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    T. Biskup, M. Schalenberg (Hg.), Selling Berlin (Daniel Siemens)

    Francia-Recensio 2009/3 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Thomas Biskup, Marc Schalenberg (Hg.), Selling Berlin. Imagebildung und Stadtmarketing von der preußischen Residenz bis zur Bundeshauptstadt, Stuttgart (Franz Steiner) 2008, 368 S., XVII Abb., ISBN 978-3-515-08952-4, EUR 62,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Daniel Siemens, Bielefeld

    »Es sind wahrlich mehrere Flaschen Poesie dazu nötig, wenn man in Berlin etwas anderes sehen will als tote Häuser und Berliner«, schrieb Heinrich Heine in seiner 1828/29 publizierten »Reise von München nach Genua«. Er deutete damit auch einen Aspekt an, der in den Untersuchungen des vorliegenden Sammelbandes im Zentrum steht: In einem historischen Längsschnitt durch die letzten drei Jahrhunderte fragen knapp zwei Dutzend Autoren nach den vielfältig inszenierten und vermarkteten »Stadtbildern« von Berlin, ihren Produzenten und Absichten. Die heutige Bundeshauptstadt bietet sich für eine solche Untersuchung in besonderer Weise an, denn sie konnte – verglichen mit anderen europäischen Kapitalen – nicht auf eine Jahrhunderte währende Tradition zurückgreifen und musste dieses »Legitimationsdefizit« daher von Anfang an in alternativer, stets in besonderem Maße als Konstruktion erkennbarer Weise ausgleichen. Einschneidende politische Zäsuren taten ein Übriges, um aus der vergleichsweise unbedeutenden preußischen Residenzstadt im 18. Jahrhundert bereits einhundert Jahre später eine moderne Metropole mit weltweiter Ausstrahlungskraft und in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts schließlich die »Frontstadt« des Kalten Krieges zu machen.

    In ihren konzeptionellen Eingangsbemerkungen erläutern die Herausgeber Thomas Biskup und Marc Schalenberg zunächst den Ausgangspunkt und die methodische Prämisse des gewählten Ansatzes. Anknüpfend an Überlegungen des britischen Historikers Stephen V. Ward steht auch bei ihnen die historische Dimension des Stadtmarketings als »urban« oder »city branding« im Mittelpunkt. Sie interessieren sich jedoch weniger für genuin wirtschaftliche Aspekte der Werbegeschichte als für den Aushandlungscharakter städtischer Images, womit sie an neuere Untersuchungen zur Symbol-, Ritual- und Kommunikationsgeschichte anknüpfen. Das Themenspektrum des Bandes ist dabei so unterschiedlich wie die historischen Akteure, die an der Herausarbeitung von Stadtbildern mitwirken: Künstlerische und literarische Auseinandersetzungen mit Berlin werden ebenso analysiert wie die städtische Architektur, der sich professionalisierende Fremdenverkehr und natürlich nicht zuletzt die Inszenierung politischer Herrschaft durch die jeweiligen politischen, wirtschaftlichen und intellektuellen Eliten. Auch die Bewohner der Stadt – an die etwa die aktuelle Stadtmarketingkampagne » Be Berlin« besonders appelliert – sind schon früh nicht nur Adressaten, sondern auch aktive Mitgestalter eines bestimmten Bildes von Berlin, wie die Beiträge von Jan Rüger über die »Berliner Schnauze im Ersten Weltkrieg« oder von Angela Borgwardt über »Berlin. Hauptstadt der DDR« mit Blick auf den Einfluss der alternativen Szene im Stadtteil Prenzlauer Berg in den 1970er und 1980er Jahren zeigen. Es kommen im Band jedoch nicht nur Wissenschaftler der einschlägigen Disziplinen wie Politik-, Literatur- und Geschichtswissenschaft sowie der Kunstgeschichte und der Soziologie zu Wort, sondern auch »Praktiker« wie der Architekt Thomas Albrecht und der langjährige Berliner Senator für Stadtentwicklung und Umweltschutz, Volker Hassemer.

