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J. Shovlin, The Political Economy of Virtue (Matthias Middell)

Francia-Recensio 2009/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

John Shovlin, The Political Economy of Virtue. Luxury, Patriotism, and the Origins of the French Revolution, Ithaca (Cornell University Press) 2006, XIV–265 S., ISBN 978-0-8014-4479-1, EUR 49,95.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Matthias Middell, Leipzig

Der Titel lädt bereits zur Spekulation ein, ob wir es hier mit einer Rehabilitierung des sozio-ökonomischen Erklärungsansatzes der Französischen Revolution zu tun haben, oder mit einem weiteren Beitrag zur Kulturgeschichte des Ancien Regime. Nicht zufällig verweist das indirekte Zitat von den »Origins of the French Revolution« auf eine lange Tradition der Herleitung des revolutionären Umbruchs aus zeitlich davor liegenden Trends. Allerdings sucht man Strukturdaten zu den einzelnen sozialen Gruppen oder Angaben zu Besitzverhältnissen, Wachstumsraten bzw. Handelsbilanzen vergebens. Shovlin hat vielmehr eine vorzügliche Diskursanalyse des politökonomischen Denkens seit der Mitte des 18. Jahrhunderts vorgelegt. Zu Recht wendet er gegen einen Großteil der diesbezüglichen Forschungen ein, dass sie viel zu sehr auf das Lehrgebäude der Physiokraten fixiert gewesen seien, mithin eher an der Positionierung des französischen Beitrages zu einer europaweiten Genealogie der Strategien im Umgang mit dem heraufziehenden Kapitalismus interessiert als von der minutiösen Rekonstruktion des vorherrschenden Denkhorizonts in der vorrevolutionären Gesellschaft Frankreichs inspiriert.

Shovlin steigt deshalb eine Etage herunter und blickt weniger auf die prominenten Beiträge der Quesnay und Turgot, sondern auf die Masse des Schrifttums, das in Provinzakademien produziert wurde und unter den lesehungrigen Landbesitzern bürgerlicher und adliger Abkunft wie unter den städtischen Manufakturiers und Handelseliten zirkulierte und heftig debattiert wurde. Ökonomie erregte die Gemüter, und dementsprechend schwoll der Korpus einschlägiger Schriften an. Wie man mit den wachsenden Widersprüchen und Spannungen umgehen könnte, die eine zunehmende Einbindung in die internationalen Handels- und Finanzkreisläufe, der horrende fiskalische Druck des trotzdem vor der Pleite stehenden Staates und die Verflechtung von bürgerlicher Rationalität und feudaler Mehrwertabschöpfung in den Grundherrschaften hervor trieben, bewegte die Gemüter, denn es stand nicht nur das Schicksal des einzelnen Betriebes, sondern die Wohlfahrt des ganzen Landes auf dem Spiel. Seit den 1760er Jahren bürgerte sich für diese Art von Debatte auch die Rede von der politischen Ökonomie ein, die Jean-Claude Perrot bereits vor anderthalb Jahrzehnten analysiert hat. Seitdem ist die Zahl der in Betracht gezogenen Pamphlete und Broschüren rasant gewachsen und hat den Eindruck von der Breite der Debatte noch deutlich vergrößert. Hier tragen nun die langfristigen Bemühungen der Presseforschung und Sozialgeschichte des Druckwesens ihre Früchte.

Shovlin argumentiert zunächst, dass diese breite Befassung mit dem ökonomischen Schicksal des Landes mit einer breiten patriotischen Bewegung zusammenfloss – private Interessen sollten, so der sich etablierende Konsens, dem Gemeinwohl und der allgemeinen Wohlfahrt untergeordnet werden. Dies wäre die Garantie für den Rückgewinn einer internationalen Führungsposition, die seit dem Weltkrieg der Jahre 1756–1763 zunehmend gefährdet schien, allen zeitweisen Erfolgen an der Seite der aufständischen Amerikaner zum Trotz.. Patriotismus war keineswegs allein Sache der Opposition gegen eine als despotisch empfundene Monarchie, sondern konnte sich auch mit der Hoffnung auf wachsende Popularität der Krone verbinden – der Terminus gewann so jene Vieldeutigkeit, die ihn erst zu einem Leitbegriff der Epoche machte.

