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M. Boutry, Petrus cantor Parisiensis (Rainer Berndt)

Francia-Recensio 2010/1 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Monique Boutry (ed.), Petrus cantor Parisiensis. Verbum adbreviatum. Textus conflatus, Turnhout (Brepols) 2004, LXXIV–991 S. (Corpus Christianorum. Continuatio Mediaevalis, 196), ISBN 978-2-503-04961-8, EUR 395,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Rainer Berndt, Frankfurt a. M .

Der prominent platzierte Vers aus dem Römerbrief (Rm 9,28) in seiner vetus latina -Lesart eröffnet die erste biblisch fundierte Fundamentaltheologie des Mittelalters und bietet auch zugleich das Stichwort für den Titel des ganzen Werkes. Den alttestamentlichen Hintergrund des Apostels für die einmalige biblische Wendung vom menschlich geborenen verbum abbreviatum bietet der Prophet Jesaja dar (vgl. Is 10,22–23). In der folgenden Vorrede entwickelt der Pariser Theologe Petrus, genannt »Cantor« († 1197), das Programm seines Werkes aus dem Gegensatz zwischen der kurzen Gottesrede, so wie sie in der Heiligen Schrift lesbar und in der Geschichte erkennbar ist, und den unendlich vielen Wörtern der Philosophie (S. 7, Zeile 11). Unzweifelhaft ist Seneca der bevorzugte philosophische Gewährsmann des Petrus Cantor, da er ihn, angefangen von der Vorrede, regelmäßig zitiert und in seiner eigenen Gedankenführung rezipiert. Das Programm seiner Fundamentaltheologie formuliert Petrus Cantor umfassend in der Vorrede, insofern sein Werk zur Widerlegung der Fehler eines Menschen beitragen soll, eine Empfehlung der Tugenden und Sitten darstellt, die Ausrichtung unserer Werke sowie die Entscheidung der in der Kirche entstehenden Aufgaben fördert (S. 8, Zeilen 38–41).

Die vorliegende Ausgabe umfasst eine Einleitung (S. VII–LXXIV), den eigentlichen Text (S. 1–852), eine Serie von Anmerkungen zu einzelnen schwierigen Stellen und Begriffen (S. 853–861) sowie die Register der Schriftstellen und der Quellen (S. 863–990). Die Editorin stellt einen biographischen Abriss (S. VII–X) und die Werkliste (S. X–XII) des Petrus Cantor an den Anfang ihrer Einleitung. Die Gestalt der hier vorgelegten Textausgabe versteht sich ausgehend von dem Abschnitt der Einleitung über die beiden in der handschriftlichen Überlieferung erhaltenen, kurzen und langen, Textversionen (S. XII–XIV). Entscheidend für das Verständnis des hier edierten Textes ist jedoch der vierte Abschnitt (S. XIV–XXXVII), in dem das zeitliche Entstehungsverhältnis der beiden Versionen diskutiert wird, bevor die Editorin anschließend die vier Handschriften des edierten Textes beschreibt (S. XL–XLVI). Die Editionsprinzipien des Bandes legt schließlich der siebte Abschnitt offen (S. XLVII–LIV). In Verbindung mit den verwendeten Abkürzungen folgen die Liste der edierten Werke des Petrus Cantor (S. LV), die Handschriftenliste des Werkes (S. LVI–LVIII) sowie das Verzeichnis der Quellen des edierten Textes (S. LIX–LXXIV).

