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    J. Kümmerle, Luthertum, humanistische Bildung und württembergischer Territorialstaat (Sabine Holtz)

    Francia-Recensio 2010/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Julian Kümmerle, Luthertum, humanistische Bildung und württembergischer Territorialstaat. Die Gelehrtenfamilie Bidembach vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, Stuttgart (Kohlhammer) 2008 (Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg. Reihe B. Forschungen, 170), ISBN 978-3-17-019953-8, EUR 34,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Sabine Holtz, Tübingen

    Die im Sommersemester 2006 an der Fakultät für Philosophie und Geschichte der Universität Tübingen vorgelegte Dissertation stellt die Gelehrtenfamilie Bidembach in den Mittelpunkt. Als erster Vertreter kam Johannes Bidembach († 1553) aus dem hessischen Grünberg ins württembergische Herzogtum; nach dem erst 1534 erfolgten Anschluss Württembergs an die Reformation herrschte eine große Nachfrage nach einer neuen, reformatorisch gesinnten Führungsschicht. In der Folgezeit wurde die Familie über fünf Generationen hinweg zu einer verlässlichen Stütze für Kirche und Obrigkeit in Württemberg. Dabei entwickelte sie sich von einer bürgerlichen Theologenfamilie zur Juristenfamilie und schließlich zur Familie des Niederadels, die im Ritterkanton Kocher immatrikuliert war. Die eingehende Betrachtung des bidembachschen Familienverbandes, gerade auch im Kontrast zu anderen Gelehrtenfamilien Württembergs wie auf Reichsebene (Kap. B III), legt ein exponiertes und spezifisches Familienprofil offen, das in seiner historischen Entwicklung aber repräsentativ genug ist, um verallgemeinernde Aussagen zu treffen. Die Chancen und Grenzen einer familienbiographischen Historiographie zwischen Individuum, Familie und Gesellschaft werden einleitend ausführlich reflektiert (Kap. A, bes. S. 11–22). Ohne Frage ermöglicht es die bidembachsche Familienbiographik, die Wechselwirkungen zwischen Gesellschaft, Politik und Konfession im Kontext des Familienverbandes zu erfassen. Diese Herangehensweise spiegelt sich auch in der Gliederung der Studie. Kapitel B befasst sich mit dem Sozial- und Bildungsprofil der Familie; zur Beantwortung der Frage nach einer spezifischen Familienstrategie werden ihre Etablierung in Württemberg, ihre Ämter und Dienstverhältnisse, ihre Heiratskreise und ihre Nobilitierung in den Blick genommen. Kapitel C ist dann den familialen Profilierungsebenen und Etablierungsräumen gewidmet. Folgende Aspekte werden angesprochen: die lutherische Konfessions- und Gelehrtenkultur, das Ständewesen im Übergang zum frühabsolutistischen Fürstenstaat, die wachsende Bedeutung juristischer Bildung und die Rolle von Diplomatie und hoher Beamtenschaft im Prozess der frühmodernen Staatsbildung. Kapitel D präsentiert schließlich ein Familienporträt, das die Entwicklung von der Theologen- zur Juristenfamilie Bidembach prägnant zusammenfasst. Die generationenübergreifenden Strategien einer Bildungselite beim Aufstieg und deren »staying on top« (S. 20) zeigen, wie gelehrte Bildung und ein Konnubium mit der Familie des württembergischen Reformators Johannes Brenz zu einer ständeübergreifenden sozialen Mobilität führen konnten. Dank des geistigen, materiellen und sozialen Vermögens des Familienverbandes insgesamt gelang es, den erreichten Status für die kommenden Generationen abzusichern. Angedeutet bereits durch Person und Werk des Johannes Bidembach (*1561), vollzog sich der Übergang zur Juristenfamilie endgültig in der dritten Generation: Wilhelm Bidembach (*1587/89), der 1618 zum Dr. iur. promovierte, stand zunächst als Kanzler in hohenlohischen Diensten und diente dann als württembergischer bzw. dänischer Resident am Wiener Hof. 1628 erhielt er einen Ruf auf die Pandektenprofessur der Tübinger Juristenfakultät, und zwanzig Jahre später wurde er zum zweiten protestantischen Reichshofrat ernannt. Und Wilhelm Bidembach war es auch, der 1654 von Kaiser Ferdinand III. in den niederen Adelsstand erhoben wurde und den der württembergische Herzog Eberhard III. daraufhin mit dem Unteren Schlossgut zu Ehningen belehnte; das adlige Gut zu Oßweil hatte Wilhelm Bidembach von Treuenfels freilich bereits 1646 erworben.

    Das Ergebnis zeigt, wie sehr Epochenleitlinien und das Sozial- und Bildungsprofil der Familie Bidembach miteinander verwoben waren. Die Theologenfamilie leistete als loyale Funktionsträgerin zunächst einen wichtigen Beitrag zur Formierung und Konsolidierung der konfessionellen und religionspolitischen Ausrichtung des württembergischen Territorialstaats. Da die Studie nicht nur einem etatistischen Konfessionalisierungsverständnis folgt, nimmt sie auch die sozial- und kulturgeschichtlichen Aspekte der lutherischen Theologie in den Blick und fragt nach Frömmigkeit, Glaubenserfahrungen und religiösem Bewusstsein der eigenen Berufung zum Dienst in Kirche und Staat. Als der soziale Status der Familie durch die sich ändernden politischen Verhältnisse des frühabsolutistischen Fürstenstaates bedroht schien, konnte diese familieninterne Loyalität als Trumpf ausgespielt werden. Der Übergang zur Juristenfamilie lässt sich mit der »zunehmenden Politisierung, Juridifizierung und Säkularisierung des religiösen Anliegens« erklären (S. 371). Säkulare Staatsinteressen lösten jetzt konfessionell begründete Handlungsmaximen ab, künftige Karrieren im Staatsdienst setzten ein Jurastudium voraus. Die Familie Bidembach wusste diese Chance auch in der vierten und fünften Generation zu nutzen: Neben ihren fachwissenschaftlichen Fähigkeiten eröffnete ihre Nobilitierung weitere Möglichkeiten zur Partizipation am Fürstenstaat des 17. und frühen 18. Jahrhunderts. Im Kontext einer ausgezeichneten Familienbiographik leistet die Dissertation Kümmerles zugleich einen überzeugenden Beitrag zur Konfessions-, Bildungs-, Wissenschafts- und Sozialgeschichte in der Frühen Neuzeit. Die Edition eines auf den 7. Dezember 1659 datierten Berichts Georg Wilhelm Bidembachs an Herzog Eberhard III. (S. 375f.) und ein Verzeichnis der Werke von Angehörigen der Familie Bidembach (S. XIV–XVII) ergänzen den durch ein Register der Territorien-, Orts- und Personennamen erschlossenen und mit elf Abbildungen illustrierten Band.

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    PSJ Metadata
    Sabine Holtz
    J. Kümmerle, Luthertum, humanistische Bildung und württembergischer Territorialstaat (Sabine Holtz)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein
    Bildungs-, Wissenschafts-, Schul- und Universitätsgeschichte, Familiengeschichte, Genealogie, Biographien
    Neuzeit bis 1900
    PDF document kuemmerle_holtz.doc.pdf — PDF document, 86 KB
    J. Kümmerle, Luthertum, humanistische Bildung und württembergischer Territorialstaat (Sabine Holtz)
    In: Francia-Recensio 2010/2 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2010-2/FN/kuemmerle_holtz
    Veröffentlicht am: 02.06.2010 15:25
    Zugriff vom: 22.09.2020 18:51
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