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    P. Beaurepaire, D. Taurisson, Les Ego-Documents à l'heure de l'électronique (Wolfgang Müller)

    Francia-Recensio 2010/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Pierre-Yves Beaurepaire, Dominique Taurisson (dir.), Les Ego-Documents à l’heure de l’électronique. Nouvelles approches des espaces relationnels. Préface de Lucien Bély. Postface de Jean Boutier, Montpellier (Université Paul Valéry-Montpellier III) 2003, 552 S. ISBN 2-84269-594-1, EUR 30,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Wolfgang Müller, Saarbrücken

    Insbesondere dank der Sozial-, Alltags- und Wissenschaftsgeschichte hat sich die Forschung in den letzten Jahrzehnten auch verstärkt den vielfältigen autobiographischen Quellen, den von Jakob Presser so getauften »Ego-Dokumenten«, und der Rekonstruktion politischer, sozioökonomischer, kultureller, religiöser und wissenschaftlicher Netzwerke zugewandt. Begünstigt durch internationale Kooperation und die Möglichkeiten der elektronischen Datenverarbeitung konnten zahlreiche interdisziplinäre Projekte, Editionen, Publikationen und Internet-Portale realisiert und neue methodische Perspektiven eröffnet werden. In dieser Tradition stehen auch die Gründung eines internationalen Forschungsverbundes zu einem Atlas europäischer Korrespondenzen des 17. und 18. Jahrhunderts 1997, die von Dominique Taurisson betriebene Entwicklung eines elektronischen Editionsprogramms Arcane und ein erstes Kolloquium in Arras im Oktober 2000 unter dem Motto »La Plume et la toile. Pouvoirs et réseaux de correspondance dans l´Europe des Lumières«. Im Oktober 2002 folgte in Montpellier ein weiteres Kolloquium, dessen jeweils mit einer weiterführenden Bibliographie versehene Beiträge der vorliegende Sammelband dokumentiert.

    Nach den einführenden Reflexionen Lucien Bélys über die breite Palette, die historische Bedeutung und die Erschließung autobiographischer Quellen skizzieren die Herausgeber – Pierre-Yves Beaurepaire wirkt als Professor für Neuere Geschichte an der Universität Nizza, Dominique Taurisson agiert als Ingenieur d´études au CNRS an der EHESS in Marseille – die Entwicklung des Forschungsfeldes »Ego-Dokumente«, die verschiedenen methodischen Zugriffe und geographischen Horizonte.

    Sechs Beiträge vereint der erste Schwerpunkt »Réseaux sociaux et relations interpersonnelles«. Während Michael Cassan die persönlichen Netzwerke der beiden Finanz- und Justizbeamten Isaac Chorllon und seines Sohnes Jean-Baptiste Alexis aus der Marche des 17. Jahrhunderts vorstellt und Françoise Deroy-Pineau und Paul Bernard vornehmlich anhand der Korrespondenz Marie Guyarts zwischen 1634 und 1639 deren Aktivitäten in den 1630er Jahren zur Installation des Ursulinen-Ordens in Quebec rekonstruieren, beleuchtet Stéphane Haffemayer detailliert die Korrespondenz und das familiäre Netzwerk Nicolas Pruniers de Saint-André als Botschafter in Venedig zwischen 1668 und 1672, und Isabelle Laboulais-Lesage illustriert die wissenschaftlichen Verbindungen des durch seine kartographische Sammlung bekannten Mitbegründers der Société de géographie, Charles-Étienne Coquebert de Montbrets (1755–1831). Véronique Castagnet widmet sich einer intensiven semantisch-thematischen Analyse der Korrespondenz des Priesters und früheren Sekretärs des Kardinals Guillaume Dubois, Daniel de Tristan (1679–1743). Anne-France Grenon untersucht anhand der von Ralph Alexander Leigh herausgegebenen Rousseau-Korrespondenz die Motive für dessen Briefwechsel, und Franck Salaün betrachtet Rousseaus Verbindungen im schwierigen Jahr des Erscheinens des »Contrat social« und des »Émile«.

    Der zweite Abschnitt »Ego-Documents, enjeux identitaires et stratégies réticulaires« umfasst vier Fallstudien. Anhand der Blair Letters entschlüsselt Clotilde Prunier das fein geknüpfte Netzwerk, das im 18. Jahrhundert die katholischen Priester in Schottland mit den schottischen Seminaren und Colleges auf dem europäischen Festland verband. Christiane Berkvens-Stevelinck, bereits durch entsprechende Untersuchungen zu Prosper Marchand hervorgetreten, wendet sich den Kommunikationsnetzen der Hugenotten zu. Hervé Perret dokumentiert am Beispiel seines Tagebuchs und seiner Berichte über die Aufenthalte in Paris 1784/85 sowie 1789–1792 die Verbindungen des 1732 in Réunion geborenen Henry Paulin Panon Desbassayns in der Hauptstadt seiner Ahnen insbesondere zu Protestanten und Freimaurern sowie die Veränderungen infolge der Revolution. Julie Roy berichtet aus ihrem Projekt zur Archäologie der Literatur in Quebec über weibliche Korrespondenzen des 19. Jahrhunderts.

