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    V. Tabbagh, Gens d'Église, gens de pouvoir (Gisela Naegle)

    Francia-Recensio 2010/3 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Vincent Tabbagh, Gens d’Église, gens de pouvoir (France, XIIIe–XVesiècle), Dijon (Éditions universitaires de Dijon) 2006, 212 p. (Sociétés), ISBN 2-915552-43-6, EUR 20,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Gisela Naegle, Gießen/Paris

    Das von Vincent Tabbagh vorgelegte Buch enthält vier von einer Einleitung und Schlussbetrachtungen umrahmte Studien zur Geschichte des französischen Klerus in der Zeit zwischen dem 13. und dem 16. Jahrhundert. Dabei stehen sozial- und politikgeschichtliche Aspekte im Vordergrund. Es geht vor allem um die Rolle des Klerus innerhalb des Entstehungsprozesses des modernen Staates, seine Einbindung in die sich entwickelnden Institutionen, den Beitrag und die Rolle der Bettelorden, das soziale Profil der französischen Bischöfe im Jahr 1438, aber auch um familiäre Aufstiegsstrategien und die Teilnahme des Klerus an Kreditgeschäften der Zeit. Der Umfang der einzelnen Studien ist stark unterschiedlich, dabei bezieht sich die ausführlichste Darstellung auf die Sozialgeschichte der Bischöfe im Jahr 1438 (S. 87–186).

    Die erste der vier Studien beschäftigt sich mit der Niederlassung und Ausstrahlung der Bettelorden in Rouen (13.–15. Jahrhundert) und kommt u. a. zu folgenden Ergebnissen: Insgesamt gesehen war der Einfluss der Bettelorden in der Normandie relativ gering und blieb auf Rouen und Pont-Audemer beschränkt (S. 9). Hinzu kommt, dass im Fall von Rouen die Niederlassung der Bettelorden sehr viel stärker auf die Initiative der Orden selbst, die durch den König, den Erzbischof und einige große Herren unterstützt wurde, zurückging, als auf die Wünsche der Bürger von Rouen (S. 20). Vermutlich lebten in allen vier Ordensniederlassungen zusammen im 15. Jahrhundert nicht mehr als ca. 150 bis 200 Personen, wobei die niedrigere Zahl als wahrscheinlicher anzusehen ist. Dies entspricht den Verhältnissen in zahlreichen anderen nordfranzösischen Städten. In Rouen war der Einfluss des Weltklerus und vor allem der Kanoniker der Kathedrale, die ihre Wirtschaftskraft einsetzten, um ihre Beziehungen zum städtischen Bürgertum und zu den Adelsfamilien des Umlandes zu intensivieren, weitaus größer als der der Bettelorden (S. 205).

    Das Thema des Klerus im mittelalterlichen Rouen wird noch einmal in der letzten und kürzesten Studie des Bandes (S. 187–204) aufgenommen, in der es um den Vergleich der Beteiligung der Kathedralkapitel von Rouen und Paris an Bankgeschäften geht. Der Vergleich dieser beiden bedeutenden Städte und ihres Klerus ist sowohl unter wirtschafts- als auch unter stadtgeschichtlichem Aspekt sehr interessant, da sich aus der Untersuchung ein stark unterschiedliches Profil ergibt. Das Einzugsgebiet des Kathedralkapitels von Paris war geographisch ausgedehnter und konzentrierte sich stärker auf Familien von Universitätsangehörigen und hochrangigen königlichen officiers, in Rouen waren die Beziehungen zum normannischen Kaufmannsmilieu stark ausgeprägt. In beiden Fällen spielten kurzfristige Kredite eine wichtige Rolle und ein erheblicher Teil der Kreditnehmer entstammte dem Adel. In Paris kamen die Bewohner ländlicher Herrschaften hinzu, während in Rouen abgesehen von den Bürgern der Stadt selbst auch Personen aus anderen normannischen Städten und Handwerker eine wichtige Rolle spielten.

