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    B. Basdevant-Gaudemet, Église et autorités (Lotte Kéry)

    Francia-Recensio 2010/3 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Brigitte Basdevant-Gaudemet, Église et autorités. Études d’histoire du droit canonique médiéval, Limoges (Pulim) 2006, 496 p. (Cahiers de l’Institut d’anthropologie juridique, 14), ISBN 2-84287-402-1, EUR 35,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Lotte Kéry, Bonn

    Dieser dem Andenken ihres Vaters, des Rechtshistorikers Jean Gaudemet (1908–2001), gewidmete Band vereinigt 21 Einzelstudien der Verfasserin, von denen 19 bereits in historischen Fachzeitschriften oder Sammelwerken erschienen sind 1 ; zwei Arbeiten (Nr. 8 und Nr. 14) befanden sich zum Zeitpunkt des Erscheinens noch im Druck. Inhaltlich geht es um die Geschichte des Kirchenrechts und der Kirchenverfassung von der Spätantike (Mitte des 3. Jahrhunderts) bis in die Neuzeit mit zeitlichem Schwerpunkt im früheren Mittelalter bis zum 12. Jahrhundert. Diese Einzelstudien, die trotz der Vielzahl der Themen eine Einheit bilden (vgl. Prolog, S. 11), zumal ja auch die Geschichte der kirchlichen Institutionen ein Phänomen der »longue durée« darstellen, werden unter vier Überschriften dargeboten (I. Autorités et structures du gouvernement de l’Église, II. Formation du droit et ecclésiologie, III. Lieux et édifices du culte, IV. Le mariage) und durch eine ausführliche essayartige Einleitung, einen Prolog, zusammengebunden. Generell geht die Verf. der Frage nach, welche Autoritäten um die Leitung der Kirche wetteifern, deren hierarchische Struktur sich im Laufe der Jahrhunderte immer deutlicher herausbildet. In welchem Maße gelingt es diesen, die Libertas Ecclesiae gegenüber den weltlichen Autoritäten und deren Streben nach Kontrolle und Herrschaft zu gewährleisten? Welche Autoritäten verleihen der Kirche ihre Regeln und juristischen Normen, die sowohl die liturgischen Feiern in den Kirchenbauten als auch das tägliche Leben der Gläubigen bis in die Ehe und Familie hinein regeln und bestimmen?