    Die Beiträge des Sammelbandes sind in vier Abschnitten angeordnet, die vor allem einer chronologischen Logik folgen: Im ersten Teil, betitelt »Ambitionen in der Residenzstadt«, spannen die Aufsätze von Melanie Mertens, Daniel Schönpflug, Thomas Biskup, Marc Schalenberg und Esther Kilchmann einen weiten Bogen von der Baupolitik des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm I. bis zur »Bürgerstadt« Berlin im Vormärz. Es wird deutlich, dass den staatlichen Autoritäten wie einflussreichen gesellschaftlichen Eliten schon im ausgehenden 18. Jahrhundert bewusst war, dass sich der eigene Machtanspruch im Stadtbild widerzuspiegeln habe und dass es einerseits die Vielgestaltigkeit der Großstadt war, die eine aktive Einflussnahme auf die Schaffung entsprechender »city brandings« nötig machte, diese Größe andererseits aber die Durchsetzung von Deutungsmonopolen effektiv erschwerte. In zunehmendem Maße konnten Stadtbilder auch von zuvor marginalisierten Gruppen zur Selbstinszenierung genutzt werden.

    Der zweite Abschnitt »Repräsentationen und Eigensinn in der Metropole« untersucht die Zeitspanne vom Wilhelminischen Kaiserreich bis in die Zeit des Nationalsozialismus. In diesen Jahrzehnten war das Berliner Bürgertum, trotz des großen Anteils proletarischer Bevölkerungsgruppen, der entscheidende Faktor bei der Schaffung eines merkwürdig ambivalenten Bildes der Stadt, das zwischen dem Anspruch auf Modernität und Weltgeltung und einem verklärenden Blick auf die eigene Stadtgeschichte, die erst aus diesem Anlass erforscht und in hohem Maße auch konstruiert wurde, oszillierte. Im Vergleich zu Paris fällt auf, dass das städtische Selbstbild Berlins Gegenstand anhaltender, kontroverser Debatten war, wie Daniel Kiecol in seinem Beitrag ausführt. Der Historiker Peter Fritzsche argumentiert, dass das Selbstverständnis der Stadt vor dem Ersten Weltkrieg maßgeblich von demokratischen Partizipationsansprüchen der Berliner geprägt war. Die sich herausbildende Massenkultur und die Diversität individueller Lebensentwürfe ließen sich ihm zufolge durchaus vereinbaren – jedenfalls deutlich besser, als in den folgenden, von einer starken Fragmentierung gekennzeichneten Weimarer Jahren (Aufsätze außerdem von Tilmann von Stockhausen, Katja Zelljadt, Jan Rüger, Christian Saehrendt und Robert Graf).

    Die Beiträge im dritten Teil, überschrieben mit »Profilierungen in der geteilten Stadt«, fragen nach den Auswirkungen der staatlichen wie städtischen Teilung als Folge des Zweiten Weltkriegs für die nun nochmals differenzierten Berlin-Bilder, die jedoch, so das Ergebnis der Analysen, stets eng aufeinander bezogen blieben. Wie Stephanie Warnke und Alexander Sedlmaier herausarbeiten, wurden sorgfältig inszenierte Berlin-Bilder im Wettkampf der politischen Systeme im Kalten Krieg im doppelten Sinne in einer Art »Schaufenster« präsentiert: zunächst ganz konkret als Inszenierung der jeweils eigenen Überlegenheit, adressiert primär an die eigene Bevölkerung, dann aber auch abstrakter als Botschaft für das jeweils andere politische Lager.

    Der vierte Abschnitt, etwas vage »Visionen und Erinnerungen« überschrieben, versammelt analytisch wie zeitlich sehr unterschiedliche Aufsätze, die an gegenwärtige bzw. gerade erst abgeklungene Debatten um die städtebaulichen Veränderungen und die marketingtechnische Positionierung der Stadt seit der Wiedervereinigung anknüpfen. Es handelt sich vielleicht um den spannendsten Teil des Buches, weil hier nicht nur »Berlin als Palimpsest«, so eine Formulierung David Midleys, beschrieben, sondern auch im Widerstreit der Ideen und zugleich in seinem »Werden« gezeigt wird. Am Beispiel der seit den 1990er Jahren neu errichteten Gebäudekomplexe rund um den Potsdamer Platz wird besonders deutlich, wie unterschiedlich die Ansätze und Ziele verschiedener gesellschaftlicher Akteure hinter solchen Prestigeprojekten sind und auf welche Weise konkrete politische städtebauliche Entscheidungen in wenigen Jahren erinnerungspolitische Diskurse nachhaltig beeinflussen, wie vor allem die zueinander in produktiver Spannung stehenden Beiträge von Sybille Frank und Thomas Albrecht eindrücklich vor Augen führen.

