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    H. Lüsebrink, Das Europa der Aufklärung und die außereuropäische koloniale Welt (Olaf Asbach)

    Francia-Recensio 2010/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Hans-Jürgen Lüsebrink, Das Europa der Aufklärung und die außereuropäische koloniale Welt, Göttingen (Wallstein) 2006, 408 S., ISBN 3-8353-0021-0, EUR 48,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Olaf Asbach, Hamburg

    Der vorliegende Band widmet sich einer Epoche und Problematik, die mit der heutigen globalisierten Welt auf vielfältige Weise verbunden sind. Hans-Jürgen Lüsebrink und Jürgen Osterhammel umreißen in ihren den Band eröffnenden Aufsätzen die zentralen Themen und Begriffe, die den Horizont der von den Beiträger/innen des Bandes behandelten Fragen bilden. Das 18. Jahrhundert gilt erstens als Periode der Konstruktion eines »Europa«, das sich politisch, ökonomisch und militärisch, aber auch geistig rüstete, die außereuropäische Welt zu erobern. Noch aber war der Erfolg dieser Eroberung nicht ausgemacht. Zwar wurde die Aufteilung der Welt unter den europäischen Mächten seit dem 16. Jahrhundert vielfach imaginiert und praktisch vorbereitet, und die globalen Implikationen der europäischen Konflikte und Kriege waren im 18. Jahrhundert schon deutlich sichtbar. Von einer tatsächlichen Eroberung und Durchdringung der außereuropäischen Welt konnte aber noch keine Rede sein (vgl. S. 25ff.). Abgesehen vom »Sonderfall Amerika« waren ostasiatische Reiche wie Indien, China oder Japan noch übermächtige Kontrahenten in einer multipolaren Welt, und die meisten Reiche und Territorien Afrikas für Europäer weitgehend »terrae incognitae« (vgl. S. 114). Zugleich gilt das 18. Jahrhundert zweitens als die Epoche der Aufklärung, die in den letzten Jahrzehnten wieder einmal zum Gegenstand politischer und wissenschaftlicher Untersuchungen, Kritiken und Polemiken geworden ist. Auf der einen Seite steht die Aufklärung für die Öffnung zur Welt, die ein großes Interesse für die Lebensweisen und Einrichtungen anderer Völker einschließt. Hier findet sich nicht nur das Bedürfnis, »die Sichtweisen der Anderen kennen zu lernen, sie zu Wort kommen und zum Partner eines interkulturellen Dialogs werden zu lassen« (S. 13), sondern oftmals auch der Wille, diese als Medium der Kritik an den Verhältnissen, Einrichtungen und Denk- und Lebensformen in Europa selbst zu nutzen. Auf der anderen Seite stehen die Aufklärung und das Aufklärungsjahrhundert für den Beginn der Ausbildung einer tiefgreifenden, in vielfacher Hinsicht asymmetrischen Beziehung Europas zur nicht-europäischen Welt. Die ökonomischen, technischen und militärischen Faktoren und Triebkräfte des einsetzenden europäischen Weltmachtstrebens werden von einem neuen Selbstbewusstsein und »Willen zum Wissen« begleitet, der »das Andere«, d.h. die außereuropäische Welt, zum Gegenstand der Erforschung, der Erkundung und des Vergleichs mit den eigenen, als universell verstandenen Konzepten sozialer und geistiger Ordnungen und Normen macht. Die vom 19. Jahrhundert an dominierende, bis in die Gegenwart hinein verbreitete Neigung, hieraus eine Hierarchie zu drechseln, die dem ökonomischen und machtpolitischen Imperialismus dieser Zeit eine ideologische Rechtfertigung verleiht, ist schon im 18. Jahrhundert unverkennbar angelegt. Auch genuin herrschaftskritische Akteure und Werke der aufklärerischen Diskurse sind, so Lüsebrink, »von einem Bewusstsein der Überlegenheit der europäischen Zivilisation geprägt und überzeugt von einem zivilisatorischen Missionsauftrag Europas in Übersee, der die kolonialen Eroberungen legitimierte und die Dominanz europäischer Sprachen, Kulturen, Rechtsformen und Lebensweisen in den Kolonien zu rechtfertigen suchte« (S. 16). Die heiß umkämpfte Frage ist, ob sich daraus »die angebliche Mitverantwortung der philosophes für europäische Arroganz, koloniale Unterdrückung oder gar Rassismus« ableiten lässt (S. 35).

