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    D. Bohler, Le goût du lecteur à la fin du Moyen Âge (Malte Prietzel)

    Francia-Recensio 2009/3 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Le goût du lecteur à la fin du Moyen Âge. Études réunies par Danielle Bohler, Paris (Éditions du Léopard d’Or) 2006, 328 S. (Cahiers du Léopard d’or, 11), ISBN 2-86377-200-7, EUR 40,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Malte Prietzel, Springe/ Konstanz

    Den Geschmack des Lesers zu treffen, ist zweifellos ein wichtiges Ziel für Autoren, wenn sie ein Werk abfassen, und für Verleger, wenn sie Texte drucken lassen. Insofern ist es eigentlich ein interessanter Ansatz, nach dem Geschmack des Lesers im späten Mittelalter zu fragen, wie es im vorliegenden Werk geschieht. Allerdings entzieht sich der Geschmack des Lesers, zumal im Mittelalter, weitgehend dem unmittelbaren Zugriff. Er kann meist nur indirekt erschlossen werden, nämlich durch konventionelle literaturwissenschaftliche Ansätze zur Überlieferungs- und Rezeptionsgeschichte, wie sie im vorliegenden Werk meist angewandt werden. Doch der Bezug zum Geschmack des Lesers wirkt, soweit er denn überhaupt ausdrücklich gesucht wird, fast immer etwas gezwungen. Ein einigendes Band für die einzelnen Beiträge kann der Geschmack des Lesers nicht bieten. Schon äußerlich zeigt sich dies daran, dass das Werk keine Zusammenfassung besitzt.

    Auf eine knappe Einleitung von D. Bohler folgen 19 Beiträge, die in fünf Gruppen geordnet sind. Die erste Gruppe widmet sich »Gesten und Praktiken«. Wie das Lesen in Werken der mittelalterlichen Literatur dargestellt wird, fragt J. Cerquiglini-Toulet. Hingegen schildert F. Bouchet, wie Autoren bei der Abfassung ihrer Werke auf ihre Leser einzugehen versuchen. J. H. M. Taylor untersucht die Strategien, die der Drucker einer recht erfolgreichen Anthologie, des »Jardin de Plaisance«, verfolgte, um das Werk für seine Leser attraktiv zu gestalten. Die Rezeption der Artus-Romane umreißt M. Pastoureau; insbesondere weist er darauf hin, dass Menschen nach Personen aus den Artusromanen (am meisten nach Tristan) benannt wurden.

    Den Wandlungen des Schreibens (»écritures en mutation«) widmet sich eine zweite Gruppe von Beiträgen. M. Demaules schildert, mit welchen Mitteln der unbekannte Autor einer französischen Prosafassung des »Roman de la Violette« und der italienische Humanist Felice Feliciano in seiner Novelle »Justa Victoria« versuchten, zwei ältere Werke für die Leser des 15. Jahrhunderts attraktiv zu machen. In ähnlicher Weise widmet sich M. Abramowicz einem anderen, im 15. Jahrhundert überarbeiteten Roman mit dem Titel »fille du comte de Ponthieu«; hier drängt der überarbeitende Autor die mythischen Elemente zurück und versucht vielmehr, seinen Text als einen historiografischen erscheinen zu lassen. Dem »Livre des aventures de monseigneur de Barra« vom Beginn des 14. Jahrhunderts widmet sich M.-F. Notz, doch bleiben ihre Absicht wie ihre Ausführungen wenig konkret. Anhand von zwei Bearbeitungen des Prosa-Erec aus dem 15. Jahrhundert analysiert M. Colombo Timelli detailliert, wie die Autoren versuchen, das Interesse ihrer Leser zu fesseln.

    Unter dem wenig aussagekräftigen Titel »dons et débats« (Geschenke und Debatten) sind vier Aufsätze gestellt. Wie in der spätmittelalterlichen Literatur ein Brief als Geschenk und sein Empfang als Ritual stilisiert wird, legt F. Wolfzettel dar; seine Überlegungen weitet er zu allgemeinen Darlegungen über den Entwicklungsrückstand der französischen gegenüber der italienischen Lyrik aus. D. F. Hult spürt dem Erfolg des Gedichts »Belle Dame sans mercy« von Alain Chartier nach; offensichtlich wollte Chartier von vornherein eine Debatte über die in seinem Werk angesprochenen Themen, insbesondere über die Rolle der Frau, auslösen. Den Erfolg kastilianischer Gedichte religiösen Inhalts aus dem 15. Jahrhundert, die sich besonders an Frauen wandten, sieht M. Garcia Bermejo Giner in wenig origineller Weise darin begründet, dass die weibliche Leserschaft auf religiösem Gebiet ein Stück Freiheit erfahren habe, das ihr andernorts versagt geblieben sei. Anhand von zwei Gedichtsammlungen, des »Cancionero« von Juan Alfonso de Baena und den »Cancionero general« von Hernando del Castillo, skizziert M. Garcia die Eigenarten kastilianischer Gedichte des 15. Jahrhunderts; weniger in den einzelnen Werken als vielmehr in den Sammlungen von Gedichten liege der Schlüssel zum Verständnis des Erfolgs der Lyrik im Kastilien dieser Zeit.

    Vier weitere Aufsätze beschäftigen sich mit Bibliotheken. Der schon mehrfach untersuchten Bibliothek des Louis de la Gruuthuyse wendet sich D. Quéruel zu. H. Kogen analysiert die Zusammensetzung der Bibliothek der Adelsfamilie Laval. Über die Bibliothek König Karls V. von Frankreich schreibt J. Ducos, ohne dabei über das bereits Bekannte hinauszugehen. Die Darstellung von Bibliotheken in illuminierten Handschriften analysiert C. Rabel in einer ausführlichen und facettenreichen Studie.

    Unter dem – je nach Geschmack – poetischen oder pretentiösen Titel »Vers l’aval« (Flussabwärts) sind drei Aufsätze vereint, die sich Phänomenen am Übergang zur Frühen Neuzeit widmen. Die Prologe von Ritterromanen in Handschriften und Drucken untersucht D. Bohler. Wie Pierre Durand in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts bei der Erarbeitung seiner Prosafassung des »Guillaume de Palerne« vorging, schildert A.-F. Garrus. Schließlich erläutert I. Diu, welche Strategie Erasmus von Rotterdam bei der Veröffentlichung patristischer Texte verfolgte.

    Mag der »Geschmack des Lesers« in diesen Studien aus gutem Grund zu kurz kommen, so werden doch die Interessen des Forschers in dem einen oder anderen Aufsatz Lesenswertes finden.

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    PSJ Metadata
    Malte Prietzel
    D. Bohler, Le goût du lecteur à la fin du Moyen Âge (Malte Prietzel)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Hohes Mittelalter (1050-1350), Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Europa
    Sprachgeschichte
    Mittelalter
    4015701-5 4035441-6 4035964-5
    1300-1500
    Europa (4015701-5), Leser (4035441-6), Literatur (4035964-5)
    PDF document bohler_Prietzel.doc.pdf — PDF document, 85 KB
    D. Bohler, Le goût du lecteur à la fin du Moyen Âge (Malte Prietzel)
    In: Francia-Recensio 2009/3 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2009-3/MA/bohler_Prietzel
    Veröffentlicht am: 12.11.2009 13:05
    Zugriff vom: 16.07.2020 06:22
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