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    M. Balard, Les Latins en Orient XIe-XVe siècle (Jürgen Sarnowsky)

    Francia-Recensio 2009/3 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Michel Balard, Les Latins en Orient XI e –XV e siècle, Paris (PUF) 2006, LXXVIII–452 S. (Nouvelle Clio. L’histoire et ses problèmes), ISBN 2-13-0618117, EUR 43,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Jürgen Sarnowsky, Hamburg

    Die Erforschung der Kreuzzüge und der mittelalterlichen Geschichte des lateinischen Orients ist in den letzten beiden Jahrzehnten immer stärker intensiviert und international vernetzt worden, nicht zuletzt durch die Arbeit der Society for the Study of the Crusades and the Latin East mit regelmäßigen Tagungen und der Zeitschrift »Crusades«, aber auch durch Sektionen auf internationalen Mediävistentagungen wie dem jährlichen International Medieval Congress in Leeds. Die Vielfalt der Forschungen dokumentiert auch der vorl. Band aus der Nouvelle Clio, dem nach der Konvention der Reihe eine strukturierte Auswahlbibliographie von Hilfsmitteln, Quellen und Literatur mit 1370 Titeln vorangestellt ist. Umso eindrucksvoller ist der Versuch einer Gesamtgeschichte der Lateiner im Orient vom 11. bis 15. Jahrhundert, den Michel Balard, einer der besten Kenner der mittelalterlichen Geschichte des östlichen Mittelmeerraums, damit unternimmt. Wie er eingangs ausführt, geht es dabei nicht nur um Kreuzzüge und Kriege, um Siedlung, Reichsbildung und Mission, sondern auch um wirtschaftliche Kontakte, Pilger- und »Entdeckungsfahrten« sowie um die Beziehungen des Westens zum Byzantinischen Reich, in den Schwarzmeerraum und zu Ägypten. Anders als in älteren Gesamtdarstellungen tritt hier die Vielfalt der Aspekte und Regionen in den Vordergrund, und auch der zeitliche Horizont ist weitgehend gleichmäßig abgedeckt.

    Nach der umfangreichen Bibliographie folgt der Hauptteil der Arbeit in zwölf Kapiteln, denen ein dritter, knapper Teil zu Forschungsfragen angeschlossen ist. Der Aufbau verbindet chronologische mit strukturellen Kapiteln. So steht nach einem Überblick zu den frühen Beziehungen zwischen Lateinern und Orient zunächst das 12. Jahrhundert, dann das 13. Jahrhundert im Zentrum, jeweils mit Kapiteln zur Kreuzzugsbewegung, zur Struktur und Entwicklung der Kreuzfahrerstaaten und zur Wirtschaft. Dazwischen wird in einem kleineren Kapitel (mit der Frage nach den cultures partagées ) die Bedeutung der kulturellen Kontakte thematisiert, während für das 13. Jahrhundert noch nach der Rolle von Pilgerfahrten und Missionsunternehmen gefragt wird. Das 14. und 15. Jahrhundert werden gemeinsam behandelt, wiederum für die Aspekte der politischen, wirtschaftlichen und religiösen Beziehungen. Anstelle der Kreuzfahrerstaaten finden hier die lateinisch kontrollierten Territorien des östlichen Mittelmeers, Chios, Kreta, Zypern und Rhodos, sowie die Stützpunkte am Schwarzen Meer größere Aufmerksamkeit.