    Die 18 Beiträge des Bandes präsentieren und diskutieren zahlreiche Beispiele, wie diese Begegnung mit der außereuropäischen Welt zum Thema wissenschaftlicher und literarischer Darstellungen und Reflexionen wurde: Welches Wissen über den oder die »Anderen« bzw. welches Bild von ihm wurde dabei vermittelt? Und welches Bild wurde dabei direkt oder indirekt – teilweise auch bewusst – von sich selbst gezeichnet oder zu zeichnen versucht?

    Die erste und mit elf Aufsätzen bei weitem umfassendste Abteilung beschäftigt sich mit der Frage des Wissenstransfers, d.h. mit der Art und Weise, in der im 18. Jahrhundert Wissen und Bilder von Anderen vermittelt oder erzeugt wurden. Die enorme Spannbreite der behandelten Themen kann hier nur mit einigen Stichworten angedeutet werden: Sie umfasst Arbeiten zur Neubewertung, die Raynals (und Diderots) »Histoire philosophique des deux Indes« im Hinblick auf den Transfer von Wissen und Wertungen über Kolonien und Kolonisation in den vergangenen Jahrzehnten erfahren hat (Cecil P. Courtney); zu Darstellungen außereuropäischer Kolonien und Kolonisation in unterschiedlichen europäischen Enzyklopädien und der je nach Zeit und Region damit verbundenen Interessen und Perspektiven (Clorinda Donato mit Blick auf die (Selbst-)Darstellung der spanischen Kolonialmacht, Ute Fendler/Susanne Greilich zum Afrika-Bild in den französischen und deutschen Enzyklopädien); zu aufschlussreichen Veränderungen hinsichtlich der Formen der Verarbeitung und Präsentation von Wissen über die außereuropäische Welt in Kunst- und Naturalienkabinetten (Annelore Rieke-Müller); über Reiseberichte (Peter Stein zu Oldendorp, Teruaki Takahashi zu Engelbert Kaempfer) bzw. ihrer aus Gründen ökonomischer Interessen betriebenen Verhinderung oder Manipulation (Ingmar Probst zu Kanada); zur Bedeutung unterschiedlicher europäischer Kompilationen von Reiseberichten (Horst Walter Blanke) oder Analysen über literarische oder philosophische Verarbeitungen außereuropäischer Wirklichkeiten in Schriften einzelner Autoren (Helmut Peitsch zu Georg Foster, York-Gothart Mix zu Herder und Gudrun Loster-Schneider zu Heinrich von Kleist).

    Die vier Beiträge der zweiten Abteilung wenden sich interkulturellen Begegnungsformen zu, wobei sie den Blick für die Ambivalenzen schärfen, die hier bei europäischen Beobachtern außereuropäischer Kulturen und Lebensformen festzustellen sind – und für die Schwierigkeit, diese Ambivalenzen angemessen zu erklären und zu bewerten: Bernd-Peter Lange zeigt an dem bedeutenden Orientalisten William Jones, dass die Faszination für außereuropäische Kulturen – hier jene Indiens – und eine (im europäischen Kontext) progressive politische Position die Ausbildung und Verstärkung rassistischer Stereotype und Haltung keineswegs ausschließen muss; Anthony Strugnell analysiert die politischen und ideologischen Implikationen der Rezeption von Berichten über die britischen Kolonien in Indien bei französischen Aufklärern zwischen den fünfziger und siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts; Christiane Küchler Williams untersucht die Berichte über die erst im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts entdeckten Südsee-Inseln und die vielfältigen und äußerst heterogenen Formen der Reflexion der vermeintlich unbeschränkten sexuellen Freizügigkeit der Südseevölker, vor allem der Frauen, vor dem Hintergrund der Entwicklungen im Europa des Aufklärungsjahrhunderts; Stefanie Arend schließlich thematisiert den Wandel, der in den Reiseberichten des 16. bis 18. Jahrhunderts im Hinblick auf das Stereotyp des »Kannibalismus der Wilden« festzustellen ist, samt der dabei zum Ausdruck kommenden Veränderungen im Selbstverständnis der Europäer.

    Dass die dritte Abteilung über Sichtweisen der Anderen mit drei eher kurzen und dazu noch teils wenig einschlägigen Beiträgen nur einen Bruchteil des Buches einnimmt, ist an sich selbst schon aufschlussreich, sind doch – wie Osterhammel einleitend hervorhob (S. 22–24) – entsprechende Quellen äußerst spärlich. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Neben dem Umstand, dass die nachfolgende europäische Kolonisation die Stimmen anderer Völker weitgehend unterdrückte, bestand außerhalb Europas kaum ein vergleichbares, originäres Interesse an einem umfassenden Wissen über und an Austausch mit den »Anderen« – in diesem Falle eben Europa bzw. Europäern. Michael Harbsmeier rekonstruiert die Sichtweisen auf Europäer und Europa, wie sie in Berichten europäischer Autoren mit sehr unterschiedlichen Intentionen übermittelt werden: grönländische Perspektiven auf Dänemark aus dem zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts, amerikanische »Eingeborene« in jesuitischen Relationen des 17. Jahrhunderts und die Reaktionen von Eskimos auf London im späten 18. Jahrhundert. Wiebke Röben de Alencar stellt eine 1788 publizierte Satire vor, die die portugiesische Kolonialregierung im heutigen Brasilien kritisierte, während Xavier Jörg Esleben die Rezeption der »Śakuntalā« des indischen Autors Kālidasās um die Wende zum 19. Jahrhunderts untersucht, seine Rolle im Prozess der Konstituierung der romantischen Bewegung wie auch seine Einflüsse auf Selbstbild und Naturauffassung sowie den Blick auf »Anderes« im Europa der Folgezeit.

    Diese wenigen Hinweise deuten die Vielfalt der Materialien und der Anregungen an, die der vorliegende Band für die Auseinandersetzung mit der Konstruktion der Beziehungen Europas zur außereuropäischen Welt und der Perspektiven auf sie im 18. Jahrhundert wie auch für die heutige Interpretation dieser Beziehungen und Sichtweisen bietet. Der nicht geringste Vorzug liegt hierbei darin, dass er – teils explizit, teils implizit – deutlich macht, dass es offenbar keine einfachen Lösungen oder Entscheidungen für eine eindeutige Interpretation der Sicht auf »den Anderen« gibt. Ist »die Aufklärung« des 18. Jahrhunderts Ausdruck eines Denkens und von Praxisformen, denen die konkrete Möglichkeit von Missionierungs-, Herrschafts- und Legitimationsdiskursen, der Generierung und Verwendung von Wissen im Dienste kolonialistischer oder imperialistischer Macht innewohnt, die aber auch Gegendiskurse und Kritik hervorbringt und provoziert? Oder handelt es sich um eine europäische Diskurs- und Denkform, die sich spätestens vom 19. Jahrhundert an als eine entlarvt, der die imperialistische Repression von allem, was anders ist, als solchem inhärent ist? Es ist unschwer zu erkennen, dass diese Debatten um die asymmetrischen Herrschaftsstrukturen und -effekte der europäischen (bzw. westlichen) aufgeklärten (bzw. modernen) Lebens- und Denkformen, Institutionen und normativen Ordnungen in der »interkulturellen Kommunikation« keine rein historische und wissenschaftsimmanente Frage ist, sondern dass wir uns in der Gegenwart in politisch und wissenschaftlich vergleichbaren Ambivalenzen bewegen, die größte politische Relevanz besitzen und ständig neu reflektiert, bearbeitet und beantwortet werden müssen.

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    PSJ Metadata
    Olaf Asbach
    H. Lüsebrink, Das Europa der Aufklärung und die außereuropäische koloniale Welt (Olaf Asbach)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Europa
    Geschichte allgemein
    18. Jh.
    4015701-5 4003524-4 4003860-9 4127240-7 4073624-6 4207539-7
    (u"(u'',)",)
    1600-1800
    Europa (4015701-5), Aufklärung (4003524-4), Außereuropäische Länder (4003860-9), Fremdbild (4127240-7), Kolonialismus (4073624-6), Wissenschaftstransfer (4207539-7)
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    H. Lüsebrink, Das Europa der Aufklärung und die außereuropäische koloniale Welt (Olaf Asbach)
    In: Francia-Recensio 2010/1 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2010-1/FN/luesebrink_asbach
    Veröffentlicht am: 10.05.2010 14:50
    Zugriff vom: 24.02.2020 17:15
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