    In fünf Aufsätzen thematisiert der dritte Hauptteil »Histoire de familles, histoires de réseaux«. Dass Rechnungsbücher auch als wichtige autobiographische Quellen einzuschätzen sind und familiäre und regionale Ereignisse ebenso abbilden wie soziale Netzwerke, belegt Sylvie Mouyssets anregender Beitrag mit Beispielen aus Südwestfrankreich. Die von Carole Rathier ausgewählte, zwischen 1768 und 1782 geführte Korrespondenz Jeanne-Marie-Françoise Duplessys mit ihrer Tochter Elisabeth de Cursol erhellt Alltag und Lebenswelt in Bordeaux und im benachbarten Fonchereau. Sylvie Tourreau zeichnet in einem großen chronologischen Bogen den sich weit verzweigenden Familienverband des 1683 geborenen und 1711 nach Réunion ausgewanderten Protestanten Henry Justamond, die politischen und sozialen Vernetzungen in der dortigen Gesellschaft und die Verbindungen zur 1777 gegründeten Freimaurerloge und zur »Compagnie des Indes« ebenso nach wie den allmählichen Wandel Réunions von der Kaffee- zur Zuckerinsel. Am Beispiel der sich über fünf Generationen erstreckenden Korrespondenz der Familie des Mediziners André Constant Duméril und des aus dem Elsass stammenden Textilindustriellen Charles Mertzdorff erörtert Cécile Dauphin grundsätzliche methodische Fragen zur Analyse und Erschließung von Briefsammlungen. Quentin Dequimpe, Cédric Fairon, Paul Servais und Laurence van Ypersele richten ihren Blick auf die tagtägliche Korrespondenz der Königin Marie-Amélie mit ihrer mit Leopold von Sachsen-Coburg-Gotha verheirateten und nun in Brüssel lebenden Tochter Louise-Marie und zeigen in ihrem dem Jahr 1832 gewidmeten Beitrag die durch die elektronische Datenverarbeitung gebotenen Möglichkeiten der Erschließung eines umfassenden Textkorpus.

    Diese Aspekte werden dann im vierten Kapitel »Traitements électroniques d’égo-documents: outils et méthodes« durch acht Detailstudien weiter vertieft. So präsentieren Antony Mc Kenna und Annie Leroux zunächst die mit dem bereits eingangs erwähnten, von Éric-Olivier Lochard und Dominique Taurisson entwickelten Programm Arcane realisierte Edition der Korrespondenz Pierre Bayles und verweisen sowohl auf den Nutzen für die philologische Erarbeitung einer kritischen Edition als auch die dadurch eröffneten sozial- und ideengeschichtlichen Perspektiven und die Verknüpfung mit anderen Korrespondenzen und Netzwerken, ehe sie außerdem das verzweigte Netzwerke des jungen Bayle zwischen 1662 und 1675 unter die Lupe nehmen und seinen Weg von der protestantischen Gemeinschaft zur internationalen Gelehrtenrepublik nachzeichnen. Während Suzan van Dijk anhand der Korrespondenz der durch ihren Roman »Lettres d´une Péruvienne« bekannten Françoise de Graffigny (1695–1758) ihrer Rezeption anderer Autorinnen nachspürt, informiert Michel Bertrand über das Rechercheprogramms PAPE (Personnel Administratif et Politique Espagnol du XVIII e siècle) und umfassende prosopographische Analysen des höheren Verwaltungsapparats in den von Spanien beherrschten Regionen Amerikas. Ebenfalls der transatlantischen Perspektive verpflichtet ist Zacarias Moutoukias, der dank der über 400 zwischen 1763 und 1796 gewechselten Briefe des nach Buenos Aires ausgewanderten Genuesen Belgrano dessen Netzwerke ermittelt. Alain Kerhervés Forschungsbericht über weibliche Korrespondenzen aus England im 18. Jahrhunderts verdeutlicht unter anderem am Briefwechsel Mary Delanys (1700–1788) die durch die EDV gebotenen Chancen zur vergleichenden Analyse umfangreicher Texte, zu Betrachtungen über die naturgemäß an der Postbeförderung orientierte Schreibfrequenz oder zu umfassenden semantischen Erhebungen. Während Estelle Guerber und Marianne Pernoo-Becache die von der Bibliothèque interuniversitaire de médecine erarbeitete Internet-Präsentation der Aufzeichnungen des mit der Familie Flaubert befreundeten Mediziners Jules Cloquet (1790–1883) zu seiner zwischen April und Juni 1837 unternommenen Italienreise vorstellen, berichtet Jean-Luc Pagès über das Projekt Ipséité, das ein »Inventaire raisonné« der Ego-documents in französischer Sprache oder die Übersetzungen von der Renaissance bis zum 3. Jahrtausend zu realisieren sucht. Abschließend ordnet Jean Boutier die Vorträge dieses Kolloquiums in die Forschungsgeschichte ein, unterstreicht die hohe Authentizität der vielfach über die jeweilige Biographie auf facettenreiche soziale Netzwerke verweisenden Ego-Dokumente und reflektiert beispielsweise über die Herausforderungen der Quellenkritik und der Überlieferungssicherung.

    Auch wenn die Aufsätze zum Themenfeld »Korrespondenzen« dominieren und dabei ein geographisch weites Feld bearbeitet wird, so bieten die in diesem Sammelband vereinten Beiträge insgesamt informative Anregungen und laden nicht zuletzt die Historikerinnen und Historiker zu einer weiteren methodischen Bewertung über Möglichkeiten und Grenzen der hier so umfangreich präsentierten Schemata sozialer Netzwerke ebenso ein wie zum Forschen und Recherchieren nach bislang unbekannten autobiographischen Quellen in den Archiven.

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    Wolfgang Müller
    P. Beaurepaire, D. Taurisson, Les Ego-Documents à l'heure de l'électronique (Wolfgang Müller)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    (u"(u'',)",)
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    P. Beaurepaire, D. Taurisson, Les Ego-Documents à l'heure de l'électronique (Wolfgang Müller)
    In: Francia-Recensio 2010/1 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2010-1/FN/beaurepaire_mueller
    Veröffentlicht am: 08.04.2010 17:20
    Zugriff vom: 28.10.2020 10:13
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