaßen bemüht, dem Leser ein vorteilhaftes Bild ihres Helden zu vermitteln, dass dessen beredter Spitzname, der »Dicke Lüderjahn«, nirgends auch nur mit einem Wort erwähnt wird. Als Widerpart dient Meier Friedrich II. In gleicher Weise wie sie den Neffen überhöht, verteufelt sie den Onkel. Selten wird dieser erwähnt, ohne ihm den Beinamen »der Zyniker« oder das Adjektiv »zynisch« anzufügen. Hier wäre jedem, allen voran Friedrich Wilhelm II., mit mehr Abstand und Zurückhaltung besser gedient gewesen.


    1 Friedrich II. von Preußen, Betrachtungen über den politischen Zustand Europas (9. Mai 1782), in: Gustav Berthold Volz (Hg.), Die Werke Friedrichs des Großen, Bd. 7: Politische Schriften, Berlin 1912, S. 221.

    2 Horst Möller, Die Bruderschaft der Gold- und Rosenkreuzer. Struktur, Zielsetzung und Wirkung einer anti-aufklärerischen Geheimgesellschaft, in Helmut Reinalter (Hg.), Freimaurer und Geheimbünde im 18. Jahrhundert in Mitteleuropa, Frankfurt a. M. 41993, S. 199–239, hier S. 219.

    3 Gustav Sichelschmidt, Friedrich Wilhelm II. Der »Vielgeliebte« und seine galante Zeit. Eine Biographie, Berg am See 1993; Hans-Joachim Neumann, Friedrich Wilhelm II. Preußen unter den Rosenkreuzern, Berlin 1997; Wilhelm Bringmann, Preußen unter Friedrich Wilhelm II. (1786–1797), Frankfurt a. M. u. a. 2001.

    4 Brigitte Meier, Jüdische Seidenunternehmer und die soziale Ordnung zur Zeit Friedrichs II. Moses Mendelssohn und Isaak Bernhard – Interaktion und Kommunikation als Basis einer erfolgreichen Unternehmensentwicklung Berlin 2007, (Veröffentlichungen des Brandenburgischen Landeshauptarchivs 52).

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    PSJ Metadata
    Jörg Ulbert
    B. Meier, Friedrich Wilhelm II., König von Preußen (1744–1797) (Jörg Ulbert)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein
    Politikgeschichte
    18. Jh.
    11869362X
    Friedrich Wilhelm II., Preußen, König (11869362X)
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    B. Meier, Friedrich Wilhelm II., König von Preußen (1744–1797) (Jörg Ulbert)
    In: Francia-Recensio 2009/2 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2009-2/FN/Meier_Ulbert
    Veröffentlicht am: 11.09.2009 10:35
    Zugriff vom: 05.07.2020 16:13
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