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    M. Seidel, Romano Silva, The Power of Images, the Images of Power (Uwe Israel)

    Francia-Recensio 2009/2 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Max Seidel, Romano Silva, The Power of Images, the Images of Power. Lucca as an Imperial City: Political Iconography, Berlin (Deutscher Kunstverlag) 2007, 408 S., 360 Abb. (Series of Kunsthistori sches Institut in Florenz, Max-Planck-Institut, XII), ISBN 978-3-422-06716-5, EUR 98,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Uwe Israel, Venedig

    Die Fruchtbarkeit der Anwendung von aus mehreren Disziplinen abgeleiteten Methoden (hier der Geschichts- und Kunstwissenschaft) wird durch den vorliegenden hervorragend bebilderten Band glänzend unter Beweis gestellt (Fotos: v. a. Andrea Lensini, Siena). Der bereits für 2004 angekündigte Quartband erschien nun in Berlin auf Englisch und in einer Venezianer Parallelausgabe gleichzeitig auf Italienisch – nicht aber auf Deutsch. Er resultiert aus einem am Florentiner Kunsthistorischen Institut angesiedelten Forschungsprojekt der beiden Autoren, die Transdisziplinarität geradezu personifizieren: des emeritierten Direktors des Max-Planck-Instituts Max Seidel, der ein Studium auch der Geschichte und Kirchengeschichte absolvierte, und des Kunsthistorikers Romano Silva vom Istituto Storico Lucchese, der zugleich Archivar ist. Mit ihrem Projekt, der vorliegenden Publikation und einer von ihnen gemeinsam organisierten großen Tagung (deren Akten unter dem Titel »Lucca città d’arte e i suoi archivi« erschienen) belegen die Autoren das seit etwa anderthalb Jahrzehnten gewachsene Interesse der Kulturwissenschaften an der politischen Ikonographie, das durch eine von Paolo Cammarosano 1993 in Triest organisierte Konferenz mit angeregt worden war (»Le forme della propaganda politica nel Due e nel Trecento«).

    Das aus teils noch nie näher untersuchten Bild- und Textquellen (die ausgiebig zitiert und stets übersetzt werden) Italiens und Böhmens gearbeitete Buch zerfällt in zwei Teile: Während Seidel für die Einleitung und die zusammenhängenden ersten sieben Kapitel zur politischen Ikonographie in den Zeiten Karls IV. zeichnet (Karl in Lucca, Allegorien der städtischen libertas in der Chronik von Giovanni Sercambi, Bilder der oppositionellen Guelfen, Volto Santo als imago imperialis, Atriums-Mosaik am Prager Dom, Luckau als Lucca seconda, Numismatische Karlsverehrung), steuert Silva, der die umfangreichen Archivrecherchen unternahm, die übrigen neun Kapitel bei, die sich unzusammenhängend einzelnen Luccheser Objekten von der Karolingerzeit bis zum Risorgimento zuwenden (Innerstädtische Machtzentren, Die Souveränität des Volto Santo, Altäre und politische Patronage, Stadtsiegel mit dem hl. Martin, Stadtheiliger San Paolino und die Poggio-Familie, Castruccio Castracani, Augustinus-Kapelle in San Frediano, Portale des Palazzo Diodati, Monumente des 19. Jahrhunderts), sowie einen Anhang mit Transkriptionen von 45 Dokumenten des 13. bis 19. Jahrhunderts.

    Der toskanische Stadtstaat Lucca, der trotz des Ausschreitens von Florenz unter den Medici als einziger Staat in Mittelitalien seine politische Unabhängigkeit bis in die napoleonische Zeit bewahren konnte, eignet sich mit seinem Reichtum an schriftlicher Überlieferung und bildlichen und gegenständlichen Monumenten bestens für eine Untersuchung der politischen Ikonographie, die hier erstmals übergreifend in einer Langzeitperspektive vorgenommen wurde (S. 11). Während für Florenz, Pisa und Siena bereits einschlägige Arbeiten vorliegen, übersah man den lucchesischen Gedankenreichtum in dieser Hinsicht bisher, weil sich die »verhüllte politische Ikonographie« und Propaganda kaum nach außen, dafür aber zur Stärkung des politischen Selbstbewusstseins intensiv nach innen richtete: In der Hoffnung, die übermächtigen Nachbarherrschaften möglichst nicht zu reizen und Opfer von deren Expansionsbestreben zu werden, bemühte man sich in Lucca, nach außen hin geradezu unsichtbar zu sein (Marino Berengo). Um den verhüllten Sinnschichten politischer Propaganda in ihrem figurativen Symbolismus auf die Spur zu kommen, müssen, wie hier mit Erfolg geschehen, verfeinerte Methoden zur Anwendung kommen und die Kontinuität der politischen Leitideen über lange Zeiträume verfolgt werden.

