Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

    C. Schingnitz (Hg.), Eneas Silvius Piccolomini Pentalogus (Gisela Naegle)

    Francia-Recensio 2010/3 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Christoph Schingnitz (Hg.), Eneas Silvius Piccolomini Pentalogus, Hannover (Verlag Hahnsche Buchhandlung) 2009, XXIX–344 S. (Monumenta Germaniae Historica. Staatsschriften des späteren Mittelalters, 8), ISBN 978-3-7752-0308-1, EUR 50,00.


    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Gisela Naegle, Paris


    In den letzten Jahren löste das Werk Enea Silvio Piccolominis in der internationalen Forschung ein erhebliches Interesse aus, das durch den Anlass seines 600. Geburtstags im Jahr 2005 noch gesteigert wurde und zu einer Reihe von Tagungsbänden, Editionen und Übersetzungen führte. Dabei stießen sowohl das historiographische Wirken (z. B. Editionen der verschiedenen Fassungen der »Historia Austrialis«), als auch die autobiographischen »Commentarii« und die Briefe auf Interesse. Während sich die italienische und die internationale Forschung vor allem der späteren Lebensphase Piccolominis als Papst Pius II. zuwenden, beschäftigt sich die deutschsprachige Forschung traditionell stark mit seinem über zwanzig Jahre dauernden, nördlich der Alpen verbrachten Lebensabschnitt und seiner Rolle für die Vermittlung des Humanismus. Der von Christoph Schingnitz edierte »Pentalogus«, der auf das Jahr 1443 datiert wird, gehört ebenfalls in diese Zeit und spiegelt die schwierige Anfangsphase Piccolominis am Hof Friedrichs III. wider.

    Die vorliegende Edition ist aus einer Münchener Dissertation von 2006 hervorgegangen. Der Text wird in einer zweisprachigen Fassung in Latein und Deutsch präsentiert. Die Übersetzung verfolgt das Ziel, »einen möglichst lesbaren Text zu bieten« und »in erster Linie als Verständnishilfe zu dienen« (S. 42). Diesem Ziel wird sie sehr gut gerecht, allerdings gehen manche Formulierungen in der »Modernisierung« der Sprache sehr weit, wie die Übersetzungen von ut dum ingenium exercerem als »bei diesem Training meines Verstandes«(S. 46–47) oder hoc meum otium als »Freizeitbeschäftigung« (S. 48-49). Die Edition des Textes wird durch ein Quellen- und Literaturverzeichnis, eine Einleitung mit Hinweisen zu Forschungsstand und Editionsgrundsätzen und Stellen-, Wort- und Namenregister ergänzt. Das Stellenregister verzeichnet Autoren und Werke, die Piccolomini bekannt waren oder bei denen eine Kenntnis seinerseits wahrscheinlich ist, sowie seine eigenen Schriften, auf die im Kommentar des Herausgebers verwiesen wird.

    Bisher war der »Pentalogus« nur in Form von durch Joseph Chmel (1843) und Lorenz Weinrich (2. Teil des 2. Gesprächs, 2001) edierten Ausschnitten sowie in der Edition von Bernhard Pez (1723) zugänglich. Die zeitgenössische Verbreitung des Werkes scheint sehr gering gewesen zu sein, da nur zwei Handschriften bekannt sind (München, Bayerische Staatsbibliothek, clm 14134, fol. 239r–268r und London, British Library, cod. Harl. 3303, fol. 1r–47r). Nach Ansicht des Herausgebers handelt es sich bei der Londoner Handschrift um eine überarbeitete, spätere Textversion, die allerdings so zahlreiche Fehler enthalte, dass sie nicht als vom Autor beabsichtige Endfassung anzusehen sei und damit nicht als Textgrundlage in Frage komme (S. 32–36).

    Der Titel »Pentalogus« verweist auf die Form eines Gesprächs zwischen fünf Personen. Bei den auftretenden Gesprächspartnern handelt es sich um zur Entstehungszeit noch lebende, reale Mitglieder des Hofes Friedrichs III., zu denen auch der damals noch nicht zum Kaiser gekrönte König selbst gehört. Die übrigen Beteiligten sind »Eneas« (Enea Silvio Piccolomini, damals noch Sekretär und Poeta ), der aus Italien stammende Nicodemo della Scala, Bischof von Freising, der Kanzler Kaspar Schlick und Silvester Pflieger, Bischof von Chiemsee. In einer einleitenden Epistel adressiert Piccolomini sein Werk an Schlick und Pflieger, die er als seine Förderer anspricht und bei denen er sich für ihre Unterstützung bedankt. Er bittet sie um ihr Urteil über sein Werk, das er dem König zum Geschenk machen möchte. Der Text selbst, der aus drei voneinander abgrenzbaren Teilen besteht, spricht jedoch durchweg Friedrich III. als eigentlichen Adressaten an. Der erste Teil lässt sich als Gespräch zwischen »Eneas« und »Fridericus« (d. h. Friedrich III.) beschreiben und weist starke fürstenspiegelartige Züge und Erörterungen zur Rolle des Dichters ( Poeta ) auf. Er enthält Anspielungen auf die am 27. Juli 1442 in Frankfurt erfolgte Dichterkrönung Piccolominis (S. 50-51). Der zweite, nun als echtes »Fünfergespräch« gestaltete Abschnitt widmet sich Fragen der Kirchenreform, des Schismas und des Konzils. Als Ausweg aus der verfahrenen kirchenpolitischen Situation wird die Einberufung eines neuen allgemeinen Konzils vorgeschlagen, obwohl zu diesem Zeitpunkt das Konzil von Basel noch tagte. Der dritte und letzte Teil beschäftigt sich mit der Rückgewinnung von Reichsrechten in Italien und damit verbundenen Fragen der Reichs-, »Außen«-, Bündnis- und Hausmachtpolitik. Dabei steht das Ziel im Mittelpunkt, Friedrich III. zum Romzug und – falls notwendig – zu einem militärischen Eingreifen in Italien zu veranlassen.