    Als übergeordnetes Prinzip erkennt die Verf. auf all diesen Ebenen den »Dialog zwischen den beiden Gewalten«, einen ständigen Wechsel von Konfrontation und Zusammenwirken zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt, aber gleichzeitig auch eine Koexistenz in fast allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, und zwar in jeweils unterschiedlichen, von den Umständen abhängigen Formen. In den ersten Beiträgen spürt sie den Gründen für die Herausbildung des innerkirchlichen Primats von der Mitte des 3. bis zur Mitte 5. Jahrhunderts nach (»Les évêques de la chrétienté et l’évêque de Rome du milieu du III e au milieu du V e siècle«, S. 25–49) und beleuchtet das Wechselspiel der Autoritäten zwischen Kirche und Kaisertum im 4. bis 6. Jahrhundert und damit auch die Herausbildung der sogenannten Gelasianischen Zweigewaltenlehre bis in die Zeit Justinians (»Église et pouvoir impérial [IV e -VI e siècles]. Quelques aspects du jeu des autorités«, S. 51–73). In einem kurzen Aperçu über den erst auf dem Höhepunkt der päpstlichen Machtentfaltung gegen Ende des 12. Jahrhunderts geläufig gewordenen Begriff der plenitudo potestatis beleuchtet sie die Voraussetzungen dieser Doktrin, wie sie sich vor allem im dictatus papae und im Decretum Gratiani herausgebildet haben, und betont, dass hier vor allem die unmittelbare Berufung des römischen Stuhls auf Christus ausschlaggebend sei (»Note sur Plenitudo potestatis «, S. 75–81). Anhand der Bestimmungen der merowingischen Konzilien entwirft sie das Bild des Bischofs dieser Zeit (»L’évêque d’après la législation de quelques conciles mérovingiens«, S. 85–106) und geht der Frage nach, inwieweit von einer Designation der Bischöfe durch den Merowingerkönig Childebert I. (511–558) tatsächlich die Rede sein kann, wie sie im Canon 10 des Konzils von Orléans 549 angesprochen wird (»Childebert et les évêques. Note sur une procédure de désignation épiscopale«, S. 107–113). Eine weitere umfangreiche Studie beschäftigt sich mit den Bestimmungen zu den Bischofserhebungen in den verschiedenen Fassungen des Decretum Gratiani und bietet zum besseren Verständnis einen kurzen Überblick über den Gang der Forschung seit der Veröffentlichung der inzwischen weithin akzeptierten These von Anders Winroth, der in seiner Dissertation von 1996 nachweisen konnte, dass einige Handschriften, die man bisher als Textzeugen von Kurzfassungen des Dekrets betrachtet hatte, tatsächlich eine frühere Version des Dekrets wiedergeben, die anschließend erweitert wurde. Basdevant-Gaudemet schließt sich der Ansicht Larrainzars an 2 , dass dieser Kurzfassung, die inzwischen unter der Bezeichnung Gratian 1 bekannt ist, eine noch kürzere Version in der Dekret-Handschrift aus St. Gallen vorausging, die sie als Gratian 0 bezeichnet. Aufgrund ihrer inhaltlichen Analyse zu den Modalitäten der Bischofserhebung in den Distinktionen 62 und 63 des Decretum Gratiani (auch illustriert in Tabellen, die den Vergleich zwischen den drei Versionen ermöglichen), betont sie, dass allein schon aufgrund des zahlenmäßigen Verhältnisses zwischen auctoritates und dicta der ersten Fassung eher der Charakter eines Traktats und erst den folgenden beiden das Wesen einer Kanonessammlung zuzuweisen sei. ( » Les désignations épiscopales d’après les versions successives du décret de Gratien « , S. 133–174). Ihre Bilanz zur Darstellung der Ämter des Archidiakons und des Archipresbyters im Decretum Gratiani als der Grundlage der klassischen Doktrin des Kirchenrechts fällt eher ernüchternd aus, was vor allem darauf zurückzuführen sei, dass Gratian hier eine Situation dokumentiert, die um 1140 bereits Vergangenheit ist (»L’archidiacre et l’archiprêtre d’après le décret de Gratien«, S. 175–198). In einer weiteren systematischen Untersuchung fragt die Verf. nach dem Anteil von Bibelzitaten in den merowingischen Konzilsbeschlüssen (»La Bible dans les canons des conciles mérovingiens«, S. 201–212), deren quantitativer Anteil als eher bescheiden zu kennzeichnen ist. Trotzdem zeigt die größere Präzision der Zitate, deren Wiederholung und die grundlegende Bedeutung der Themen, zu denen sie herangezogen werden, die besondere Wertschätzung, die man diesen Quellen einer »législation au message biblique« (211) entgegenbrachte. In einer Studie von 1977 über die Quellen des römischen Rechts im De­cretum Gratiani kommt B.-G. zu dem Schluss, dass diese besonders in den Causae II bis VI des De­krets, die das Verfahrensrecht behandeln, herangezogen wurden, offenbar mit dem Ziel, das kanonische Verfahrensrecht aktiv zu modernisieren (»Les sources du droit romain en matière de procédure dans le décret de Gratien«, S. 213–251).