Bemerkungen: In dem erwähnten vierten Abschnitt (»rapport d’antériorité des versions«) rekapituliert die Editorin zunächst die bekannten Positionen aus der Forschung (S. XIV–XVII). In der gedrängten Darstellung der Überlegungen Baldwins aus seinem im übrigen höchst verdienstvollen Werk von 1970 zeigt sich eindeutig, wie wenig überzeugend seine Thesen zur Genese des Werkes schon immer waren. Baldwins Argumente zugunsten der Frühversion der Langfassung des »Verbum adbreviatum« können nicht überzeugen (ein Abbreviator wird beispielsweise kaum eine verständliche Langversion resümieren in einer unverständlichen Kurzfassung, siehe S. XV). Der Editorin ist somit nur zu gratulieren dazu, dass sie sich im Verlauf ihrer Arbeiten von den Ausgangshypothesen hat befreien können. Die Darstellung ihrer Überlegungen und Vorgehensweise hinsichtlich einer Klärung der Abhängigkeitsverhältnisse zwischen der Kurzversion, dem textus alter , und dem textus conflatus (der früheren »Langversion«) ist uneingeschränkt zuzustimmen (S. XVII–XXXVII). Unter einem Vorbehalt: Diese Edition erhöht die Dringlichkeit einer umfassenden überlieferungsgeschichtlichen Untersuchung der vollständigen handschriftlichen Tradition des Werkes. Erst die Ergebnisse dieser Studie werden definitiv, so steht zu erwarten, die Genese des »Verbum adbreviatum« und die Arbeitsmethode des Petrus Cantor verstehen lassen. In direkter Fortsetzung der neuen Gewichtung des textus conflatus versteht sich folglich seine Spätdatierung sowie die nuancierte Aussage der Editorin zur Autorschaft: Petrus Cantor kann im eigentlichen Sinne als Autor betrachtet werden, aber Redakteure haben nennenswerten Anteil an dieser Werkfassung letzter Hand (S. XL). In Bezug auf die Editionsprinzipien kann leider vornehmlich nur Nichtzustimmung formuliert werden. Die kursiv gesetzten Bibelzitate sind wissenschaftlich irritierend und fördern nicht die Lesbarkeit des Textes. Für die Sonderbehandlung der Schriftstellen in einem mittelalterlichen Text gibt es keinerlei literaturgeschichtliche oder literarkritische Anhaltspunkte. Überhaupt widerspricht der separate Bibelapparat der Anlage des gesamten Werkes, denn die Heilige Schrift wurde vom Autor gerade nicht als Sondertext betrachtet, sondern als sein eigentlicher Bezugspunkt (siehe »Verbum adbreviatum«, I, 1). Bedauerlich ist darüber hinaus das Fehlen einer wirklichen Bibliographie und des Registers der zitierten Handschriften. Beispielsweise wüsste man gerne mit Sicherheit, welche Ausgabe der »Glossa biblica« die Editorin in ihrem Quellenapparat verwendet. Auf den S. XI und XXXVI wird auf eine sehr interessante Viktoriner-Handschrift verwiesen, in deren Sigle sich ein Zahldreher eingeschlichen hat. In Wahrheit handelt es sich um die Hs. BnF, lat. 14859, die der Katalog des Claude de Grandrue von 1513 als »RR 23« anführt (siehe G. Ouy, Le catalogue, Paris 1999, Bd. 2, S. 388). In I, 22 deklariert die Editorin als Werk Pseudo-Hugos von Saint-Victor eines seiner »Miscellanea«, nämlich 1,6 (Migne PL 177, Sp. 482); berichtigend sei darauf verwiesen, dass dieses kleine Werk immer schon als authentisch gilt, da es zum Buch I der »Miscellanea« gehört. Eine leichte Verschreibung hat sich eingeschlichen auf S. 811, Zeile 124: Dort verweist der Apparateeintrag auf Hugos De sacr. 2, 14, 5. Angenehm stechen die Verweise auf die Annotationes im Quellenapparat hervor. Überhaupt: Dieser Quellenapparat weist den bewundernswerten Reichtum des patristischen und des zeitgenössischen Hintergrundes des »Verbum adbreviatum« des Petrus Cantor aus. Gleichwohl summiert sich im Verlauf der Edition die Zahl der von der Editorin ausgewiesenen nichtidentifizierten Stellen. Wenn im Folgenden die Liste dieser Stellen dargeboten wird, so soll damit eines der Desiderata der zukünftigen theologiegeschichtlichen Forschung unterstrichen werden. Editionen und tiefere Erkenntnisse über theologische Florilegien von Kirchenvätertexten fehlen immer noch schmerzlich, genauso wie auch die »Glossa biblica«, ihre Geschichte und ihre Quellen, vermehrter Anstrengung würdig sind. Die Liste der nichtidentifizierten Stellen in dieser Edition:

I, 2, 79/80

Hieronymus


1, 71, 74/75

Maximinus

I, 4, 34/35

Hieronymus


1, 73, 167/169

Hieronymus

I, 7, 17/18

Hieronymus


1, 74, 12/13

Quintus Curtius

-, 76/86

Hieronymus


1, 77, 422/423

Alexander III.

