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    D. Méhu, Mises en scène et mémoires de la consécration de l'Église dans l'Occident médiéval (Matthias M. Tischler)

    Francia-Recensio 2010/1 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Didier Méhu (dir.), Mises en scène et mémoires de la consécration de l'Église dans l'Occident médiéval, Turnhout (Brepols) 2007, 400 p. (Collection d'études médiévales de Nice [ CEM ] , 7), ISBN 978-2-503-51833-6, EUR 50,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Matthias M. Tischler, Frankfurt am Main/Dresden

    Die 2007 gedruckte, aber erst 2008 erschienene Publikation versammelt die Akten eines im Sommer 2005 am Centre d’études médiévales in Auxerre veranstalteten Werkstattgesprächs, das sich im interdisziplinären Zugriff mit der Konstruktion von sakralen Räumen im Mittelalter beschäftigte. Die Beiträge von Historikern, Kunsthistorikern, Archäologen und Musikwissenschaftlern ordnen sich ein in die vor allem in Frankreich durch Dominique Iogna-Prat (Auxerre/Paris) und Michel Lauwers (Nice) betriebenen Forschungen zur sog. »spatialisation du sacré«, in deren Rahmen etwa die Geschichte des Gotteshauses und der Kirchweihe oder die Geburt des Friedhofs als lohnenswerte Forschungsthemen neu entdeckt worden sind. Mit den hierzu parallel in Deutschland vorangetriebenen Forschungen, die das Frankfurter Hugo von Sankt Viktor-Institut schon etwas früher veröffentlicht hat, setzt sich die neue französische Publikation nicht näher auseinander: Matthias M. Tischler, Die Christus- und Engelweihe im Mittelalter. Texte, Bilder und Studien zu einem ekklesiologischen Erzählmotiv, Berlin 2005; Ralf M. W. Stammberger, Claudia Sticher (Hg.), Das Haus Gottes, das seid ihr selbst. Mittelalterliches und barockes Kirchenverständnis im Spiegel der Kirchweihe, Berlin 2006; diese Arbeiten sind lediglich in der themenspezifischen Bibliographie aufgelistet (S. 365–371: Quellen; S. 372–380: Abhandlungen) und hier und da in den Beiträgen sporadisch und zudem nicht fehlerfrei herangezogen – so handelt es sich bei der vom Rezensenten bewusst nicht erwähnten Gründungslegende von Freckenhorst (S. 325 Anm. 105) nicht um eine Christus- und Engelweihelegende. Noch eigentümlicher ist aber der Befund, dass die französische Publikation keinerlei Rezeptionsspuren von Arnold Angenendts großartiger Forschungssynthese zur Geschichte der Religiosität und Liturgie im Mittelalter erkennen lässt – ein starkes Argument für die längst überfällige Übersetzung der 1997 erstmals erschienenen und inzwischen in vierter (verbesserter) Auflage 2009 gedruckten Geschichte der Religiosität im Mittelalter ins Französische, wenn nicht gleich ins Englische.

