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    J. Cointet, B. Lachaise, S. Tricaud, Georges Pompidou et les élections (1962-1974) (Ulrich Lappenküper)

    Francia-Recensio 2009/4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Jean-Paul Cointet, Bernard Lachaise, Sabrina Tricaud, Georges Pompidou et les élections (1962–1974), Bruxelles, Berne, Berlin u. a. (Peter Lang) 2008, 342 S. (Collection Georges Pompidou – Archives, 3), ISBN 978-90-5201-336-7, EUR 35,90.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Ulrich Lappenküper, Friedrichsruh/Hamburg

    Mit zahlreichen Tagungsbänden und Dokumentationen hat die »Association Georges Pompidou« seit einigen Jahren eine breite Schneise in die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem zweiten Präsidenten der V. Republik geschlagen. Welche Rolle dieser beinahe vergessene Staatsmann in den von ihm politisch maßgeblich mitgestalteten Jahren 1962 bis 1974 bei den französischen Wahlen spielte, verdeutlicht nun eine mit den wichtigsten Texten seines diesbezüglichen politischen Handelns versehene Dokumentation. Die zumeist aus seinem Nachlass gehobenen Quellen stammen zum einen von Pompidou selbst, zum anderen von engen Mitarbeitern, insbesondere seinem Sonderberater für Wahlfragen, Olivier Philip. Während es sich bei den Dokumenten Pompidous um Reden, Ansprachen, Pressekonferenzen und Interviews handelt, die mithin trotz des Fundorts als bekannt gelten dürfen, sind die Schriftstücke der übrigen Autoren bisher unveröffentlicht.

    Bekanntermaßen war Pompidou 1962 als Quereinsteiger ohne Parlamentsmandat zum Regierungschef avanciert. Als er sich 1965 erstmals einem Wählervotum stellte, handelte es sich um die lokale Ebene des Conseil municipal von Cajarc. Erst zwei Jahre später gewann er einen Sitz in der Assemblée nationale. Wenngleich seine Erfahrungen mit dem aktiven Wahlrecht vor der Übernahme des höchsten Staatsamts 1969 also eher bescheiden waren, hatte er bis dahin gleichwohl schon umfassende Kenntnisse über den Kampf um die Gunst der Wähler gesammelt. Indem die hier präsentierten Dokumente den Bogen von der Parlamentswahl 1962 bis zur Präsidentschaftswahl 1974 schlagen und implizit Pompidous diverse Ämterwechsel vom »leader politique« der Jahre 1962–1965 (S. 19) über den »chef de la majorité« 1967–1968 (S. 22) bis zum Staatschef 1969 beleuchten, erlauben sie es, wie Jean-Paul Cointet und Bernard Lachaise in ihren instruktiven Einleitung formulieren, »d’apprécier la mise en place d’un argumentaire électoral et d’un style« (S. 17).

    Nach dem Einzug in das Hôtel Matignon 1962 konzentrierte sich Pompidou in seinen nicht eben zahlreichen Wahlkampfreden zunächst vornehmlich auf zwei Themen: das Versagen der IV. Republik und die kommunistische Bedrohung. Nur wenn sich die Bürger davon überzeugen ließen, dass sie mit ihrer Stimme einen Kampf zwischen »passé et présent«, zwischen »le désordre et la stabilité« zu entscheiden hätten (S.52), würde es gelingen, die noch junge V. Republik weiterzuentwickeln.

    Nach der Wiederwahl de Gaulles 1965 als Premierminister bestätigt, vollzog Pompidou in seinen Wahlkampfauftritten eine inhaltliche Wende. Kontinuität und Wandel, Bewahrung der vom General geschaffenen Institutionen und »élargissement de la majorité« (S. 60) lauteten fortan die zentralen Stichpunkte, wobei er schon damals die für 1972 anstehenden nächsten Präsidentschaftswahlen in den Blick nahm. Um die Anhänger de Gaulles mit seiner Öffnungsstrategie nicht abzuschrecken, präsentierte er 1966 die Idee der »majorité cohérente à l’Assemblée nationale« (S. 61), womit er sich sowohl vom Gedanken der Gründung einer neuen Partei als auch von dem der Fusion bestehender Formationen absetzte.

