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    T. v. Muenchhausen, Paris. Geschichte einer Stadt (Andreas Sohn)

    Francia-Recensio 2009/2 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Thankmar von Münchhausen, Paris. Geschichte einer Stadt. Von 1800 bis heute, München (DVA) 2007, 703 S., ISBN 978-3-421-05443-2, EUR 28,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Andreas Sohn, Paris

    Wenn ein deutscher Auslandskorrespondent einige Jahre oder sogar Jahrzehnte seinen journalistischen Dienst in einer Hauptstadt versehen hat, erscheint danach des Öfteren ein Buch mit Eindrücken und Erfahrungen sowie essayistischen Skizzen des politischen und kulturellen Lebens des Gastlandes. Die Darstellung ist gegebenenfalls ganz auf die capitale ausgerichtet, wenn diese eine »Weltstadt« oder unbestrittene Schaubühne des nationalen oder staatlichen Agierens ist. Insofern überrascht es nicht, wenn Thankmar von Münchhausen, der langjährige Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Frankreich, ein Porträt von Paris für einen breiteren Leserkreis zeichnet. Seine anschauliche, von Anmerkungen freie Darstellung setzt in den Jahren um 1800 ein, als Frankreich von der Zeit der Revolution mit Napoleon Bonaparte in eine neue Phase imperialen Glanzes (und auch Niederganges) hinübergleitet. Bis fast zur Gegenwart entfaltet der als Journalist hochgeschätzte Verfasser seine politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Darlegungen. So entsteht insgesamt ein facettenreiches urbanes Bild, das mit kräftigen farbigen Strichen gemalt ist. Am Ende des Buches findet sich eine umfangreiche Bibliografie (S. 635–687). Ein Personenregister schließt sich an.

    Der Aufbau der Neuerscheinung, die in neun Kapiteln gegliedert ist, folgt einem chronologischen Grundraster. Wie sich Paris unter Kaisern und Königen, Präsidenten republikanischer Provenienz und Bürgermeistern geformt, auf die französische Gesellschaft, auf Staat und Nation eingewirkt hat, gewinnt an Konturen. Das mittelalterliche Paris hätte freilich eine deutlichere Beachtung und Vorstellung verdient, was es im übrigen dem Verfasser erleichtert hätte, um so präziser das Ausmaß und die Geschwindigkeit der urbanen Wandlungen zu beschreiben und diese in ihrer historischen Bedeutung zu kennzeichnen. Das 19. Jahrhundert wird mit den obligaten Aspekten wie zum Beispiel den urbanistischen Eingriffen, welche der Baron George-Eugène Haussmann (1809–1891) als Präfekt von 1853 bis 1870 im Auftrag des Kaisers Napoleon III. vornahm, der Kommune, dem Bau architektonischer Wahrzeichen wie des Eiffelturmes und der Kirche Sacré-Cœur auf dem Montmartre eindrücklich beschrieben. Auch die Vielfalt künstlerischer, gestaltender Lebensfreude und gesellschaftlichen Vergnügens wird vorgestellt, worin sich auch ein Proprium von Paris manifestiert. Es waren nicht allein die Impressionisten, die zum Ruhm der Kulturmetropole Frankreichs beitrugen. Die Belle Époque brachte einen vielfältigen kulturellen Aufschwung hervor, der sich auch in Entwicklung von Theater, Oper und Kino zeigte. Zugleich entstand eine regelrechte Vergnügungsindustrie, welche der Befriedigung der Wünsche breiter Gesellschaftsschichten diente.

    Die Geschicke von Paris im 20. Jahrhundert schildert der Verfasser in ihren Kontrasten und dramatischen Zuspitzungen, insbesondere in den Zeiten der beiden Weltkriege. Die Darstellung gewinnt an Anschaulichkeit insbesondere im letzten Kapitel (ab S. 571), das mit der Wahl von Jacques Chirac zum Bürgermeister von Paris im Jahre 1977 einsetzt. Denn der Verfasser war von 1976 bis 1998, also mehr als zwei Jahrzehnte lang, Korrespondent der FAZ in Paris. Aus eigener Anschauung und mit reichem »Insiderwissen« führt er den Leser durch das politische Innenleben der Hauptstadt, die erst mit dem Gesetz vom 31. Dezember 1975 die Gemeindeautonomie errang und fortan über einen gewählten Bürgermeister (anstelle eines von der Regierung ernannten Präfekten) verfügte, durch Rathausstuben, Polizeipräfektur und »Unterwelt«, skizziert die pharaonischen Großbauprojekte des Staatspräsidenten François Mitterrand und die Beziehungen zwischen der capitale und der Region, um nur einige Beispiele zu nennen. Der erste sozialistische Bürgermeister von Paris wurde im Jahre 2001 Bertrand Delanoë, dem die Wähler inzwischen eine zweite Amtszeit bescherten.

    Was der kundige Leser vermisst, ist ein näheres Eingehen auf die Rolle von Paris und der agglomération als Wissenschaftsstandort. Hier konzentrieren sich (immer noch) in außerordentlicher Weise Hochschulen, Forschungsinstitute und Wissenschaftsorganisationen des Landes (trotz aller Dezentralisierungsbemühungen und regionaler Aufbrüche). Auch erscheint die Entwicklung des religiösen und kirchlichen Lebens in und um Paris kaum thematisiert, was zu bedauern ist. Dabei wäre hier vieles auszuführen gewesen – über den »Kirchenkampf« zu Beginn des 20. Jahrhunderts und über das Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat aus dem Jahre 1905 hinaus (vgl. S. 296–298).

    Aufs Ganze gesehen hat Thankmar von Münchhausen ein anregendes, lesenswertes Buch zu Paris von der Zeit um 1800 bis zum beginnenden 21. Jahrhundert vorgelegt. Der Rezensent hat sich bei der Lektüre wiederholt daran erinnert, dass er früher gerne die Artikel des FAZ-Korrespondenten gelesen hat, die dazu beigetragen haben, sein Interesse an Frankreich zu wecken.

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    PSJ Metadata
    Andreas Sohn
    T. v. Muenchhausen, Paris. Geschichte einer Stadt (Andreas Sohn)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Neuere Zeitgeschichte (1945-heute), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918), Zeitgeschichte (1918-1945)
    Frankreich und Monaco
    Geschichte allgemein
    4044660-8 4020517-4
    Paris (4044660-8), Geschichte (4020517-4)
    PDF document Muenchhausen_Sohn.doc.pdf — PDF document, 93 KB
    T. v. Muenchhausen, Paris. Geschichte einer Stadt (Andreas Sohn)
    In: Francia-Recensio 2009/2 | 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2009-2/ZG/Muenchhausen_Sohn
    Veröffentlicht am: 10.05.2012 15:14
    Zugriff vom: 22.01.2020 19:13
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