    In Lucca achtete man die zu bewahrende Freiheit so hoch, dass man in den 1430er Jahren von dem Retter vor dem Florentiner Zugriff, dem Söldnerkapitän Niccolò Piccinio, ungewöhnlicherweise noch zu Lebzeiten ein Reiterbild an einer Hausfassade im Zentrum der Stadt anbringen ließ: Jahre früher als Paolo Ucellos Bildnis von John Hawkwood in Florenz. Es war in Lucca aber schon zuvor gelungen, eine neue Freiheitsideologie zu propagieren, die auf höchste Mächte abhob, die nicht in Verdacht standen, sich in die Kommunalpolitik einzumischen: Indem man das in der Kathedralkirche gezeigte Wunderkruzifix Volto Santo – von dem man sagte, es zeige das wahre Antlitz Jesu, und das schließlich als europaweites Pilgerziel für die Stadt selbst stand – mit einer Kaiserkrone krönte, ehrte man den Christus Imperator und gleichzeitig die unentbehrliche weltlich-sakrale Garantiemacht der eigenen Unabhängigkeit: den römisch-deutschen Kaiser. Der sah das Bildnis – von dem die Stadt ihm eine Seidenstoffkopie schenkte, die er im Prager Veitsdom ausstellen ließ – seinerseits als imago imperialis an und verwertete es publizistisch für seine Belange.

    Der erste Teil des Buches ist für einen Historiker besonders interessant, wird doch eine Zeit betrachtet, in der Lucca während der Regierungszeit des Luxemburgers Karl IV. (1346–1378), der sich insgesamt ein halbes Jahr in Lucca aufhielt, als ideale Kaiserstadt europäische Bedeutung gewann; immer wieder geht dabei der zupackend vergleichende Blick vom toskanischen Süden in den böhmischen Norden und zurück und deckt so die vielfältigen kulturellen Bindungen auf. Über diese Zeit verfasste der wichtige Augenzeuge Giovanni Sercambi eine Chronik, die mit zahlreichen, bislang unterschätzten Bildern ausgestattet ist: »among the most extraordinary and creative examples of late-medieval political iconography« (S. 19). Der nach einer Usurpation durch Pisa von Karl IV. im Jahre 1369 verliehenen Stadtfreiheit weihte man im Dom mit einem während des Mittelalters einzigartigen Titel einen altare libertatis (der in Wahrheit allerdings vor allem den Interessen der mächtigen Familie Guinigi dienen sollte, S. 70–73), wozu ein Jahrhundert später in der Kirche des Stadtpatrons San Paolino noch eine besondere Kaplanei pro conservatione et augmentatione libertatis hinzutrat. Der versessene Reliquiensammler Karl nutzte am Ende die Reliquien und den Ruhm seiner im Süden gelegenen Lieblingsstadt, um im äußersten Norden seiner Herrschaft aus einem Etappenort auf seinem Expansionsweg zur Ostsee, der zufällig so ähnlich hieß – dem in der Niederlausitz gelegenen Luckau –, ein zweites Lucca zu machen. Über dem erst kürzlich geschenkten Haupt des Luccheser Stadtheiligen ließ er in dem dörflichen Luckau eine überdimensionale, in ihrer Länge nicht weniger als ein Siebtel der gesamten Stadt einnehmende Kirche errichten (S. 169), die allen zeigen sollte, »that in those lands he had so recently acquired from Bohemia he wished to establish a ›kingdom of peace‹ under the protection of St Paulinus, patron of the Lucchese« (S. 19).

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    PSJ Metadata
    Uwe Israel
    M. Seidel, Romano Silva, The Power of Images, the Images of Power (Uwe Israel)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Italien
    Siedlungs-, Stadt- und Ortsgeschichte
    Mittelalter
    4074354-8 118560085 4006632-0 4160343-6 4026535-3 4076374-2
    1355-1378
    Lucca (4074354-8), Karl IV., Heiliges Römisches Reich, Kaiser (118560085), Bildprogramm (4006632-0), Höfische Kunst (4160343-6), Ikonographie (4026535-3), Propaganda (4076374-2)
    PDF document Seidel-et-al_Israel-The-Power.doc.pdf — PDF document, 90 KB
    M. Seidel, Romano Silva, The Power of Images, the Images of Power (Uwe Israel)
    In: Francia-Recensio 2009/2 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2009-2/MA/Seidel-et-al_Israel-The-Power
    Veröffentlicht am: 11.09.2009 10:10
    Zugriff vom: 28.09.2020 11:36
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