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    M. Cluet, La fascination de l'Inde en Allemagne 1800-1933 (Margrit Pernau-Reifeld)

    Francia-Recensio 2009/4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Marc Cluet (dir.), La fascination de l’Inde en Allemagne 1800–1933, Rennes (Presses universitaires de Rennes) 2004, 352 S., ISBN 978-2-86847-967-9, EUR 19,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Margrit Pernau, Berlin

    Seit Edward Said 1978 in seinem bahnbrechenden und heftig debattiertem Buch über Orientalismus den Zusammenhang zwischen der Produktion von Wissen über den Orient und seiner Beherrschung betont hat, ist auch das Interesse an der deutschen Rezeption von Wissen und Bildern über den Orient, Indien zumal, kontinuierlich gewachsen. Deutschland, dessen Faszination von Indien so gar nicht von Machtinteressen bestimmt schien, das zudem sich bemühte den oft harschen Urteilen britischer Autoren ein positives Bild entgegenzusetzen, wurde immer wieder als Beleg dafür herangezogen, dass die Begegnung von Orient und Okzident auch anders hätte verlaufen können.

    Ohne sich in das Dickicht der Auseinandersetzungen um Edward Said zu begeben, gehen die Autoren des vorliegenden Sammelbandes deutschen Indienbildern im 19. und frühen 20. Jahrhundert nach. Der Schwerpunkt liegt dabei auf literarischen Darstellungen, doch kommen auch Indologen und Philosophen zu Wort. Erfreulich ist dabei, dass der klassische Kanon von Schlegel über Schopenhauer zu Hesse zwar nicht völlig vernachlässigt wird, jedoch durch eine Anzahl von faszinierenden und faszinierten Autoren ergänzt wird, die für gewöhnlich weniger mit der deutschen Indienrezeption in Verbindung gebracht werden, so etwa die wohlwollenden Ausführungen Nietzsches zum Kastensystem, auf die Jean-Marie Paul in seinem Artikel über »Schopenhauser et Nietzsche: des images de l’Inde constrastées« (S. 103–117) eingeht, der Versuch einer Rezeption des Buddhismus in Wagners Parzival, die Danielle Buschinger nachzeichnet (Le »Parsifal« de Richard Wagner et le Bouddhisme, S. 129–139), Alfred Döblins Auseinandersetzung mit buddhistischer Heiterkeit, die den Gegenstand der einfühlenden Untersuchung von Barbara Koehn bietet (Alfred Döblin und Buddha, eine west-östliche Begegnung, S. 257–271) oder Thomas Manns Erzählung der Vertauschten Köpfe, die Frank Kahnert zum Einstieg in den Wandel der Kunstauffassung des Autors nimmt (La poésie sous le voile de Maya: les Têtes interverties. Une légende hindoue de Thomas Mann, S. 271–289). Diese weniger bekannten indischen Einflüsse bekannt gemacht zu haben, gehört zu den großen Verdiensten dieser Aufsatzsammlung.

    Zugleich machen diese Untersuchungen deutlich, dass es der Vielzahl der Autoren, die sich indischer Motive in ihren Erzählungen und Texten bedienten, im Gegensatz zu indologischen Größen wie Friedrich Schlegel und dem in Oxford lehrenden Max Müller nicht wirklich um eine Auseinandersetzung mit Indien, schon gar nicht mit dem zeitgenössischen Indien ging. Noch stärker als dies für den französischen und britischen Orientdiskurs zutraf, dem schon aus herrschaftspragmatischen Überlegungen gewisse Grenzen bei der »Erfindung« des Anderen gesetzt waren, war Indien für Deutschland eine Projektionsfläche, auf der ein Gegenentwurf zur eigenen Gesellschaft gemalt werden konnte. Welche Sehnsüchte Indien befriedigen sollte, wandelte sich in Antwort auf die Entwicklung der deutschen Kultur und Gesellschaft. Nahm Indien in der Romantik eine ähnliche Stellung wie das Mittelalter ein, als einem Raum, der die Einheit von Philosophie, Religion und Kunst verbürgte und die Zerrissenheit der Moderne zu heilen vermochte – hier auf den heftigen Widerstand Goethes treffend, der sich mit Indien, im Gegensatz zu Persien und China, nur am Rande und nur zögerlich befasste (René-Marc Pille, À la fracture du classicisme et du romantisme: l’Inde, sujet de discorde entre Goethe et Friedrich Schlegel, S. 25–47) – so konnte es Ende des 19. Jahrhunderts für die Versöhnung von Sinnlichkeit und Religion stehen (Olivier Hanse, La gloire allemande de Ruth St. Denis, danseuse orientale, S. 237–257).

    Die allermeisten Aufsätze bringen für sich genommen wertvolle Einsichten, wenn man sie als Beiträge zur Germanistik liest. Fragen tauchen in dem Moment auf, wo dieser eng abgesteckte Rahmen verlassen wird und versucht wird, die Konstruktion des imaginierten Indiens in Bezug zu setzen zu einer indischen »Wirklichkeit«, um dergestalt das Ausmaß der Transformation und Imagination deutlich werden zu lassen. Von wenigen Autoren abgesehen, die sich schon seit langem mit Indien beschäftigen, fallen diese Aussagen gegenüber dem Niveau der literaturwissenschaftlichen Auseinandersetzung leider deutlich ab.

    Nicht ganz einsichtig ist auch die Einbeziehung der Artikel von Michel Naumann über »Le Comité berlinois pour l’indépendance de l’Inde: 1914–1933« (S. 331–339) und Fernande Krier über »La fascination de l’Inde par les langues. Réflexions sur le multilinguisme (S. 339–352). Hätte man wirklich die Frage nach dem Verhältnis von Literatur und politischer Verflechtungsgeschichte aufwerfen wollen, so hätte dies wohl von Anfang an einer anderen Anlage des Bandes bedurft. Doch gerade im deutschen Fall, wo es, wie die Einzelstudien überzeugend zeigen, weniger um Verflechtung, denn um eine Projektion geht, die eines realen Indiens gar nicht bedurfte, lässt sich die Konzentration auf literarische Texte überzeugend begründen.

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    PSJ Metadata
    Margrit Pernau-Reifeld
    M. Cluet, La fascination de l'Inde en Allemagne 1800-1933 (Margrit Pernau-Reifeld)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918), Zeitgeschichte (1918-1945)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein
    Kultur- und Mentalitätsgeschichte
    19. Jh., 1900 - 1919
    4011882-4 4134586-1
    1800-1933
    Deutschland (4011882-4), Indienbild (4134586-1)
    PDF document cluet_pernau.doc.pdf — PDF document, 82 KB
    M. Cluet, La fascination de l'Inde en Allemagne 1800-1933 (Margrit Pernau-Reifeld)
    In: Francia-Recensio 2009/4 | 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2009-4/ZG/cluet_pernau
    Veröffentlicht am: 26.01.2010 18:10
    Zugriff vom: 27.01.2020 00:42
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