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    J. Ott, A. Jones (ed.), The Bishop Reformed (Stefan Burkhardt)

    Francia-Recensio 2009/2 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    John S. Ott, Anna Trumbore Jones (ed.), The Bishop Reformed. Studies of Episcopal Power and Culture in the Central Middle Ages, Aldershot, Hampshire (Ashgate Publishing Ltd.) 2007, XVI–280 S. (Church, Faith and Culture in the Medieval West), ISBN 0-7546-5765-5, GBP 55,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Stefan Burkhardt, Heidelberg

    Für das Amt des Bischofs dürfte kaum ein Zeitalter so prägend gewesen sein wie die Jahrzehnte von ca. 1020 bis ca. 1120. Der intensivierten Zusammenarbeit zwischen Episkopat und Herrscher in ottonischer Zeit folgte in der Salierzeit eine Phase der Festigung der eigenen Autorität und Amtsherrschaft: Die Bischöfe begannen nun, unter dem Legitimationskomplex der »Reform« ihre Diözesen hierarchisch zu durchdringen und auf das Bischofsamt hin zu organisieren. Der so genannte Investiturstreit beschleunigte und formte diese Veränderungen in bis dahin kaum gekannter Weise.

    Der vorliegende Sammelband widmet sich thematisch und zeitlich dieser ausgesprochen interessanten Epoche. Er entsprang dem durch John S. Ott auf dem »International Congress on Medieval Studies in Kalamazoo, Michigan« im Jahr 2003 organisierten Panel »Episcopal Hagiography and Historiography in the High Middle Ages«. Neben Einleitung und Zusammenfassung versammelt der Band zwölf Beiträge, die das Thema in großer Bandbreite abhandeln.

    Im einleitenden Kapitel 1 (Introduction: The Bishop Reformed) umreißen John S. Ott und Anna Trumbore Jones die schillernde Gestalt des mittelalterlichen Bischofs, eines »of the most important individuals of the European Middle Ages« im Spannungsfeld der Pole »of noble resourcefulness and pastoral solicitude«. Zu Recht stellen Ott und Jones das Fehlen eines übergreifenden Werkes zum mittelalterlichen Bischofsamt fest, was allerdings angesichts der starken Differenzierung kirchlicher Traditionsbestände bereits innerhalb einer Region nicht allzu verwunderlich ist. Die Vernachlässigung der Figur des Bischofs durch die Forschung zugunsten »modernerer« Themen ist allerdings – so wird eindrucksvoll klar – angesichts der für die mittelalterlichen Gemeinschaften zentralen Rolle des Bischofs nicht gerechtfertigt.

    Anna Trumbore Jones problematisiert in Kapitel 2 (Lay Magnates, Religious Houses, and the Role of the Bishop in Aquitaine (877–1050) das spannungsreiche Wechselverhältnis der Bischöfe von Poitiers auf der einen und der Herzöge von Aquitanien auf der anderen Seite, das je nach »Politikfeld«, Amtsinhabern und Zeitabschnitten differierte. Keinesfalls sei diese Beziehung jedoch ein einseitiges, »systematisches« Abhängigkeitsverhältnis gewesen, sondern vor allem eine Symbiose zum gegenseitigen Vorteil, die sich im Laufe der Zeit, verstärkt ab dem Jahr 1000, noch intensivierte.

    Greta Austin fokussiert in Kapitel 3 (Bishops and Religious Law, 900–1050) die Rolle der Bischöfe bei der Entwicklung des Kirchenrechtes. Anhand der Kontextualisierung der Entstehung und Verwendung mehrerer geradezu »klassischer Sammlungen« ( Collectio Anselmo dedicata , Libri duo de synodalibus causis et disciplinis ecclesiasticis , Collectio duodecim partium, die Werke Burchards von Worms) relativiert Austin erneut manche der angenommenen tief greifenden Umbrüche durch die so genannte Gregorianische Reform und lenkt den Blick auf deren Fundamente im 10. und frühen 11. Jahrhundert.

    Renée R. Trilling untersucht in Kapitel 4 (Sovereignity and Social Order: Archbishop Wulfstan and the Institutes of Polity ) die »Politikberatung« des Yorker Bischofs, die sich in seiner eigentümlichen Mischung der Genres »Gesetzessammlung« und Homilie schriftlichen Ausdruck verliehen habe. Ausführlich skizziert Trilling Entstehungsbedingungen, Inhalt und Gewicht der so genannten »Institutes of Polity«, verweist jedoch auch darauf, dass sie ein »utopian document« geblieben seien.

    Eric Palazzo widmet sich in Kapitel 5 (The Image of the Bishop in the Middle Ages) dem Bild des Bischofs. Dieses Kapitel scheint jedoch eher als kleine Exkursskizze zur »liturgischen Konstruktion« und der »Multidimensionalität« von Bischofsbildern zu verstehen zu sein, umfasst es doch nur sechs Seiten.

    Einen herausragenden Beitrag liefert Evan A. Gatti in Kapitel 6 (Building the Body of the Church: A Bishop’s Blessing in the Benedictional of Engilmar of Parenzo). Am Beispiel der Abbildung Bischof Engilmars von Parenzo in einem Sakramentar des 11. Jahrhunderts zeigt Evan A. Gatti beispielhaft die Möglichkeiten, die sich aus der Kombination kunstgeschichtlicher, theologischer und historischer Methoden für die Erforschung eines ansonsten quellenarmen Exempels ergeben können.

