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D. Todd, L’identité économique de la France (Volker Barth)


Francia-Recensio 2009/3 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

David Todd, L’identité économique de la France. Libre-échange et protectionnisme 1814–1851, Paris (Éditions Grasset & Fasquelle) 2008, 494 S., ISBN 978-2-246-711818-0, EUR 22,50.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Volker Barth, Köln

» La France n’aime pas le libre-échange « (S. 9). Mit diesem Jetztzeitbefund eröffnet David Todd seine breit angelegte Studie über die ideologischen Debatten zur nationalen Wirtschaftspolitik Frankreichs in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die sehr sorgfältig recherchierte Arbeit stützt sich neben einer Vielzahl gedruckter Quellen auf Materialien aus über 25 Archiven auf beiden Seiten des Ärmelkanals. Todd, der mit vorliegender Arbeit 2005 an der University of Cambridge promoviert wurde, konzentriert sich dabei, in guter französischer Tradition, insbesondere auf zahlreiche Archives départementales. Dies ist einer der Gründe dafür, dass es dem Autor immer wieder gelingt, lokale, regionale und nationale Ebenen der Diskussion miteinander zu verbinden und Formen der gegenseitigen Beeinflussung aufzudecken.

Todd will zeigen, wie sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Folge der napoleonischen Kriege und der englischen Kontinentalsperre gegen Frankreich eine ebenso schleichende wie stetige Ablösung vom merkantilistischen Denken vollzog. In der Folge entstanden peu à peu mit Freihandel und Protektionismus diejenigen Konzepte, welche die wirtschaftlichen und handelspolitischen Debatten der Grande Nation bis zur Jahrhundertmitte prägen sollten. 1851, am Beginn des Zweiten Kaiserreichs und am Ende der Todd’schen Darstellung, trug letzterer einen, das französische ökonomische Befinden bis heute charakterisierenden Sieg davon.

Der Autor, und dies ist ein weiterer Grund für die Stärke der Abhandlung, beschränkt sich jedoch keineswegs auf hoch spezialisierte Wirtschaftskonzepte. Er sucht ganz im Gegenteil immer den Anschluss an aktuelle politische Debatten dieser Zeit. Todd zieht eindeutige Verbindungen; Wirtschaft und Politik beeinflussten und spalteten die politische Landschaft gleichermaßen. Denn die Fürsprecher des Freihandels waren weitgehend kongruent mit den Vordenkern der liberalen Bewegung, während die Protektionisten sich ebenso weitgehend aus dem nationalen politischen Lager rekrutierten (S. 11). Aufschlussreich ist dabei Todds besondere Aufmerksamkeit für verschiedenste Lobbyisten und pressure groups , deren Publikationen einen wichtigen Quellenkorpus darstellen. Todd gelingt es so immer wieder die Verbindung zwischen Wirtschaft, Politik und öffentlicher Meinung in einer Vielzahl von Diskussionsräumen und –ebenen aufzuzeigen. Dabei beschränkt er sich gerade nicht auf das Hexagon, sondern bezieht insbesondere Akteure und Debatten aus England und Deutschland in die Analyse mit ein. So wird auch auf wirtschaftspolitischer Ebene der »caractère transnational du nationalisme« (S. 259) deutlich.

Die Darstellung gliedert sich in vier große Kapitel, die nur bedingt mit den politischen Zäsuren der Epoche übereinstimmen und mit »Prohibitions (1814–1824)«, »Liberté (1825–1834)«, »Nation (1834–1844)« und »Protectionnisme (1845–1851)« betitelt sind.

Zunächst verortet er die endgültige Abkehr vom Merkantilismus, der die moderne Wirtschaftspolitik kennzeichnende Zweiteilung von Protektionismus und Freihandel gerade nicht kannte, im Ausgang des napoleonischen Zeitalters (S. 20, 22). Beide Denkmuster entstanden in dezidierter Gegenreaktion auf das, als nicht mehr zeitgemäß gebranntmarkte merkantilistisches Denken. Ein vom englischen Corn law (1815) inspiriertes Gesetz von 1816 markiert für Todd den »acte fondateur du système prohibitif« (S. 56) in Frankreich. In den folgenden Jahren installierte Frankreich ein mit großen Mitteln ausgestattetes repressives System, das von uniformierten und teilweise auch bewaffneten Zollbeamten getragen wurde, die zu diesem Zeitpunkt 20% aller Staatsdiener stellten (S. 63f). Bis in die 1820er Jahre wurde dies, wenn überhaupt, eher aus politischer denn aus wirtschaftlicher Sicht kritisiert. Eine der frühesten und einflussreichsten Ausnahmen bildet der »Traité d’économie politique« von Jean-Baptiste Say aus dem Jahr 1803 (S. 84).

Erst im Zuge einer sich intensivierenden liberalen Opposition gegen die Politik der Restaurationszeit wurden freihändlerische Konzepte populärer (S. 104, 120). Vor allem ab den 1830er Jahren konstatiert Todd eine deutliche Zunahme liberaler Wirtschaftskonzepte. Ausgangspunkt und Epizentrum dieser Bewegung war die Gironde mit ihrer Hauptstadt Bordeaux. Hier avancierten die ökonomisch starken und institutionell gut organisierten Weinbauern zu Vorreitern der wirtschaftlichen Liberalisierung. Auch im Zuge dieser zunächst noch lokal begrenzten Debatten beobachtet Todd eine sich verstärkende politische Spaltung: Während die Linke für die ersatzlose Abschaffung der Zollbeschränkungen plädierte, machte sich die Rechte für produktspezifische Reformen stark (S. 147). So wurden nicht nur Vitikulteure sondern auch Schmuggler immer wieder zu »héros de la liberté« (S. 168) stilisiert und zum gleichen Zeitpunkt die douanes royales in douanes françaises umgetauft (S. 172). Die Exaltation der Freiheit und die Frustration der Häfen wurden zum Fundament der französischen Freihandelsbewegung (S. 180). Dabei spielten auch britische Freetrade-Agenten wie John Bowring, der später zu einem Fürsprecher des zweiten Opiumkrieges wurde, eine wichtige Rolle (S. 183ff., 201). Louis-Philippe regierte auf diese Entwicklung, indem er 1833 den eher protektionistisch veranlagten Adolphe Thiers zur Wirtschaftsminister ernannte.