    Ziel des französischen Bandes ist es, die Dynamik der Kirchweihe und ihrer Erinnerung zu analysieren und ihre gesellschaftliche Bedeutung zu verstehen. Zu diesem Zweck gliedert sich die Publikation nach einer Synthese der bisherigen Forschung zur Kirchweihe und ihren spezifischen Quellen im Mittelalter (Didier Méhu, S. 15–48) in die vier Abteilungen »Sensorialité du rite«, »Normativité, narrations et mises en scène«, »Mémoires lapidaires« und »Mémoires figurées«. Hinter dieser Klassifikation verbergen sich ausnahmslos Spezialstudien, welche die spezifischen Interessen der gegenwärtigen historischen Forschung am Phänomen »Kirchweihe« offenlegen: Neben den traditionellen Zugängen zur Kirchweihe über die Ritentexte in den Pontifikalien, über ihre exegetisch-theologische sowie ihre hagiographische Deutung werden zunehmend auch die Rechtsquellen zu einer dedicatio studiert, so etwa Kirchweihurkunden (Michel Lauwers, S. 93–142: die Überlieferung der im 11. Jahrhundert geweihten, von Saint-Victor de Marseille abhängigen Klöster in der Provence), Weiheinschriften (Marie-José Gasse-Grandjean, S. 143–157: Nachzeichnung einer Weiheinschrift der Kapelle von Xures, 1072, Diöz. Metz; Cécile Treffort, S. 219–251: diverse Weiheinschriften ausgewählter Kirchen des mittelalterlichen Frankreich), sonstige Zeichen an Kirchenbauten und inschriftliche Spuren von Kirchweihen (Yann Codou, S. 253–282: Kirchen in der Provence, 11. und 12. Jahrhundert), aber auch Taufbecken (Didier Méhu, S. 285–326: Freckenhorst, St. Bonifaz, 12. Jahrhundert) und historisierende Säulenkapitelle (Pierre Alain Mariaux, S. 327–363: Chorumgang von Saint-Priest de Volvic, 11.–12. Jahrhundert). Gleichwohl interessiert die Autoren am Gestischen und Symbolhaften des Kirchweihritus weniger seine Kraft zu Performanz und Performativität denn die zwischen Dies- und Jenseits aufgespannte Medialität seiner multisensorischen Dimension, die im Ablauf einer Kirchweihe an ihren haptischen (Berührung), olfaktorischen (Weihrauch), akustischen (Gesang) und optischen Bestandteilen (Licht) reflektiert wird. So wird Liturgie als symbolisches Handeln begreifbar, das zugleich die permanente Theophanie auf Erden offenlegt und auf das parallele Geschehen im Himmel verweist (Martin Roch, S. 51–73: am Beispiel der Kirchweihe von St. Agatha in Rom gemäß Gregor dem Großen, Dialogi III 30, 1–7; Cathérine Gauthier, S. 75–90: anhand des frühmittelalterlichen Kirchweihritus). Deutlich wird auch, dass die seit dem 11. Jahrhundert vermehrt zu beobachtende ekklesiologische und theologische Reflexion der Kirchweihe die allgemeine Kirchenreform mit vorbereitet und umgesetzt hat, indem sie das jeweils individuelle Weihegeschehen vor Ort in die allgemeine Geschichte der Ausbreitung der Kirche des Neuen Testamentes durch die Apostel eingeordnet und die individuelle Geschichte des jeweiligen monastischen oder kirchlichen Ortes umgeschrieben hat (Michel Lauwers). Die hier in den Weiheurkunden noch allgemein angesprochene Rolle der Apostel (insbesondere des Apostelfürsten Petrus) als Erbauer und Weihende von Kirchen erweist sich als die ekklesiologische und theologische Voraussetzung zu den etwas jüngeren spezifischen Apostelweihelegenden (vgl. zu diesen: Tischler, Die Christus- und Engelweihe im Mittelalter, S. 33–36). Daneben werden ausgewählte lokale Traditionskomplexe in der definitiven Fixierungsphase des Kirchweihritus (11.–12. Jahrhundert) in sozial-, ja stadtgeschichtlicher Perspektive befragt, etwa wenn Zusammensetzung und Verhalten der an Kirchweihen behandelten Menschenmengen (Louis I. Hamilton, S. 159–188: an den Beispielen der Weihen des Doms von Modena und der Kirche des hl. Benedikt in Capua jeweils im frühen 12. Jahrhundert) oder wenn soziale, politische und religiöse Konfliktfelder von Altarweihen und Reliquiendepositionen aus den Kontexten einer permanent fortgeschriebenen hauseigenen Textüberlieferung rekonstruiert werden (Laurent Durnecker, S. 189–216: am Beispiel der seit 1113 in eine Augustinerchorherrenabtei umgewandelten Klerikergemeinschaft von Saint-Étienne in Dijon). Dankbar ist der Benutzer des Bandes nicht zuletzt für die Erschließung neuer Quellen (Michel Lauwers, S. 135–142: Ausgabe der Vorworte der Kirchweihurkunden der von Saint-Victor de Marseille abhängigen Kirchen; Marie-José Gasse-Grandjean, S. 156f.: Edition der Nachzeichnung einer Weiheinschrift der Kapelle von Xures; Laurent Durnecker, S. 213–216: Ausgabe von Kirchweihtexten des 11. und 12. Jahrhunderts aus Saint-Étienne de Dijon). Ein dichte, gedankenreiche Schlusssynthese von Dominique Iogna-Prat (S. 347–363), eine Spezialbibliographie zum Thema »Kirchweihe im mittelalterlichen Okzident« (S. 365–380), Register zu Personen- und Ortsnamen (S. 381–388) sowie Sachen (S. 389–394) und ein Abbildungsverzeichnis (S. 395–397) be- und erschließen den Band.