    Um die Öffnung zur politischen Mitte auch personell durchzusetzen, legte Pompidou die Kür der Kandidaten zur Parlamentswahl 1967 in die Hand des von ihm persönlich präsidierten Comité d’action pour la V e République, wobei de Gaulle manche Entscheidung revidierte, weil ihm die Haltung des Premierministers gegenüber Nicht-Gaullisten oder gaullistischen Dissidenten zu konziliant erschien. In den Wahlkampf schaltete sich Pompidou dann auf doppelte Art und Weise ein: durch die Bewerbung um ein eigenes Parlamentsmandat und durch zwei Streitgespräche im Rundfunk mit Pierre Mendès France und François Mitterrand. Sein Versuch, die parlamentarische Opposition als zersplittert und als Gefahr für die bestehende Ordnung hinzustellen, griff nur bedingt. Nachdem die Regierung ihre Macht nur mit hauchdünnem Vorsprung hatte verteidigen können, sah sich Pompidou entgegen seinem ursprünglichen Plan veranlasst, mit der Union pour la défense de la République (UDR) eine neue gaullistische Formation zu schaffen, die die nächsten Parlamentswahlen unter den veränderten Rahmenbedingungen der Maiunruhen 1968 tatsächlich haushoch für sich entschied. Trotz (oder wegen) dieses großen Sieges ließ de Gaulle seinen Premierminister nun fallen und berief Maurice Couve de Murville in den Matignon.

    Dank des vorzeitigen Rücktritts des General-Präsidenten im April 1969 gewann die Karriere des nunmehr einfachen, aber höchst populären Parlamentsabgeordneten eine neue Wendung. Schon zu Beginn des Jahres hatte Pompidou öffentlich die Bereitschaft signalisiert, de Gaulle in den Élysée-Palast folgen zu wollen. Nur einen Tag nach dessen Demission gab er seine Kandidatur um das höchste Staatsamt offiziell bekannt und begann dann eine minutiös vorbereitete Wahlkampftour, auf der drei Begriffe seine Reden leitmotivartig durchzogen: »Ouverture« (S. 155) bzw. »Continuité et fidélité« (S. 156), Öffnung der Mehrheit durch einen Dialog mit den Franzosen und Treue zu den institutionellen Prinzipien der V. Republik. Der Erfolg gab ihm recht. Im zweiten Wahlgang setzte er sich gegen seinen ärgsten Herausforderer Alain Poher durch.

    Gemäß seinem Selbstverständnis als einem über den Parteien stehenden Staatsoberhaupt nahm sich Pompidou bei den nächsten Urnengängen – der Kantonalwahl 1970, der Munizipalwahl 1971 und der Parlamentswahl 1973 – sehr zurück. Das Ringen um die parlamentarische Mehrheit war für ihn vornehmlich eine des Premierministers, nicht des Präsidenten. Dies aber sollte ihn nicht davon abhalten, die Bemühungen des Amtsinhabers Jacques Chaban-Delmas um eine Ausdehnung der parlamentarischen Machtbasis ganz im Stile seines Amtsvorgängers mit kritischem Blick zu begleiten. Eine Öffnung zur politischen Mitte durfte es seines Erachtens nur »à des fins précises et pour une politique acceptée« geben (S. 259).

    In vorderster Front engagierte sich der Präsident dagegen 1972 bei dem von ihm initiierten Referendum über die Norderweiterung der EWG. Ungeachtet des letztlich positiven Ausgangs wertete er die hohe Anzahl von Enthaltungen als persönlichen Misserfolg. Als die Stimmung in den nächsten Monaten mehr und mehr kippte und damit die Gefahr eines Machtwechsels bei den Parlamentswahlen 1973 Kontur gewann, griff Pompidou mit zwei Fernsehansprachen direkt in die innenpolitische Auseinandersetzung ein und trug so mit dazu bei, dass die Wende verhindert werden konnte. Etwaige Überlegungen, sich nach Ablauf des Septennats erneut zur Wahl zu stellen, wurden durch seinen plötzlichen Tod am 2. April 1974 zunichte gemacht.

    Die durch zahlreiche Wahlstatistiken, Kurzbiographien, Kandidatenlisten und sonstige Hilfsmittel angereicherte, ganz auf Pompidou fokussierte Dokumentation bietet wichtige Einblicke in seine sich verändernde Rolle als Wahlkämpfer, in seine Strategien und in seinen Redestil, der nie ganz vergessen ließ, welchen Beruf er einst gelernt hatte. »Derrière le politique, le professeur n’est jamais loin…“ (S. 22).

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    PSJ Metadata
    Ulrich Lappenküper
    J. Cointet, B. Lachaise, S. Tricaud, Georges Pompidou et les élections (1962-1974) (Ulrich Lappenküper)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
    Frankreich und Monaco
    Familiengeschichte, Genealogie, Biographien, Politikgeschichte
    1960 - 1969, 1970 - 1979
    4018145-5 118792792 4047020-9 4258473-5
    1962-1974
    Frankreich (4018145-5), Pompidou, Georges (118792792), Präsidentenwahl (4047020-9), Frankreich / Staatspräsident (4258473-5)
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    J. Cointet, B. Lachaise, S. Tricaud, Georges Pompidou et les élections (1962-1974) (Ulrich Lappenküper)
    In: Francia-Recensio 2009/4 | 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2009-4/ZG/cointet-et-al_Lappenkueper
    Veröffentlicht am: 26.01.2010 17:00
    Zugriff vom: 27.01.2020 02:01
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