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    L. Boscher, Histoire de la répression des opposants politiques (1792–1848) (Klaus Deinet)

    Francia-Recensio 2009/2 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Laurent Boscher, Histoire de la répression des opposants politiques (1792–1848). La justice des vainqueurs, Paris (L’Harmattan) 2007, 412 S. (Logiques historiques), ISBN 2-296-01655-3, EUR 32,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Klaus Deinet, Wuppertal

    Liest man den Titel, so möchte man ein dickes Kompendium vermuten. Es handelt sich aber um einen broschierten Band, der mit 400 Seiten noch recht locker in der Hand liegt. Der Autor, so verkündet es das Cover, unternehme einen Gang durch »le demi-siècle le plus répressif de l’histoire de France«. Der Gang ähnelt eher einem Parforce-Ritt. Boscher schickt seinen Leser durch alle Höhepunkte der Justizgeschichte dieser 56 Jahre, und da diese in der von raschen Regimewechseln gekennzeichneten Periode eng mit der politischen Geschichte verschlungen waren, durchwandert man auch die Höhen und Tiefen der Revolution, des Premier Empire , der Restauration und des Bürgerkönigtums.

    Kaum eines der spektakulären Ereignisse wird ausgelassen: Referiert werden allein im ersten Abschnitt »La République« die Prozesse gegen Ludwig XVI., gegen die Girondisten, gegen Marie Antoinette und gegen die Dantonisten. Unter der Rubrik »Les Provinciaux« greift der Autor beispielhaft die Repressionen durch die commissaires en mission in Nantes und in der Provence heraus, unter »Les Jacobins« die Prozesse gegen die Häupter der terreur , von Robespierre – bei dem der Konvent sich mit der bloßen Verifikation der Person begnügte (allerdings nicht, wie Boscher meint, wegen dessen letzter Rede vom 8. Thermidor, sondern seiner anschließenden Verwicklung in den Aufstand der Pariser Commune) – über Carrier, Fouquier-Tinville bis zu den durch den Prairial-Aufstand belasteten ehemaligen Wohlfahrtsausschussmitgliedern. Es folgt unter »Les Royalistes« ein Blick auf die Vendée und unter »Les Bavouistes« einer anderer auf den Prozess gegen Babeuf und seine Mitverschwörer.

    Es würde zu weit führen, alle in den folgenden drei Kapiteln (sie korrelieren mit den genannten Geschichtsabschnitten) rekapitulierten Prozesse einzeln aufzuführen. Von den Komplotten gegen Napoleon wird kaum eines ausgelassen, auch den »Régicides allemands« widmet der Autor einige Seiten. Bei der Restauration darf natürlich das Louvel-Attentat nicht fehlen, ebenso wenig wie der Prozess gegen den General Ney oder die vier Sergenten von La Rochelle. Und in dem Abschnitt über die Julimonarchie muss der Autor aus den kriminellen Aktivitäten der diversen Gruppen notgedrungen eine Auswahl treffen, wobei aber alle regimefeindlichen Richtungen in gleicher Weise berücksichtigt werden.

    Das Ganze ist flott geschrieben und durchweg gut lesbar. Manchmal gelingen dem Autor bestechende Formulierungen, oft lässt er allerdings auch seinem Hang zu rhetorischen Ticks wie in Frageform gekleideten Satzellipsen: »Résultat ? « , »Conséquence?«, … zu viel Raum oder gefällt sich in modischen Anglizismen: »Fouché peut connaître d’avance tous les projets jacobins et, quand il le faut, sait les stopper …«, S. 120). Hinzu kommt die Manier, die im Text genannten Personen als »nos hommes« zu titulieren, so als müssten Autor und Leser die besprochenen historischen Figuren augenzwinkernd in eine gemeinsame Distanz von sich rücken. Das Ganze wirkt über weite Strecken wie ein eloquent inszenierter, ja stellenweise witziger Vortrag, gehalten vor Erstsemestern, denen die Lust an der Geschichte noch nicht durch zu viel Fachchinesisch ausgetrieben werden soll.

    Doch was soll das Ganze? Will der Autor nur eine gut erzählte Aneinanderreihung von Prozessberichten bieten, die so bzw. etwas anders auch in den Standardwerken der Sekundärliteratur nachzulesen sind? Und warum klammert er, von wenigen Ausnahmen abgesehen, die Bezugnahme auf neuere wissenschaftliche Arbeiten aus und stützt sich fast nur auf im 19. Jahrhundert edierte Primärquellen?

    Folgt man der Einleitung, dann dient die lange Kette der Beispiele vor allem dem Nachweis der im Cover angerissenen These von dem »demi-siècle le plus répressif de l’histoire de France«. Durch die Revolution, genauer gesagt: die Revolution von 1792, so die Behauptung des Autors, sei die Rechtsprechung zu einer politischen Waffe verkommen, die nicht mehr von der 1789 postulierten Gleichheit der citoyens vor dem Gesetz ausgegangen sei, sondern den Anspruch auf das Recht mit der Zustimmung zur Republik identifiziert habe und folglich allen denen, die sich gegen die Republik stellten, die Geltendmachung des Gleichheitsgrundsatzes entzog. Die folgenden Regimes, so der Autor, hätten diese juristische Ausgrenzung des politischen Gegners in ihrem jeweiligen politischen Sinne fortgeschrieben.