    Es liegt in der Natur der Sache, dass nicht alle Perioden des Untersuchungszeitraums in gleicher Weise Berücksichtigung finden. So wird das »demokratische« Berlin als eines der maßgeblichen Zentren der europäischen Revolutionen von 1848/49 ausgespart. Dies ist bedauerlich, weil hier in besonderem Maße politische und soziale Konflikte mit Langzeitwirkung, städtisches Selbstverständnis und »Imagepolitik« zusammentrafen. An den Beitrag von Daniel Schönpflug, der »stadtbürgerliche Repräsentation« im 18. Jahrhundert aus Anlass der Hochzeiten der Hohenzollernfamilie untersucht, hätte dabei unmittelbar angeschlossen werden können. Bemerkenswert ist auch, dass die Zeit des Nationalsozialismus nur mit einem Beitrag vertreten ist, in dem der Historiker Robert Graf aufzeigt, wie die Festkultur der frühen Jahre der Diktatur Berlin im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie als städtischen Herrschaftsraum inszenierte und wie sich diese zunächst temporären Installationen zunehmend in einer Architektur verfestigten, an deren Endpunkt die Reichshauptstadt »Germania« stehen sollte.

    Die Stärken des vorliegenden Sammelbandes liegen in seinem innovativen Ansatz und den facettenreichen, auf hohem Niveau argumentierenden Einzelbeiträgen, die sowohl für Urbanisierungshistoriker, ausgewiesene »Berlin-Fans« wie für allgemein an deutscher Kultur und Geschichte interessierte Leser eine Fülle von Anregungen enthalten. Zu loben sind zudem die ansprechende Präsentation, insbesondere die qualitativ hochwertigen Abbildungen am Ende des Buches, sowie die kurzen Abstracts der einzelnen Beiträge in englischer Sprache. Schwierig bleibt indes die Frage, wie verallgemeinerbar die Ergebnisse sind. Die Herausgeber Marc Schalenberg und Thomas Biskup bilanzieren für Berlin, dass die ursprüngliche Dominanz des Staates bei der Konstruktion und Durchsetzung bestimmter Stadtbilder zunehmend einem »Primat des Ökonomischen« Platz machte, in dessen Folge die Stadt selbst in wachsendem Maße als erleb- und konsumierbares Produkt begriffen und international vermarktet wurde und wird. Inwieweit dieser vermutlich verallgemeinerbare Trend in Berlin aus den genannten Gründen eine spezifische Ausprägung erfuhr bzw. erfährt, wäre in vergleichenden internationalen Untersuchungen genauer zu situieren. Den Bedarf und das heuristische Potential für weitergehende Forschungen auf diesem Gebiet aufgezeigt zu haben, ist kein geringes Verdienst dieses gelungenen Buches, das damit en passant auch belegt, dass das vielgeschmähte Genre des Konferenzsammelbandes bei entsprechender analytischer wie thematischer Fokussierung eine geeignete Präsentationsform innovativer, interdisziplinärer Forschung sein kann.

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    PSJ Metadata
    Daniel Siemens
    T. Biskup, M. Schalenberg (Hg.), Selling Berlin (Daniel Siemens)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Neuere Zeitgeschichte (1945-heute), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918), Zeitgeschichte (1918-1945)
    Siedlungs-, Stadt- und Ortsgeschichte
    21. Jh., Neuzeit bis 1900
    4005728-8 4026574-2
    1700-2004
    Berlin (4005728-8), Image (4026574-2)
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    T. Biskup, M. Schalenberg (Hg.), Selling Berlin (Daniel Siemens)
    In: Francia-Recensio 2009/3 | 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2009-3/ZG/biskup_siemens
    Veröffentlicht am: 12.11.2009 16:15
    Zugriff vom: 06.04.2020 12:58
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