In diesem patriotischen Diskurs verflochten sich nun, so zeigt Shovlin überzeugend, Erwägungen über wirtschaftlichen Erfolg mit solchen über moralische Maßstäbe. Reichtum und Luxus konnten als Zeichen und Nebeneffekt des kommerziellen Erfolges, aber auch als Gefahr für die künftige solide Entwicklung des Landes angesehen werden. Die alte Luxuskritik lebte auf, und Frankreichs Mittelklasse erwies sich als kritischer gegenüber der Tugend verderbenden Rolle des Reichtums als es die britischen Eliten waren. In dieser Debatte schwang die Gewichtung mit, die Landwirtschaft, städtischem Gewerbe und internationaler Hochfinanz in der Regeneration und künftigen Entwicklung des Landes zugewiesen wurde, aber dies wurde nicht losgelöst von den politischen Institutionen erörtert, in denen Reichtum generiert und durch die er ermöglicht oder gehindert wurde. Die Verknüpfung mit der Kritik der Aristokratie und des monarchischen Despotismus tat seit den frühen 1780er Jahren das Ihrige, um das Luxusproblem politisch zuzuspitzen. Der vergleichsweise finanzschwache Provinzadel trat hier den städtischen Mittelschichten an die Seite, und beide kritisierten sowohl die Rolle, die das große Geld für den Status in der Gesellschaft spielte, als auch die Protektion, die die Krone den Großunternehmen und der Hocharistokratie angedeihen ließ – beides natürlich nicht aus selbstsüchtigem Interesse am eigenen Aufstieg, sondern im Namen der Nation. Als die Monarchie auch noch den Vertrag aufzukündigen schien, der dem Adel Steuerbefreiung gegen den Verzicht auf jede Art von Rebellion gegen die Krone garantiert hatte und zur Lebensgrundlage des starken französischen Absolutismus geworden war, brach sich die Entrüstung über einen Staat und seine Verbindung zu exorbitantem Reichtum und Luxus endgültig Bahn. Sowohl die Förderung des Manufakturwesens als auch die harschen Eingriffe in den Getreidemarkt bei Gelegenheit von drohenden Lebensmittelunruhen führten nur dazu, dass sich die Regierung immer mehr zur Zielscheibe eines Vorwurfes machte, einzelne Teile der ökonomischen Eliten unangemessen zu bevorteilen und damit den Niedergang der Nation zu befördern.

Die Schlussfolgerungen, die Shovlin aus der gründlichen Rekonstruktion des Debattenverlaufs zieht, sind nicht völlig neu und überraschend. Die Entfremdung eines Teils der Eliten vom herrschenden Regime, die zentrale Rolle der ökonomischen und finanziellen Fragen am Ende des Ancien Regime und die weite Akzeptanz, die sozioökonomische Veränderungen als Instrument einer Regeneration der Nation fanden, sind aus einer älteren Revolutionshistoriographie wohl bekannt. Wichtig ist Shovlins Buch allerdings, indem er auf den zuletzt so attraktiven Pfaden der Diskursgeschichte, der kulturalistischen Deutung oder der intellectual history zu Ergebnissen kommt, die anderswo aus der Analyse sozialer Strukturen abgeleitet wurden. Damit kann er das Argument von der Zentralität des politökonomischen Denkens auf eine subtilere und methodisch raffiniertere Weise entwickeln und empirisch vorführen, als es vulgärmarxistische Behauptungen leisteten, diese oder jene Gruppe habe aufgrund ihrer Lage bestimmte Interessen – näherer Beleg überflüssig.

Im Detail zeigt Shovlin weiterhin, wie die Regierung es versäumte, die zunächst losgetretene Bewegung agronomischer und technologischer Innovationssuche der 1750er Jahre in den Folgejahrzehnten systematisch zu unterstützen. Die Erwartungen beim Publikum, dass von diesem Regime ernsthafte Reformbemühungen ausgehen würden, reduzierten sich mithin Schritt für Schritt, und am Ende verfasste man zwar Beschwerdehefte in beeindruckenden Mengen, nahm die Dinge aber doch lieber selbst in die Hand.

Zum schlechten Image der Obrigkeit trug auch die Verbindung bei, die der Hof mit den Vertretern des Spekulationskapitals eingegangen war – sagenhafter Reichtum schien an der Börse bewegt zu werden, aber gleichzeitig war das Staatssäckel unerwartet leer und das Ministerium faktisch ohnmächtig.

Der Verfasser bringt uns mit seinem Buch wieder ein Stück näher an die noch immer fehlende Geschichte der ökonomischen Eliten, unter denen die bürgerlichen Kräfte eine wachsende Bedeutung erlangten. Wir wissen inzwischen viel über ihre kulturellen Gewohnheiten, ihre materielle Ausstattung, aber mit Shovlins Buch kommen wir auch näher an ihre soziopolitischen Strategien heran, zunächst indem der Hintergrund ihrer Vorstellungswelt ausgeleuchtet wird. Damit gelingt es besser, die Wahrscheinlichkeit eines Eingehens auf reformerische Angebote der Krone bzw. der Entschlossenheit zum Bruch mit einer als aussichtslos erkannten Politik abzuschätzen.

