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    R. McKitterick, Histoire et mémoire dans le monde carolingien (Florian Hartmann)

    Francia-Recensio 2010/3 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Rosamond McKitterick, Histoire et mémoire dans le monde carolingien, Turnhout (Brepols) 2009, 393 p. (Culture et société médiévales, 16), ISBN 978-2-503-52022-3, EUR 65,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Florian Hartmann, Bonn

    Im Jahr 2003 hat die Verfasserin zehn zum Teil bereits vorher publizierte, allerdings überarbeitete Aufsätze in einem Band versammelt, diese mit einer »Introduction« und »Conclusion« inhaltlich verklammert und unter dem Titel »History and Memory in the Carolingian World« bei Cambridge University Press publiziert. Fünf Jahre später liegt nun eine von Catherine Siegel und Isabelle Deswarte besorgte französische Übersetzung vor. Ihren großen Wert beziehen die thematisch sich berührenden und bisweilen überschneidenden Kapitel aus der Arbeitsweise der Verfasserin, die meist direkt aus den Handschriften arbeitet. Sie widmet sich dabei nicht der vergeblichen Rekonstruktion eines Ur-Typus historiographischer Werke, wie es lange Zeit in den traditionellen Editionsschulen betrieben worden ist, sondern untersucht jedes einzelne Manuskript auf die Motivation seiner Entstehung und auf das jeweils ins Auge gefasste Publikum. In Abkehr von der Suche nach Urtexten öffnet die Verfasserin dann den Blick für die Entstehungsbedingungen der einzelnen Abschriften, die eben keine exakten Kopien waren und sein sollten, sondern bewusst und intentional nach den Bedürfnissen des Publikums modifiziert wurden: »Tous les écrits historiques pouvaient être transformés en fonction du ou des publics présumés de l’auteur ou du compilateur« (S. 62).

    Dieses Vorgehen ermöglicht es der Verfasserin, auf belastbarer Materialbasis Thesen über das Geschichtsbewusstsein und den Nutzen der Geschichte für die fränkische Gesellschaft aufzustellen. Insbesondere die Funktion der Geschichtsschreibung in der Karolingerzeit und – allgemeiner – der Sinn für die (eigene) Geschichte (S. 314f.: »Le sens de l’histoire«) werden in enger Anbindung an die Materialität der Geschichte in Form von Manuskripten ausführlich erörtert. Die Notwendigkeit, die Stellung eines spezifisch fränkischen Sinns für die Geschichte zu analysieren, stelle sich insbesondere dann, wenn man einen synchronen Vergleich mit anderen Regionen anstelle: »Quoi qu’il en soit, l’extraordinaire variété de textes historiques (récits, cartulaires, Libri vitae, martyrologes, recueils juridiques) créés par les Francs, leur acharnement à rassembler et à copier les histoires de l’Antiquité romaine, de l’Église chrétienne primitive et des États barbares successeurs de Rome, et leurs propres annales contemporaines, sont d’une remarquable originalité, comparées à leurs contemporains byzantines et anglo-saxons« (S. 318).

    R. McKittericks intime Kenntnis der handschriftlichen Überlieferungen erlaubt ihr zudem, schlüssige Aussagen über die Zirkulation von Texten, die Verbreitung von Ideen und die Träger eines kulturellen Austausches in der Karolingerzeit zu machen. Da die Verfasserin den Bezug auf eine gemeinsame Vergangenheit als Bindemittel einer gemeinsamen Identität nicht nur in der Geschichtsschreibung, sondern darüber hinaus auch in vergleichbarer Form in den Libri memoriales und Chartularen ausmacht, kann sie letztere in ihre Untersuchung gewinnbringend einbeziehen (vor allem Kapitel 8, S. 201–213). Die Funktionalisierung der Geschichte sowohl in den diversen Formen der Geschichtsschreibung als auch in den Libri vitae war laut R. McKitterick möglich, weil die Texte auch über den kleinen Kreis einer geistigen Elite hinaus gelesen, verbreitet und damit wirksam wurden. Zweck der Geschichtswerke sei in vielen Fällen die Legitimation der karolingischen Dynastie und die Konstruktion einer fränkischen Identität gewesen. Die Konsequenz einer derart auf die Funktionalisierung ausgerichteten Interpretation der Geschichtswerke sind das Eingeständnis, wesentliche Ereignisse mit Hilfe dieser tendenziösen Werke gar nicht rekonstruieren zu können, oder der Versuch, einzelne Berichte als Fiktionen zu deklarieren. So ist die Verfasserin etwa geneigt, die Absetzung des letzten merowingischen Königs Childerich III. durch Papst Zacharias im Jahr 751 als spätere karolingische Konstruktion zu deuten (S. 159–161).

    Inhaltlich bietet das Buch einen hervorragenden Zugang zu interessanten und innovativen Fragestellungen der Mediävistik mit bemerkenswerten Ergebnissen. Wie die Originalausgabe so schließt auch die französische Version mit einem Literaturverzeichnis, einem Index der benutzten Handschriften und einem sehr ausführlichen, Sachen ebenso wie Orte und Personen umfassenden Index. Insbesondere bei dem Verzeichnis der Literatur hätte man sich eine Aktualisierung gewünscht, die zumindest zentrale Neuerscheinungen der letzten fünf Jahre seit Veröffentlichung der englischen Originalausgabe einbezogen oder in einem Anhang nachgetragen hätte. Zudem hat die Verfasserin seit 2003 in zahlreichen Publikationen zu diesem Thema ihre Reflexionen erweitert, bisweilen auch modifiziert, ohne dass diese in dem angezeigten Band Erwähnung gefunden hätten. So bietet das Buch lediglich eine Übersetzung, über deren Sinn jeder selbst urteilen mag angesichts des Umstandes, dass das (zum Teil schon auf älteren Aufsätzen basierende) englische Original bereits fünf Jahre alt und in einer Sprache geschrieben ist, die dem ins Auge gefassten Publikum des Buches an sich geläufig sein sollte. Zudem wurden leider die Fußnoten aus dem englischen Original in der französischen Version als Endnoten jeweils an das Ende der einzelnen Kapitel verbannt.

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    PSJ Metadata
    Florian Hartmann
    R. McKitterick, Histoire et mémoire dans le monde carolingien (Florian Hartmann)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühes Mittelalter (600-1050)
    Europa
    Theorie und Methode der Geschichtswissenschaften
    6. - 12. Jh.
    4071332-5 4020526-5 4020531-9
    700-900
    Fränkisches Reich (4071332-5), Geschichtsbewusstsein (4020526-5), Geschichtsschreibung (4020531-9)
    PDF document mckitterick_hartmann.doc.pdf — PDF document, 92 KB
    R. McKitterick, Histoire et mémoire dans le monde carolingien (Florian Hartmann)
    In: Francia-Recensio 2010/3 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2010-3/MA/mckitterick_hartmann
    Veröffentlicht am: 29.07.2010 17:45
    Zugriff vom: 17.09.2019 16:43
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