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    B. Schmidt, P.H. Smith (ed.), Making Knowledge in Early Modern Europe (Markus Völkel)

    Francia-Recensio 2009/3 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Benjamin Schmidt, Pamela H. Smith (ed.), Making Knowledge in Early Modern Europe. Practices, Objects, and Texts, 1400–1800, Chicago (The University of Chicago Press) 2007, X–360 S., ISBN 978-0-226-76329-3, EUR 68,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Markus Voelkel, Rostock/Berlin

    Dieser Sammelband ist die Frucht einer Tagung, die vom 11. bis 12. April 2003 am Pomona College in Südkalifornien stattgefunden hat, organisiert von den beiden Historikern Pamela Smith (Pomona) und Benjamin Schmidt (University of Washington, Seattle). Wie bereits im Titel anklingt, sehen sich die Herausgeber, durch die gegenwärtige »Krise des Wissens« autorisiert, nach Parallelerscheinungen in der älteren Wissens – sehr viel weniger der älteren Wissenschaftsgeschichte – zu suchen. Während die heutige Wissenslandschaft sich vom Buch abwende, behaupte das Printmedium immer noch die Herrschaft über das Verständnis des vormodernen Wissens. Gegen diese Dominanz führen sie einen genetischen Pluralismus der Wissensproduktion in der Frühen Neuzeit ins Feld. Gemeint ist natürlich alles unterhalb bzw. außerhalb der Sphäre der DWEM’s (Dead White European Males), also die Praktiker, die Frauen, somit alle Akteure, die durch die überfällige Expansion der Gruppen sozialer Trägerschaft von Wissen nunmehr ins Boot geholt werden müssen. Signifikant ist das Beharren der Herausgeber in ihrer Einleitung auf dem »making knowledge«, also dessen konstruktivem Charakter mit der typischen Akzentverschiebung vom Individuum auf die Gruppe, vom Geschriebenen/Gedanken auf das Objekt. Insofern weist gerade die Einleitung alle Eigenschaften der gegenwärtigen moderni in der Wissenschaftshistorie auf. Die weitere Entwicklung der Einleitung und vor allem auch die Einzelbeiträge verfestigen beim Leser dann doch den beruhigenden Eindruck, dass viele Bestandteile dieses Cocktails denn doch von den antiqui stammen, und sich insofern bald wieder ein vertrautes Geschmackserlebnis einstellt.

    Der thematisch proklamierte Horizont ist so breit wie vage: Zunächst geht es um die »Praktiken der Wissensherstellung« in Opposition zu schriftlich fixierten Ergebnissen. Aber »Lesen und Schreiben« werden dabei unter der Hand selbst zu ergebnisunabhängigen Prozessen, d. h. zu möglichen »Praktiken«. Weiterhin sollen Ansätze der historischen Anthropologie und der Religionswissenschaft zum Tragen kommen, gerade auch bei der technisch-praktischen Herstellung von Bildlichkeit. Schließlich soll die Wissensproduktion auch re-sozialisiert werden, unter möglichst viele Gemeinschaften und individuelle Hersteller. Als letzter Fingerzeig bietet sich die Frage nach einem neuen Narrativ an, das an die Stelle einer teleologischen und säkularisierten Fortschrittsgeschichte eine der Kontingenz und der schwankenden Legitimität gibt. Wenig überraschend werden diese Ansätze nicht zu einem systematischen Rahmen vereinigt, sondern werden exemplarisch entfaltet, wodurch sich freilich auch Wege zu fast grenzenloser Interdisziplinarität öffnen. Eine extreme Themen- und Disziplinenvielfalt zeichnet den Band aus, so dass selbst eine nur umrisshafte Beschreibung der drei Abteilungen große Mühe bereitet.

    Der erste Abschnitt nennt sich »Herstellung von Wissen von den Rändern her«. Hier geht es um Beiträge von »women engineers« zum Bau des Canal du Midi zwischen 1666 und 1681 bei Chandra Mukerji. Anschließend wagt sich Linda Seidel an den Ghenter Altar und würdigt Jan van Eyck erneut als Bildwissenschaftler. Simon Werrett stellt sodann die Entscheidung der europäischen Feuerwerker für die »Chemie« als primären ökonomischen Schachzug einer besonderen Gruppe dar, während bei Linda Schiebinger Linnés Nomenklatur zum Ausdruck der Verdrängung von »local knowledge« durch eine »imperiale Botanik« wird.

    Die zweite Abteilung »Praktiken des Lesens und Schreibens« kehrt dann doch zum gedruckten Buch, wenngleich nur als Medium und materiellem Indikator, zurück. Herman Pleij beschreibt hierbei die geplanten wie ungeplanten Resultate des Übergangs von »local knowledge« in gedruckte Form in den niederländischen Städten des 15. und 16. Jahrhunderts. Ihm folgt Rudolf Dekker mit Betrachtungen zum Zusammenhang von mathematisch-horologer Verzeitlichung und diaristischer Introspektion. Arianne Baggermann widmet sich anschließend dem Übergang zwischen »geschriebenem Buch« und »Buch der Natur« in der Spätestphase dieser Metapher um 1800. Im Bereich der »disciplines oft he Self« knüpft Lori Anne Ferrell an Dekkers Studie an, wenn sie die Zweiterfindung der englischen Kurzschrift mit der calvinistischen Pädagogik kombiniert. Scott Black bringt die Abteilung zum Abschluss mit einer Studie zur inneren Logik des Übergangs vom »humanistischen Essay« zum wissenschaftlichen Essay bei Robert Boyle.

