Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

P. Barral, Léon Gambetta (Daniel Mollenhauer)

Francia-Recensio 2009/2 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Pierre Barral, Léon Gambetta. Tribun et stratège de la République (1838–1882), Toulouse (Éditions Privat) 2008, 314 S., ISBN 978-2-7089-6889-9, EUR 19,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Daniel Mollenhauer, München

15 Jahre lang stand Léon Gambetta (1838–1882) wie kein Zweiter im Rampenlicht der französischen Politik. Seine Karriere war fulminant: Kaum 30-jährig, das Jura-Studium hatte er gerade beendet, war Gambetta 1868 als wortgewaltiger Verteidiger einer Reihe prominenter republikanischer Oppositioneller einer größeren Öffentlichkeit bekannt geworden. Als Abgeordneter des Pariser Arbeiterviertels Belleville avancierte er schnell zum anerkannten Führer der »radikalen« Republikaner, die jeden Kompromiss mit dem Regime des Second Empire konsequent ablehnten. Der deutsch-französische Krieg brachte den nächsten Karriereschritt: Gambetta wurde zunächst Innen-, später auch Kriegsminister und damit hauptverantwortlich für die Kriegführung des republikanischen Frankreich nach Sedan. Seine Versuche, durch Anknüpfung an die revolutionäre Rhetorik von 1792 Freiwillige für die neu aufgestellten Armeen zu rekrutieren, und seine Bemühungen um eine gleichzeitige Republikanisierung der Verwaltung festigten seinen Ruf als republikanischer Hardliner. Mit seiner Weigerung, die Unausweichlichkeit der französischen Niederlage zu akzeptieren, isolierte sich Gambetta selbst im eigenen, republikanischen Lager: Der Weg zurück an die Macht blieb ihm für die nächsten zehn Jahre verbaut. In dieser Zeit war er unermüdlich als Propagandist der republikanischen Sache im gesamten Hexagon im Einsatz; gleichzeitig bemühte er sich darum, sein »radikales« Image abzulegen und sich als pragmatischer Reformpolitiker zu profilieren. Das eine Ziel – die endgültige Durchsetzung der Republik – konnte Gambetta dadurch erreichen; an seinem zweiten Vorhaben – der Einigung der republikanischen »Partei«, der Etablierung eines Zweiparteiensystems nach englischem Muster und der Bildung einer stabilen, durchsetzungsfähigen Regierung unter seiner eigenen Führung – scheiterte der Tribun jedoch. Das »grand ministère«, das er 1882 bildete, wurde schon nach wenigen Wochen von einer heterogenen Parlamentsmehrheit gestürzt, anders als bei De Gaulle 80 Jahre später war das politische Comeback nicht glanzvoll, sondern ernüchternd. Nur ein Jahr später starb Gambetta, nicht einmal 45 Jahre alt, an einer Blinddarmentzündung, nachdem er sich kurz zuvor beim Hantieren mit einem Revolver am Arm verletzt hatte.

Pierre Barral, einer der besten Kenner des französischen Republikanismus, dessen Anthologie »Les fondateurs de la Troisième République« noch heute als Standardwerk gilt, erzählt diese an dramatischen Episoden und romanhaften Verwicklungen reiche Geschichte kompetent und anschaulich: Zu Recht zitiert er teils ausführlich aus den flammenden Reden, die Gambetta in der Abgeordnetenkammer oder in öffentlichen Versammlungen hielt: Diese hatten ihm schon früh den Ruf eines überragenden Redners eingebracht, der zwar nicht den Regeln der klassischen Rhetorik folgte, dessen Faszination sich aber kaum ein Zuhörer entziehen konnte. Auch die private Korrespondenz – mit seiner Lebensgefährtin Léonie Léon, mit der er seit 1872 in wilder Ehe zusammenlebte, mit der republikanischen »femme de lettres« Juliette Adam und mit einigen politischen Weggefährten – wird gebührend berücksichtigt. Reden und Korrespondenz sind jedoch schon seit vielen Jahren bekannt und durch Editionen auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich. Neue Quellen erschließt Barral nicht: Er nutzt allerdings eine Reihe von (leider – wie in Frankreich üblich – meist unveröffentlichten) Qualifikationsschriften, die in den letzten Jahren das politische Umfeld Gambettas deutlich besser ausgeleuchtet haben.

Dennoch bleibt das Bild, das Barral von dem Helden seiner Geschichte zeichnet, ganz den konventionellen Mustern verhaftet. Nicht neue Erkenntnisse stehen im Vordergrund, sondern das (Wieder-) Erzählen einer bekannten, aber, wie es im Klappentext heißt, zunehmend in Vergessenheit geratenen Geschichte. Das ist verlagsstrategisch und geschichtspädagogisch sicherlich legitim. Für den Historiker jedoch ist die Lektüre über weite Strecken enttäuschend – zumal es Barral konsequent vermeidet, sich in den Debatten, die seit seinen Lebzeiten um Gambettas Werk geführt werden, zu positionieren. Wie ernst war es ihm mit seinem radikal-republikanischen »programme de Belleville«, das Gambetta 1869 zum Liebling der Pariser Faubourgs hatte werden lassen? War sein »Opportunismus«, die betont pragmatische Linie, die er in den Jahren nach dem deutsch-französischen Krieg verfolgte, ein »Verrat« an den demokratischen Idealen seiner Jugend – oder war sein Radikalismus (der ihm von der politischen Rechten bis zu seinem Tod vorgehalten wurde) nur ein großes Missverständnis? Wie ist seine Tätigkeit als Innen- und Kriegsminister der »Regierung der nationalen Verteidigung« im Winter 1870/71 zu beurteilen? Was ist dran an den Vorwürfen der Inkompetenz und der »Diktatur«, die seine Gegner gegen ihn erhoben? Wie ist sein Verhältnis zu Deutschland und zu Bismarck zu bewerten, sein Revanchismus, der das Gambetta-Bild diesseits des Rheins lange bestimmt hat, aber auch die vorsichtige Kontaktaufnahme mit Bismarck in den späten 1870er Jahren, die ihm von französischen Nationalisten vorgeworfen wurde? War Gambettas Vorstellung einer Republik mit Zweiparteiensystem nach englischem Vorbild eine realistische Alternative zum »reinen« Parlamentarismus der Dritten Republik? Einige von diesen Kontroversen werden von Barral kurz angesprochen, teils werden auch die konträren Deutungen genannt, nie aber bezieht der Autor selbst Stellung. »Vaterland, Demokratie und Laizität« seien die Leitwerte Gambettas gewesen, so Barral. Das ist sicherlich unbestritten: Aber was genau bedeutete dies im Kontext der »Republikanisierung« Frankreichs? Hier hätte man sich deutlichere Antworten erhofft, als Barral sie in seinem Buch anbietet.

Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

PSJ Metadata
Daniel Mollenhauer
P. Barral, Léon Gambetta (Daniel Mollenhauer)
CC-BY-NC-ND 3.0
Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
Frankreich und Monaco
Familiengeschichte, Genealogie, Biographien, Politikgeschichte
19. Jh.
118716263
Gambetta, Léon (118716263)
PDF document Barral_Mollenhauer.doc.pdf — PDF document, 82 KB
P. Barral, Léon Gambetta (Daniel Mollenhauer)
In: Francia-Recensio 2009/2 | 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2009-2/ZG/Barral_Mollenhauer
Veröffentlicht am: 11.09.2009 11:20
Zugriff vom: 22.09.2020 19:01
abgelegt unter: