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B. Dumézil, Brunehaut (Martina Hartmann)

Francia-Recensio 2009/3 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Bruno Dumézil, Brunehaut, Paris (Fayard) 2008, 560 S., ISBN 978-2-21363170-7, EUR 29,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Martina Hartmann, Heidelberg

Über eine frühmittelalterliche Königin ein Werk von nicht weniger als 559 Seiten zu verfassen, ist erstaunlich angesichts unserer für diesen Bereich eher geringen Zahl von Quellenbelegen. B. Dumézil, der 2005 ein umfangreiches Buch über »Les racines chrétiennes de l’Europe« vorgelegt hat, beginnt seine Biographie mit der Zeit der Völkerwanderung seit dem 3. Jahrhundert, was die ersten 150 Seiten des Buches füllt, ehe er das Merowingerreich im 6. Jahrhundert genauer beschreibt und das politische Umfeld charakterisiert, in das sich die westgotischen Prinzessinnen Galswinth und Brunichild durch ihre Heiraten mit merowingischen Königen begaben, wobei Galswinth schon nach wenigen Jahren den Tod fand durch einen von ihrem Gatten Chilperich I. gedungenen Mörder. Mit einem Gespür für die bedeutenden Persönlichkeiten der Zeit – so etwa Radegunde, die Ehefrau Chlothars I. und spätere Nonne – zeichnet Dumézil die Biographie der mächtigen Merowingerkönigin Brunichild, die mehrfach als Regentin herrschte, bevor sie im Jahr 613 vom neustrischen König Chlothar II. grausam hingerichtet wurde; die Funktion dieser Hinrichtung, die ihre Parallele in der ganz ähnlichen Auslöschung des byzantinischen Kaisers Maurikios und seiner Söhne hat († 602), wird von Dumézil gut erklärt.

Nicht nur aufgrund ihres politischen Einflusses, sondern auch wegen der Quellen, die wir von und über Brunichild besitzen, können wir über sie weit mehr sagen als über alle anderen merowingischen Königinnen. So ist als ein Vorzug des Buches zu erwähnen, dass der Autor in einem Anhang nicht nur alle an die Königin gerichteten Briefe Papst Gregors des Großen aufgenommen hat, und zwar den lateinischen Text wie auch eine französische Übersetzung (S. 486–506), sondern auch alle von Brunichild selbst stammenden Schreiben, die durch den Codex unicus der sog. Epistolae Austrasiacae überliefert sind, ebenfalls lateinisch und französisch (S. 481–485). Bei diesen fünf Stücken geht es um ihren Enkel Athanagild, der von den Byzantinern aus dem westgotischen Spanien nach Konstantinopel gebracht worden war, nachdem Athanagilds Vater, der Ehemann von Brunichilds Tochter Ingunde, sich gegen seinen Vater, den regierenden König erhoben hatte, was die Byzantiner zum Eingreifen veranlasste. Die Schreiben an den Kaiser und die Kaiserin in Byzanz, in denen Brunichild darum bittet, ihren Enkel freizulassen und zu ihr zu schicken, und der Brief an den Enkel selbst sind außergewöhnliche Zeugnisse, die die ansonsten in den Quellen immer wieder als grausam gezeichnete Königin sehr menschlich zeigen. Dumézils Werk ist außerdem großzügig mit einer Zeittafel (S. 469–472), Genealogien (S. 473–480) und Karten (S. 533–540) ausgestattet und enthält ein Personen- und Ortsnamenregister (S. 541–559).

Man sollte nun meinen, dass ein Buch von diesem Umfang und mit einem Quellen- und Literaturverzeichnis von immerhin 16 Seiten die Literatur zu Brunichild erschöpfend verarbeitet hat. Dies ist jedoch nicht der Fall, denn vor allem die einschlägige deutschsprachige Literatur ist nicht berücksichtigt, lediglich einzelne ›Altmeister‹ wie Eugen Ewig, Martin Heinzelmann und Margarete Weidemann finden sich im Literaturverzeichnis. So werden manche Aspekte gar nicht oder kaum behandelt. Das betrifft zunächst die quellenkundlichen Teile, da die einschlägigen deutschen Beiträge von W. Berschin, Biographie und Epochenstil 2 (1988), von G. Scheibelreiter in der Festschrift für W. Berschin (2002), von M. Weber in den Studien für P. G. Schmidt (2004), von M. Hartmann in Concilium medii aevi 7 (2004) und von G. Heydemann in: R. Corradini u. a., Texts and Identities in the Early Middle Ages (2006) nicht berücksichtigt sind; dies hätte auch dem Aspekt des äußerst vielseitigen »Nachlebens« der merowingischen Königin, der im Buch blass bleibt, aufhelfen können. Neben den Aufsätzen von F. E. Consolino in: Augustinianum 1 (1991) und von E. Ruppenthal in der Festschrift für K.-U. Jäschke (2003), die sich beide mit dem von Dumézil ja abgedruckten Briefwechsel Gregors des Großen mit Brunichild beschäftigen und nicht berücksichtigt wurden, vermisst man auch ein Kapitel über Brunichilds Kirchen- und Klostergründungen, vornehmlich in Autun (dazu F. Prinz, Frühes Mönchtum im Frankenreich [1988]), und über ihre Grabstätte in St-Martin/Autun, denn es ist keineswegs so wie Dumézil den Leser glauben machen möchte, dass Brunichild kein Grab erhielt; bei K. H. Krüger, Königsgrabkirchen der Franken, Angelsachen und Langobarden (1971) und bei A. Erlande-Brandenbourg, Le roi est mort (1972) hätte der Autor detaillierte Informationen über das bis zur Französischen Revolution vorhandene Grab der Königin finden können. Zu Brunichilds Regentschaften wäre T. Offergeld, Reges pueri. Das Königtum Minderjähriger im Frühmittelalter (2001) zu konsultieren gewesen und zu ihrer Territorialpolitik E. Santinelli in der Revue du Nord 85 (2003). Die Neuausgabe der Merowingerurkunden von Th. Kölzer (MGH Diplomata, 2001) wird zwar in den Anmerkungen gelegentlich genannt, taucht im Quellenverzeichnis aber nicht auf.

Alles in allem ein umfangreiches und teilweise auch gut geschriebenes Buch, aber keine wissenschaftliche Biographie, die dieser imposanten und vielschichtigen Persönlichkeit gerecht wird.

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PSJ Metadata
Martina Hartmann
B. Dumézil, Brunehaut (Martina Hartmann)
CC-BY-NC-ND 3.0
Antike (1200 v.Chr.-600 n.Chr.), Frühes Mittelalter (600-1050)
Europa
Geschichte allgemein
6. - 12. Jh.
11947204X
Brunhilde Fränkisches Reich, Königin (11947204X)
PDF document dumezil_hartmann.doc.pdf — PDF document, 92 KB
B. Dumézil, Brunehaut (Martina Hartmann)
In: Francia-Recensio 2009/3 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2009-3/MA/dumezil_hartmann
Veröffentlicht am: 12.11.2009 13:20
Zugriff vom: 21.02.2020 19:30
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