    In Kapitel 7 (Bishop Gerard I of Cambrai-Arras, the Three Orders, and the Problem of Human Weakness) behandelt T. M. Riches nicht einfach die Lehre von der funktionalen Dreiteilung der Gesellschaft, sondern stellt sie in den weiteren Zusammenhang der »großen Politik«, der Gottesfriedensbewegung und der regionalen Auseinandersetzungen zwischen Bischöfen und Kastellanen von Cambrai. Die Äußerungen zur funktionalen Dreiteilung der Gesellschaft seien letztlich Ausdruck einer defensiven bischöflichen Grundhaltung.

    Auch John S. Ott widmet sich in Kapitel 8 (›Both Mary and Martha‹: Bishop Lietbert of Cambrai and the Construction of Episcopal Sanctity in a Border Diocese around 1100) Stadt, Bistum und Bischöfen von Cambrai. Die traditionellen Interpretationspole »Reformer« und »Reichsbischof«, anhand deren Spannungsfeld das Wirken der Kirchenmänner gerne gedeutet wird, erweise sich der Komplexität der geschichtlichen Ereignisse nicht angemessen. Anhand einer Untersuchung mehrerer zeitgenössischer Quellen ( Vita Lietberti episcopi Cameracensis ; Gesta episcoporum Cameracensium ) kommt Ott zu dem Schluss, dass die Dynamik der Bischofsherrschaft mit dieser Dichotomie kaum zu erfassen und zu interpretieren sei.

    John Eldevik behandelt in Kapitel 9 (Driving the Chariot of the Lord: Siegfried I of Mainz [1060–1084] and Episcopal Identity in an Age of Transition) die schillernde Figur des Mainzer Erzbischofs Siegfried I. Auch er verweist vor dem Hintergrund der regionenbezogenen Bischofsherrschaft einleitend auf die Unangemessenheit des scheinbaren Gegensatzpaares »papal reformers versus imperial anti-reformers«. Der Pontifikat Siegfrieds ordne sich vielmehr in die Bestrebungen des Mainzer Sitzes ein, verlorenes Territorium gegenüber allen Seiten durch »Reform« wieder gut zu machen, was sich insbesondere anhand der verschiedenen Zehnstreitigkeiten ablesen lasse.

    Valerie Ramseyer behandelt in Kapitel 10 (Pastoral Care as Military Action: The Ecclesiology of Archbishop Alfanus I of Salerno [1058–1085]) die Verbindung von reformerischem Ideal und Wehrhaftigkeit in den bewegten Jahren der normannischen Expansion in den langobardischen Machtbereich und kritisiert hierdurch auch »the supposed dichotomy between religious duties and political undertakings, between the sacred and the mundane, and even between the roles of the secular and regular clergy«.

    Bruce C. Brasington sucht in Kapitel 11 (What Made Ivo Mad? Reflections on a Medieval Bishop’s Anger) Anzeichen und Indikatoren »for the individuals behind the texts«, die er insbesondere im Gebrauch von ego durch Ivo von Chartres findet.

    Dorothy F. Class zieht in Kapitel 12 (The Bishops of Piacenza, Their Cathedral, and the Reform of the Church) die Verbindungslinien zwischen politischen Ereignissen, Reformidealen und ihrer Widerspiegelung in der Architektur der Piacentiner Kathedrale.

    Maureen C. Miller wählt hingegen in Kapitel 13 (Urban Space, Sacred Topography, and Ritual Meanings in Florence: The Route of the Bishop’s Entry, c. 1200-1600) einen »ritualdynamischen« Ansatz: Anhand der Abwägung modifizierter, aber auch konstanter Elemente des bischöflichen Adventus in Florenz kann sie auch die tief greifenden Verschiebungen im Machtgefüge von Stadt und Umwelt nachvollziehen.

    Abschließend ordnet Thomas Head in Kapitel 14 (Postscript: The Ambiguous Bishop) das Beispiel Bischof Rathers von Verona in die großen Linien des Bandes ein, erweitert diese und führt sie fort. Ein Namens- und Ortsregister beschließt den Band. Er bietet ein eindrucksvolles Panorama des Themenbereiches und erweitert die allzu systematisierenden Dichotomien der älteren Literatur zu differenzierten Bildern, die – so ist zu hoffen – zu weiteren Arbeiten anregen.

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    PSJ Metadata
    Stefan Burkhardt
    J. Ott, A. Jones (ed.), The Bishop Reformed (Stefan Burkhardt)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühes Mittelalter (600-1050), Hohes Mittelalter (1050-1350)
    Europa
    Kirchen- und Religionsgeschichte, Politikgeschichte
    6. - 12. Jh.
    4015701-5 4006949-7 4036824-5
    1000-1215
    Europa (4015701-5), Bischof (4006949-7), Macht (4036824-5)
    PDF document Ott-et-al_Burkhardt.doc.pdf — PDF document, 109 KB
    J. Ott, A. Jones (ed.), The Bishop Reformed (Stefan Burkhardt)
    In: Francia-Recensio 2009/2 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2009-2/MA/Ott-et-al_Burkhardt
    Veröffentlicht am: 11.09.2009 09:55
    Zugriff vom: 27.01.2020 01:12
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