-, 242/244

Hieronymus


1, 81, 105/106

Hieronymus

1, 8, 70

Hieronymus


1, 83, 54/55

Hieronymus

-, 173/174

Sebastianus


-, 136/138

philosophus

-, 204/205

Hieronymus


-, 176/180

?

-, 330/331

?


1, 84, 125/132

Bernardus

1, 13, 32/34

Hieronymus


-, 196/197

Gregorius

-, 98/100

Augustinus


1, 85, 130/131

ille

-, 190/191

Augustinus


2, 1, 29/31

Augustinus

-, 266/268

Augustinus


2, 6, 87/88

Augustinus

1, 14, 4/5

Augustinus


2, 8, 48/49

Gregorius

1, 15, 81/83

quidam sapiens


2, 16,15/22

Bernardus

-, 103

Iuvenal


-, 39/46

?

-, 156/157

quidam sapiens


2, 21, 100/101

Augustinus

-, 273/277

Hieronymus


2, 24, 261/262

Bernardus

1, 16, 233/236

Hieronymus


-, 373/374

quidam

-, 246/255

Quintilian


2, 29, 67/68

sapiens

1, 17, 211/213

Hieronymus


-, 93/94

philosophus

-, 285

Lucan


2, 31, 65/69

Hugo Cluniacensis

1, 18, 142/144

Augustinus


-, 69/70

Petrus

1, 20, 12/13

Hieronymus


2, 32, 50/59

eremita

-, 122/123

Augustinus


-, 80

Cyprianus

1, 25, 41/44

auctoritas


2, 37, 27

poeta

1, 27, 100/104

Augustinus


-, 71/72

Augustinus

-, 282/283

egregius versificator


2, 42, 101/111

Bernardus

1, 42, 112

Hieronymus


-, 114/123

Salaadinus

-, 233/236

Bernardus


2, 43, 103/108

poeta

1, 49, 139/145

sapiens quidam


2, 48, 13/14

Hieronymus

1, 54, 36

Hieronymus


2, 50, 190/192

eremita

1, 60, 99/107

Ecclesiastica historia


2, 53, 50/52

Hieronymus

-, 126/127

philosophus


-, 191/193

Augustinus

-, 194/195

Quintilian


2, 54, 15/16

Hieronymus

1, 62, 10/11

quidam sapiens


2, 56, 169/171

Hieronymus

-, 25/26 ?



-, 223/226

Gregorius

1, 68, 77/92

quidam monachus


2, 57, 36/38

Basilius

1, 69, 24/26

Augustinus


-, 89/91

Hieronymus

-, 107/108

Augustinus


-, 116/119

Hieronymus

-, 138/140

Flavius Iosephus




Abschließend sei der Editorin aufrichtig gedankt für ihre bemerkenswerte und bahnbrechende Textausgabe. Diese Edition wird, so steht es zu wünschen, hoffentlich ähnlich substantielle Forschungen provozieren, so dass sich bald das intellektuelle Profil des Petrus Cantor abzuzeichnen beginnt.

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Rainer Berndt
M. Boutry, Petrus cantor Parisiensis (Rainer Berndt)
CC-BY-NC-ND 3.0
Hohes Mittelalter (1050-1350)
(u"(u'',)",)
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M. Boutry, Petrus cantor Parisiensis (Rainer Berndt)
In: Francia-Recensio 2010/1 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
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Veröffentlicht am: 08.04.2010 17:30
Zugriff vom: 20.01.2020 16:11
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