Aber auch die deutschen Staaten beeinflussten die französische Debatte. Insbesondere die Gründung des Zollvereins von 1834 war eine Entwicklung, zu der sich auch die Protagonisten der französischen Wirtschaftsdebatte positionieren mussten. Der Rechten gelang dabei, indem sie die Nation zum Ausgangs- und Endpunkt aller Überlegungen proklamierte, nicht nur der politische Zusammenschluss. Aus ökonomischer Perspektive verlangte eine geschlossene Nation nach geschlossenen Grenzen. Im Gegensatz zur économie politique , die sie als »abstraite et inapplicable« (S. 227) geißelten, riefen die Nationalisten zu einem »patriotisme économique« (S. 241) auf. Vorreiter war dabei einmal mehr Thiers, der 1836 zum Regierungschef berufen wurde. An dieser Stelle bringt Todd einen zweiten Ausländer als entscheidende Figur ins Spiel. Immerhin weilte Friedrich List nicht nur während vier längerer Aufenthalte auf französischem Boden, sondern verfasste auch sein erst später ins Deutsche übersetztes »Système national d’économie politique« in französischer Sprache. Die hier brillant ausgearbeitete » nouvelle association de l’antilibéralisme commercial au libéralisme politique « erwies sich als ausgesprochen wirkmächtig (S. 266). Todd rekonstruiert diese Debatten nicht nur anhand der bereits erwähnten diversen Lobbys, sondern auch in Bezug auf bestimmte Produktionszweige, wodurch es ihm gelingt seine Darstellung anschaulich und leicht nachvollziehbar zu halten. Die in der Leinenproduktion wachsende Anglophobie aus Angst vor der anscheinend übermächtigen Konkurrenz ist ebenso aufschlussreich wie die Konflikte zwischen Fürsprechern des »sucre ›indigène‹«, der aus französischen Zuckerrüben gewonnen wurde, und solchen des »sucre ›exotique‹«, also Rohrzucker aus den Kolonien (S. 307ff.). Im weiteren Kontext solcher Auseinandersetzungen entstanden auch Diskussionsbeiträge die vor allem retrospektiv interessant erscheinen. So veröffentlichte ein gewisser Louis-Napoléon Bonaparte 1844 »De l’extinction du pauperisme«, in dem er sich als Anhänger des Protektionismus erwies, bevor er 1860 als Napoléon III. den englisch-französischen Freihandelsvertrag unterschrieb.

Überhaupt wurde England in den 1840er Jahren immer mehr zur Negativfolie der französischen Wirtschaftspolitik. Nachdem die Corn Laws 1846 suspendiert worden waren wurde, so Todd, der Freihandel ab 1849 zur offiziellen englischen Wirtschaftsdoktrin (S. 336). Aus Sicht der französischen Rechten mutierte er damit unweigerlich und endgültig zu einem »concept étranger« (S. 368), dem es eigene, nationale Interessen entgegen zu stellen galt. Selbst für Jules Michelet wurde England, wie er 1846 in »Le Peuple« verkündete, zur »anti-France« (S. 388). Während die politische Rechte damit ihre Position gefunden hatte, stellte sich die Frage nach dem Verhalten der Linken, die große Mühe hatte eine ebenso eindeutige Haltung zu formulieren. Vielen Franzosen erging es wie Karl Marx, der sich weder für den Freihandel noch für den Protektionismus begeistern konnte: Letzten Endes unterstütze er allein deswegen den Ersteren, weil er seiner Meinung nach den Klassenkampf und damit auch die proletarische Revolution beschleunigen würde (S. 394). Erst allmählich, und nach dem Ende des Todd’schen Untersuchungszeitraums, avancierte Michel Chevalier, der französische Chefunterhändler des Freihandelsvertrags von 1860, zum wirtschaftspolitischen Vordenker der französischen Linken.

Am Ende der ebenso lesenswerten wie überzeugenden Darstellung steht die klare »divorce des libéralismes politique et économique après le milieu du XIX e siècle« (S. 412). Todd arbeitet auf 420 Textseiten deren Gründe stichhaltig heraus in dem er größere, ideologische Debatten geschickt an einflussreiche Handlungsträger und konkrete Diskussionsorte – insbesondere Bordeaux und Mulhouse – anbindet. Das einzige, was ihm nicht gelingt, ist eine gewisse Enttäuschung darüber zu verbergen, dass die französische Linke sich ab der Mitte des 19. Jahrhunderts und mit bis heute zu konstatierenden Folgen schließlich doch den Protektionisten anschloss.

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PSJ Metadata
Volker Barth
D. Todd, L’identité économique de la France (Volker Barth)
CC-BY-NC-ND 3.0
Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
Frankreich und Monaco
Politikgeschichte, Wirtschaftsgeschichte
19. Jh.
4018145-5 4140782-9 4023248-7
1814-1851
Frankreich (4018145-5), Freihandel (4140782-9), Handelspolitik (4023248-7)
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D. Todd, L’identité économique de la France (Volker Barth)
In: Francia-Recensio 2009/3 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)
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Veröffentlicht am: 12.11.2009 15:55
Zugriff vom: 27.01.2020 02:02
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