    Die beiden anderen Studien des Bandes bilden insofern eine thematische Einheit, als sie sich, wenn auch aus unterschiedlicher Perspektive, der Sozialgeschichte des Klerus einschließlich seiner Ausbildung und religiösen Überzeugungen, der Art der Ausübung seelsorgerischer Aufgaben und des Zusammenhangs zwischen familiärer und geographischer Herkunft mit Karrieremustern, karitativen Aktivitäten, Stiftungen, Lebensstil und Selbstdarstellung zuwenden. Untersuchungsgegenstand der ersten Studie sind der Aufstieg und die Tätigkeit der aus dem Morvan stammenden Familie Molins im Dienst des Königtums, deren Schicksal im 14. Jahrhundert anhand des Lebenslaufs und des Karrierewegs verschiedener Familienmitglieder über mehrere Generationen hinweg verfolgt wird. In diesem Zusammenhang betont der Autor die große Bedeutung des innerfamiliären Zusammenhalts, die er für den Erfolg der Familie als wichtiger ansieht als die Integration in die entstehenden corps der großen königlichen Institutionen (S. 85). Insgesamt gesehen seien die dieser Familie entstammenden Bischöfe auch eher »Finanzexperten« und clercs gewesen, als ausgesprochene Gelehrte oder Theologen. Da sie zeitweilig im königlichen Rat, dem Parlement und der Cours des aides tätig waren, ist die Studie auch für die Geschichte dieser Institutionen und im Hinblick auf das soziale Profil königlicher officiers von großem Interesse.

    Das umfangreichste Kapitel des Buches widmet sich den französischen Bischöfen im Jahr 1438, dem Jahr der Pragmatischen Sanktion von Bourges, und untersucht deren Herkunft und Ausbildung, die Bistumsverwaltung, Religiosität und Frömmigkeitspraktiken, Mäzenatentum und literarische Aktivitäten bzw. die Verbindungen zum Königtum und den Dienst innerhalb der Verwaltung. Obwohl sich die Bischöfe insgesamt gesehen als eine sehr heterogene Personengruppe darstellen, werden doch einige gemeinsame Grundzüge deutlich: Die Bischöfe hatten in ihrer ganz überwiegenden Mehrheit ein langes und gründliches Universitätsstudium genossen, und fast die Hälfte von ihnen hatte den Doktorgrad erworben. Dabei stand eine juristische Ausbildung an erster Stelle, nur 17 von ihnen waren Theologen (S. 107). Die Gesamtzahl der berücksichtigten Bistümer betrug 117, da es zu diesem Zeitpunkt zwei Vakanzen gab (S. 87). Am Ende dieses Kapitels stehen eine Liste der Bischöfe und ein auf diesen Teil des Buches bezogenes Register, das es ermöglicht, Informationen zu einzelnen Bischöfen nachzuschlagen.

    Insgesamt gesehen bietet das Buch vier sehr informative und aufschlussreiche Studien zur Sozialgeschichte des französischen Klerus am Ende des Mittelalters, die wegen der zahlreichen Bezüge zur Geschichte der sich immer stärker ausdifferenzierenden königlichen Verwaltung und zur Stadtgeschichte auch über das Gebiet der Kirchengeschichte hinaus von Interesse sind und die die Kenntnisse über die Verbindungen zwischen Klerus, Kirchendienst und der Tätigkeit für König und Königreich erweitern.

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    PSJ Metadata
    Gisela Naegle
    V. Tabbagh, Gens d'Église, gens de pouvoir (Gisela Naegle)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frankreich und Monaco
    Kirchen- und Religionsgeschichte, Politikgeschichte
    Mittelalter
    4018145-5 2009545-4 4036824-5
    1200-1500
    Frankreich (4018145-5), Katholische Kirche (2009545-4), Macht (4036824-5)
    PDF document tabbagh_naegele.doc.pdf — PDF document, 325 KB
    V. Tabbagh, Gens d'Église, gens de pouvoir (Gisela Naegle)
    In: Francia-Recensio 2010/3 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2010-3/MA/tabbagh_naegle
    Veröffentlicht am: 29.07.2010 17:50
    Zugriff vom: 07.08.2020 13:45
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