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    E. Bœuf, La Bibliothèque parisienne de Gabriel Naudé en 1630 (Markus Völkel)

    Francia-Recensio 2009/3 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Estelle Bœuf, La Bibliothèque parisienne de Gabriel Naudé en 1630. Les lectures d’un libertin érudit, Genève (Droz) 2007, 440 S. (Travaux du Grand siècle, 28), ISBN 978-2-600-01067-2, EUR 100,10.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Markus Voelkel,Rostock/Berlin

    Der Pariser Gabriel Naudé (1600–1653) gehört zu den frühen Intellektuellen und Freidenkern, für die das Sammeln von Büchern eine schlechtweg existenzielle Bedeutung hatte. Dies bezieht sich sowohl auf die eigene literarische Produktion, die sich aus Büchern ›nährte‹, als auch auf das eigene professionelle Profil zunächst als Arzt, den die ›doxa‹ der Kollegen aller Zeiten interessierten, dann als Bibliothekar großer Sammler, angefangen beim Präsidenten Henri de Mesmes in Paris über die Kardinäle Giovanni Francesco Guidi di Bagno und Francesco Barberini in Rom bis zu Jules Mazarin selbst. Die Veröffentlichung eines Inventars der Privatbibliothek dieses fanatischen Sammlers aus dem Jahre 1630 verspricht darum erhebliche Aufschlüsse über Naudés Praktiken der Gelehrsamkeit sowohl im individuellen wie im kollektiven Sinn bezogen vornehmlich auf sein frühes Pariser Umfeld.

    Estelle Bœufs Rekonstruktion beruht auf dem 32-seitigen MSS B.n.F., ms.fr. 5681 erstellt von einem Schreiber, aber mit autographen Einträgen. Die Handschrift listet 3583 Einträge auf, welche etwa 3700 Ausgaben erwähnen, so dass man, unter Berücksichtigung der Sammelbände, auf fast genau 2250 Bände Gesamtbesitz kommt. Es handelt sich um eine große Privatbibliothek, weit umfangreicher als die von Naudés medizinischen Kollegen und um etwa ein Drittel des Umfanges der Bücherschätze der damaligen ›Bibliotheksgiganten‹ Jacques-Auguste de Thou oder Nicolas-Claude Fabri de Peiresc. Einer Einleitung von 102 S. folgt der gemäß Manuskript fortlaufende Titel-Katalog (S. 109-361), begleitet von einem Autorenindex, einem Index der Anonymen und Sammlungen, einem höchst nützlichen Drucker- und Buchhändlerverzeichnis, einem Standortverzeichnis der noch in Paris befindlichen Exemplare sowie einer Bibliographie. Eine Normalseite des Verzeichnisses orientiert sich am Manuskript und bringt nach eckigen Klammern die Originaltranskription des in der Regel verkürzten oder individuell zugeschnittenen Titels. Auf dem unteren Teil des Blattes findet sich die volle, nach modernen Kriterien gestaltete bibliographische Auflösung und zwar gemäß, soweit noch feststellbar, der auch tatsächlich vorhandenen Ausgabe.

    Estelle Boeuf benutzt ihre umfangreiche Einleitung, um die einschlägigen Fragen an Naudés Buchbestand zu stellen. Abgefragt werden Sprache(n), Erscheinungsdaten und -geographie und abschließend die internen thematischen Schwerpunkte. Hier ergibt sich das delikate Problem, dass Naudé, der schon 1627 mit seiner Sammelanleitung »Advis pour dresser une bibliothèque« hervorgetreten war, sich an die eigenen Vorschläge nicht hielt, sondern seine Regale nach Grobunterleitungen auffüllte, die weder den kirchlichen noch den gelehrten oder kaufmännischen Systematiken der Zeitgenossen entsprechen. Dies führt dazu, dass Naudés Einteilung zwar bei der Theologie beginnt und bei der ›Geschichte‹ endet, intern aber zahlreiche Sprünge aufweist. Diese Sprünge bildet die Herausgeberin nicht ab (vgl. S. 13, Anm. 41), sondern behilft sich stattdessen mit einer ›modernen Systematik‹: Medizin, ›andere Wissenschaften‹, Philosophie, Politik, Geschichte und Geographie, Literatur, Theologie und Recht. Diese Einzelabteilungen werden jeweils nach Umfang und Besonderheiten analysiert. Als Gesamteindruck ergibt sich, dass es hier um die Privatbibliothek eines aufstrebenden jungen Gelehrten geht, mit anfänglich vor allem medizinischen Interessen, der in kaum 10 Jahren, ausgerüstet nur mit bescheidenen finanziellen Mitteln, einen Bestand zusammengetragen hat, mit dem er vor allem einen unübergehbaren intellektuellen Anspruch im Pariser Intellektuellenmilieu, d.h. vornämlich den Robins erhoben hat. Vom medizinischen Schwerpunkt abgesehen, handelte sich um eine Humanistenbibliothek von lateinischer Gesamtausrichtung (2/3), zeitlichem Editionsschwerpunkt Frankreich zweite Hälfte 16. Jahrhundert mit einer Masse von kleinen, billigen und seltenen Ausgaben. Es bestätigt sich, was man schon zuvor wusste: Naudé war ein bibliophiler ›Schnäppchenjäger‹, der nach Texten, nicht Formaten, Ausgaben, Illustrationen oder gar Einbänden suchte. Mit den gleichen Eigenschaften hat er noch als Großeinkäufer des steinreichen Premier Ministre Mazarin für Kopfschütteln gesorgt. Woher der junge Naudé nun das Geld für seine Einkäufe hatte, kann leider nicht geklärt werden.