    Der Inhalt des »Pentalogus« gab in der Vergangenheit Anlass zu unterschiedlichen Bewertungen und Klassifizierungen, z. B. als Reformschrift, als mehr oder weniger realistischer politischer Traktat, als Versuch des Autors, seine Karriere am Hof zu fördern etc. C. Schingnitz bezeichnet den Text als »politisches Gutachten (…), dessen Inhalte seinen Lesern in den Grundzügen bekannt waren, da sie die im Umkreis des Königs herrschende Meinung widerspiegeln« (S. 15). Er weist auf Parallelen zu Macchiavelli hin, da die utilitas der Maßstab sei, an dem der Herrscher sein Handeln messen lassen müsse (S. 12–15). Sein eigentlicher inhaltlicher Kommentar in der Einleitung ist relativ kurz und referiert vor allem den gegenwärtigen Forschungsstand, der in übersichtlicher Form wiedergegeben wird. In dieser Beziehung lässt sich anmerken, dass die in der Forschung wiederholt vertretene Interpretation im Sinne einer »karrierefördernden« Wirkung des Textes bei einer genaueren Lektüre erhebliche Zweifel weckt, da einige Elemente potentiell auch regelrecht beleidigend wirken konnten: Enea Silvio Piccolomini spielt seine umfassende Bildung aus. Er fordert Friedrich III. auf, seine Lateinkenntnisse zu verbessern und verweist ihn auf das positive Beispiel des Konzilspapstes Felix V., der dies sogar im Greisenalter vermocht habe, während Friedrich noch ein junger Mann sei (S. 72-73). Hinzu kommt, dass der Kommentar des Herausgebers den Nachweis zahlreicher Parallelen zu dem von Piccolomini für Ladislaus Postumus (also einem Kind) 1450 verfassten Erziehungstraktat »De liberorum educatione« erbringt (S. 322), während Friedrich der Dritte, der hier ganz ähnliche Ratschläge erhält, bereits zum König gekrönt und erwachsen war. Der »Friedrich« des Textes erscheint überdies als Zögerer, der dynastische Interessen und das Wohlergehen Österreichs über die Reichsinteressen stellen möchte und erst von »Eneas« davon überzeugt werden muss, dass die Wahrung der Reichsinteressen auch seinem eigenen Vorteil entspreche. Die königlichen Räte Neitperg und Zöbing werden von der Friedrich-Figur als ungebildet dargestellt, da ihre Eltern der Meinung gewesen seien, »dass Deutschland schon die ganze Welt enthalte, und denen nichts daran lag, mehr zu wissen« (S. 101). Friedrich III. soll zwar persönlich reden, aber seine Rede ggf. von seinen Räten verbessern lassen etc. Der »Fridericus« des Textes bezeichnet sich selbst als ungeübten Redner ( sed nimis difficile est insuetum hominem sermonibus versari publicis , S. 70), was angesichts des hohen Lobes und der zentralen Bedeutung, die der Rhetorik im Text beigemessen wird, ebenfalls problematisch ist. Der Text selbst verweist mehrfach darauf, dass bestimmte Teile des Inhalts vertraulich bleiben sollten (S. 288-289), während andere für eine ausgedehnte Verbreitung bestimmt seien. Angesichts der gerade beschriebenen inhaltlichen Eigenschaften ist dies nicht unbedingt als reine literarische Fiktion anzusehen, zumal Piccolomini in anderen Texten wiederholt auf Feindseligkeiten hinweist, die er an diesem Hof erlebte.

    Zu den besonderen Stärken der Edition gehört die sorgfältig erarbeitete Kontextualisierung des »Pentalogus« und die in den Anmerkungen gelieferten Kommentare zu Parallelstellen in anderen Werken bzw. Reden Piccolominis. Entsprechendes gilt für die Hinweise zur politischen Situation der Zeit und den Verhältnissen in Italien bzw. die Identifizierung der mitunter nicht explizit durch Piccolomini kenntlich gemachten Zitate und Quellen. Durch diese wichtige Recherche-Arbeit wird eine kritische wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem »Pentalogus« ermöglicht, die aufgrund der bisherigen Editionen nicht möglich war, zumal die diesem Werk gewidmeten Dissertationen von Hermann Josef Hallauer und Margaretha Nejedly ungedruckt und schwer zugänglich blieben. Insgesamt gesehen liefert die vorliegende Edition daher einen sehr erfreulichen und äußerst wichtigen Beitrag zur wissenschaftlichen Diskussion um das Werk Enea Silvio Piccolominis.

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

    PSJ Metadata
    Gisela Naegle
    C. Schingnitz (Hg.), Eneas Silvius Piccolomini Pentalogus (Gisela Naegle)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789), Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Familiengeschichte, Genealogie, Biographien
    118594702 4515911-7
    Pius II., Papst (118594702), Pentalogus de rebus ecclesiae et imperii (4515911-7)
    PDF document schingnitz_naegle.doc.pdf — PDF document, 101 KB
    C. Schingnitz (Hg.), Eneas Silvius Piccolomini Pentalogus (Gisela Naegle)
    In: Francia-Recensio 2010/3 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2010-3/MA/schingnitz_naegle
    Veröffentlicht am: 13.09.2010 16:49
    Zugriff vom: 27.01.2020 02:09
    abgelegt unter: