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    M. Haehl, Les Affaires étrangères au temps de Richelieu (Jörg Ulbert)

    Francia-Recensio 2010/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Madeleine Haehl, Les Affaires étrangères au temps de Richelieu. Le secrétariat d’État, les agents diplomatiques (1624 –1642) , Bruxelles , Bern, Berlin, u. a. (Peter Lang) 2006, 370 S., 5 Abb. (Diplomatie et Histoire, 11), ISBN 90-5201-284-9, EUR 29,50 .

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Jörg Ulbert, Lorient

    Nicht erst unter Ludwig XIV. sondern schon unter der Regierung seines Vaters Ludwig XIII. wurde die französische Diplomatie zur potentesten Europas (S. 198). Den Anstoß dazu gab Prinzipalminister Richelieu. Verhandlungen mit fremden Höfen spielten bei der Verwirklichung seiner außenpolitischen Konzeptionen eine zentrale Rolle (S. 194–195). Und dazu bedurfte es einer starken diplomatischen Präsenz an den europäischen Höfen und einer leistungsfähigen Ministerialverwaltung. Während Aufbau und Funktionsweise der französischen Diplomatie für die Zeit ab Ludwig XIV. bereits mehr oder minder ausgiebig untersucht wurden, wenn auch oft schon vor geraumer Zeit 1 , so gab es bislang keine monographische Studie zur unmittelbar davor liegenden Periode. Diese Lücke möchte nun die in Lyon lehrende Rechtshistorikerin Madeleine Haehl schließen.

    Ihr Buch ist in sechs Kapitel unterteilt. Auf zwei kurze, dem allgemeinen rechtlichen Rahmen gewidmete Abschnitte (S. 15–39) folgen zwei sehr viel längere, die sich mit den Staatssekretären des Äußeren, also den Außenministern der betreffenden Periode beschäftigen. Dabei werden nicht nur deren wechselnden Aufgaben und Kompetenzen (S. 41–77), sondern auch die Lebensläufe der Amtsinhaber ausgiebig beschrieben (S. 79–163). In den verbleibenden zwei Kapiteln werden zunächst die »premiers commis«, d.h. die wichtigsten Mitarbeiter der Minister (S. 165–191), und abschließend die verschiedenen Kategorien von Diplomaten behandelt (S. 193–304). Im Anhang sind sechs Aktenstücke abgedruckt (S. 311–331).

    Wirklich Neues hat das Buch nicht zu bieten und das, obwohl die Arbeit fast vollständig aus unveröffentlichten Quellen gearbeitet ist. Die französische Diplomatie war unter Richelieu noch rudimentär organisiert. Ein in mehrere Ressorts unterteilte Zentralverwaltung gab es genauso wenig (S. 42, 171) wie die Beförderung von Diplomaten innerhalb einer festgelegten Dienstlaufbahn. Auch die wenigen Mitarbeiter des Staatssekretärs des Äußeren hatten nicht viel mit späteren Generationen von Ministerialbeamten gemein, obwohl sich unter Ludwig XIII. bereits die ersten ihrer Wesenszüge auszubilden begannen (S. 41).

    Motor dieser Entwicklung und Herr über alle außenpolitischen Entscheidungen waren nicht etwa die jeweiligen Außenminister sondern einzig und allein Premierminister Richelieu. Dementsprechend allgegenwärtig ist der Kardinal in den Beschreibungen und Analysen Haehls. So werden Minister und deren Mitarbeiter auch nicht vornehmlich auf ihre Arbeit, sondern vor allem auf ihr Verhältnis zu Richelieu hin untersucht. Aber dies ist nur eine von zahlreichen Unzulänglichkeiten des Buches.

    Wichtigster Mangel des Buches ist das Fehlen neuer Erkenntnisse. Denn fast alles, was Haehl erläutert, findet sich im Kern bereits anderswo beschrieben. Doch mag das der Autorin gar nicht aufgefallen sein, denn die von der Forschung in den letzten 70 Jahren erbrachten Ergebnisse nimmt sie allenfalls lückenhaft zur Kenntnis. So werden nach dem Zweiten Weltkrieg erschienene Schriften nur ausnahmsweise zitiert und nicht französischsprachige Titel so gut wie gar nicht. Auch der Umstand, dass es sich bei Haehls Arbeit um die Druckversion ihrer bereits 1993 von der Universität Lyon III angenommenen rechtshistorischen Dissertation handelt 2 , erklärt nicht, weshalb jüngere Titel, die im direkten Zusammenhang mit der Thematik stehen 3 , nicht einmal pro forma im Literaturverzeichnis aufgeführt werden. Denn die Autorin hat ihre Bibliographie für die Veröffentlichung durchaus um einige – allerdings fast ausnahmslos französischsprachige – Titel erweitert.

    Während die Autorin sich letztlich darauf beschränkt, Altbekanntes neu zusammenzufassen, versäumt sie es, bislang vernachlässigte Fragestellungen besser zu beleuchten. So werden die technischen Aspekte und die äußeren Umstände der richelieuschen Diplomatie nur ganz am Rande behandelt. Einzig die Ver- und Entschlüsselung von Depeschen wird ausgiebig erläutert (S. 66, 178–181). Mit keinem Wort wird jedoch erwähnt, wo etwa sich die Räumlichkeiten des Außenministers und seiner Mitarbeiter befanden. Auch über die Beförderung der Depeschen, insbesondere ihre Laufzeiten oder die mit ihnen verbundenen Kosten erfährt der Leser nichts anderes, als dass es lange dauern konnte, bis Briefe ihre Adressaten erreichten (S. 53, 61). Die Lebensumstände der Diplomaten, ihre Vergütung, Rekrutierung, durchschnittliche Verweildauer an ihren Posten und Entlassung, oder die zentrale Frage nach dem Zeremoniell scheinen der Autorin ebenfalls keine nähere Untersuchung wert zu sein. All diese Fragen hätten wohl beantwortet werden können, wenn sich Haehl ihrem Untersuchungsobjekt prosopographisch genähert hätte, was angesichts des überschaubaren Zeitraums und der begrenzten Anzahl von Diplomaten wohl zumutbar gewesen wäre. Anstatt dessen bescheidet sie sich mit einer nicht etwa geographisch nach Posten sondern erstaunlicherweise nach Rangstufen geordnete Aufzählung von diplomatischen Vertretern. Anspruch auf Vollständigkeit erhebt sie dabei nicht. So erscheinen ihr die Zuständigkeiten der im Reich tätigen Gesandten und Residenten zu undurchsichtig, um sie detailliert aufzuschlüsseln. Hier hätte die Möglichkeit bestanden, Bittners und Groß’ Repertorium der diplomatischen Vertreter 4 , welches erst 1648 einsetzt, substanziell zu ergänzen. In tabellarischer Form dargeboten hätte dies sogar eine willkommene Kürzung des Haupttextes mit sich bringen können.

    Zu diesen Kritikpunkten kommen noch diverse handwerkliche und stilistische Unzulänglichkeiten, die jede für sich genommen zwar nicht der Rede wert gewesen wären, angesichts ihrer Häufung den ohnehin negativen Gesamteindruck aber noch verstärken. Deshalb seien hier trotz allem noch einige kurz erwähnt. Nicht nur, dass die Quellenzitate fast immer zu lang ausfallen (z. B. S. 74–76, 96–101, 208–209, 296–299) und damit den Lesefluss unterbrechen, es ist auch keine Stringenz in der Transkription der Manuskripte zu erkennen. Hier wäre die Beachtung einer einzigen, dem Leser offengelegten Regel – etwa jener der »Acta Pacis Westphalicae« – wünschenswert gewesen. Zuletzt bemängelt sei noch die Benutzung der Possessivpronomen »nos« und »notre« dort, wo Frankreich gemeint ist (z. B. S. 44, 57, 110, 182, 274, 299). Haehl schließt damit auch sprachlich an jene Studien aus dem 19. Jahrhundert an, die ihr methodisch als Vorbild gedient haben.

    Das Buch kann also allenfalls als Einführung in eine Materie dienen. Einer Neubearbeitung des Themas durch systematische Auswertung des Quellematerials und unter Berücksichtigung moderner Fragestellungen steht nicht nur nichts im Wege, sie wäre auch äußerst wünschenswert.

    1 Für die Frühe Neuzeit vor allem: Camille Georges Picavet, La diplomatie française au temps de Louis XIV (1661–1715). Institutions, mœurs et coutumes, Paris 1930; Jean-Pierre Samoyault, Les bureaux du secrétariat d'État des Affaires étrangères sous Louis XV, Paris 1971; Frédéric Masson, Le département des Affaires étrangères pendant la Révolution, 1787–1804, Paris 1877.

    2 Madelaine Haehl-Gelet, Les Affaires étrangères au temps de Richelieu. L’administration centrale, les agents diplomatiques (1624-1642), thèse d’histoire du droit et des institutions, université Jean Moulin Lyon III, 1993.

    3 Etwa: Sven Externbrink, Le cœur du monde. Frankreich und die norditalienischen Staaten (Mantua, Parma, Savoyen) im Zeitalter Richelieus 1624–1635, Münster 1999; Ders., »Faire contrepoids à la puissance d'Espagne«. Paul Ardier de Beauregard (1590–1671) et la politique de Richelieu en 1633, in: Francia 27/2 (2000), S. 1–24.

    4 Ludwig Bittner, Lothar Groß (Hg.), Repertorium der diplomatischen Vertreter aller Länder seit dem Westfälischen Frieden (1648), Bd. 1, Berlin 1936.

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    PSJ Metadata
    Jörg Ulbert
    M. Haehl, Les Affaires étrangères au temps de Richelieu (Jörg Ulbert)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Frankreich und Monaco
    Politikgeschichte
    17. Jh.
    4018145-5 4003846-4
    (u"(u'',)",)
    1624-1642
    Frankreich (4018145-5), Außenpolitik (4003846-4)
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    M. Haehl, Les Affaires étrangères au temps de Richelieu (Jörg Ulbert)
    In: Francia-Recensio 2010/1 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2010-1/FN/haehl_ulbert
    Veröffentlicht am: 08.04.2010 17:10
    Zugriff vom: 25.02.2020 03:26
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