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B. Pierre, La bure et le sceptre (Michael Müller)

Francia-Recensio 2009/3 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Benoist Pierre, La bure et le sceptre. La congrégation des Feuillants dans l’affirmation des États et des pouvoirs princiers (vers 1560–vers 1660), Paris (Publications de la Sorbonne) 2006, 590 S. (Histoire moderne, 47), ISBN 2-85944-543-9, EUR 35,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Michael Müller, Mainz

Benoist Pierre untersucht in seiner auf umfangreichen Archivstudien in Frankreich und Italien basierenden prosopographischen Studie die Geschichte der Feuillanten-Kongregation in Frankreich von 1560-1660, d. h. in dem Jahrhundert von den Religionskriegen (1562 bis 1598) bis zur Selbstregierung König Ludwigs XIV. 1661. Die Darstellung ist in drei Teile gegliedert, deren erster die Jahre 1560-1600 umfasst, während die Teile II und III die Jahre 1600–1630 und 1630–1660 behandeln.

Ausführlich widmet sich der Verfasser zu Beginn dem allgemein- und kirchengeschichtlichen Entstehungskontext der»Feuillanten« (frz.: feuillants , ital.: folietani , lat.: fulienses ), einer Reformkongregation der Zisterzienser. Der Gründer, Jean de la Barrière (1544–1600), hatte bereits als 18-jähriger 1562 das Amt des Kommendatarabts des 1145 gegründeten Zisterzienserklosters Notre-Dame-des-Feuillants unweit von Toulouse übernommen, und führte diese Abtei seit 1577 als Regularabt (zur Biographie vgl. S. 31–38). Der beginnende Bürgerkrieg zwischen katholischen Ligisten und Hugenotten, spätestens aber der Schock der Bartholomäusnacht von 1572 ließen in ihm die Erkenntnis reifen, dass der langersehnte Frieden des Landes und die Wiedervereinigung der Christen nicht mit Waffengewalt, sondern nur durch religiöse Erneuerung auf dem Wege ständigen Gebets und strenger Buße zu erreichen seien. Seine Grundidee war die strikte Rückkehr zur Regel des Hl. Benedikt und eine durchgreifende Reform, deren Strenge die ursprüngliche Zisterzienserregel noch übertraf. So forderte die 1586 von Papst Sixtus V. approbierte Regel ein Leben in Schweigen, Gebet, Arbeit und Armut, z. B. Schlafen auf Holzbrettern statt in Betten, ferner Knien statt Sitzen während der Mahlzeiten, beständiges Barfußgehen sowie die Enthaltung von Wein, Fisch, Eiern, Butter und Salz. Die Hauptnahrung sollte aus trockenem Brot bestehen. Die Schlafzeiten waren auf vier Stunden pro Nacht beschränkt. Diese asketisch-strengen Regeln galten uneingeschränkt, auch im Falle von Erkrankungen (S. 43–47). Zur institutionellen Absicherung dieser von Anfang an nicht unumstrittenen Neugründung erkannte Papst Gregor XIII. die Feuillanten in einem Breve als eigenständige Kongregation an. Klemens VIII. eximierte sie 1592 von der regulären Jurisdiktion durch die Zisterzienser und erlaubte ihnen den Erlass eigener Konstitutionen. Auch einen weiblichen Zweig ( feuillantines ) rief Barrière 1588 ins Leben und gab ihm die gleiche Regel wie den männlichen Feuillants. Das erste Frauenkloster entstand 1590 unweit des Gründungsklosters Notre-Dame-des-Feuillants in Montesquieu-Volvestre in der Diözese Rieux, wurde aber später nach Toulouse umgesiedelt. 1622 ließ Anna von Österreich ein zweites Feuillantines-Kloster in der Pariser Faubourg Saint-Jacques eröffnen.

Die Religionskriege und die um sich greifende Anarchie führten auch bei den Feuillants schon kurz nach ihrer Gründung zur Spaltung in eine »royalistische«, König Heinrich III. zugewandte, und eine »ligistische«, den Guise-Brüdern nahestehende Fraktion (S. 29). Während der Ordensgründer Jean de la Barrière königstreu blieb und 1587 auf Bitten Heinrichs III. das Pariser Kloster St. Bernard in der rue Saint-Honoré errichtete, schloss sich die Mehrheit der Mönche unter dem Pariser Superior Bernard de Montgaillard der radikaleren katholischen Liga und damit der Opposition gegen Heinrich III an. Barrière, in seinem eigenen Orden zunehmend isoliert und nach der Ermordung des Königs 1589 seines wichtigsten Rückhalts beraubt, wurde auf dem ersten Generalkapitel 1592 in Turin von seinem Gegenspieler Montgaillard scharf kritisiert und auf dem zweiten Generalkapitel in Rom förmlich verurteilt, abgesetzt und von seinen geistlichen Funktionen entbunden, jedoch 1600 noch kurz vor seinem Tode auf Betreiben des Kardinals Bellarmin rehabilitiert.

