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H. Mittelsdorf, Landstände in Thüringen (Stefan Gerber)

Francia-Recensio 2010/3 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Harald Mittelsdorf (Red.), Landstände in Thüringen. Vorparlamentarische Strukturen und politische Kultur im Alten Reich, Weimar (Wartburg Verlag) 2008, 378 S. (Schriften zur Geschichte des Parlamentarismus in Thüringen, 27), ISBN 978-3-86160-527-0, EUR 19,90.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Stefan Gerber, Jena / München

In der seit den zwanziger Jahren des 19. Jahrhundert andauernden Diskussion über Landstände und landständische Repräsentation in Deutschland, die mit ihren einander über fast 200 Jahre ablösenden politischen und wissenschaftlichen Paradigmen selbst ein aufschlussreiches Kapitel in der Wissenschaftsgeschichte der Rechts-, Staats- und Geschichtswissenschaften darstellt, bildete der thüringische Raum mit seiner Vielfalt an Territorien bis in die neueste Zeit weitgehend eine terra incognita . Sowohl die Kritik liberaler Staatsrechtler an den älteren Landständen, die auf die Vereinnahmung des landständischen Repräsentativgedankens durch Metternich und Gentz nach 1815 abzielte, als auch die Diskussionen der folgenden Jahrzehnte über die Ursprünge der Landstände, den Dualismus von Fürst und Ständen und die Kontinuität oder Diskontinuität zwischen ständischer und parlamentarischer Repräsentation wurden in der Regel nicht an thüringischen Beispielen entfaltet. Das lag an einem verwickelten Ursachengeflecht, in dem forschungspraktische Gegebenheiten ebenso eine Rolle spielten wie politische Setzungen: Treitschkes Verdikt von der geschichtslosen Mitte Deutschlands wirkte sich auch in der Wahl historischer Untersuchungsregionen aus. Für Forscher wie Karl Bosl, Volker Press und Peter Blickle, die in den 1970er und 80er Jahren die teilweise kontroversen Diskussionen über die Landstände und Landschaften bestimmten, stand Oberdeutschland ganz im Mittelpunkt des Interesses. Aber auch jenseits solcher Fokussierungen, die vor allem aus dem historischen Argumentationspotenzial resultierten, das in spezifisch süddeutschen Gegebenheiten lag, war die landständische Geschichte des thüringischen Raumes von Rhein, Main und Donau aus betrachtet praktisch wie ideell zunächst hinter dem Eisernen Vorhang versunken. Die Tätigkeit derjenigen Historiker, die – zumeist aus Mitteldeutschland stammend – vor allem in den ersten beiden Jahrzehnten der Bundesrepublik eine Landeshistoriographie »im Exil« entfaltet hatten, war zunehmend geringer geworden; die DDR-Regionalgeschichte begegnete den Landständen spätestens ab Ende der 1950er Jahre weitestgehend mit Desinteresse.

Diese Situation bricht nun der vorliegende Band zu Landständen in Thüringen auf. Nach einem informativen Einführungsbeitrag von Claus Peter Hartmann, der die Funktionsweise der Verfassung des Alten Reiches – mit aktuellen Bezügen – unter dem Blickwinkel der Subsidiarität darstellt, äußern sich 12 Kenner der Materie zur Entwicklung des Ständewesens in den thüringischen Territorien bzw. Territorialkomplexen zwischen dem Spätmittelalter und 1848. Während die reußischen Territorien im Beitrag von Christian Espig erörtert werden, ist die von Hans Herz untersuchte landständische Geschichte der schwarzburgischen Territorien im Band nicht vertreten – ein fühlbares Manko. Uwe Schirmer betont in seinem Überblick zur Zusammensetzung und Tätigkeit der Landstände im ernestinischen Kurfürstentum Sachsen und den sächsisch-ernestinischen Herzogtümern zwischen 1485 und 1572 »konstruktive Rivalität« (S. 26, 40) als Grundprinzip der Beziehung zwischen Fürst und Ständen: Keineswegs verfolgte man stets entgegengesetzte Interessen oder setzte prinzipiell auf Konflikt, sondern betrieb die landschaftlichen Verhandlungen trotz aller oft heftigen Auseinandersetzungen konsensorientiert. Das gemeinsame Interesse des »Landes« als Einheit von Fürst und Ständen geriet nie aus dem Blick. Zugleich konnte sich die fürstliche Herrschaft ungeachtet ihrer unterschiedlich ausgeprägten Präponderanz zu keinem Zeitpunkt von der landständischen Begründung und Einrahmung lösen.