Der Autor hat sich durch einen beeindruckenden Bücher- und Broschürenberg zeitgenössischer politökonomischer Schriften gearbeitet. Die Bibliografie allein der Primärquellen auf den Seiten 221–237 gibt davon Zeugnis. Nichtsdestotrotz sind die hier aufgeführten Schriften ihrer Zahl nach weit entfernt von jenen viel größeren Sammlungen, die die jüngere quantifizierende Forschung der Druckerzeugnisse des Ancien Régime angeführt hat. So sprach Perrot seinerzeit von 2869 Titeln für die Zeit zwischen der Jahrhundertmitte und 1789, während Christine Théré 1998 ein massives Anwachsen von 391 Neuerscheinungen in den 1750er Jahren auf 756 zwischen 1780 und 1788 sowie allein 804 im Jahre 1789 konstatiert hat, so dass sich sogar mehr als 3200 neue Titel für den Gesamtzeitraum ergeben, die dem Bereich der politischen Ökonomie zurechenbar sind. Nun geht es zweifellos nicht um Vollständigkeit, und man könnte sich leicht die angewiderte Miene eines Lektors vorstellen, wenn der Autor einer Monografie mit Hunderten von Seiten Bibliografie naht und darauf besteht, dass dies alles gedruckt werden müsste, nur um einen Rezensenten zufrieden zu stellen.

Es geht mir vielmehr um ein grundlegendes methodisches Problem: Die Diskursgeschichte, die John Shovlin praktiziert, spitzt gelungen auf einige rhetorische Figuren zu, ordnet diese dann Gesamtdeutungen der Gesellschaft und der Wirtschaft zu und verbindet sie mit der Feststellung, dieser Diskurs sei vor allem von middling elites ausgegangen. Dafür werden in den entsprechenden Kapiteln ausführliche und ganz und gar überzeugende Belege angeführt. Es bleibt lediglich ein Gefühl der Unzufriedenheit, wenn man sich fragt, ob diese Belege auch einer Prüfung standhielten, die sich nicht einfach darauf beschränkt, ob dies so im 18. Jahrhundert gesagt und geschrieben wurde, sondern nach dem Gewicht fahndet, das diese Denkfiguren und Interpretationsmuster hatten. Hier wäre eben ein Kapitel hilfreich gewesen, das zunächst die Gesamtheit der ausgewerteten Schriften nach Erscheinungsdekade, sozialem und intellektuellem Kontext, Verbreitung und evtl. Rezeption aufgeschlüsselt hätte, um in diesem »Feld« das klassische Zitat zu situieren.

In biografischen Studien, in denen der Lesehorizont jener middling elites vermessen wird, tauchen die hier herauspräparierten Diskurselemente häufig nur als Versatzstücke auf, nicht jedoch in ihrem Gesamtzusammenhang. Ob eine sich verbürgerlichende Klasse von Landbesitzern und Handeltreibenden jenes geschlossene Weltbild von patriotischer Ökonomie, Verurteilung des Luxus und Ablehnung der Hochfinanz ihr eigen nannte, das Shovlin so beeindruckend rekonstruiert, lässt sich an anderen Quellen als dem hier herangezogenen Berg von Broschüren leichter zeigen. Ein Blick in die Forschung zu den cahiers de doléances hätte hier gewiss weiter geholfen, um eine Kontrolluntersuchung in Gang zu setzen.

Ungeachtet solcher Einwände handelt es sich bei Shovlins »Political Economy of Virtue« um einen gewichtigen Beitrag zur Ideengeschichte des Ancien Régime, der besser verstehen hilft, welche Art von Krisenwahrnehmung zur Mobilisierung der Mittelklassen im späten 18. Jahrhundert führte.

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PSJ Metadata
Matthias Middell
J. Shovlin, The Political Economy of Virtue (Matthias Middell)
CC-BY-NC-ND 3.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Frankreich und Monaco
Sozial- und Kulturgeschichte, Wirtschaftsgeschichte
18. Jh.
4018145-5 4168354-7 4066399-1
1700-1789
Frankreich (4018145-5), Luxus (4168354-7), Wirtschaft (4066399-1)
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J. Shovlin, The Political Economy of Virtue (Matthias Middell)
In: Francia-Recensio 2009/2 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)
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Veröffentlicht am: 11.09.2009 11:10
Zugriff vom: 27.01.2020 00:36
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