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P. Chifflet, Charles Du Cange et les Bollandistes (Andreas Sohn)

Francia-Recensio 2010/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Pierre-François Chifflet, Charles Du Cange et les Bollandistes. Correspondance. Présentation, édition et commentaire par Bernard Joassart, Bruxelles (Société des Bollandistes) 2005, 305 p. (Tabularium hagiographicum, 4), ISBN 2-87365-017-6, EUR 60,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Andreas Sohn, Paris

Als ein wichtiger Mitarbeiter der ersten Bollandisten erwies sich der Jesuit Pierre-François Chifflet (1592–1682), der aus Besançon in der Franche-Comté gebürtig war und einer Patrizierfamilie entstammte. Auch mehrere Brüder entschieden sich für eine geistliche Laufbahn: Philippe (1597–1663) wurde Weltpriester und verfasste unter anderem ein Werk zur Imitatio Christi , Laurent (1598–1658) schloss sich dem Jesuitenorden an, verbrachte 14 Jahre in Brüssel und schrieb unter anderem einen Essay über die Grammatik der französischen Sprache. Ein anderer Bruder, der Mediziner Jean-Jacques (1588–1660), betätigte sich auch als Historiker; eine Veröffentlichung galt der Geschichte von Besançon und kam 1618 heraus. Ein bedeutsamer Zeitgenosse von Pierre-François Chifflet war der nordfranzösische Gelehrte Charles Du Cange (1610–1688) aus Amiens, der durch seine historischen und philologischen Forschungen bekannt geworden ist und ebenfalls in Kontakt zu den Bollandisten trat. Seine Hauptwerke waren das »Glossarium ad scriptores mediae et infimae latinitatis« und das »Glossarium ad scriptores mediae et infimae graecitatis«.

Der vorliegende Band enthält Korrespondenzen von Chifflet und Du Cange. Der mehr als 200 Seiten umfassenden Edition geht eine flüssig geschriebene Einleitung von Bernard Joassart voran, welche den Lebensweg und das wissenschaftliche Schaffen von beiden erhellt. Die Korrespondenzpartner werden vorgestellt, so die Jesuiten Heribert Rosweyde (1569–1629), der einen Plan zu einer 18bändigen kritischen Ausgabe der Viten der Heiligen konzipierte, Jean Bolland (1596–1665), der dieses Vorhaben aufgriff, veränderte und die ersten Bände herausbringen konnte, dessen Mitarbeiter Gottfried Henschen (1601-1681) und Daniel Papebroch (1628-1714). Mehrere Bände der »Acta Sanctorum« enthalten eine Reihe von Beiträgen aus der Feder Chifflets und spiegeln seine Interessen als Historiker wider. Er konnte seine eigenen, hochgesteckten wissenschaftlichen Ziele zuweilen nicht erreichen. Dazu gehört beispielsweise das Projekt einer Geschichte des Klosters Saint-Claude im Jura, die unvollendet blieb. Seine Veröffentlichungen betreffen unter anderem Ferrandus von Karthago, Victor von Vita, Vigilius von Thapsus, Paulinus von Nola und Bernhard von Clairvaux sowie das Kloster Tournus in Burgund. Die Einleitung beschließt eine Bibliographie.

Es ist zu begrüßen, dass Bernard Joassart die Korrespondenz Chifflets umsichtig ediert hat. Edouard de Barthélemy veröffentlichte zwar bereits im Jahre 1872 einige Briefe von Papebroch an Du Cange, doch bedurften sie einer kritischen Edition, was nunmehr geschehen ist. Die Benutzung der Gesamtedition wird durch Register zu den erwähnten Heiligen, Personen und Orten sowie Handschriften (von der Berliner Staatsbibliothek bis zur Biblioteca nazionale Marciana in Venedig) erleichtert. Der erste edierte Brief stammt von Heribert Rosweyde (im übrigen der einzige), der ihn am 20. September 1624 von Antwerpen aus an Chifflet richtete. Von Jean Bolland sind 24 Schreiben an diesen erfasst und mitgeteilt, des Weiteren drei an der Zahl von Gottfried Henschen. Die 13 edierten Briefe, die Chifflet selbst schrieb und in der Brüsseler Bibliothek der Bollandisten sowie der Königlichen Bibliothek Belgiens aufbewahrt werden, gingen an Rosweyde (2), Bolland (5), Henschen (5) und Papebroch (1). Einige Zeilen waren für den Jesuiten Louis Jobert (1637–1719) bestimmt, der unter anderem Rhetorik am Pariser Kolleg Clermont unterrichtete. Dort verbrachte Chifflet im Übrigen die letzten Jahre seines Lebens. Nach Bernard Joassart sind zumindest 37 Briefe der Korrespondenz verloren gegangen, davon 30 Schriftstücke Chifflets (vgl. S. 8 der Einleitung). Die Schreiben Bollands an diesen sind nur noch kopial in der Handschrift 3923 des Fonds français in der Pariser Nationalbibliothek überliefert.

Der zweite Teil der Edition enthält – aus der französischen und belgischen Nationalbibliothek sowie der Brüsseler Bibliothek der Bollandisten – 4 Schreiben von Du Cange an Papebroch, von diesem an jenen 18 Briefe. Einige Schriftstücke dieser Korrespondenz waren seinerzeit Edouard de Barthélemy entgangen. Die beiden zuletzt mitgeteilten Briefe (von Papebroch an Du Cange und dessen Antwort) lassen sich ins Jahr 1686 datieren, doch bislang nicht präziser.

Mit der vorliegenden Veröffentlichung erhält der Leser Einblicke in die Wissenschaftsgeschichte des 17. Jahrhunderts, näherhin in die Genese bedeutender hagiographischer und historischer Werke, in die konkrete Forschungsarbeit der damaligen Zeit, in das weite Beziehungsnetz der Bollandisten und in die Korrespondenz von Pierre-François Chifflet und Charles Du Cange. Hierfür ist Bernard Joassart zu danken.

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Andreas Sohn
P. Chifflet, Charles Du Cange et les Bollandistes (Andreas Sohn)
CC-BY-NC-ND 3.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
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P. Chifflet, Charles Du Cange et les Bollandistes (Andreas Sohn)
In: Francia-Recensio 2010/2 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2010-2/FN/chifflet_sohn
Veröffentlicht am: 02.06.2010 15:20
Zugriff vom: 27.01.2020 01:25
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