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    J. Hoareau-Dodinau, P. Texier (éd.), Foi chrétienne et églises dans la société politique de l'Occident du Haut Moyen Âge (IVe-XIIe siècle) (Ludwig Falkenstein)

    Francia-Recensio 2009/3 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Jacqueline Hoareau-Dodinau, Pascal Texier (dir.), Foi chrétienne et églises dans la société politique de l’Occident du Haut Moyen Âge (IV e –XII e siècle), Limoges (Pulim) 2004, 498 S. (Cahiers de l’Institut d’anthropologie juridique, 11). ISBN 2-84287-239, EUR 35,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Ludwig Falkenstein, Aachen

    Der Band vereint die Beiträge einer Tagung, zu der Freunde, »chercheurs débutants ou confirmés«, sich zu Ehren von Olivier Guillot versammelt hatten (Avant-propos, S. 7–8). Diese werden drei Gruppen zugeordnet. Unter der Überschrift »Église et Pouvoir« sind neun Beiträge vereint: Anne-Hélène Brunterc’h legt dar, wie nach dem Tod des Herzogs Acfred von Aquitanien (927) Étienne II. als Bischof von Clermont (évêque d’Auvergne) und Guillaume, Graf von Poitiers, als führende Große Aquitaniens die Tradition der herzoglichen Politik fortsetzten, sei es im Einklang mit dem König (Ludwig IV.), sei es im Gegensatz zu ihm (Lothar 955) (Étienne II, évêque de Clermont et le principat aquitain, S. 13–24). Agathe Corre unterstreicht die führende Rolle, die Garsia Sancho und sein Enkel Sancho Wilhelm bei der Entstehung des Herzogtums Gascogne im 10. Jahrhundert spielten, als der Zusammenschluss mehrerer Grafschaften zu einem Prinzipat führte, der die Wiederherstellung und Gründung mehrerer Klöster, aber auch die Vereinigung mehrerer Diözesen unter einem Bischof zur Folge hatte (Pouvoir et Église en Gascogne au X e siècle, S. 25–44). Geneviève Bührer-Thierry weist auf die Bedeutung der Gründung von (Rund)Kirchen bei den Premisliden Vratislav (915–921), Wenzeslaus (921–935), Boleslav (935–972) und Boleslav II. (972–999) für die Entstehung des Herzogtums Böhmen hin (Processus de conversion et société politique en Europe centrale aux IX e –X e siècles: les princes de Bohème, fondateurs d’églises, S. 45–59). Pierre Flandin Bléty untersucht die Statuten, die Erzbischof Raoul von Bourges um 861 promulgieren ließ (Les statuts [ca. 861] de l’archevêque Raoul de Bourges et le »bon prêtre«, S. 61–104). Guy Jarousseau zeigt, dass die vor 972 aus einem Kanonikerstift in eine Mönchsabtei umgewandelte vorstädtische Kirche Saint-Aubin eine königliche Abtei und, ähnlich wie Saint-Germain in Auxerre, der Ort war, an dem jeder Elekt konsekriert werden musste (L’abbaye Saint-Aubin d’Angers, lieu d’une tradition royale de l’investiture de l’épiscopat, S. 105–132). Dietrich Lohrmann interpretiert drei Urkunden, deren erste, eine Bischofsurkunde Balduins von Noyon (1049), die Schenkung zweier altaria durch einen ehem. Grafen Radbod an die der Mönchsabtei Saint-Éloi gehörende Pfarrkirche Saint-Remi bezeugt, ferner die Überlassung einer über der Stadtmauer errichteten nova edes . Zugleich bat er um die Erlassung einer lehnrechtlichen Pflicht, dem Bischof (Grafen) zwei Ritter zur königlichen Heeresfolge ( ad hostem regis ) zu stellen (Donation d’autels et service de l’ost à Noyon au XI e siècle, S. 133–148). Elisabeth Verry schildert in Anlehnung an die von Dom Jean Huynes im 17. Jahrhundert redigierte »Histoire de l’abbaye royale de Saint-Florent près Saumur« und vor der Auseindersetzung zwischen den Grafen von Blois und Anjou die nach 1020 erfolgte Verlegung der Mönchsabtei Saint-Florent aus der Festung Saumur in die westlich gelegene Kirche Saint-Hilaire (Du château de Saumur aux rives du Thouet. La translation réussie de l’abbaye Saint-Florent dans la première moitié du XI e siècle, S. 149–164). Bert(r)and Ham reflektiert über Stellungnahmen des Ambrosius zur kaiserlichen Gewalt und hebt eine Stelle im Brief an seine Schwester hervor: tyrannis sacerdotis infirmitas est (Ambroise de Milan: l’évêque et l’empereur, S. 165–174). Frédéric Gross weist darauf hin, dass Karl der Kahle im Frühjahr 841, im März 845 und zu Beginn des Jahres 859, in für ihn bedrohlicher Lage sich nach Saint-Denis begab oder an der Translatio der Gebeine des Germanus in Saint-Germain d’Auxerre teilnahm. Die von Heiric von Auxerre dabei als infideles erwähnten Anhänger Ludwigs des Deutschen, die der fides Karls des Kahlen gegenübergestellt werden, bieten Anlass, an den Begriff fides und seine mehrdeutige Verwendung bei Heiric zu erinnern (La foi de Charles le Chauve, S. 175–186).

    Unter der Überschrift »Pouvoir et idéologie« folgen 15 Beiträge: Yves Sassier weist an Hand zweier Stellungnahmen, dem Bericht des Guibert von Nogent über die Predigt des Erzbischofs Radulf (1114) von Reims zur Beisetzung der Opfer des Aufstands der Kommune in Laon ( De vita sua III 10) und die Erzählung des Mönchs Hugues le Poitevin in Vézelay zur communia von 1152 und 1155, darauf hin, dass die Grundlegung selbst gesellschaftlicher Vereinbarungen in einem unverrückbar hierarchischen System in vielen Städten einen Dialog zwischen Klerikern und aufstrebenden Bürgern unmöglich machte (Église et bourgeoisies au XII e siècle: l’impossible dialogue, S. 189–201). Olivier Guillot deutet die Dekretale Papst Siricius’ (JK 255) im Hinblick auf Aussagen zum Primat der römischen Bischöfe (Une approche de la décrétale du pape Sirice [11 février 385], un exemple précoce d’expression accomplie de la primauté du siège romain, source de droit canon, S. 203–240). Bernard S. Bachrach erwägt zur Glaubwürdigkeit des Dudo von Saint-Quentin, dass die von ihm berichtete Episode mit der Anwendung einer Kriegslist bei der Eroberung von Luni durch die Wikinger mit der vorgetäuschten Nachricht vom Tod ihres Anführers weniger ein literarischer Topos als ein taktisches Mannöver war (Dudo of Saint-Quentin’s Views on Religion and Warfare ca. 1000. A mise au point, S. 241–252). George T. Beech würdigt einen im 11. Jahrhundert entstandenen Prosatext, der unter dem (modernen) Titel Conventum einen Streit zwischen dem Herzog von Aquitanien und Grafen des Poitou Wilhelm IV. (993–1030) und einem châtellain Hugo, Herrn von Lusignan († ca. 1030), über von ihm beanspruchte Ländereien und Burgen, unter Verwendung der Erzählung von Saul und David im 1. Buch Samuel behandelt, als Vorläufer späterer Epen (The Biblical David as Role Model in the Early 11 th Century Latin Narrative. The Conventum of Aquitaine, S. 253–269). Hervé Oudart stellt eine Stelle aus De ecclesia Parisiaca des Venantius Fortunatus (II 10), in der Childebert I., Erbauer der Bischofskirche von Paris, zwar als Melchisedech, aber mit dem Epitheton laicus apostrophiert wird, dem Tractatus IV seu tomus de anathematis