    Während man durch die Systematik der Herausgeberin einen schnellen Überblick über das 1630 Vorhandene erhält, verdeckt ihre pragmatische Herangehensweise die inneren Bezüge zwischen den Büchern, wie sie auf den Regalen standen. Es wäre durchaus sinnvoll gewesen, all die »armoires, tablettes und poutres« in einer imaginären räumlichen Rekonstruktion um das Schreibpult von Naudé herum anzuordnen. So ist man darauf angewiesen, die einzelnen Regale selbst ›abzulesen‹ und zumindest Nachbarschaften für gewisse Bände herauszufinden. Unter dieser Perspektive hätte auch die Analyse des Gesamtbestandes, hätte sie sich der tatsächlich vorhandenen (Un-) Ordnung gestellt, tiefer in die Lese- und Schreibpraktiken des gelehrten Libertins hineingeführt. Auch eine größere Nähe zu den anspruchsvollen Thesen von Robert Damien (Bibliothèque et État, 1995) wäre so zu erzielen gewesen. Damien sieht in Naudés Bibliothekskonzeption eine Anstalt sowohl ›öffentlicher Kritik‹ als auch beratender Kompetenz für den Fürsten. War die frühe Büchersammlung von 1630 bereits eine Etappe zu diesem Ziel?

    Am Schluss stellt sich in weiterführender Perspektive die Frage, ob die Edition der Bibliothek von 1630 in isolierter Form überhaupt sinnvoll ist. In der Bibliothèque Nationale liegt noch das Manuskript ms. Fr. 5863, d. h. das » Inventaire de mes livres qui sont à Rome « . Naudé hat es wohl 1642, d.h. kurz vor der Abreise aus Rom geschrieben. Es wäre nun mehr als nur interessant gewesen, beide Inventare parallel in einem Band zu edieren und damit zwei Bibliotheken des gleichen Besitzers vergleichen zu können, die unter deutlich unterschiedenen Bedingungen zustande kamen. In Paris unter ärmlichen Verhältnissen im Milieu der Sorbonne und der Robins, aber ganz unbeeinflusst vom Index und der Inquisition. In Rom entstand dagegen eine Parallelwelt unter den vorteilhaften Bedingungen eines hochrangigen Familiaren und Klienten des kurialen (klerikalen) Milieus, allerdings auch des stark abgeschirmten römischen und italienischen Buchmarktes. Bei einer deutlich gekürzten Einleitung hätten sich wohl beide Inventare, das von 1630 und das von 1642, gemeinsam edieren lassen. Die Auswertung hingegen hätte bereits Teil des Projekts der Arbeitsgruppe am CERPHI zu kritischen Ausgabe der »Œuvres complètes« von Naudé sein müssen, kann doch die schriftstellerische ›Hermeutik von Bibliotheken‹ nur aus den daraus hervorgegangenen Werken selbst erschlossen werden. Damit stellt sich die Frage, wohin sich eine Edition von Bibliotheken berühmter Gelehrter der Frühen Neuzeit orientieren sollte: zur Bibliotheksgeschichte oder nicht doch eher zu klassischen »Intellectual History«?

    Zum Schluss noch zwei ›Binsenwahrheiten‹, die allerdings angesichts publizierter Bücherinventare oft in Vergessenheit geraten: Ein Buch in einer Privatbibliothek bedeutet nicht, dass es der Besitzer auch gelesen hat, während auch umgekehrt vieles, was nicht in dieser Bibliothek zu finden ist, dafür aber anderswo zugänglich war, ungelesen geblieben sein muss. Privatbibliotheken bedeuten zugleich unvollständige wie imaginäre Lesehorizonte, sowohl Erwartungen wie auch Enttäuschungen. Sie vervollständigen in willkommener Weise das Bild bekannter Autoren, aber sie sind notorisch ungeeignet, die Grundzüge eines Autorenbildes zu entwerfen. Diese Anfangsskizze kann nur aus den Werken selbst gewonnen werden. Deshalb bleibt für die Zukunft zu wünschen, dass die Herausgabe weiterer Inventare von Naudés Bücherbesitz zukünftig enger mit der kritischen Edition seines Œuvre verzahnt werden wird.

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    PSJ Metadata
    Markus Völkel
    E. Bœuf, La Bibliothèque parisienne de Gabriel Naudé en 1630 (Markus Völkel)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Frankreich und Monaco
    Bibliotheks- und Informationswissenschaft (Allgemeinbibliographien)
    17. Jh.
    4018145-5 118738151 4006439-6
    Frankreich (4018145-5), Naudé, Gabriel (118738151), Bibliothek (4006439-6)
    PDF document boeuf_voelkel.doc.pdf — PDF document, 93 KB
    E. Bœuf, La Bibliothèque parisienne de Gabriel Naudé en 1630 (Markus Völkel)
    In: Francia-Recensio 2009/3 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2009-3/FN/boeuf_voelkel
    Veröffentlicht am: 12.11.2009 15:20
    Zugriff vom: 27.01.2020 01:11
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