    Die Arbeit führt trotz des weiten Ansatzes teilweise tief ins Detail. So werden für das 12. Jahrhundert neben einer Beschreibung der einzelnen Kreuzfahrerstaaten für das Königreich Jerusalem prägnante Porträts der Herrscher geboten, unter Einschluss der in der neueren Forschung intensiv diskutierten Regentschaft Melisendes (für Balduin III., 1143–1152). Dasselbe Kapitel bietet aber auch einen konzisen Überblick über die Bevölkerung, die Kirchen und die Rolle der großen geistlichen Ritterorden. In den Wirtschaftskapiteln wird die Entwicklung der Handelsbeziehungen jeweils für Byzanz, Syrien, Ägypten und – ab dem 13. Jahrhundert – für das Schwarze Meer verfolgt. Die Frage nach der Entstehung lateinisch-orientalischer, »kolonialer« Gesellschaften wird unter anderem für Kreta und den genuesischen Einflussbereich diskutiert und zumindest für die Oberschichten vorsichtig bejaht, unter anderem auf der Grundlage der Zeugnisse für Eheschließungen. Ein weiterer Abschnitt behandelt das Eingreifen der katalanischen Kompanie im Herzogtum Athen (1311–1388), ein anderer die burgundischen Kreuzzugspläne des 15. Jahrhunderts. Interessante Ansätze enthalten die Überlegungen zu konjunkturellen Schwankungen im Mittelmeerhandel des ausgehenden Mittelalters sowie (im dritten Teil) zur Ausgeglichenheit des Handels, etwa mit dem Hinweis auf die Verbesserung bzw. den intensiveren Einsatz von im Orient entwickelten Methoden und Techniken (etwa in Glas- und Papierherstellung) durch Lateiner. Weiter werden die lateinischen Stützpunkte im Orient mit den Pilgerfahrten sowie mit den Missionsunternehmen insbesondere der Dominikaner in Beziehung gesetzt, die zu den Mongolen, nach China und nach Persien führten.

    Michel Balard hebt im Schlussabschnitt wesentliche Unterschiede zwischen den Kolonialreichen der Neuzeit und der Politik der Lateiner im mittelalterlichen Orient hervor. Bestenfalls ergeben sich Parallelen zur Stützpunkt-Kolonisierung der Portugiesen, denn auch den Lateinern des 11. bis 15. Jahrhunderts ging es zunächst um Handelsstützpunkte, nicht um die politische, ökonomische und kulturelle Dominanz von Territorien. So setzte der wirtschaftliche Erfolg der Italiener schon vor dem Ersten Kreuzzug ein. Die entstandenen Herrschaftsgebilde wie das Königreich Jerusalem und das Lateinische Kaiserreich mit ihren abhängigen Fürstentümern blieben dagegen formal wie faktisch unabhängig (bei sehr eingeschränkten Eingriffsmöglichkeiten des Papstes), und die Lateiner mussten als Minderheit überall auf die Kooperation mit den Mehrheiten setzen, um ihre Herrschaft zu stabilisieren. Die Missionsunternehmen waren weitgehend erfolglos, während es in Ausnahmefällen, in intensiven Kontaktzonen wie Zypern, Kreta und Chios, selbst zu einer gewissen »Orientalisierung« der Lateiner kam.

    Dies fasst die Erträge des umfangreichen, durch Register der Personen, Völker und Dynastien sowie der Ortsnamen erschlossenen Bandes noch einmal prägnant zusammen. Die auf der neuesten Forschung, aber auch intensiver Quellenkenntnis aufbauende, solide Darstellung macht den ganz eigenen Charakter des lateinischen Einflusses im östlichen Mittelmeer deutlich. Die Arbeit hat aufgrund der Fülle der verarbeiteten Informationen und der Übersichtlichkeit des Aufbaus Handbuchcharakter und wird der Forschung lange Zeit gute Dienste leisten.

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    PSJ Metadata
    Jürgen Sarnowsky
    M. Balard, Les Latins en Orient XIe-XVe siècle (Jürgen Sarnowsky)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühes Mittelalter (600-1050), Hohes Mittelalter (1050-1350), Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Asien, Orient, Ferner Osten, Byzanz
    Geschichte allgemein
    Mittelalter
    4196563-2 4079215-8 4073802-4
    1000-1500
    Levante (4196563-2), Westeuropa (4079215-8), Kreuzzüge (4073802-4)
    PDF document balard_sarnowsky.doc.pdf — PDF document, 100 KB
    M. Balard, Les Latins en Orient XIe-XVe siècle (Jürgen Sarnowsky)
    In: Francia-Recensio 2009/3 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2009-3/MA/balard_sarnowsky
    Veröffentlicht am: 12.11.2009 13:05
    Zugriff vom: 20.01.2020 16:55
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