vinculo des Gelasius gegenüber, der die Funktionen eines rex und eines sacerdos sorgsam unterscheidet ( Rex atque sacerdos . Un roi mérovingien »prêtre« dans le De ecclesia parisiaca de Venance Fortunat, S. 271–286). Laurent Morelle geht im Anschluss an eine Stelle in De divortio Lotharii regis et Teutbergae reginae des Hincmar von Reims, in der die Herrscher ermahnt werden, nicht das zu übertreten, was sie »mit ihren Händen zu bekräftigen trachten« ( suis student manibus roborare ), sowie an ähnliche Formulierungen ( confirmatio manus ) der Frage nach, welche der für die Beurkundung durch die Herrscher typischen Wendungen auf ihre persönliche Beteiligung etwa bei der Ankündigung von Beglaubigungsarten im Eschatokoll zeitgenössischer Diplome Karls des Kahlen rückschließen lassen. Da die Bilanz nüchterner ausfällt, als Hincmar meint, könnte dahinter die Absicht gestanden haben, Herrscherurkunden zeitgenössischen Bischofsurkunden anzugleichen, denen z.B. Unterschriften als Beglaubigung eigen waren (La main du roi et le nom de Dieu: la validation de l’acte royal selon Hincmar, d’après un passage de son De divortio , S. 287–318). David Duffault führt Belege für die Verwendung des tomus de anathematis vinculo Gelasius’ I. durch Schriftsteller des 9. Jahrhunderts an (Le De anathematis vinculo et la réintroduction du schéma gelasien dans l’empire carolingien au IX e siècle, S. 319–331). Éric Bournazel möchte in der unterschiedlichen Haltung, die Ivo von Chartres 1092 zur Heirat Philipps I. mit Bertrada im Vergleich zu seiner Ansicht ab 1094 – und zu einem Vorrecht des Erzbischofs von Reims – bezog, als Entscheidung bewerten, die »ne relève ni du droit, ni même de la grâce, mais de l’opportunité politique« (Yves de Chartres un juriste à géométrie variable, S. 333–346). Michel Rouche leuchtet unter Gesichtspunkten einer »anthropologie juridique« die religiösen Mentalitäten der in den Gesta Danorum des Saxo Grammaticus berichteten Hamlet-Geschichte aus (Vengeance et souverainité au royaume du Danemark: Le cas Hamlet, S. 347–354). Henri Platelle geht an ausgewählten Beispielen den Eigenschaften nach, die von mittelalterlichen Schriftstellern ganz bestimmten Völkern und Stämmen zugeschrieben wurden (Le mythe de l’âme des peuples au Moyen Âge, S. 355–366). Jehanne Auzanne-Roul nennt die Stellen im Preisgedicht des Ermoldus Nigellus auf Ludwig den Frommen, die den von Ermold so bezeichneten »popellus«, die kleinen Leute, und ihre Rolle erwähnen (Louis le Pieux et le petit peuple dans le Poème en l’honneur de Louis le Pieux d’Ermold le Noir , S. 367–381). Teddy Veron erwähnt die Allodialgüter, die der Bischof Renaud II. von Angers nach dem Tode seines Vaters Renaud Torench, eines Vizegrafen von Angers, erbte und weist auf die Folgen hin, die der Tod des Bischofs am 12. Juni 1005 hatte: Foulque Nerra, Graf des Poitou, schloss das Gebiet der Mauges, das sich zwischen Nantes und Angers südlich der Loire erstreckte, eng an seinen Machtbereich an (La mort de l’évêque Renaud II [973–1005] et ses conséquences pour l’histoire des Mauges, S. 383–403). Antonio Padoa Schioppa befragt eine unter den jüngst publizierten Urkunden des Herzogs Arichis’ II. von Benevent ausgefertigte Gerichtsurkunde vom August 962, in der Abt Mauritius von S. Benedetto in Benevent eine von seinem Vorgänger Zacharias vorgenommene und durch mehrere