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    P. Desan (dir.), Dictionnaire de Michel de Montaigne (Markus Völkel)

    Francia-Recensio 2009/3 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Philippe Desan (dir.), Dictionnaire de Michel de Montaigne. Nouvelle édition revue, corrigée et augmentée, Paris (Honoré Champion) 2007, 1261 S. (Dictionnaires & Références, 14), ISBN 978-2-7453-1630-1, EUR 175,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Markus Völkel, Rostock/Berlin

    Warum ein Lexikon zu Michel Montaigne? Der Herausgeber Philippe Desan, seit 1984 Professor für Französisch und Kulturgeschichte an der Universität Chicago, gibt darauf wenige, aber entschiedene Antworten: »Ein ›Dictionnaire de Michel de Montaigne‹ musste sich die Biografie des Autors und der ihm Nahestehenden einverleiben, den Akzent auf die Verlagsgeschichte des Werkes legen, ein Bild seiner weltweiten Rezeption zeichnen und schließlich die wichtigsten Konzepte der »Essais« erfassen (S. 11). Deren »offenes und gestörtes Erscheinungsbild« biete sich für das »Spiel intellektuelle Verweise« an. Gleichzeitig sei aber nicht daran gedacht, das Denken Montaignes oder seine Überlegungen zu bestimmten Themen zu »reorganisieren«. Dieses ›Spiel der Verweise‹ erstreckt sich über 749 Lemmata von insgesamt 120 Autoren. Auf diese Zahl nämlich wurde der Mitarbeiterstamm der Erstausgabe von 2004 von ursprünglich 94 erhöht, ebenso wuchs der Umfang um 200 Seiten. Ein doppelter Personenindex, einer bis Montaigne, der andere seit Montaigne sowie das finale Stichwortverzeichnis runden das Lexikon ab. Nicht unwichtig scheint es anzumerken, dass die Bezugsbasis für Montaignes Schriften Villey-Saulniers Revision von Pierre Villeys Ausgabe der »Essais«nach dem Bordeaux-Exemplar darstellt. Die Edition Madame Gournays von 1595 nach ihrem persönlichen exemplaire , die 2007 von Balsamo, Magnien und Magnien-Simonin bei Gallimard vorgelegt wurde, bleibt somit für dieses Lexikon eine Randerscheinung. Dennoch gehört Jean Balsamo auch in der zweiten Ausgabe des »Dictionnaire« zu den eifrigsten Beiträgern.

    Bei der Würdigung eines Wörterbuches beginnt man im Allgemeinen mit einer Analyse des Aufbaues der Lemmata (Begriffsextension, Personen- und Sachverweise), ihrer Länge, ihrer Verzahnung durch Verweise untereinander sowie ihrer Einbettung in die Spezialliteratur. Hierauf möchte der Rezensent in diesem Fall verzichten. Das »Dictionnaire de Michel de Montaigne« funktioniert problemlos als autonome selbstreferentielle Wissensmaschine. Hat man einmal den Einstieg gefunden, was leicht über Personenanfragen, weniger leicht bei Begriffen und Konzepten gelingt – diese folgen doch z. T. heterogenen semantischen Traditionen – dann öffnet sich mühelos die für derartige Lexika vorgesehene unendliche Lektürebahn, mitsamt der hübschen, wenngleich paradoxen Folge, dass die »Essais« von Montaigne einen ergiebigen Kommentar zu diesem Lexikon abgeben. Aufschlussreicher erscheint es deshalb, das »Dictionnaire« einigen praktischen Tests zu unterziehen, um die Art des in ihm vertretenen Wissens näher bestimmen zu können und es in einem zweiten Schritt im gegenwärtigen Diskurs über Montaigne zu verorten und ihm möglicherweise auch noch eine Genealogie zuzuschreiben.

    Eine erste praktische Übung besteht dahin, einen beliebigen Essai aufzuschlagen und sich in ihm vermittels des »Dictionnaire« zu orientieren. Greifen wir beispielweise zu »De l’affectation des peres aux enfants« (I, 40). Hier erscheint nun eine nicht unbeträchtliche Anzahl antiker Namen, zu denen das »Dictionnaire« nichts sagt. Auch die Pleiade-Ausgabe von Thibaudet/Rat von 1963 äußert sich nur sehr sparsam zu dem doch zahlreichen antiken Personal von Montaigne. Wirklich fündig, und zwar in beeindruckender Tiefe, wird man hier erst in den Anmerkungen der neuen Pleiade-Ausgabe von Balsamo, Magnien und Magnien-Simonin von 2007. Hier sind die antiken Bezüge erschöpfend dargestellt. Wer noch mehr wissen will, und dies kann durchaus sinnvoll sein, der muss bis zur großen Realenzyklopädie von Pauly-Wissowa hinaufsteigen. Aufschlussreich kann aber auch die Suche nach frühneuzeitlichen Namen enden, etwa die nach Blaise de Monluc (ca. 1500–1577), Maréchal de France, dem Verfasser der berühmten »Commentaires«. Zu dieser zeitgeschichtlich bedeutenden ›Parallelpersönlichkeit‹ findet sich im »Dictionnaire« kein Lemma, dafür aber 14 Nennungen, davon einige nur in bibliographischer Form. Wer also hier mehr wissen möchte sollte sich gleich in Arlette Jouannas »Histoire et dictionnaire des guerres de religion« (1998) vertiefen bzw. in die Neuauflage des »Dictionnaire des lettres françaises. Le XVI e siècle« (2001). Für ein von Montaigne abzweigendes Tiefenwissen im literarischen Feld ist das »Dictionnaire de Montaigne« also nicht gemacht.