    Das Lektorat verrät leider nicht wenige Unsicherheiten vor allem bei lateinischen und deutschen Zitaten, die den schön gedruckten Band immer wieder verunzieren: S. 30: Honorius Augustudonensis (zweimal); S. 30 Anm. 38: Honorius Augustudonensis ; S. 36: sermo de nostre monasterii constructione (in Anm. 57 korrekt); S. 79 Anm. 20: Relikienkultes; S. 96 Anm. 11: T. E. Ab Sickel; S. 103 Anm. 31: Alier … (MGH Concilia 3, S. 359–359); S. 103 Anm. 32: ud; S. 141f. (Trennung): roboraria-/tque ; S. 184 Sp. d Nr. 10h: Aspeges ; S. 227 Anm. 26 (Trennung): supe-/raedificati ; S. 228: dèsle Moyen Âge; S. 229 Anm. 31: Id. (statt Ead.); S. 229 (aus anderem Kontext stehengebliebene Fußnotenziffer?): abbaye de chanoines réguliers (16); S. 231: Fußnotenziffer 35 kursiv; S. 238 Anm. 47: reliquie s(an)c(t)e cruci ; S. 246 Anm. 82: sut ; S. 262 Anm. 28: Etymologiarium ; S. 286 Anm. 4: Britsh Lib.; S. 294 Anm. 37 (Trennung): subs-/cribentur ; S. 296 Anm. 43: exaltat est ; S. 298 Anm. 51: Philosophischen Fakultät; S. 318 Anm. 90: ab has cancellis ; S. 319 Anm. 92: Forschungen zu romanischen Baukunst; S. 358 Anm. 31: Brannsberg; S. 363: congnouerint ; S. 367 (mehrfach): Hanover; S. 368: de construccione Westmonestarii ; Aschendorffsche; S. 370 (dreimal): Honorius Augustudonensis ; S. 371: H. Doubteil; S. 372: des Wilhems von Auxerre; S. 373: Freiburg-in-B.; S. 377: J. A. Aersten; S. 378: Symbolik des Kirchengebaüdes … Honorius Augustudonensis … Freiburg-in-B.; S. 384: Honorius Augustudonensis ; S. 394 Sp. a: 37(n. 59).

    Die Publikation vermittelt allein die okzidentale und zudem innerchristliche Sicht auf das Thema, und ihr Herausgeber ist sich dieses Mankos sehr wohl bewusst, da erst der vergleichende Blick auf die Verhältnisse in der »orientalische(n) Kirche« [!] das erzielte Bild entscheidend profilieren würde (S. 10). Diese absolut notwendige Weitung des Blickes auf das Szenario im gesamten Mittelmeerraum drängt sich schon deshalb auf, weil erst die Konfrontation mit den Raumkonzepten im zeitgleichen Judentum und Islam deutlich machen kann, worin die Besonderheiten der christlichen Konzepte von »sakralen Räumen« im Verhältnis zu den jüdischen und muslimischen Vorstellungen von »rituell reinen Räumen« bestehen. Der Vergleich dieser unterschiedlichen Entwürfe von Räumen religiöser Praxis im Mittelalter sollte dabei sowohl innerhalb einer genau bestimmten Sozialformation wie auch zwischen verschiedenen Gesellschaften in Kern- und Randeuropa erfolgen.

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    Matthias M. Tischler
    D. Méhu, Mises en scène et mémoires de la consécration de l'Église dans l'Occident médiéval (Matthias M. Tischler)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Hohes Mittelalter (1050-1350)
    Frankreich und Monaco
    Kirchen- und Religionsgeschichte
    6. - 12. Jh.
    100955916 4070730-1 4162627-8
    (u"(u'',)",)
    Odo Cluniacensis (100955916), Ekklesiologie (4070730-1), Itinerar (4162627-8)
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    D. Méhu, Mises en scène et mémoires de la consécration de l'Église dans l'Occident médiéval (Matthias M. Tischler)
    In: Francia-Recensio 2010/1 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
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    Veröffentlicht am: 08.04.2010 17:40
    Zugriff vom: 27.01.2020 01:55
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