Herzöge bestätigte Freilassung von condomae , hausgebundenen unfreien Kirchenleuten, erfolgreich, weil contra canonicam sanctionem ergangen, angefochten hatte, auf ihre mögliche Rechtsgrundlage. Da im älteren Kirchenrecht eine auf Mönchskommunitäten zugeschnittene Bestimmung nicht nachzuweisen ist, könnte man analog zu Bestimmungen für Klerikerkonvente verfahren sein. Warum dabei den Söhnen eines Celestin, der mit einer arimanna , einer freien Langobardin, verheiratet war, die Freiheit gewährt wurde, während Celestin und seine arimanna dem Kloster anheimfielen, bleibt ebenso rätselhaft wie andere Bestimmungen (Un procès de liberté dans le duché lombard de Bénévent, S. 405–414). Yvon Le Gall erörtert im Anschluss an das zweite Buch der Schrift De officiis und vor dem Hintergrund eigener Forderungen die Haltung des Kirchenvaters zu paganen Traditionen und zu kirchenpolitischen Maßnahmen der absolutistisch regierenden Kaiser und ihrer Amtsträger (Saint Ambroise et la tyrannie, S. 415–433). Um die Rolle der dazu aufgebotenen Öffentlichkeit aufzuzeigen, publiziert Jacqueline Horaeau-Dodinau eine Begnadigungsurkunde Karls VI. von 1394 sowie fünf Urkunden Karls VIII. von 1484 und 1491 zu einer Begnadigung, zu der ein »Wunder« Anlass bot und im letzten Fall zur Exekution des Henkers führte, der einen Falschmünzer trotzdem hinrichten wollte (Dieu, le Roi et le condamné à mort, S. 435–461).

    Unter der Überschrift »Pouvoir et image« folgen zwei Beiträge: Dominique Alibert möchte mehrere Miniaturen in der Karl dem Kahlen gewidmeten Viviansbibel (Paris, BNF, lat. 1) als Übergabe des Gesetzes Gottes interpretieren, das der König ausbreiten soll (Dieu, le roi et les grands à travers la Première Bible de Charles le Chauve , S. 465–483). Pascal Texier sucht — und damit endet der reichhaltige Band — bestimmte Gesten auf dem Wandteppich von Bayeux zu interpretieren, wobei er nicht die Eroberung Englands durch Wilhelm, sondern die mit dem arglistig Eduard dem Bekenner geleisteten Eid vollzogene infidelitas und die darauf folgende Strafe Harolds als Thema des ikonografischen Programms ansieht (Droite, gauche – latéralisation et culpabilité dans la tapisserie de Bayeux, S. 485–495).

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    Ludwig Falkenstein
    J. Hoareau-Dodinau, P. Texier (éd.), Foi chrétienne et églises dans la société politique de l'Occident du Haut Moyen Âge (IVe-XIIe siècle) (Ludwig Falkenstein)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Antike (1200 v.Chr.-600 n.Chr.), Frühes Mittelalter (600-1050), Hohes Mittelalter (1050-1350)
    Europa
    Kirchen- und Religionsgeschichte, Politikgeschichte
    1 - 5. Jh. n. Chr., 6. - 12. Jh.
    4015701-5 4020588-5 4071867-0 4030702-5 4046514-7
    300-1300
    Europa (4015701-5), Gesellschaft (4020588-5), Glaube (4071867-0), Kirche (4030702-5), Politik (4046514-7)
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    J. Hoareau-Dodinau, P. Texier (éd.), Foi chrétienne et églises dans la société politique de l'Occident du Haut Moyen Âge (IVe-XIIe siècle) (Ludwig Falkenstein)
    In: Francia-Recensio 2009/3 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
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    Veröffentlicht am: 12.11.2009 13:25
    Zugriff vom: 17.01.2020 19:47
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