Einen Kern des Bandes stellt zweifellos Gerhard Müllers umfänglicher Beitrag zu den Ständen der beiden größten ernestinischen Territorien bzw. Staaten Sachsen-Weimar-Eisenach und (bis 1826) Sachsen-Gotha-Altenburg zwischen der ernestinischen Hauptteilung von 1572 und der Revolution von 1848/49 dar, dem die instruktiven Beiträge von Andreas Wolfrum zu den gothaischen und altenburgischen Ständen vom 17. bis zum 19. Jahrhundert, von Dieter Stievermann zu Landschaft und Landständen in Gotha 1640 bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts und von Katharina Witter zu den Landständen in den Fürstentümern Meiningen und Hildburghausen zur Seite treten. Auch Müller betont in seiner, durch einen umfangreichen Dokumentenanhang ergänzten Darstellung das Konsens- und Ausgleichsorientierte des Zusammenwirkens von Fürst und Ständen, plädiert aber – im Sinne einer Erfassung politischer Kultur – für einen umfassenderen Blick auf das Ständewesen: Erst die Untersuchung »der ständischen Verfasstheit der Gesellschaft als Interaktionsmodell unterschiedlicher, voneinander abgegrenzter und in jeweils verschiedenen wirtschaftlichen und kulturellen Lebenswelten existierender Personen- und Sozialverbände« ermögliche die Einsicht in das Landstandswesen als zentrales politisch-soziales »Clearingsystem«. (S. 55) Zur Diskussion über die Übergänge zwischen ständischer und parlamentarischer Repräsentation kann Müller auf den von ihm schon verschiedentlich untersuchten weimarischen Frühkonstitutionalismus mit der landständischen Verfassung von 1809 als Paradebeispiel eines »gleitenden« Überganges von der ständischen zur parlamentarischen Repräsentation, aber auch auf die Beobachtung einer »gesteigerten Geschäftstätigkeit und einer deutlichen Schwerpunktverlagerung von den Etatberatungen auf die legislatorische Arbeit« in Gotha und Altenburg verweisen. (S. 84). Die innerhalb dieses Problemfeldes umstrittene Rolle der Ständeversammlungen in den napoleonischen Modellstaaten, die thüringische Gebiete einschlossen (Westphalen und Frankfurt) behandelt ein Beitrag von Jochen Lengemann, der nachdrücklich für die positive Einreihung des rheinbündisch-modellstaatlichen Ständewesens in die »Ahnenreihe« des deutschen Parlamentarismus eintritt.

Ein großes Verdienst des Bandes bilden darüber hinaus die Beiträge zu kleineren, bis zum 17. Jahrhundert aufgelösten oder dynastisch neu geordneten Einheiten, vor allem die quellengesättigten Beiträge von Johannes Mötsch zu den hennebergischen Ständen und von Frank Boblenz zu den honsteinischen Ständen während der Zugehörigkeit des Territorialkomplexes zu Braunschweig-Wolfenbüttel. Das so gewonnene Bild runden unentbehrliche Beiträge zur Rolle thüringischer Vertreter bzw. Regionen in den Ständen größerer Territorien ab. Ludolf Pelizaeus ordnet die Herrschaft Schmalkalden konzise in das hessische Ständewesen und die Vertretung im Fränkischen Reichskreis ein; Hermann-Josef Braun verweist in seinem verwaltungsgeschichtlichen Beitrag auf die Sonderrolle der Eichsfeldischen Landstände als des einzigen voll entwickelten Ständeorgans im Mainzer Kurstaat; Joseph Matzerath gibt in seinem auf die Funktionsweise des kursächsischen Stände im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert konzentrierten Beitrag einige Informationen zu ritterschaftlichen und städtischen Vertretern aus dem Thüringischen Kreis des Kurfürstentums.

Insgesamt liegt mit dem Sammelband eine inhaltlich konsistente, auf die Gesamtforschung zum Ständewesen des Alten Reiches bezogene und zugleich landesgeschichtlich ergiebige Veröffentlichung vor, die einen breiten, bislang fehlenden Zugang zu thüringischen Landständen im Alten Reich ermöglicht und eine solide Grundlage weiterer Forschungen abgibt.

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PSJ Metadata
Stefan Gerber
H. Mittelsdorf, Landstände in Thüringen (Stefan Gerber)
CC-BY-NC-ND 3.0
DDR, (1945-1990), SBZ, Nordostdeutschland
Politikgeschichte
Neuzeit bis 1900
4059979-6 4034379-0
Thüringen (4059979-6), Landstände (4034379-0)
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H. Mittelsdorf, Landstände in Thüringen (Stefan Gerber)
In: Francia-Recensio 2010/3 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2010-3/FN/mittelsdorf_gerber
Veröffentlicht am: 29.07.2010 18:10
Zugriff vom: 07.08.2020 14:58
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