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    D. Lett, Un procès de canonisation au Moyen Âge (Thomas Wetzstein)

    Francia-Recensio 2009/4 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500) Francia-Recensio 2009/4 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Didier Lett, Un procès de canonisation au Moyen Âge. Essai d’histoire sociale, Paris (PUF) 2008, 473 S. (Le nœud gordien), ISBN 978-2-13-051543-2, EUR 29,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Thomas Wetzstein, Heidelberg

    Die Akten der spätmittelalterlichen Kanonisationsprozesse haben ihr einstiges Schattendasein unter den historischen Quellengattungen nicht erst seit ihrer bis heute umfassendsten Auswertung durch André Vauchez im Jahre 1981 hinter sich gelassen 1 . Die für den Papst als Grundlage einer möglichen Kanonisation durchgeführten Befragungen von meist Hunderten von Zeugen eröffnen immer weitere Forschungsfelder. In den Rahmen dieser Bemühungen gehört auch die vorliegende Pariser Habilitationsschrift, die sich dem seit Längerem ediert vorliegenden Prozess des Augustinereremiten Nikolaus von Tolentino (1245–1305) aus der Perspektive der Sozialgeschichte zuwendet. Den Aussagen von 365 zwischen Juli und September 1325 befragten Zeugen möchte Lett Informationen zur gesellschaftlichen Struktur in der Mark Ancona entnehmen und so die dort herrschenden »mécanismes de domination sociale« (S. 9) offenlegen. Zu diesem Zweck versucht Lett nicht nur eine »déconstruction intégrale« (S. 6) der Quelle, die elektronisch erfasst und auf wiederkehrende Begriffe hin untersucht wurde, sondern er strebt mit der selektiven Einbeziehung von Quellenmaterial aus der externen Überlieferung eine Verbindung von Mikro- und Makrohistorie (S. 13) an. In sieben annähernd gleich großen Teilen behandelt Lett den Weg zur Einleitung der Zeugenbefragung durch den Papst, einige ausgewählte Aspekte des im Prozess gezeichneten Bildes des Kandidaten, die Entstehungs- und Überlieferungsbedingungen der Prozessakten, die Auswahl der befragten Zeugen, den Charakter der protokollierten Aussagen als Ergebnis eines Erinnerungs- und Übersetzungsvorgangs, die den Vernehmungsprotokollen entnehmbaren Raumbezüge und schließlich die dort dokumentierten Herrschaftsstrukturen.

    Ertragreich erscheint die Studie Letts vor allem dort, wo die externe Überlieferung Erkenntnisse zur Kultgeschichte des mehr als ein Jahrhundert nach der Zeugenbefragung kanonisierten Augustinereremiten bietet. So erfahren wir, dass die Augustinereremiten geradezu verzweifelt auf der Suche nach einem Ordensheiligen waren. Vor diesem Hintergrund scheint es einleuchtend, dass ein nennenswerter Kult vor 1325 nicht greifbar ist, ja, dass der Orden selbst erst um 1330 mit einer zaghaften Kultförderung begann und in diesem konkreten Sinne die Zeugenbefragung tatsächlich als Versuch zu werten ist, einen neuen Heiligen zu schaffen (S. 1, 65). Von einer großen Zahl jüngerer historischer Studien setzt sich diese umfassende Analyse des Kanonisationsprozesses auch dadurch wohltuend ab, dass die Aussagekraft derartiger Quellen zur Person des Kandidaten und zur Kultgeschichte äußerst kritisch bewertet wird (S. 51). Der angebrachte Verweis auf seine komplexen Entstehungsbedingungen lässt Lett zu der Überzeugung gelangen, aufgrund der formalen Anforderungen eines gelehrten Gerichtsverfahrens, der starken Überformung durch die prozessuale Terminologie und nicht zuletzt durch mehrfache Übersetzungsvorgänge seien Kanonisationsprozesse keineswegs als unverfälschter Zugang zum Denken und Fühlen jener Schichten zu betrachten, die der Geschichtswissenschaft ansonsten kaum greifbar sind (S. 259, 355).