    Bleiben somit die ›Konzeptartikel‹, die, wie erwähnt, »nicht dazu gedacht sind, das Denken Montaignes zu bestimmten Themen zu reorganisieren«. Hier handelt es sich um Begriffe wie affectation, bonheur, civilité, colère, Dieu, être etc., die insgesamt wohl ein Fünftel der Lemmata ausmachen und gut die Hälfte der 1260 Seiten füllen. Die entsprechenden Artikel umfassen in der Regel acht bis sechzehn Spalten und bieten eine konzise und flüssige Lektüre, die dann konsequent in den »renvois«, den fortführenden Lemmata, fortgesetzt werden kann. Man greife zu »style« und sieht sich an »allégorie, désordre, essai (genre), langue, métaphores, passage, proverbes, rhétorique“ verwiesen. Literaturtheoretisch kann man sich somit im ›literarischen Feld Montaigne‹ sicher fortbewegen. Was diese Artikel vorlegen sind in der Regel knappe Synthesen, die über Kontexte und Werkbezüge laufen. Deshalb kann man auch nicht von einer ›Reorganisation‹ sprechen, sicherlich jedoch von einer ›Organisation‹ bzw. ›Rekonstruktion‹ der thematischen Substanz z. T., und zwar beträchtlich über den bei Montaigne erreichten Grad hinaus. Das ist ein legitimes Unterfangen, vom dem man als Leser viel lernen kann, dem man freilich auch stets mit einer gewissen Distanz folgen sollte. Für Montaigne waren Systeme und Synthesen bestenfalls Anspielpunkte für persönliche Erlebnisse. Hier gilt es also die bekannte »Wittgenstein’sche Leiter« zu benutzen: hinaufsteigen, gründlich lesen, zurückstoßen, d. h. bei der Lektüre Montaignes möglichst wieder vergessen.

    Den sichersten Grund und sein größtes Verdienst erreicht das »Dictionnaire« dort, wo es das ›Milieu‹ Montaignes vermisst. Für all das, was das persönliche Umfeld, die Familie, den Besitz, das Parlament von Bordeaux und deren Nachleben betrifft, liefert das »Dictionnaire« dichte, ausführliche und zuverlässige Information. Das gleiche gilt für die verschiedenen Ausgaben der »Essais«, ihre Drucker und Herausgeber bis hin zu einzelnen rezeptionsgeschichtlich wichtigen Exemplaren der »Essais«. Von hier aus ergeben sich dann wichtige, durchgängig empirisch gestützte und deshalb auch nicht mit Verfallsdatum versehene Hinweise zum tatsächlichen Schreibprozess bei Montaigne und seinen wissenshistorischen und zeittypischen Voraussetzungen. Den größten Gewinn aus diesem Lexikon zieht man also dann, wenn man Lemmatalinien zieht wie z. B.: „annotation, évolution des essais, couches des essais, exemplaire de Bordeaux, allongeail(s), formats des premières éditions, lettres de M., ex libris« etc.

    Wo dieses »Dictionnaire« also das unmittelbar an Montaigne anliegende Sachwissen akkumuliert, dort erreicht es seinen konzeptionellen Höhepunkt. Die ›Konzeptartikel‹, obwohl sorgfältig gearbeitet, sind mit Vorsicht zu genießen, denn sie verfestigen unfreiwillig doch das, was bei Montaigne flüssig bleiben soll. Die Sachinformation schließlich, die nötig ist, um die »Essais« en détail verstehen zu können, liefert das »Dictionnaire« nicht. Dieses Problem hat freilich der Anmerkungsapparat der neuen Pleiade-Ausgabe der »Essais« (Gournay 1595) in überzeugender Weise gelöst. ›Montaigne zu lesen‹, bleibt also auch nach dieser Neuausgabe des »Dictionnaire de Montaigne« eine komplizierte Angelegenheit. Das Buch, das zugleich eine Person sein soll und dann doch wiederum ein nur vom Tod des Autors beendeter zielloser Lese- und Schreibprozess, sprengt jede Synthese, jedes Lexikon und auch jede Rezeptionsform. Das »Dictionnaire« ist locker genug aufgebaut, um sich diesem dynamischen Leseprozess anpassen zu können und gehört deshalb in die Bibliothek jedes gründlichen Liebhabers der »Essais«.

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    PSJ Metadata
    Markus Völkel
    P. Desan (dir.), Dictionnaire de Michel de Montaigne (Markus Völkel)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Familiengeschichte, Genealogie, Biographien
    118583573
    Montaigne, Michel Eyquem de (118583573)
    PDF document desan_voelkel-dictionnaire.doc.pdf — PDF document, 109 KB
    P. Desan (dir.), Dictionnaire de Michel de Montaigne (Markus Völkel)
    In: Francia-Recensio 2009/3 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2009-3/FN/desan_voelkel-dictionnaire
    Veröffentlicht am: 12.11.2009 15:20
    Zugriff vom: 27.01.2020 00:41
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