    Neben diesen detaillierten Quellenstudien enthält der Band auch einige eher essayhafte Überblicksdarstellungen wie die Skizze zu den Wurzeln des »Staatskirchenrechts« (der législation cultuelle ) in den Ländern des christlichen Abendlandes, die von der Spätantike bis in die Neuzeit hinein geführt wird, wobei die Verf. im Zeitalter der Reformation die entscheidende Zäsur sieht, wie etwa am Begriff des »Konkordats« deutlich werde, der zwar auch für Vereinbarungen zwischen Kirche und Staat im 11./12. Jh. verwendet wird, aber erst im 16. Jh. die Bedeutung erhielt, die er heute hat, nämlich eines bilateralen Vertrages, einer internationalen Vereinbarung zwischen einer Regierung und dem Hl. Stuhl (»Les racines des législations cultuelles en Occident. Les autorités compétentes pour élaborer le droit relatif aux confessions religieuses«, S. 253–270). Im folgenden Beitrag über das kirchliche Amt erläutert B.-G. in drei Querschnitten (römische Antike, Corpus Iuris Canonici, tridentinisches Recht) die Perspektiven einer künftigen begriffsgeschichtlichen Untersuchung (»Office ecclésiastique. Repères pour une histoire d’un concept«, S. 271–284). Mit dem kurzen Artikel über »Églises nationales. Histoire d’une expression«, S. 285–295) stellt die Verf. ein Forschungsprojekt über die »Nationalkirchen in Europa zu Beginn des 21. Jahrhunderts« vor. Zwei Beiträge beschäftigen sich in weit ausgreifender historischer Perpektive mit der Geschichte der Kultstätten (»Les lieux de culte, approche-historique«, S. 299–325 und »Les édifices du culte. Fondements historiques de la propriété publique et de l’affectation cultuelle«, S. 327–355).

    Die vier Untersuchungen zum Eherecht im letzten Teil des Buches basieren wieder in erster Linie auf den Quellen des vorgratianischen Kirchenrechts. Hier geht es um das Prinzip der Unauflöslichkeit der Ehe und die Schwierigkeiten seiner Umsetzung vom frühen Mittelalter bis zum 12. Jahrhundert (»Le principe de l’indissolubilité du mariage et les difficultés de son application, du Haut Moyen Âge à Gratien«, S. 359–371), um die Stellungnahmen Ivos von Chartres zur Ehe in seiner Korrespondenz (»Le mariage d’après la correspondance d’Yves de Chartres«, S. 373–391), dann in grundsätzlicher Betrachtung um den Beitrag des Kirchenrechts zum »westlichen« Modell der Ehe (»L’apport du droit canonique à la construction du modèle occidental du mariage«, S. 397–407) und schließlich um den Beitrag kirchlicher Rechtstexte päpstlicher Provenienz zum Gratianischen Eherecht (»La doctrine pontificale dans le De matrimonio de Gratien«, S. 409–428). Der Band, der durch einen Sachindex und ein Verzeichnis der wichtigsten zitierten Quellen erschlossen wird, bietet dem Leser eine Vielfalt von Untersuchungen zu Themen der kirchlichen Rechtsgeschichte, die zum Teil auf einen unterschiedlichen Forschungsstand rekurrieren, worauf jedoch in den Anmerkungen entsprechend hingewiesen wird.

    1 Verweise auf die ursprünglichen Erscheinungsorte sind in einem Verzeichnis (S.19f.) zusammengestellt.

    2 Carlos Larrainzar, El Decreto de Graciano del Codice FD (= Firenze, Biblioteca nazionale Centrale, Conventi Soppressi A. I. 402), in memoriam Rudolf Weigand, in: Ius Ecclesiae 10 (1998), S. 421–489; ders., El borrador de la Concordia de Graciano, Sankt Gallen, Stiftsbibliothek MS 673 (=Sg), ebd. 11 (1999), S. 593–666.

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    PSJ Metadata
    Lotte Kéry
    B. Basdevant-Gaudemet, Église et autorités (Lotte Kéry)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Hohes Mittelalter (1050-1350)
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    B. Basdevant-Gaudemet, Église et autorités (Lotte Kéry)
    In: Francia-Recensio 2010/3 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2010-3/MA/basdevant_kery
    Veröffentlicht am: 13.09.2010 16:26
    Zugriff vom: 22.02.2020 17:07
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