Zu Recht setzt der Verfasser mit dem Tod des Gründers eine Zäsur und lässt die zweite Phase der Ordensgeschichte mit dem Jahr 1600 beginnen (S. 175–344). Die neue Gemeinschaft nahm seit der mit dem Edikt von Nantes 1598 einsetzenden inneren Befriedung Frankreichs unter König Heinrich IV. einen beachtlichen Aufschwung und zählte bis Mitte des 17. Jahrhunderts zeitweilig über dreißig Klöster, wobei diese Zahl bis 1768 auf 24 zurückging, darunter das Hauptkloster Saint Bernard in Paris, wo 1768 23 der 164 französischen Feuillants lebten. Saint-Bernard war fraglos auch architektur- und kunstgeschichtlich die wichtigste Niederlassung des Ordens im Königreich (S. 284–288): Heinrich IV. legte 1601 den Grundstein für den 1608 eingeweihten Kirchenbau, den Jules Hardouin-Mansart 1676 mit einem monumentalen Portal mit idealisierten Darstellungen König Heinrichs III. und des Ordensgründers vollendete. Die ausgedehnte Klosteranlage mitsamt den Gärten zeigt eine S. 178 abgedruckte zeitgenössische Vogelperspektive. In der Revolution wurde das Kloster 1790 geschlossen, vom Club des feuillants in Beschlag genommen und 1804 abgerissen.

Während von Frankreich ausgehende Gründungsversuche in Spanien und Portugal erfolglos blieben, gelang dem Orden die Ausbreitung nach Italien, wo er Mitte im 17. Jahrhundert schließlich ca. 40 Klöster zählte, so z. B. in Rom Sainte-Pudentienne (1587), Saint-Bernard-aux-Thermes (1598) und Saint-Sébastien-aux-Catacombes, während der weibliche Zweig, die Feuillantines, 1587 die Kirche Saints-Vit-et-Modeste am römischen Trajansforum erhielt. 1630 teilte Papst Urban VIII. die Feuillanten-Kongregation in zwei unabhängige Zweige: In Frankreich trugen sie fortan den Namen »Notre-Dame-des-Feuillants«, in Italien dagegen die Bezeichnung »Reformierte Bernhardiner« (Riformati di S. Bernardo, Réformés de Saint-Bernard). Auf dem Höhepunkt besaßen die beiden Zweige zusammen 74 Häuser, doch im 18. Jahrhundert machten sich, ähnlich wie bei vielen Orden in dieser Zeit, Krisensymptome bemerkbar, so u. a. der Rückgang der Novizenzahlen. Der Niedergang setzte bereits ein, noch bevor in der ersten Phase der Revolution 1791 alle »nicht-produktiven« Orden verboten wurden. Die Feuillants gingen damals unwiderbringlich unter und sind heute einem breiteren historischen Publikum zumeist nur als unfreiwillige Namensgeber des politischen Klubs unter La Fayette bekannt, der seine Sitzungen im ehemaligen Pariser Feuillantenkloster abhielt. Es ist das Verdienst des Autors Benoist Pierre, die Geschichte dieser Reformkongregation im ersten Jahrhundert ihres Bestehens, die ein wichtiges Kapitel der kirchlichen Erneuerungsversuche von der Epoche der Religionskriege bis zum beginnenden »Absolutismus« darstellt, erstmalig umfassend untersucht zu haben. Die Monographie ist bestens recherchiert und solide erarbeitet, so z. B. die Studien zur finanziellen Lage der Feuillants (S. 471–476), die aufschlussreiche, völlig neuartige Erkenntnisse bieten. Technisch geht der Autor neue Wege, in dem er druckkostensparend die 246 Seiten umfassenden Anhänge mit Tabellen, Übersichten, Namenslisten, Karten und Abbildungen etc. auf einer dem Buch liegenden CD-Rom präsentiert. Diese Vorgehensweise ist zwar sicherlich einerseits ökonomisch vorteilhaft, aber nicht in jedem Falle leserfreundlich zu nennen. Dieses Details mindert aber nicht den rundum positiven Gesamteindruck des vorliegenden Bandes, den ein ausgiebiges Verzeichnis der Quellen (S. 507–529) und der Literatur (S. 529–540) sowie ein hilfreicher Index der Orts- und Personennamen (S. 541–586) abrunden.



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Michael Müller
B. Pierre, La bure et le sceptre (Michael Müller)
CC-BY-NC-ND 3.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
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B. Pierre, La bure et le sceptre (Michael Müller)
In: Francia-Recensio 2009/3 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2009-3/FN/pierre_mueller
Veröffentlicht am: 12.11.2009 15:50
Zugriff vom: 27.01.2020 01:28
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