    Allzu viele Erkenntnismöglichkeiten jenseits des eigentlichen Verfahrensablaufs bleiben jedoch angesichts solch nachvollziehbarer Zurückhaltung nicht übrig, und Lett hat es nicht vermocht, die Gesellschaft der Marken auf der Grundlage der Zeugenprotokolle des Jahres 1325 zum Leben zu erwecken. Er mag zwar postulieren, Kanonisationsprozesse reproduzierten die gesellschaftlichen Verhältnisse ihrer Zeit (S. 9, 343). Tatsächlich aber erscheinen die Augustinerermiten in Letts Darstellung durchgängig als eigentliche Regisseure des Verfahrens (etwa: S. 321, 346), während sich der Beitrag der laikalen Eliten, abgesehen von ihrer eher vermuteten als nachgewiesenen (S. 197, 199) Überrepräsentation in den Zeugenlisten, kaum erkennen lässt und die Kommune zwar ihren syndicus communis auch für diesen Prozess mit einer Vollmacht ausgestattet hatte, dieser aber nach Ausweis der Akten im Gegensatz zu seinem eifrig von Seiten des Klosters Zeugen benennenden Kollegen an keiner Stelle tätig wurde. Lett lässt völlig offen, in welchem Umfang die Augustinereremiten mit ihrer sozialen Umwelt verwoben waren, wie überhaupt das notwendige tertium comparationis der außerhalb der Akten dominierenden Gesellschaftsverhältnisse fehlt. Unter der Hand rücken auch bei Lett statt sozialgeschichtlicher Fragen Erinnerungspraxis und Raumvorstellung, Zeitkonzeptionen, Geschlechterverhältnis, die fama , die geographische Herkunft der Zeugen oder Unterschiede zwischen Gelehrten- und Volkssprache weitgehend in den Vordergrund. Gerade aber der methodische Zugriff Letts, dem stilistische Unterschiede als Beleg für einen Wechsel des protokollierenden Notars gelten (S. 164), kann kaum glaubhaft machen, warum sprachliche Ähnlichkeiten gleichzeitig als Beitrag der nur mehrfach gebrochen aussagenden Zeugen zur »construction de la sainteté« zu bewerten sind (S. 233).

    Einen Teil ihrer Überzeugungskraft büßt die vorliegende Studie jedoch nicht aufgrund ihrer methodisch-konzeptionellen Schwächen oder gelegentlicher Überinterpretationen (etwa: S. 234, 291) ein, auch teilweise erhebliche Lücken in der Bibliographie sind zumindest irritierend und für manche Fehleinschätzung verantwortlich: Die Forschung zur Typologie von Mirakeln (etwa: S. 68) und deren Bedeutung in Kanonisationsprozessen ist auch nach Sigals Pionierstudie keineswegs stehen geblieben 2 , der Zeugenbeweis (etwa S. 157, 217), wurde gerade für das 14. Jahrhundert durch die zweibändige Studie von Susanne Lepsius ausführlich behandelt 3 , das italienische Notarswesen (etwa: S. 201) hat in Andreas Meyers monumentaler Monographie eine umfassende Behandlung erfahren 4 , und schließlich hat der Rezensent selbst eine Monographie zur Quellenkritik von Kanonisationsakten vorgelegt, die Lett zwar in die Bibliographie aufgenommen, aber nicht verwertet hat 5 , Kanonisationsverfahren sind prozessrechtsgeschichtlich keineswegs als Sonderfall zu betrachten – sie vollziehen die Konjunkturen der dynamischen mittelalterlichen Prozessualistik ebenso mit wie die historische Entwicklung der im Namen des Papstes durchgeführten Prozesse. Daher sind, um nur einige Fehldeutungen herauszugreifen, weder hinsichtlich des verwendeten Lateins (S. 263) noch bezüglich der prozessualen Allerweltsfrage nach der fama (S. 357–378) – die fama sanctitatis gehört als terminus technicus ohnehin erst in die Zeit nach den einschneidenden Reformen des Kanonisationsverfahrens durch Urban VIII. (1623–1646) – ausschließlich Kanonisationsprozesse das geeignete Vergleichsobjekt. Aus demselben Grund ist es abwegig, von einer fehlenden Regelung der Zeugenbefragung im kanonischen Recht auszugehen (S. 139), denn fast das gesamte zweite Buch des Liber Extra hielt dafür minutiöse und auch bei Kanonisationsprozessen beachtete Anweisungen bereit. Kanonisationsakten waren überdies – wie der Autor selbst immer wieder betont – schriftliche Zeugnisse eines rechtlich normierten Verfahrens. Ganz sicher ist Letts Quelle dann nicht das Ergebnis eines »long travail d’écriture et de réécriture«, an dem in partibus die Notare, die päpstlichen Kommissare und die Postulatoren und in curia die päpstlichen Schreiber beteiligt waren (S. 183): Mit der von den Kommissaren angeordneten und in manchen Regionen von ihnen selbst besiegelten Herstellung der notariell beglaubigten und mit dem Tagesdatum versehenen Prozessakten war das Verfahren in partibus geschlossen, und jede nachträgliche Änderung war als Urkundenfälschung zu bewerten. Lett unterliegt daher auch einem Irrtum, wenn er glaubt, die Postulatoren hätten nach Abschluss der Befragung die Möglichkeit gehabt, auf das Erscheinungsbild ihres Kandidaten in dem als recollectio bezeichneten Aktenauszug der Kurie einzuwirken (S. 164), der hier wie auch in anderen kurialen Prozessen die Grundlage der päpstlichen Urteilsfindung darstellte. So begrüßenswert die versprochene »déconstruction intégrale« grundsätzlich sein mag, so wenig vermag schon diese methodische Voraussetzung der teilweise sehr weitreichenden Schlussfolgerungen Letts zu überzeugen.