    Was ist von dieser These zu halten? Einmal abgesehen davon, dass ihre erste Hälfte, die die Französische Revolution und das napoleonische System betrifft, heute kaum bestritten werden wird, ist die Fortschreibung einer Politisierung der Justiz in das 19. Jahrhundert hinein sicher nicht von der Hand zu weisen. Erst allmählich und unter großen Rückschlägen hat sich in Frankreich das von den Gründungsvätern 1789 aufgestellte und von Tocqueville und anderen Liberalen wiederentdeckte Prinzip der Gleichbehandlung aller Bürger (inklusive der politisch Andersdenkenden) in der politischen Wirklichkeit durchgesetzt. Es ist aber unerfindlich, warum dieser allmähliche Prozess dann ausgerechnet mit dem Ende der Julimonarchie seinen Abschluss gefunden haben soll; man denke nur an die Verfolgung der Juniaufständischen durch die Zweite und der Kommunarden durch die Dritte Republik, von der Justiz des Second Empire gar nicht zu reden. Boschers Erklärung für seine Beschränkung auf die erste Jahrhunderthälfte, nämlich: die folgenden Regimes bis hin zur Dritten Republik hätten nur das von ihren Vorgängern bereitgestellte juristisch-politische Unterdrückungsinstrumentarium weiter benutzt, vermag in diesem Zusammenhang kaum zu überzeugen.

    Doch mit dieser in sich wenig plausiblen Konzeption nicht genug, widerspricht der Autor in der »Conclusion« auch seiner Ausgangsthese diametral und erklärt jetzt die Restauration und die Julimonarchie zu Regimes, die die Ineinssetzung von Verbrechen und Gesinnung aufgehoben und die Gleichheit der citoyens vor dem Gesetz praktiziert hätten. Den politischen Fundamentalismus sieht er nun nur noch auf der Seite der Gegner der Monarchie am Werke, die dem sie verfolgenden Staat und seinen Geschworenenrichtern jegliche Legitimität abgesprochen und sich selbst, ungeachtet ihrer mangelnden Massenbasis, zu Vollstreckern des angeblichen Volkswillens erklärt hätten. Der bürgerliche Staat, personifiziert in Louis Philippe, war demnach fortschrittlicher als seine Widersacher, er hatte die Freund-Feind-Spaltung, der diese immer noch anhingen, bereits überwunden und die »pacification des esprits et des conflits« der überwiegenden Mehrheit der Franzosen seinerseits mitvollzogen. Warum sich im Frankreich der Julimonarchie die politischen Gewalttaten dennoch zu einer »Manie der Revolte« (Giesselmann) steigerten, vermag der Autor nicht zu erklären; im Gegenteil, er streitet eine solche Diagnose schlichtweg ab: »Naturellement, […] nul ne fut pour autant témoin de la disparition des crimes et des criminels politiques, un fléau intemporel et universel, qui a sévi de tout temps et en tout lieu, à tous les âges et sur tous les continents, quelle que soit la nature du régime en place« (S. 399).

    Der Leser ist ratlos. Was gilt denn nun, die flotte These vom »demi-siècle le plus répressif de l’histoire de France« oder die »Conclusion« des Autors? Wahrscheinlich erklären sich die konzeptionellen Interferenzen auf durchaus banale Weise, nämlich dadurch, dass der Verlag meinte, die dem Buch zugrunde liegende Habilitationsschrift des Autors durch eine schmissige Formulierung, die man aus der Einleitung in den Covertext transportierte, ein wenig ›aufbrezzeln‹ zu müssen. Wurden deshalb auch die Anmerkungen ausgedünnt? Das Ergebnis hinterlässt in dieser Paperback-Fassung jedenfalls einen durchaus zwiespältigen Eindruck.

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    PSJ Metadata
    Klaus Deinet
    L. Boscher, Histoire de la répression des opposants politiques (1792–1848) (Klaus Deinet)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
    Frankreich und Monaco
    Politikgeschichte, Rechtsgeschichte
    18. Jh., 19. Jh.
    4018145-5 4043649-4 4121487-0
    1792-1848
    Frankreich (4018145-5), Opposition (4043649-4), Politische Justiz (4121487-0)
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    L. Boscher, Histoire de la répression des opposants politiques (1792–1848) (Klaus Deinet)
    In: Francia-Recensio 2009/2 | 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2009-2/ZG/Boscher_Deinet
    Veröffentlicht am: 11.09.2009 11:20
    Zugriff vom: 16.07.2020 04:48
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