    Den Schlussteil haben die Herausgeber mit »Die Reform des Wissens« benannt. Claudia Swan benutzt hier das »Wunderbare« holländischer medizinischer Sammlungen zu einer Neubestimmung ihrer »wissenschaftlichen Funktionen«. Peter Grell verfolgt danach die wissenschaftliche Karriere des Ole Worm in betont empiristischer Perspektive. Und auch Carina L. Johnson bleibt im Bereich der materialen Kultur, sobald sie die »Fetische« und Steingötzen aus Amerika, die in habsburgische Sammlungen gelangten, zu Katalysatoren einer geschärften »kulturellen Differenz« des katholischen Europas macht. Ähnlich sieht auch Jonathan Sheehan die protestantischen Antiquare Englands auf dem Weg zu einer umfassenden Religionsgeschichte, angeleitet durch den Versuch, die christlichen Zeremonien aus der Archäologie des jüdischen Tempels abzuleiten. Den Schlusspunkt setzt André Wakefield, wenn er die Hochschulgründungen von Göttingen und Freiberg/Sachsen als hochgradig von »fiskalischer Logik« bestimmt sieht.

    Ohne den Wert der z. T. mit konsequent neuen und auch »randständigen« Ansätzen arbeitenden Beiträge infrage stellen zu wollen, stößt man doch auf ein vertrautes Problem. Wie und in welcher Form gehört das alles zusammen? Die Einleitung liefert kaum mehr als sparsam-konventionelle Hinweise, die Essays selbst hängen kaum jemals zusammen, die verschiedensten Methoden stehen unverbunden nebeneinander. So bleibt nichts übrig, als auf den anfangs geäußerten Verdacht zurückzukommen, dass diese, inzwischen weithin etablierte, Art von Wissensgeschichte damit zufrieden ist, als Sekundärgeschichte zu älteren Wissenschaftsgeschichte, ihrem Fortschrittsmodell, ihren Methoden und Erzählungen zu funktionieren. Allein schon die naiv gestellte Frage: »What was the ultimate function of this knowledge« (S. 6), bezogen auf die langdauernde alchimistische Tradition, kann nur dann formuliert werden, wenn man sich von der Diskursgeschichte, der Diziplinengeschichte und der Naturphilosophie gleichzeitig dispensiert, um dann die großen Lücken für das jeweils ›andere Wissen‹ zu entdecken. In diesem Sinn erscheint eine thematische Perspektive wie »Die Reform des Wissens« fast wie ein unbewusster Lapsus. Also doch »Fortschritt«, aber eben durch »alle«, gemäß der »fuzzy logic« der »distributed cognition«. So lässt sich auch der orthodoxe puritanische Geistliche in den Fallen der historischen Dialektik fangen, so taucht auch die vergessene Waschfrau am Canal du Midi in den großen Strom des Fortschritts ein. Dass dieser Verdacht nicht ungerechtfertigt ist, lässt sich an der auffällig intentionalistischen und voluntaristischen Redeweise von Herausgebern und Autoren ablesen: Die Struktur- und Diskursferne dieser Auswahl ist erstaunlich. Am Ende sollen dann doch klar benennbare Kollektive und Individuen für die erweiterte agency stehen. Da ist kein gänzlich illegitimes Unterfangen, führt aber zu dem Schluss, dass man lang- bis mittelfristig diese Art von diffuser Wissenshistorie, die sich an der Sozial- und Objekttheorie der »distributed cognition« orientiert, von der »klassischen Wissenschaftshistorie« abtrennen sollte. Ein auf die Gesamtgesellschaft, auch historische Gesellschaften hin erweiterter Universalbegriff von »Wissen« tendiert dazu, den Wissenschaftsbegriff selbst aufzuheben bzw. verschleift bislang höchst nützliche, auch für die Zivilgesellschaft nützliche, Typologien von Wissen. Die emanzipatorischen Absichten dieser Art von Geschichte wären dann leicht in ihr Gegenteil umgeschlagen.

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    PSJ Metadata
    Markus Völkel
    B. Schmidt, P.H. Smith (ed.), Making Knowledge in Early Modern Europe (Markus Völkel)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918), Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Europa
    Bildungs-, Wissenschafts-, Schul- und Universitätsgeschichte
    14. Jh., 15. Jh., Neuzeit bis 1900
    4015701-5 4205605-6 4190121-6
    1400-1800
    Europa (4015701-5), Wissensorganisation (4205605-6), Wissensvermittlung (4190121-6)
    PDF document schmidt_voelkel.doc.pdf — PDF document, 106 KB
    B. Schmidt, P.H. Smith (ed.), Making Knowledge in Early Modern Europe (Markus Völkel)
    In: Francia-Recensio 2009/3 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2009-3/FN/schmidt_voelkel
    Veröffentlicht am: 12.11.2009 15:50
    Zugriff vom: 27.01.2020 02:18
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