    1 André Vauchez, La sainteté en Occident aux derniers siècles du Moyen Âge d’après les procès de canonisation et les documents hagiographiques, Rom 1981 (Bibliothèque des Écoles françaises d'Athènes et de Rome, 241).

    2 Pierre-André Sigal, L’homme et le miracle dans la France médiévale (XI e –XII e siècle), Paris 1985. Verwiesen sei nur auf: Martin Heinzelmann, Klaus Herbers, Dieter R. Bauer. (Hg.), Mirakel im Mittelalter. Konzeptionen, Erscheinungsformen, Deutungen, Stuttgart 2002 (Beiträge zur Hagiographie, 3); Maria Wittmer-Butsch, Constanze Rendtel, Miracula. Wunderheilungen im Mittelalter. Eine historisch-psychologische Annäherung, Köln, Weimar, Wien 2003.

    3 Susanne Lepsius, Der Richter und die Zeugen. Eine Untersuchung anhand des » Tractatus testimoniorum « des Bartolus von Sassoferrato. Mit Edition, Frankfurt a. M. 2003 (Studien zur europäischen Rechtsgeschichte, 158); Dies., Von Zweifeln zur Überzeugung. Der Zeugenbeweis im gelehrten Recht ausgehend von der Abhandlung des Bartolus von Saxoferrato, Frankfurt a. M. 2003 (Studien zur europäischen Rechtsgeschichte, 160).

    4 Andreas Meyer, Felix et inclitus notarius. Studien zum italienischen Notariat vom 7. bis zum 13. Jahrhundert, Tübingen 2000 (Bibliothek des Deutschen Historischen Instituts in Rom, 92).

    5 Thomas Wetzstein, Heilige vor Gericht. Das Kanonisationsverfahren im europäischen Spätmittelalter, Köln, Weimar, Wien 2004 (Forschungen zur kirchlichen Rechtsgeschichte und zum Kirchenrecht, 28).

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    PSJ Metadata
    Thomas Wetzstein
    D. Lett, Un procès de canonisation au Moyen Âge (Thomas Wetzstein)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühes Mittelalter (600-1050), Hohes Mittelalter (1050-1350), Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Italien
    Kirchen- und Religionsgeschichte
    Mittelalter
    118734962 4437080-5
    Nicolaus de Tolentino (118734962), Heiligsprechungsprozess (4437080-5)
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    D. Lett, Un procès de canonisation au Moyen Âge (Thomas Wetzstein)
    In: Francia-Recensio 2009/4 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2009-4/MA/lett_wetzstein
    Veröffentlicht am: 26.01.2010 16:50
    Zugriff vom: 20.01.2020 15:25
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