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    A. de Dijn, French Political Thought from Montesquieu to Tocqueville (Johannes Bronisch)

    Francia-Recensio 2009/4 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Annelien De Dijn, French Political Thought from Montesquieu to Tocqueville. Liberty in a Levelled Society?, Cambridge (Cambridge University Press) 2008, VIII–224 S. (Ideas in Context, 89), ISBN 978-0-521-87788-6, EUR 50,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Johannes Bronisch, Berlin

    »Aristocratic liberalism [...] was not a minority tradition; rather, it constituted one of the most important ways of thinking about liberty in nineteenth-century France. (189) Dieses pointiert zusammengefasste Resultat der nun in der renommierten Reihe »Ideas in Context« erschienenen Dissertation von Annelien de Dijn (Universität Löwen) dürfte zumindest auf den ersten Blick überraschen. Dominiert doch bislang nicht allein die allgemeine Deutung des vorherrschenden französischen Staatsdenkens des 19. Jahrhunderts als stark etatistisch-bürokratisch und zentralistisch geprägt. Sondern auch der französische Liberalismus wurde in Absetzung zur anglo-amerikanischen Tradition mit ihrer prävalierenden staatsbegrenzenden Ausrichtung überwiegend als demokratisch und gewissermaßen »revolutionslegalistisch« gedeutet. Aristokratische, das heißt vor allem auf eine durch intermediäre Körperschaften gestufte »levelled society« zielende Tendenzen stehen dazu im Widerspruch und gelten, dies zeigt sich etwa bei der Bewertung Alexis de Tocquevilles, in der Regel als mehr oder weniger vereinzelte Sonderfälle – »isolated figures speaking to the wind« (S. 6).

    Hiergegen wendet sich de Dijns aufschlussreiche Studie, die die Erscheinungsformen des »aristokratischen Liberalismus« im nachrevolutionären Frankreich als alternative, bisher kaum im Zusammenhang gesehene Traditionslinie politischen Denkens interpretiert und damit dem seit über zwei Jahrzehnten zunehmenden Forschungsinteresse an der Ideengeschichte des Liberalismus weit mehr als nur eine nebensächliche Facette hinzufügt. Damit entsteht ein Kontrapunkt zur gängigen Deutung der politischen Ideengeschichte, der zufolge pluralistische, machtbegrenzende und auf einen gestaffelten Gesellschaftsaufbau zielende Ansätze in der modernen französischen politischen Kultur von Anfang an schwächer ausgeprägt gewesen seien, als mit der Betonung von Volkssouveränität und Einheit der Republik einhergehende jakobinische Konzepte einer »volonté générale«.

    Die entscheidenden Eckpunkte: »[...] aristocratic liberals believed that liberty should be safeguarded through the checking of central power, rather than through the self-government of the people. Their ideal was that of a pluralist, rather than a self-governing, society, in which intermediary bodies (often envisioned as an aristocracy, but not necessarily so) existed that a levelled, atomized society, which lacked such intermediary bodies, offered no protection against despotism« (S. 5). Auffällig ist dabei nicht zuletzt die Absetzung von der 1992 durch Alan Kahan gegebenen Definition des ideengeschichtlichen Phänomens 1 . De Dijn zufolge gestaltet sich der »aristokratische Liberalismus« als eine eigene Spielart des Liberalismus, die bereist in der Frühmoderne, genauer in Montesquieus »Esprit des Lois« von 1748 angelegt worden sei. Das erste Kapitel der Studie bringt demzufolge konsequent die Montesquieu’schen Ideen im intellektuellen Kontext des 18. Jahrhunderts zur Darstellung (S. 11–39). Obgleich zu bedenken wäre, ob neben dem »Esprit des Lois« nicht auch weitere frühmoderne Quellen aristokratisch-liberalen Denkens in Frankreich – sie seien verfassungstheoretischer oder verfassungspraktischer Natur – hätten einbezogen werden können, entsteht doch bereits durch diesen Rückgriff über die oft einseitig als ideengeschichtlichen Bruch verstandene Schwelle von 1789 eine fruchtbare Spannung im thematischen Zuschnitt der Studie.

    Daß Montesquieus Einfluß in der Tat nicht mit der Revolution endete, sondern dass sein Denken zur Inspirationsquelle für eine Vielzahl von politischen Autoren und Akteuren im postrevolutionären Frankreich wurde, belegen die folgenden sechs Kapitel, die den eigentlichen Untersuchungszeitraum von der bourbonischen Restauration nach 1814 bis hin zu den Anfangsjahren der Dritten Republik 1870-1875 betreffen. Das Ziel der Darstellung ist dabei gleichwohl keine umfassende Synthese, vielmehr intendiert de Dijn eine Analyse der Montesquieu-Rezeption des 19. Jahrhunderts in spezifisch diskursgeschichtlicher Perspektive: »How was the discourse of aristocratic liberalism, originally formulated in the political and intellectual context of the mid eighteenth century, adopted in and adapted to the new political and intellectual needs of the post-revolutionary period?« (S. 9).

    Mit der Auswertung von politischen Broschüren, Pamphleten und Zeitschriften ebenso wie von Protokollen von Parlamentsdebatten steht die Arbeit auf einer gut ausgewählten und soliden Quellenbasis (vgl. »Primary Sources«, S. 195–200), die es erlaubt, nicht nur die bekannten Autoren und Akteure wie etwa Constant, Guizot, Tocqueville, Broglie, Thierry, sondern auch eine Vielzahl von heute wenig beachteten Publizisten zu berücksichtigen. So kann de Dijn im Verlauf der Studie zeigen, wie frühmodernes aristokratisch-liberales Denken zuerst in die royalistisch-restaurativen Diskurse zu Beginn des Jahrhunderts einfloss (S. 40–67) und dann im orleanistischen Liberalismus und bei Tocqueville noch einmal zu einer die französische Politik prägenden Gestaltungskraft fand (S. 129–154). Der Blick auf das Second Empire und die Anfänge der Dritten Republik (S. 155–184) führt gleichwohl auch die damit einhergehende Transformation des aristokratischen Liberalismus – »[...] a vibrant tradition in the French political discourse of the nineteenth century« (S. 10) – vor Augen: Was bei Montesquieu als ein der zukünftigen modernen Gesellschaft gerecht werdendes Konzept angelegt war und in der Folge als eine vermittelnde Alternative zur revolutionär-jakobinischen Staatskonzeption aufgefasst werden konnte, wurde im Laufe des Jahrhunderts mehr und mehr zu einer »anti-modern ideology« (190), deren Versatzstücke sich nicht zuletzt in Hippolyte Taines bedeutenden Werk »Les origines de la France contemporaine« widerspiegeln.

    1 Alan Kahan, Aristocratic Liberalism. The Social and Political Thought of Jacob Burckhardt, John Stuart Mill, and Alexis de Tocqueville, New York u. a. 1992.

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    PSJ Metadata
    Johannes Bronisch
    A. de Dijn, French Political Thought from Montesquieu to Tocqueville (Johannes Bronisch)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Frankreich und Monaco
    Politikgeschichte
    18. Jh., 19. Jh.
    4018145-5 4076226-9
    1720-1870
    Frankreich (4018145-5), Politische Philosophie (4076226-9)
    PDF document de-dijn_bronisch.doc.pdf — PDF document, 89 KB
    A. de Dijn, French Political Thought from Montesquieu to Tocqueville (Johannes Bronisch)
    In: Francia-Recensio 2009/4 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2009-4/FN/de-dijn_bronisch
    Veröffentlicht am: 26.01.2010 18:25
    Zugriff vom: 21.02.2020 18:27
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